Frau Bessin, Sie haben letztes Jahr die Autobiografie „Abgeschminkt“ veröffentlicht und diese nun auch als Hörbuch aufgenommen. War das nochmalige Lesen emotional immer einfach für Sie?
Ilka Bessin: Für mich war es ja überhaupt das erste Mal, dass ich ein Hörbuch gemacht habe. Und das ist schon eine Herausforderung, man sitzt in einem kleinen Studio, der Techniker ist hinter einer Glasscheibe… Es war natürlich sehr emotional, sich all die Erlebnisse nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Da gibt es Passagen, die sehr fröhlich sind, aber auch einige traurige, wie der Tod meines Vaters. Insgesamt hat die Aufnahme aber viel Spaß gemacht, weil es für mich eine neue Erfahrung war.
Angeblich gibt es schon Pläne, dass „Abgeschminkt“ verfilmt wird.
Bessin: Ja, das Buch wird verfilmt, da sind wir dran.
Sie kokettierten einmal damit, Veronica Ferres könne die Hauptrolle spielen…
Bessin: Stimmt, Veronica Ferres ist eine großartige Schauspielerin. Aber in diesem Film muss ich mich schon selbst spielen, zumindest den Teil, den ich vom Alter her darstellen kann. Ilka Bessin muss auch von Ilka Bessin gespielt werden, alles andere wäre komisch.
Was ist eigentlich mit Cindys Dialekt, behalten Sie den in Ihrem Bühnenprogramm bei?
Bessin: Ich habe das mit meinen beiden Autoren tatsächlich überlegt, wie ich jetzt auf der Bühne rede. Letzten Endes werde ich dort wie im Alltag sprechen: Einfach so, wie mir der Mund gewachsen ist.
Das Kostüm war eine Art von Selbstschutz.
Wie schwierig ist für Sie die Umstellung, nun ohne rosa Jogging-Anzug auf der Bühne zu stehen?
Bessin: Das ist schon eine Herausforderung für mich, denn das Kostüm war ja auch eine gewisse Art von Selbstschutz. Auf der anderen Seite war Cindy aus Marzahn ja eine von mir geschaffene Bühnenfigur, sie war kein komplett anderer Mensch, sondern ein Teil von mir. Ich habe die gleiche Stimme wie sie, auch der Dialekt wird der gleiche sein und ich werde jetzt auch nicht plötzlich große philosophische Dinge erzählen.
Viele Pointen von Cindy hatten mit Übergewicht und ihrem Aussehen zu tun. Wird das bleiben?
Bessin: Naja, so viele Gags waren das gar nicht. Natürlich redet man darüber, man spielt damit, dass ich nicht die Figur habe, wie es sich manche im Publikum vielleicht wünschen. Aber insgesamt ging es bei Cindy einfach um Alltagsprobleme, wie man morgens aus dem Bett kommt, wie der Arztbesuch läuft…
…und um solche wird es auch in Ihrem neuen Programm gehen?
Bessin: Ja, Alltagsgeschichten sind für mich das Schönste, weil dadurch jeder, der vor der Bühne sitzt, mitfühlen kann. Die Leute erkennen Dinge aus ihrem eigenen Leben, Dinge, die ihnen passiert sind. Ich werde in zwei Jahren 50, darüber werde ich in meinem Programm natürlich auch sprechen, wie ich mich damit fühle. Und ich glaube, dass die Leute da eine Menge Spaß dran haben werden.
Welche Comedians haben Sie in der Vergangenheit inspiriert? Ich las, dass Sie Autogramme von Otto und Atze Schröder besitzen…
Bessin: Prinzipiell gucke ich mir viele Kollegen an, viele finde ich lustig und sie inspirieren mich. Atze Schröder ist großartig und ich bewundere, wie er die Leute seit Jahren unterhält. 25, 30 Jahre auf der Bühne stehen und Leute zum Lachen bringen – das muss man erst mal schaffen. Auch von Otto hängt bei mir ein Autogramm in der Küche, er ist einfach eine Koryphäe, was Stand-Up Comedy anbelangt. Emmi und Herr Willnowsky finde ich toll, genauso Torsten Sträter…. Wenn ich im Auto unterwegs bin, höre ich oft Comedians, da gibt es viele, von denen ich mich gut unterhalten fühle. Apropos Auto: Einmal wollte Christoph Maria Herbst in Berlin in meine Parklücke rein. Da habe ich gesagt: Sie können da rein, aber nur wenn ich ein Autogramm von Ihnen bekomme.

Ihren Abschied von der Rolle als Cindy aus Marzahn begründeten Sie u.a. damit, dass Sie die Aufmerksamkeit auch dafür nutzen wollen, ernste Themen anzusprechen. Was für Themen wären das im Moment?
Bessin: Zum Beispiel, dass man über Kinderarmut redet oder über Rentner, die am Existenzminimum leben, die ihr Leben lang gearbeitet haben und jetzt einfach nicht vernünftig versorgt sind. Als Cindy aus Marzahn war das schwierig. Ich wollte vermeiden, dass die Leute nicht verstehen, in welchem Zusammenhang ich so etwas sage, oder dass sie denken, ich mache mich darüber lustig.
