Dieter Pfaff

Wir befinden uns in einer Zeit der Selbstdarsteller.

Dieter Pfaff über das Privileg, Geschichten zu erzählen, Wechselwirkungen mit seinen Rollen und dass er als Schauspieler ungern passiv ist

Dieter Pfaff

© ZDF

Herr Pfaff, sind Sie ein glücklicher Mensch?
Pfaff: Ich glaube, jeder Mensch ist phasenweise glücklich. Genauso wie er phasenweise unglücklich ist. Im Leben jedes Menschen gibt es dunkle und helle Seiten. Da kann ich keine grundsätzliche Tendenz aufzeigen. Glück ist so ein großes Wort.

Sie haben erst mit Mitte dreißig erkannt, lieber Schauspieler als Regisseur sein zu wollen. Ärgern Sie sich heute darüber, dass Sie für diese Erkenntnis so lange gebraucht haben?
Pfaff: Dafür kann man nichts (lacht). Das passiert einfach. Und so wie es passiert ist, ist es auch in Ordnung. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich über Lebenswege ärgern und im Nachhinein alles hätten anders machen wollen. Spannende Lebenswege sind fast nie gerade, sondern kurvenreich.

Hatten Sie nie das Gefühl etwas nachholen zu müssen?
Pfaff: Doch. Ich glaube auch, dass genau das mit ein Grund dafür ist, dass ich so viel auf einmal mache. Das will ich gar nicht leugnen.

Sie haben einmal gesagt, Geschichten zu erzählen, sei wichtig für Ihr eigenes Überleben, weil es Ihnen helfe, Dinge zu verarbeiten. Inwiefern?
Pfaff: Das ist das Privileg, das ich in diesem Beruf habe. Die Möglichkeit zu haben, die Dinge, die mich berühren, die mich zornig oder fröhlich machen, in meinen Beruf und in die Figuren, die ich spiele, einfließen lassen zu können. Insofern erzähle ich in den Figuren auch, was mich beeindruckt, was mich beschäftigt. Und damit verarbeite ich es. Zu der Verarbeitung gehört auch, dass ich anderen Menschen davon erzähle. Wenn ich das nicht könnte, würde ich vielleicht daran ersticken.

Besteht nicht – gerade weil in den Figuren so viel von Ihnen selbst steckt – die Gefahr, dass sich die verschiedenen von Ihnen verkörperten Figuren vermischen und Sie nicht mehr genau wissen, wann Sie jetzt „Sperling“, „Bloch“ oder „Der Dicke“ sind?
Pfaff: Das sind zwar alles meine Babys, aber bis jetzt hat niemand geschrieben oder mir gesagt, dass sich die Figuren vermischt haben. Ich glaube auch nicht, dass das passiert ist. Richtig ist, dass ich um bestimmte Themen herum kreise. Mir geht’s immer auch um eine bestimmte Haltung zu den Dingen. Auch um eine bestimmte Moral. Da sind sich die Figuren ähnlich. Aber in der Auswirkung ist das nicht der Fall.

Wie gelingt es Ihnen, die Figuren klar voneinander zu unterscheiden?
Pfaff: Ich gucke einfach in die Drehbücher. Deswegen ist mir die Vorarbeit an den Büchern auch so wichtig. Wenn man die Bücher als Schauspieler ignorieren würde und alles immer in den eigenen Suppentopf hinein zöge, würde man immer bei der selben Figur landen. Das tue ich aber nicht.

Sie haben schon mal so sehr in eine Rolle eingefühlt, dass Sie – wie die Filmfigur – Herzprobleme bekamen…
Pfaff: Manchmal muss man Situationen sehr dicht an sich heranlassen, damit sie glaubhaft und wahrhaftig werden. Und gerade bei solchen Geschichten mit einem Herzinfarkt habe ich dann auch gemerkt, wie dicht das mitunter wurde. Das ist nicht angenehm.

Seit über zehn Jahren spielen Sie nun den „Sperling“ – inwiefern hat diese Figur eine Prägung bei Ihnen hinterlassen?
Pfaff: Wenn eine Geschichte gut läuft, dann verselbstständigt sich das. Ich glaube, das ist immer so. Ich verleihe Dinge von mir an eine Figur oder auch an eine Geschichte. Gleichzeitig hinterlässt das aber auch – eben weil es sich verselbstständigt – Prägungen bei mir. Es gibt immer eine Wechselwirkung von mir zu der Figur oder der Geschichte hin und dann von der Geschichte wieder zurück zu mir.

Zitiert

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich über Lebenswege ärgern und im Nachhinein alles hätten anders machen wollen.

