Christoph Maria Herbst

Meine GEZ-Gebühren will ich irgendwann zurück

Christoph Maria Herbst über eloquente Polit-Zombies, ein gefälschtes Tagebuch vom Merkel-Gatten Joachim Sauer, Distanz zur Politik, das „Stromberg“-Finale im Kino und sein Verhältnis zu den Öffentlich-Rechtlichen

Christoph Maria Herbst

© Christian Hartmann

Herr Herbst, Sie gehen gerade mit dem „total gefälschten Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel“ auf Tour. Wer das im Laden kauf weiß erst mal gar nicht, wer es geschrieben hat.
Christoph Maria Herbst: Für mich ist es eindeutig Joachim Sauer. Den kennt man sehr wenig, aber ihm ist trotzdem so gut aufs Maul geschaut, dass man selbst zwischen den Zeilen glauben könnte, er sei es gewesen. Man hat den Eindruck, sein Atem weht durch das ganze Werk – die Urheberrechtsfrage ist damit für mich geklärt.

Aber warum macht man sich so viel Mühe mit einem Buch und verzichtet dann auf einen Autorenhinweis?
Herbst: Das ist ein übertriebener Mangel an Eitelkeit. Es ist nicht so, dass das Buch tatsächlich von Joachim Sauer geschrieben worden wäre und man deswegen den Namen weggelassen hätte.

Könnte man auch sagen: übertriebene Bescheidenheit?
Herbst: Ja. Darüber hinaus ist es der Wunsch, den Fokus auf das Wesentliche zu richten. Auf das Werk, den Namen Merkel, den Begriff „Mann“ und „Tagebuch“ – das sind die Dinge, die hier ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden sollten.

Bei den Lesungen stehen nun vor allem Sie im Mittelpunkt…
Herbst: Ich lese das Buch jetzt vor und versuche Herrn Sauer eine adäquate Stimme zu geben. Er selbst geht mit dem Buch ja leider nicht auf Tour. Wobei: Gott sei Dank nicht, denn ich  freue mich ja auf die Lesungen. Ich bin zum Beispiel gespannt, wie es in Rostock und Erfurt ankommt, denn im Tagebuch ist auch viel von DDR, SBZ und vom Osten die Rede. Sauer guckt sehr sentimental verklärt auf diese Zeit.

Zitiert

Humor kann eine sehr kathartische Wirkung haben.

Christoph Maria Herbst

Wie genau kennen Sie Joachim Sauer inzwischen?
Herbst: Den fiktiven Sauer in diesem Buch kenne ich sehr gut, der ist mir sehr sympathisch.

Und den realen?
Herbst: Gar nicht. Den kennt doch niemand. Man kann froh sein, wenn Angela ihn kennt. Er tritt überhaupt nicht ins öffentliche Licht. Das macht ihn nicht gerade unsympathischer, denn es drängt ja viel zu viele Menschen in die Öffentlichkeit, als Trittbrettfahrer von irgendjemand Bekannterem. Insofern öffnet das jedem fiktional arbeitenden Menschen Tür und Tor. Dieses Buch wäre sicherlich nicht möglich gewesen, wenn man schon alles über Joachim Sauer zu wissen glaubte.

Nun kann man doch aber ein wenig recherchieren…
Herbst: Sicher, aber wenn man Wikipedia anklickt – dort steht nicht allzu viel, außer dass Sauer eine Professur hat und in Hosena geboren wurde.

Sie machen aus Sauer einen Fleecejackenträger, er ist relativ geizig, Anti-Kapitalist und guckt sich nachts Bilder von Daniela Katzenberger und Heidi Klum an. Das ist unterhaltsam, könnte beim Zuhörer aber auch hängenbleiben als Assoziation mit der realen Person, oder?
Herbst: Sehr gerne. Mich würde noch mehr interessieren, ob Joachim Sauer das Buch gelesen hat, ob bei ihm irgendwas real hängen geblieben ist und man ihm damit vielleicht nochmal den ein oder anderen Tipp gegeben hat, was er in seiner Freizeit so machen könnte – zum Beispiel die Katzenberger oder die Klum im Internet angucken.

