Frau Faithfull, welche Erwartungen hatten Sie, als Sie dieses Jahr „Irina Palm“ bei der Berlinale vorgestellt haben?
Faithfull: Ich hatte keine Erwartungen. Als ich den Film in Paris zum ersten Mal sah, dachte ich, dass ist ein schöner kleiner Film. Alle haben ihren Job gut gemacht, der Regisseur Sam Garbarski hat seinen Job gut gemacht. Für mich ist die Arbeit selbst die größte Belohnung, und dann natürlich auch, wenn das Publikum den Film mag. Aber wissen Sie, in der Nacht, als die Berlinale-Premiere im Palast auf großer Leinwand stattfand, und mit diesem Publikum, also da kann ich nur sagen: Wow! Ich meine, es war einfach unglaublich!
Der Film ist teilweise in Leipzig gedreht worden, können Sie sich an die Dreharbeiten dort erinnern, wie war das für Sie?
Faithfull: Ich habe überhaupt keine Erinnerungen an Leipzig. Die Art und Weise wie ich arbeite ist folgende: Ich erarbeite mir die Rolle und bleibe dann bis zum Ende der Dreharbeiten in dieser Rolle verhaftet. Und wenn wir nicht gerade drehen, dann bin ich in meinem Hotelzimmer und ruhe mich aus. Etwas anderes gibt es für mich dann nicht.
Im Film lassen Sie sich von einem gut dotierten Jobangebot in einen Sexclub locken. Haben Sie vor den Dreharbeiten schon mal ein solches Etablissement betreten?
Faithfull: Nein, noch nie. Und das war sehr gut für meine Arbeit an der Rolle. Als ich das erste Mal „Sexy World“ betreten habe, war es auch für mich persönlich das erste Mal und ich konnte das sehr gut verwenden für meine Arbeit.
Sie haben auch vorher nie einen Pornofilm oder ähnliches gesehen?
Faithfull: Nein, ich bin einfach nicht an dieser Welt interessiert. Ich hatte mal Freunde, die Prostituierte waren, aber wir haben nie über ihre Arbeit gesprochen. Sie wollten nicht über ihre Arbeit sprechen, sie mochten das nicht.
Als Sie das Drehbuch zu „Irina Palm“ bekamen – was hat Sie daran interessiert, was war für Sie ausschlaggebend, zuzusagen?
Faithfull: Es ist einfach unglaublich gut geschrieben. Und es ist eine unglaublich interessante Rolle, mit einer solchen Wendung, das mochte ich sehr. Außerdem war es für mich sehr spannend eine Figur zu spielen, die mir überhaupt nicht ähnlich ist.
Aber gibt es nicht auch Dinge, die Sie mit Maggie teilen?
Faithfull: Was ich wirklich an dieser Rolle mag, ist die große Reise, die zurückgelegt wird. Wir sehen erst die eine Maggie und später eine andere Maggie, die sich unglaublich verändert hat. Was mich persönlich mit ihr verbindet, ist, dass sie eine Mutter und eine Großmutter ist. Und vielleicht habe ich auch etwas von ihrer Böswilligkeit, ich weiß es nicht.
Maggie ist wohl Ihre bisher komplexeste und tiefgreifendste Filmrolle. Haben Sie eine Art Verantwortung gefühlt für sie?
Faithfull: Ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde, sie richtig zu verkörpern. Ich habe mich verhalten, wie ich das immer tue, Schritt für Schritt vorwärts gehen. Nicht über den nächsten Tag nachdenken, sondern in überschaubaren Abschnitten arbeiten. Das schwierigste überhaupt ist, zu vertrauen: dem Regisseur zu vertrauen und den anderen Kollegen. Und ich hatte großes Glück, ja ich habe es sogar sehr genossen, mit Miki Manojlovic und Kevin Bishop und all den anderen zusammen zu arbeiten. Kevin war sehr frech am Set, er hat immer Witze gemacht und mich zum Lachen gebracht. Und ich weine, wenn ich lache – das war Folter für die Maske. Es gab Zeiten, da wurde ihm verboten, am Set dabei zu sein. Aber was soll er machen, er ist einfach so, er ist einfach sehr, sehr lustig.
Sie leben in zwei Welten, als Schauspielerin und Sängerin. Können Sie beschreiben, was für Sie den Unterschied macht, sofern es einen gibt?
Faithfull: Oh ja, es gibt einen sehr großen Unterschied. Auf der Konzertbühne habe ich die Kontrolle, ich bin sozusagen der Regisseur. Ich habe die Songs selbst geschrieben oder zuvor daran gearbeitet. Wenn ich als Schauspielerin arbeite, dann gebe ich die Kontrolle ab – komplett. Ich meine, ich entscheide nicht einmal, was ich esse. Ich muss halb zehn ins Bett gehen und um fünf wieder aufstehen (lacht). Aber wissen Sie, das ist wie der Geburtsschmerz – man vergisst es wieder.
Sind Sie bei Konzerten noch aufgeregt?
Faithfull: Ich habe wirklich mal gedacht, dass das Lampenfieber weggehen würde, wenn ich älter werde. Und ich habe wirklich alles versucht! Aber nichts hat funktioniert, Lampenfieber ist einfach ein Tatsache! Und ich vermute mittlerweile, dass es einfach notwendig ist. Wissen Sie, all diese Drogen, wir haben sie schon in unserem Körper. Wir brauchen nichts. Künstler zu sein, aufzutreten, ist mir einfach angeboren. Demzufolge ist meine größte Angst, dass andere es nicht mögen. Aber das ist gut für mich, es ist mein Job, mein Publikum glücklich zu machen, ihnen zu gefallen.
Sie leben seit langem in Dublin und Paris, haben eine französischen Partner. Macht Sie das weniger ‚british’, gibt Ihnen das eine Art Abstand zur britischen Gesellschaft?
Faithfull: Also, ich bin sehr britisch, noch immer, und ich bin auch stolz darauf. Ich habe die letzten 25 Jahre nicht in England gelebt. Die haben meine Gefühle verletzt, diese ganzen Gerüchte und Verfolgungen und die Art und Weise, wie und was über mich berichtet wurde, das kommt alles zusammen. Ich will nicht behaupten, dass ich mich immer vorbildlich benommen habe, aber ich habe nichts wirklich Schlimmes gemacht. (lacht)
Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie nach England zurückkehren?
Faithfull: Ich liebe London. Ich habe sehr gute Freunde dort und ich besuche sie gern. Wissen Sie, ich bin darüber hinweg. Ich haben den Engländern vergeben. (lacht)