Irrfan Khan

Schauspielerei ist auch die Suche nach einem Lebenssinn.

Als einer der international bekanntesten indischen Schauspieler pendelt Irrfan Khan zwischen Hollywood und Bollywood. Ralf Krämer sprach mit ihm über das Gefühl der Heimatlosigkeit, seine Rolle im kommenden „Jurassic Park 4“ und warum er ein Jahr Bedenkzeit brauchte, bevor er sich an seinen aktuellen Film „Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ heranwagte.

Irrfan Khan

© Heimatfilm

Herr Khan, in „Qissa“ spielen Sie einen Familienvater, der es nicht erträgt, dass auch sein viertes Kind ein Mädchen ist. Fortan tut er so, als wäre es ein Junge. Haben Sie mit Ihrer Frau über das Drehbuch diskutiert?
Irrfan Khan: Nein. Meine Frau ist zwar Drehbuchautorin, aber ich rede mit ihr nicht über jeden meiner Filme. Es geht ja auch um meine Rolle, zu der ich einen eigenen Zugang finden muss, die mich motivieren muss, mich weiter mit ihr zu beschäftigen. Da ist eine zweite Meinung nicht immer hilfreich. In dem Fall kam der Regisseur Anup Singh zu mir und erzählte mir zunächst von seiner Idee, dann gab er mir das Drehbuch. Ich war zu der Zeit allerdings noch mitten in den Dreharbeiten zu „In Treatment“…

In der dritten Staffel dieser HBO-Serie spielten Sie einen Mann in New York, der zum Therapeuten geht, weil ihn der Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen hatte.
Khan: Das war schon eine sehr düstere Geschichte. Und Umber, der Mann, den ich in „Qissa“ spiele, hat ja auch gerade seine Heimat verloren, durch die Teilung Indiens im Jahr 1947. Noch so eine Geschichte über einen existentiellen Verlust, das wäre mir damals zu viel gewesen. Ich wollte erstmal etwas Leichteres machen.

Ein Mädchen, das alle für einen Jungen halten – aus dem Stoff hätte auch eine Komödie entstehen können…
Khan: (Lacht) Da haben Sie recht. Aber die Geschichte hat eben auch viel mit Anups Familie zu tun. Er ist in Tansania geboren, sein Vater stammt aus dem Punjab, jener Provinz, die im Zuge der Unabhängigkeit Indiens geteilt wurde und nun zum größten Teil in Pakistan liegt. Ich glaube daher nicht, dass es für ihn eine Option gewesen wäre, aus dem Film eine Komödie zu machen.

Zitiert

Nur weil man an einem bestimmten Ort lebt, ein Heim hat, heißt das nicht, dass man sich dort auch heimisch fühlt.

Irrfan Khan

Wie konnte Ihr Regisseur Sie dazu bewegen, die Rolle in „Qissa“ doch noch anzunehmen?
Khan: Anup hat einfach ein Jahr auf mich gewartet. Schließlich habe ich gesagt: Okay, jetzt bin ich bereit, wir sollten den Film machen. Denn ich war fasziniert von der Art und Weise, wie dieser Film sich mit seinen Themen auseinandersetzt, mit dem Problem, unter dem wir alle zu leiden haben: Wo finde ich mein Zuhause? Gibt es überhaupt so etwas wie eine Heimat, im metaphorischen und im wörtlichen Sinn? Das Thema ist mir sehr nah. Ich suche immer noch nach Zugehörigkeit, nach einem Ort, der mir das Gefühl gibt, zuhause zu sein.

Laut Ihrer Biografie leben Sie schon lange in Mumbai, mit Frau und Kindern. Würden Sie das nicht Ihr Zuhause nennen?
Khan: Schon, aber auf einer eher oberflächlichen Weise. Nur weil man an einem bestimmten Ort lebt, ein Heim hat, heißt das nicht, dass man sich dort auch heimisch fühlt. Im tiefsten Innern geht die Suche nach einem Ort, wo du in Frieden mit dir selbst leben kannst, weiter.

Sprechen Sie da auch von der möglicherweise unerfüllbaren Sehnsucht nach etwas Unbestimmten? Dem Klischee nach ist sie der Grund für so manchen Schauspieler, diesen Beruf zu ergreifen.
Khan: Ja, das ist sehr wahr. Unter Schauspielern ist eine große innere Unsicherheit und Instabilität weit verbreitet. Schauspielerei ist auch die Suche nach einem Lebenssinn, der Versuch, das Mysterium unserer Existenz zu verstehen. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich Schauspieler wurde. Ich wollte mir auf all diese Dinge einen Reim machen.