Ich glaube schon, dass das Spannende an dem Buch ist, dass hier Realität und Fiktion aufs Schönste miteinander verschränkt werden, so dass man am Ende gar nicht mehr denkt, dass es gefälscht ist. Wenn das dem Buch gelingen sollte, ziehe ich den Hut.

Viele Beschreibungen sind aber nicht gerade vorteilhaft für den First Man.
Herbst: Das stimmt, aber sonst wäre es auch wahnsinnig langweilig. Die vorteilhaften überwiegen allerdings, auch sein Blick auf Angela ist ein so liebevoller, dass es mich an vielen Stellen geradezu rührt. Ungefähr auf jeder 30. Seite steht „ich bin wieder mal sehr verliebt in Mutti“ oder „was für eine tolle Frau“. Hier wird nicht mit dem großen Sarkasmus-Knüppel auf das Ehepaar Merkel-Sauer eingedroschen.

Wie nah gehen Sie der Politik? Jemand wie Benjamin von Stuckrad-Barre bewegt sich für seine Texte direkt im politischen Berlin, während uns der Karikaturist Klaus Stuttmann im Interview sagte: Zeichnen ja, aber treffen will er Politiker nicht.
Herbst: Diese Haltung verstehe ich total gut, ich sehe mich auch bei letzterer Variante. Ich habe lieber mein Kopfkino und wurschtle so vor mich hin, ich hätte sonst die Befürchtung, dass dort die ein oder andere Blase, die man so hat, platzen würde. Das habe ich schon erlebt, wenn ich  prominenten Kollegen persönlich begegnet bin. Da dachte ich hinterher oft: Das hättest du lieber sein gelassen, denn jetzt hast du auf die Person einen ganz neuen Blick und kannst dir nicht mehr jungfräulich deren Film anschauen, oder deren Platten anhören. Es muss ein Zauber erhalten bleiben, die Aura des Unnahbaren, das ist für meine Arbeit sehr förderlich.

Und wenn Sie Angela Merkel oder Joachim Gauck mal zu einem Empfang einladen würden?
Herbst: Das müsste ich mir schwer überlegen. Ich glaube allerdings nicht, dass es in absehbarer Zeit dazu kommt. Eine Ausnahme würde ich vielleicht machen, wenn sie eine private Lesung aus dem Tagebuch haben möchten. Dann würde ich meine Fleecejacke aus dem Keller holen – oder nackig lesen, mit den Merkels in der Sauna.

Apropos: Im Internet kursiert ein Nacktfoto von Angela Merkel – glauben Sie, dass es echt ist?
Herbst: Von dem Foto wusste ich bislang nichts – Gott sei Dank!

Es zeigt sie im Alter um die 20.
Herbst: Dann denke ich, könnte es echt sein. Im Tagebuch geht es ja auch darum, dass zur Zeit der DDR die Körper noch schön waren, aber nicht die Kleidung. Man hatte keine andere Wahl, als zu seinem Körper zu stehen und dass dann eben nackt. Deswegen war die FK-Kultur auch eine so wahnsinnig starke und ausgelebte. Dass aus dieser Zeit noch ein Foto existiert, auf dem Angela Merkel nackig ist – mich würde wundern, wenn es das nicht gäbe.

In Ihrem Buch ist Merkel oft die „Mutti“, eine Bezeichnung, die inzwischen recht populär ist.
Herbst: Mich würde ja interessieren, ob es diese Bezeichnung vorher schon gab, oder ob die  vielleicht durch das Buch implementiert wurde. Unabhängig davon: Ich finde, der Begriff passt irgendwie zu ihr. Er ist ja auch doppelt lustig, weil sie keine Mutter ist.