Wir als Künstler haben ein Sprachrohr, wir haben die Möglichkeit, auf Dinge aufmerksam zu machen, die nicht rund laufen in diesem Land. Und diese Möglichkeit sollten wir nutzen. Das kann auf der Bühne sein, aber auch in Talk-Shows oder Interviews.
War aber auch die Figur Cindy aus Marzahn ein Stückweit politisch? Sie verkörperte ja – auf humorvolle Weise – den Alltag von Menschen, die als Hartz4-Empfänger am Rand der Gesellschaft leben…
Bessin: Cindy war natürlich schon so, dass sie ab und zu den Leuten den Spiegel vorgehalten und gezeigt hat: So sieht es aus. Aber vor allem hat sie aus ihrem Leben, aus ihrer persönlichen Sicht die Dinge erzählt, die ihr im Alltag passiert sind.
Ist die Schere zwischen arm und reich etwas, was Sie in Ihrem nächsten Comedy-Programm thematisieren werden?
Bessin: Weniger, ich mache ja kein politisches Programm. Es wird vielleicht hier und da kleine Spitzen geben, aber ansonsten ist es ein Programm, bei dem die Leute lachen sollen, bei dem sie vielleicht auch mal den tristen Alltag vergessen können.
Interessieren Sie sich für politisches Kabarett?
Bessin: Klar, ich finde zum Beispiel Florian Schröder sehr gut, und natürlich Dieter Nuhr. Die verstehen etwas von ihrem Handwerk. Und für mich gilt: Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich kann die etwas andere Unterhaltung und finde es deshalb gut, wenn diejenigen politisches Kabarett machen, die es auch beherrschen.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie es nicht mögen, wenn Comedians sich von der Bühne aus über Zuschauer lustig machen. Im Buch erzählen Sie, dass auch Ihnen das schon passiert ist…
Bessin: Ja, manchmal merkt man es nicht, denn wenn die Leute lachen, denkt man erstmal, die finden das lustig. Man merkt nicht, dass man manchmal einen Schritt zu weit geht. Mittlerweile achte ich aber viel mehr darauf, dass mir das nicht passiert. Man selbst möchte ja auch nicht, dass sich andere über einen lustig machen wird, deswegen sollte ich mir nicht das Recht herausnehmen, mich über Zuschauer lustig zu machen.
Generell gehen Sie im Buch sehr viel mit sich selbst ins Gericht – was in Künstler-Autobiografien selten ist. Wie kam es zu diesem kritischen Blick auf das eigene Handeln?
Bessin: Das ist einfach eine Art von Selbstreflektion. Vielleicht liegt es am Alter, dass man anfängt, zu gucken, was man wie gemacht hat… Es hat vielleicht auch mit dem Ablegen der Cindy-Rolle zu tun. Ich habe einfach gesehen, dass mein Verhalten gegenüber manchen Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, nicht immer fair war. Wenn ich von mir dachte: Ich bin die Größte und Tollste – dann war das einfach nicht in Ordnung.
Der Ruhm ist Ihnen zu Kopf gestiegen?
Bessin: Wenn man von heute auf morgen in der Öffentlichkeit steht, gut gebucht ist, tolle Auftritte hat und auch gutes Geld verdient, kann es passieren, dass man die Selbstreflektion verliert. Es gab auch bei mir so einen Höhenflug, was damit zu tun hatte, dass ich nur von Leuten umgeben war, die mir die ganze Zeit sagten: „Du bist so lustig, du bist so toll“. Da glaubt man wirklich irgendwann, dass die Menschen um dich herum dankbar sein müssen, deine Luft atmen zu dürfen. Diesen Zahn hat mir dann zum Glück irgendwann das Management gezogen. Da brauchte es jemanden, der mir sagt: ‚Du bist nicht der Mittelpunkt der Erde, es dreht sich nicht alles um dich und es nicht cool, wie du dich gerade verhältst.‘ Das hat mir geholfen und ich bin froh, dass ich dahingehend die Kurve gekriegt und gemerkt habe, wie wichtig der respektvolle Umgang miteinander ist.
Auch Sie selbst haben in Ihrem Leben nicht immer Respekt erfahren. Wie gehen Sie heute mit Menschen um, die Ihnen früher Steine in den Weg legten? Im Buch schreiben Sie über ein populäres Berliner Café, welches Sie aufgrund Ihrer Figur als Mitarbeiterin ablehnte …
Bessin: Da bin ich nicht nachtragend, das will ich auch nicht sein. Denn nachtragend zu sein, bedeutet ja auch, dass man sich damit beschäftigt – und das will ich gar nicht. Ich will mich nicht damit beschäftigen, wie und warum die mich damals abgelehnt haben. Das bringt dich ja nicht weiter, das ist mir zu negativ. Man hat schon genug kleine Pakete mit sich rumzuschleppen, die einem nicht gut tun, da muss man sich nicht auch noch mit Dingen aus der Vergangenheit belasten.