Dieter Pfaff

Inwiefern hat sich Sperling im Laufe der Jahre verändert?
Pfaff: Es ist eine stärkere Melancholie dabei. Manchmal vermisse ich zwischendurch jedoch die Leichtigkeit. Aber das hängt auch immer von den Stoffen ab. Gleich geblieben ist, dass wir versuchen, Berlin eine Hauptrolle spielen zu lassen. Das ist beim ersten Film so gewesen und das ist auch bei dem neuen wieder der Fall. Zudem verlangt jede Geschichte eine eigene Ästhetik. „Sperling und die kalte Angst“ ist auf Video gedreht worden, nur mit einer Handkamera. So dass der Film etwas Nervöses, etwas Beunruhigendes bekommt und mit Sperlings Zustand korrespondiert. Auf diese Weise ergeben die Geschichten dann auch immer etwas, was sich auf die Erzählweise auswirkt.

Ein Markenzeichen der Sperling-Krimis ist, dass sich Gut und Böse vermischen. Sperling will immer ganz genau verstehen, wieso Menschen handeln wie sie handeln.
Pfaff: Ich glaube, der Sperling muss sich zwischendurch auch dazu zwingen, einen objektiven Blick auf die Menschen, denen er da begegnet, zu behalten und ihnen nicht mit Vorurteilen oder Zynismus zu begegnen. Das ist aber eine bewusst eingenommene Haltung, um die er immer wieder ringen muss.

Sperling ist jemand, der sich für seine Mitmenschen und das, was um ihn herum geschieht, interessiert. Gibt es in unserer Gesellschaft zu wenige solcher Menschen?
Pfaff: Ja, ich denke schon. Wir befinden uns in einer der Zeit der Selbstdarsteller. Sperling hat die Fähigkeit, anderen Menschen zuhören zu können. Dinge wahrzunehmen, die andere vielleicht übersehen. Er kann auf die innere Stimme hören. Auf das, was ihn beunruhigt und wo er spürt, dass etwas nicht stimmt. Das spielt in diesem Film eine ganz besondere Rolle. Diese Fähigkeit ist vielen Menschen heute ein wenig verloren gegangen.

Beneiden Sie Sperling um diese Fähigkeit?
Pfaff: Das ist so ein Punkt, wie ich mich mit einer Figur treffe. Das, was ich eben gesagt habe, hat ja damit zu tun, dass ich es in meinem Leben so wahrnehme. Also verleihe ich diese Fähigkeiten einer Figur. Weil es auch meine Sehnsucht ist, sie zu haben.

Ihr Vater war Polizist. Hat das bei der Entwicklung der Figur Sperling eine Rolle gespielt?
Pfaff: Nein, überhaupt nicht. Als Otto im „Fahnder“ habe ich durchaus Kindheitserlebnisse verarbeitet. Bei Sperling war das anders. Als ich den Sperling zusammen mit Dominik Graf und Rolf Basedow entwickelt habe, haben eher andere Krimis eine Rolle gespielt. Wo ich diese vordergründige Action und diesen wahllosen Umgang mit Gewalt gesehen habe. Da hab ich gewusst: Genau so will ich die Geschichten nicht erzählen.

Sie sind ein sehr aktiver Schauspieler, der seine Rollen selbst mitentwickelt und Anregungen für bestimmte Stoffe gibt…
Pfaff: …weil es eben nicht so sehr mein Ding ist, zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, welche Rolle man mir anbietet. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass ich Regisseur und Dramaturg war. Dass ich die Passivität des Schauspielerberufes nicht so sehr mag. Von daher ist die Zusammenarbeit mit Regisseuren, Autoren und Produzenten für mich etwas ungeheuer Wichtiges.

Fällt es Ihnen manchmal schwer, sich am Set zurückzunehmen und den Regisseur seine Arbeit machen zu lassen?
Pfaff: Ich sehe mich da nicht als zweiten Regisseur. Und die guten Regisseure empfinden das auch nicht so. Filmarbeit ist in hohem Maße Teamarbeit. Es ist nicht wichtig, von wem eine Idee stammt. Die Hauptsache ist vielmehr, dass wir eine Atmosphäre miteinander herstellen, in der man Ideen hat. Es ist aber auch so, dass der Regisseur seinen Blick auf die Geschehnisse und auf die Geschichte erzählen muss. Dass er seine Art der Umsetzung finden kann. Gerade weil ich selbst Regie gemacht habe, ist mir das sehr bewusst. Mir sind auch alle Ängste vertraut, die ein Regisseur haben kann. Ich bin immer sehr neugierig, mit was für einem Ansatz der Regisseur an eine Sache herangeht. Dem versuche ich zu dienen.

Kommt es für Sie in Frage, selbst noch einmal als Regisseur tätig zu sein?
Pfaff: Im Moment nicht. Das Spielen macht mir so viel Spaß. Mir geht es da ähnlich wie einem Regisseur, der Schauspieler und einen Kameramann finden muss, die im jeweiligen Beruf besser sind als er. Ich arbeite gerne mit Regisseuren, die in dem Beruf besser sind als ich. So sind wir eine wunderbare Ergänzung zueinander.

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