Serdar Somuncu sagte uns im Gespräch, „wir leben in einer Zeit des Konsens, in der wir uns gut repräsentiert fühlen durch eine mittelalte Frau, die aussieht wie eine Mutter und es schon irgendwie richten wird, weil sie sagt „Wir werden uns darum kümmern.“ Das ist sehr mütterlich.
Herbst: Ja, das kann man vielleicht so sagen. Früher war es Inge Meysel, dann eine zeitlang Mutter Beymer, danach war der Stuhl lange vakant – und jetzt ist er mit Angela Merkel ganz gut besetzt.

Fühlen Sie sich von „Mutti Merkel“ behütet?
Herbst: Nein, natürlich nicht, das wäre ja schlimm. Mir ist auch dieses sozialdemokratische oder sehr linke Gedankengut relativ fern, dass eine staatliche Obrigkeit dazu da sein muss, mich zu behüten oder in den Arm zu nehmen. Dafür habe ich Gott sei Dank echte Menschen in meinem Umfeld. Trotzdem passt der Begriff „Mutti“ irgendwie prima. Ich glaube, dass sie damit auch ganz gut leben kann. Man weiß es aber natürlich nicht – wie man so vieles nicht weiß über sie.
Ich glaube, Angela Merkel ist eine der am stärksten unterschätzten Personen überhaupt.
Wenn ich in dieses Gesicht gucke, ist mein erster Gedanke zwar: Charisma schreibt man eigentlich anders. Aber ich glaube sie hat – das muss sie sicherlich auch in dieser Position als „mächtigste Frau der Welt“ – meterlange Haare auf den Zähnen. Und das ist auch gut so.

Wie nah geht Ihnen denn das Thema Politik?
Herbst: Ich kriege die Dinge mit, denen man sich nicht entziehen kann. Ansonsten ertappe ich mich schon dabei, dass ich immer seltener bewusst nach Nachrichten aus der Politik gucke. Oftmals langweilt es mich kolossal, es hat mit der Wirklichkeit meines Lebens auch nicht viel zu tun. Ich beobachte es aus der Helikopter-Perspektive, schüttele dann den Kopf oder schmunzele in mich hinein. Am ehesten lasse ich mir das partei- und gesellschaftspolitische Geschehen durch gute Kabarettisten-Kollegen aufarbeiten, da ist meine Lieblings-Politiksendung die „Heute-Show“. Wenn ich die nicht zwischendurch gucken würde, hätte ich oftmals genug Anlass zu platzen, vor Ärger über Missstände und Ungerechtigkeiten. Denn dort wird genau in diesen Momenten Salz in die Wunde gestreut, oder zumindest dafür gesorgt, dass wie bei einem Garkocher das Ventil kurz angehoben wird, um wieder Luft abzulassen. Humor kann da schon eine sehr kathartische Wirkung haben.

Was genau langweilt Sie am Politikbetrieb?
Herbst: Die Versatzstücke, die Stereotypen, die Floskeln. Man muss sich ja nur mal eine Talkshow mit Politikern anschauen: Da hat man häufig das Gefühl, dass dort nicht wirklich Menschen sitzen, bei denen ein Herz im Körper schlägt, sondern äußerst eloquente, nicht komplett schambefreite, rhetorisch äußerst geschulte Zombies, die einen abspeisen mit Schlagbegriffen, Hauptsätzen und mit oft Gehörtem, Abgedroschenen. Oft genug spiegelt die Wirklichkeit Monate später was ganz anderes wider oder das krasse Gegenteil von dem, was da behauptet, postuliert oder versprochen wurde. Ich würde mich jetzt nicht als politikverdrossen bezeichnen, aber ich bin durchaus auf dem Weg dahin.