Wurden Ihre Hoffnungen erfüllt?
Khan: Zumindest insofern, dass ich mich ganz wohl mit dieser Reise fühle. Als menschliche Wesen haben wir die Tendenz, alles verstehen zu wollen, ein Ziel zu suchen. Aber das ist eine Falle. Es führt nur zu Schmerz, wenn man sich der Reise des Lebens nicht einfach hingibt. Wenn du dem Prozess der Natur vertrauen kannst, ist das schon genug.

Woran leidet Umbar, der Mann, den Sie in „Qissa“ spielen?
Khan: Ganz konkret ist er aus seiner Heimat vertrieben worden. Das ist vielen Indern damals so gegangen – ausgerechnet in dem Moment, in dem ihr Land unabhängig wurde. Auf einer eher metaphorischen Ebene vermisst er das Gefühl von Kontinuität. Er sucht nach einer Verbindung zur Ewigkeit und denkt, wenn er einen Sohn hätte, wäre das auch eine Gewähr für sein Weiterleben auf diesem Planeten. Indem er so tut, als wäre seine Tochter ein Sohn fordert er die Natur zum Kampf heraus, nur, um sein Ziel zu erreichen. Das verursacht sein Leiden, aus dem heraus er wiederum nach Erlösung sucht.

Ist „Qissa“ für Sie in erster Linie das historische Drama eines Mannes oder sehen Sie auch Verbindungen zur gegenwärtigen Situation von Frauen in Indien?
Khan: Ich denke nicht, dass der Film ein Kommentar auf soziale Probleme oder die Politik der Gegenwart ist. Ich habe das jedenfalls nie so gesehen. Für mich ist es eher eine zeitlose Fabel.

Sie wurden in Jaipur geboren, wo eines der berühmtesten Gebäude Indiens steht, das Hawa Mahal. Dort versteckte der Maharadscha einst seine Frauen, die das normale Leben auf der Straße lediglich durch hunderte von kleinen Fenstern beobachten durften. Welchen Eindruck hat das auf Sie als Kind gemacht?
Khan: Es gibt alle möglichen Arten solcher Geschichten. Manche erzählen von Frauen, die eingesperrt wurden, andere von einem Maharadscha, der aus Liebe seinen ganzen Reichtum aufgab. Jaipur ist eine historische Stadt voller Geschichten. Viele der Familien dort blicken auf eine lange Tradition zurück und haben auch eine besondere Beziehung zu ihrer Stadt. Wir gehörten aber nicht dazu. Meine Familie ist muslimisch, mein Vater kam aus einem kleinen Dorf, 600 km von Jaipur entfernt. Wir führten das Leben von Migranten und waren aber auch innerhalb dieser Gruppe Außenseiter. Wir hatten keine Verwandten in Jaipur. Das Gefühl, Teil einer großen Sippe zu sein kenne ich nicht. Und wir folgten auch nicht dem Moralkodex anderer Familien, in denen zum Beispiel Frauen nur mit einer Burka auf die Straße gehen durften. Ich erinnere mich, als Kind solche Frauen gesehen zu haben. Aber das ist nur ein kleiner Aspekt meiner Kindheit.

Qissa Plakat„Qissa“ erzählt auch von zwei Frauen, die sich ineinander verlieben. Vor 18 Jahren sorgte der Film „Fire“ von Deepa Metha mit einer lesbischen Liebesgeschichte in Indien für einen Skandal. Kinos wurden gestürmt, auch von Mitgliedern der BJP, jener Partei, die seit Mai diesen Jahres an der Regierung ist. Wird „Qissa“ in Indien überhaupt in die Kinos kommen?
Khan: Ja, natürlich, im September. Das indische Kino ist im Wandel. Man akzeptiert heute alle möglichen Arten von Filmen. Ich bin selbst sehr neugierig, wie das Publikum reagieren wird. Das indische Publikum hat eine Sehnsucht nach ungewöhnlichen Geschichten, nach einer anderen Art des Erzählens. Und dieser Film bietet das, in einer geradezu literarischen Qualität. Er ist eher ein poetisches, als ein realistisches Drama. Ich hätte an meiner Rolle sicher nicht so viel Spaß gehabt, wenn ich sie hätte realistisch spielen müssen.

Aber es ist doch auch für die Freiheit, solche Geschichten zu erzählen kein gutes Zeichen, dass im letzten Dezember ein Gericht männliche Homosexualität in Indien faktisch wieder unter Strafe stellte. Glauben Sie, dass Ihr neuer Premierminister Narendra Modi daran etwas ändern wird?
Khan: Da bin ich mir nicht so sicher. Ich kann allerdings genauso wenig wie Sie voraussagen, welche Haltung er in diesen Fragen einnehmen wird. Vorerst hat er sich ja vor allem die Wirtschaft auf die Fahnen geschrieben. Wir müssen abwarten.