Politiker sind inzwischen immer häufiger auch in Unterhaltungs/Comedy-Shows zu Gast. Freut Sie diese Entwicklung?
Herbst: Ich finde das eigentlich ganz schön. Ein Format wie die „Heute-Show“ hat diesen Besuch zwar nicht nötig, aber die Volksvertreter, die dort waren, sind alle gut weggekommen. Es geht ja auch nicht jeder hin sondern nur diejenigen, die sich für schlagfertig halten – und die es dann tatsächlich auch waren. Rainer Brüderle hat in der „Heute-Show“ ein fantastisches Bild von sich abgegeben, genauso Wolfgang Kubicki. Die muss man deswegen nicht mögen, aber auf einmal hat man zumindest das Gefühl: Das zutiefst Menschliche ist denen doch nicht so ganz fremd und sie haben sogar Humor. Ansonsten brauche ich persönlich einen Guido Westerwelle oder Gerhard Schröder bei „Wetten Dass…?“ nicht. Mir gefällt es gut, wie rar sich dort unsere Kanzlerin macht.

Rainer Brüderle musste in der Show von Benjamin von Stuckrad-Barre Übungen mit dem Deuserband zeigen, Ministerin Kristina Schröder sah man bereits beim „Starquiz“ von Kai Pflaume, vor 20 Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen. Haben die Medien den Politikern die Würde genommen?
Herbst: Ja. Aber da gehören natürlich zwei dazu, das heißt: Man muss sich die Würde auch nehmen lassen. Wer in einen Promi-Container geht, hat selbst alles dazugetan, dass ihm diese Würde genommen wird.
Letztlich ist Würde auch nur ein Konjunktiv, man muss selbst dafür sorgen, dass der immer indikativisch in Erscheinung tritt, doch das gelingt nicht jedem. Ich muss die Politiker dort nicht sehen – und wenn sie es selbst wollen, ist das ihr Problem. Mir scheint dort sehr oft Eitelkeit die Maxime von Handeln zu sein.

Kommen wir noch zu einem anderen aktuellen Projekt. Ist es richtig, dass es die Rolle Bernd Stromberg über den bald startenden Kinofilm hinaus nicht mehr geben wird?
Herbst: Ja, das ist so geplant. Wenn man den Film sieht, wird man auch verstehen, warum der Stromberg, wie wir ihn bisher kannten, gar nicht weiter erzählt werden kann.

Ein schwieriger Abschied?
Herbst: Ich habe da schon zwei Seelen in meiner Brust und verabschiede mich von so einer tollen Figur, der ich eine Menge zu verdanken habe, die mir auch Einiges zu verdanken hat, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aber man sollte tatsächlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Und das Schönste kann ja nur sein, wenn eine Fernsehserie, die in fünf Staffeln erfolgreich gelaufen ist, den Ritterschlag eines Kinofilms erhält. Was soll danach noch kommen?

Glauben Sie, es wird für die Zuschauer schwierig sein, Christoph Maria Herbst von der Person Stromberg zu lösen?
Herbst: Da müssen wir uns in drei bis fünf Jahren nochmal drüber unterhalten. Ich befinde mich da schon in einer – wenn auch sehr kuscheligen, luxuriösen – Schublade, aber so eine Loslösung erfolgt dann glaube ich doch relativ fix. Die Frage ist nur, ob ich das will. Den Schimanski hat man ja auch gerade erst wieder gesehen, Götz  George kann sich von der Figur nicht wirklich lösen, vielleicht will er das auch gar nicht. Weil man so eine Rolle wie ein Kind mit sich rumschleppt. In einer funktionierenden Familie löst man sich von seinen Kindern ja auch nicht. Ich will überhaupt nicht ausschließen, dass ich in 20 Jahren nochmal mit einem Stromberg-Revival um die Ecke komme. Dann bin ich 67, da würde es mich persönlich schon sehr interessieren, was eigentlich aus dem Bernd geworden ist.

Wird man Sie in Zukunft auch im öffentlich-rechtlichen TV sehen? Oder haben Sie es sich mit den Sendern im wahrsten Wortsinn „verscherzt“?
Herbst: Warum das denn?