In Deutschland sorgt es für Fassungslosigkeit, wenn berichtet wird, dass zuletzt einige ranghohe Politiker der BJP Vergewaltigungen als „manchmal richtig“ verteidigten. Was ist da los?
Khan: Indien ist in einer Epoche des Übergangs, in dem moderne Einflüsse immer stärker werden und traditionelle Lebensweisen darum kämpfen, zu überleben. Die Folge ist eine gewisse Angst und Verwirrung. Aber das, was man in den Zeitungen liest, ist eben auch nur eine sehr limitierte Sicht auf die Realität. In Städten wie Mumbai zum Beispiel fühlen sich Frauen sicher. Andererseits gibt es fast überall Internet und damit plötzlich eine nie zuvor dagewesene Enthüllung von Sexualität. Frauen werden zu Objekten degradiert, die nur dazu da sind, die sexuellen Bedürfnisse der Männer zu erfüllen. Das ist in vielerlei Hinsicht das genau Gegenteil unseres traditionellen Verständnisses von Sexualität.

Mitten im aktuellen indischen Kinohit „Heropanti“ gibt es eine ziemlich unvermittelte Vergewaltigung, der Held des Films verprügelt die Täter, schaut dann direkt in die Kamera und erklärt dem Publikum: „No means no!“ Eine ungewöhnliche Szene…
Khan: (Lacht) Für Sie wahrscheinlich schon. Aber das Bollywoodkino, unsere Art des Erzählens ist noch eine sehr folkloristische, die auch sehr von der mündlichen Überlieferung geprägt ist. Da sind solche Brechungen in der Erzählperspektive durchaus üblich, auch, dass der Held plötzliche direkt zum Publikum spricht. Der Erzähler kann zum Protagonisten werden, irgendein anderer übernimmt dann die Funktion des Erzählers. Da geht es nicht um Realismus. Aber das gibt eben durchaus die Möglichkeit, so ein Statement abzugeben.

Noch zwei Fragen zum Schluss. „Qissa“ ist eine internationale Co-Produktion, auch die deutsche Firma Heimatfilm ist an ihr beteiligt. Wie wirkt sich das auf die Arbeit aus?
Khan: Solche Kooperationen sind uns natürlich sehr willkommen. Sie stärkt den unabhängigen indischen Film und öffnet ihn auch für ein anderes Publikum, jenseits von Bollywood und Hollywood. So konnte „Lunchbox“ zum Beispiel in Frankreich und Deutschland auch in größeren Kinos laufen.

Gewisse Kameraschwenks, die der deutsche Kameramann Sebastian Edschmid in „Qissa“ verwendet hat, geben dem Film auch eine Ästhetik, die man aus dem indischen Kino eher nicht kennt.
Khan: Ja seine Bildgestaltung ist eine ganz andere. So ist das eben, wenn Leute aus verschieden Ländern zusammen kommen, um gemeinsam an einer Geschichte zu arbeiten. Das ist eine sehr interessante Mischung. Trotzdem haben wir ja ausschließlich in Indien gedreht. Hier in München würde ich allerdings auch gern mal einen Film machen. Egal wo man hier die Kamera hinstellt, es sieht immer gut aus, was man da vor die Linse bekommt.

Warum hatten Sie eigentlich gerade Zeit, zum Filmfest München zu reisen – stecken Sie nicht mitten in den Dreharbeiten zu „Jurassic World“, der neuesten Fortsetzung von „Jurassic Park“?
Khan: Ja, ich habe die ersten Drehtage hinter mir, aber ich werde erst im Juli weiter drehen. Ich spiele den Besitzer des Parks, der nun, zwanzig Jahre nach dem ersten Teil, zu einem riesigen Franchise-Unternehmens geworden ist. Der Regisseur Colin Trevorrow ist fantastisch, obwohl er erst einen Film gemacht hat: „Saftey Not Guaranteed“. (lacht)

Auf deutsch also: „Sicherheit ist nicht gewährleistet.“ Wie passend. Haben Sie schon einen Dinosaurier zu Gesicht bekommen?
Khan: Oh ja. Er sah sehr… interessant aus. Aber mehr darf ich darüber nichts sagen. Das müssen Sie sich im Kino ansehen.

Kommentar schreiben

* Erforderliche Angaben. Emailadresse wird nicht veröffentlicht.