Mit Ihrem Buch „Ein Traum von einem Schiff“, in dem Sie humorvoll aber auch kritisch Ihre Dreharbeiten auf dem „Traumschiff“ schilderten.
Herbst: Ach, ich bitte Sie! Nein, nein, ich weiß vom Traumschiff-Produzenten Wolfgang Rademann, dass er am lautesten über mein Buch gelacht hat. Sicherlich habe ich dort viele Empfindlichkeiten verletzt und getroffen, habe hier und da auch den Finger genau in die richtige Wunde gehalten –  eben deshalb reagierten viele so empfindlich. Wenn ich dort die komplette Unwahrheit geschrieben hätte, wenn es mit der Realität überhaupt nicht übereinstimmen würde, hätte es ja keinen Grund für Ärger gegeben.
Also, dass ich es mir jetzt mit den öffentlich-rechtlichen Sendern verscherzt habe, ist nicht mein Eindruck. Und ich zahle seit einem Vierteljahrhundert GEZ-Gebühren, das Geld will ich schon irgendwann mal wiederkriegen. Wenn das in Form eines Engagements passiert, bin ich der letzte, der Nein sagt. Inzwischen laufen bei denen ja auch richtig tolle Sachen.

Schauen Sie privat viel öffentlich-rechtliches Fernsehen?
Herbst: Ich ertappe mich immer wieder dabei: Wenn ich den Fernseher anmache, drücke ich auf der Fernbedienung zuerst mal die Eins oder Zwei. Das hört ProSieben vielleicht nicht gerne, aber so ist es.

Beruflich sind Sie mit den Privaten in den letzten Jahren ja gut ausgekommen.
Herbst: Das stimmt. Aber es sind nicht „die Privaten“ sondern es ist nur ProSieben. Für RTL habe ich glaube ich noch nie gearbeitet und bei Sat.1 mache ich pro Geschäftsführer mal einen 90-Minüter – wobei es dazwischen keinen kausalen Zusammenhang gibt.
ProSieben ist mit „Stromberg“ natürlich mein Haussender, mal gucken, was sich da tut. Es wird heute ja viel mehr Geld ins Non-Fiktionale gebuttert, weil da eine viel bessere Rendite rauskommt.
Langfristig sehe ich mich aber nicht als Moderator irgendeines Boulevard-Magazins oder einer Kochsendung, mittelfristig auch nicht, nicht mal kurzfristig. Insofern weiß ich überhaupt nicht, was nach „Stromberg“ auf mich zukommt. Ich bin sehr gespannt, was das Leben noch so zu bieten und mit mir vor hat.

Dass man den Kinofilm „Stromberg“ mittels Crowdfunding finanzierte, hatte aber nicht mit Geldproblemen zu tun, oder?
Herbst: Nein, nicht wirklich. Die Wahrheit ist ja, dass die Leute Schlange gestanden haben und gesagt haben, „von uns kriegt ihr auch noch 500.000“. Brainpool als Produktionsfirma hat aber einfach diese Abhängigkeiten nicht gewollt, was ich total gut verstehen kann.

Was für Abhängigkeiten?
Herbst: Begehrlichkeiten, Leute, die sagen „hier habt ihr eine Million, dann müsst ihr aber auch dies und das, und man sollte gucken, dass wir so und so“ usw., nach dem Motto: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird. Davon haben wir uns schon immer freigehalten, auch beim Drehen der TV-Serie. Die ProSieben-Redaktion hat niemals Einfluss auf die Drehbücher genommen. Für mich war es über die zehn Jahre das kreativste Arbeiten, das man sich nur vorstellen kann. Und diese Kreativität wollten wir uns beim Kinofilm nicht aus pekuniären Gründen nehmen lassen. Da war es ein kongenialer Schachzug, zu sagen: Wir beteiligen die Fans an der Produktion.

Und die spendeten bei der Crowd-Funding-Aktion eine Million Euro.
Herbst: Es war ja kein Crowd-Funding, sondern ein Crowd-Investing, die Leute haben die reale Chance, nicht nur ihr Geld sondern auch eine Rendite zurückzubekommen. Ich glaube zwar nicht, dass das der Grund war, warum so viele Menschen innerhalb von sechs Tagen eine Million gegeben haben. Für die dürfte der Hauptgrund gewesen sein, die Urkunde zu bekommen, auf der steht, dass  sie Anteile am „Stromberg“-Kinofilm erworben haben. Diese Urkunde ist richtig amtlich und wird jetzt sicher in vielen Partykellern oder Jugendzimmern hängen.
Es gab aber auch den schwäbischen Unternehmer, der eine sechsstellige Summe auf den Tisch gelegt hat und sich als Fan – zumindest in der Unschärfe –  im Film eine kleine Nebenrolle erkauft hat.

Wie viele solcher Nebendarsteller gab es denn?
Herbst: Das weiß ich nicht genau, die Dreharbeiten sind auch schon ein Jahr her. Es wurden überwiegend Anteile im Wert zwischen 50 und 200 Euro erworben. Das finde ich toll, weil es bedeutet, dass wir wirklich in die Breite gegangen sind und nicht den Rahmen auf Unternehmerseite abgeschöpft haben. Wir konnten tatsächlich die Leute an die Hand nehmen, für die wir „Stromberg“ machen.

Die FAZ schrieb einmal, Sie seien „einer der wenigen deutschen Schauspieler, die geschriebene Texte so klingen lassen können, als fielen sie ihnen gerade eben ein“. 
Herbst: Die hat mir immer schon gut gefallen, die Frankfurter Allgemeine.

Steckt denn hinter Ihren Texten eher der spontane Komiker, oder sitzen Sie dafür nächtelang grübelnd am Schreibtisch?
Herbst: Also, wenn ich beispielsweise an mein Buch „Traum von einem Schiff“ denke, das ist eine kolossale Arbeit gewesen und so ziemlich das einsamste was ich jemals gemacht habe. Es gehört schon wahnsinnig viel Grübelei und Masochismus dazu, ein Buch zu schreiben. Das hat ganz viel mit Brüten zu tun, ist äußerst anstrengend und oftmals sind das echt lange Geburten. Vieles verwirft man, zerknüllt es, schmeißt es weg… Dann war ich oftmals froh, dass ich die Zettel nicht gleich verbrannt habe, weil da doch noch etwas war, was mir gefiel. Es ist ein großes Puzzlespiel, das man zusammensetzt aus den besten Momenten, in der Hoffnung, dass ein stimmiges Bild daraus wird.

Und hilft die Erfahrung? Beispielsweise sagte uns der Filmkomponist Danny Elfman einmal, auch nach 65 fertiggestellten Soundtracks sei seine Arbeit kein bisschen einfacher geworden.
Herbst: Da würde ich Elfman sofort Recht geben. Das Wenigste fliegt einem zu. Es ist halt ein Job, man muss sich hinsetzen und machen. Die berühmten Musen, die dann vorbeifliegen und einen küssen und schon läuft deren Inspiration durch den Gänsekiel in Form von Tinte aufs Papier –  sorry, aber das habe ich noch nie erlebt. Vielleicht brauchst du dafür aber auch ein bestimmten Genius, von Komponisten die Beethoven hießen, oder Mahler. Die nicht nur eine Melodie sondern eine schon komplett gesetzte Sinfonie im Kopf hatten und nur noch niederschreiben mussten. Von Mozart ist überliefert, dass er innerhalb von drei Stunden eine Sinfonie aufs Papier brachte. Das ist der große Unterschied: Bei mir ist das tatsächlich harte Arbeit.

Die Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic – welche Figur sind Sie?
Herbst: Ich wäre total gerne Troubadix. Der will immer, kriegt aber immer eins auf die Fresse. Da sind wir dann fast wieder beim Stromberg.

Die Frage bezog sich aber auf Sie, nicht auf Stromberg.
Herbst: Das ist richtig. Aber da sehen Sie mal, wie nah mir diese Figur ist.

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