Hatten Sie denn später, als erfolgreiche Komikerin, manchmal ein Triumph-Gefühl, nach dem Motto: ‚Denen hab ich’s gezeigt‘ ?
Bessin: Eigentlich nicht. Ich habe mich nur gewundert, wer mir plötzlich wieder Emails geschrieben hat. „Lass uns doch mal wieder einen Kaffee trinken gehen.“ Leute, von denen ich Jahre nichts mehr gehört hatte, sind plötzlich aus der Versenkung wieder aufgetaucht. Das fand ich interessant.
Was war für Sie das Schwierigste beim Umgang mit der schnell gewachsenen Popularität?
Bessin: Am schwierigsten war vielleicht, rauszubekommen: Wer meint es ehrlich mit dir – und wer will mit dir nur Geld verdienen? Das musste sich erstmal herauskristallisieren, dafür musste ich ein Gespür entwickeln. Ich war ja von heute auf morgen in einem Beruf in der Comedy-Branche, mit der ich vorher nichts zu tun hatte. Bei Verträgen wusste ich nicht, was man alles beachten muss. Da musste ich vorsichtig sein, und gucken: Wer ist ehrlich zu dir?
Mussten Sie viel Lehrgeld zahlen?
Bessin: Ja, das musste ich. Im Nachhinein sage ich aber: Es kam alles so, wie es kommen musste. Hätte ich das alles nicht so erlebt, wäre ich jetzt nicht hier und wir würden heute kein Interview führen über ein Buch und Hörbuch von mir. Am Ende helfen dir auch die negativen Dinge weiter: Zum Beispiel, wenn mich früher Leute beschimpft haben, hat mich das eher nach vorne getrieben, weil ich dachte: Denen werde ich es jetzt zeigen, ich kann das, ich schaff das!
Als ich den Job als Animateurin auf dem Schiff Aida angeboten bekam, da haben mir viele gesagt, „dafür bist du doch zu dick, ich glaube nicht, dass die dich nehmen“ – aber sie haben es und es hat funktioniert. Das macht mich dann schon stolz, wenn ich es den Leuten beweisen kann. Nicht aus Rache, sondern einfach um zu zeigen: Es kann eben doch funktionieren. Vertraut mir, ich kriege das hin.
War Ihre Erfahrung als Animateurin auf dem Kreuzfahrtschiff für Sie die wichtigste Schule für die Comedy-Bühne?
Bessin: Nein, die größte Comedy-Schule war für mich die Gastronomie, in der ich 16 Jahre gearbeitet habe. Da gibt es so viele Sachen, die man erzählen kann: Vom Umgang mit Menschen, mit schlecht gelaunten Menschen, die man zum Lachen bringen muss, so dass sie nach Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise gut gelaunt nach Hause gehen.
Ich wollte schon immer im Gastro-Bereich arbeiten, wollte immer ein kleines Hotel oder ein Restaurant haben – und bin dann durch einen Umweg auf der Comedy-Bühne gelandet. Dort hat mir die Gastro-Erfahrung sehr geholfen. Auf der Bühne frei zu reden, einen Spruch zu machen, das habe ich beim Kellnern gelernt. Dort musst du ja reagieren, wenn die Gäste mal wieder mit den Fingern schnipsen, weil es ihnen zu lange dauert. Wenn sie rufen „Fräulein, bedienen Sie hier auch?“ und ich antworte: „Nein, ich verkaufe nur Schlauchboote“ – so etwas ist in der Gastro entstanden.
Und Sie konnten bereits in der Gastronomie einige Stars hautnah erleben…
Bessin: Das stimmt, im Planet Hollywood in Berlin. Das war eine tolle Zeit, dort zu arbeiten. Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone sind ja wirklich dort hingekommen wenn sie in Berlin waren.
Sie schreiben im Buch, dass Sie während Ihrer Karriere als Cindy den Erfolg nicht richtig genießen konnten. Hat sich das inzwischen geändert?
Bessin: Erfolg hat ja viel mit Arbeit zu tun. Manche Menschen denken, dass man nur zwei Stunden auf der Bühne steht, dann ins Hotel geht und die Beine hochlegt. Aber so ist es eben nicht, man muss sich das wirklich erarbeiten. Eine Tour bedeutet oft Stress, du bist mit vielen Leuten unterwegs, fährst 4-5 Stunden mit dem Auto, dann gehst du auf die Bühne… In der Zeit kann man den Erfolg kaum genießen, das geht erst im Nachhinein. Zum Beispiel heute, wenn ich jetzt alte Einspieler von mir im Fernsehen sehe, oder mir alte Show-Aufzeichnungen angucke, dann schmunzele ich und denke: Es war echt eine schöne Zeit. Ich bin sehr stolz darauf, was ich schon alles machen durfte.
Und Ihr Abschied von Cindy ist vermutlich ein endgültiger gewesen, oder?
Bessin: Ja. Cindy ist jetzt auf einer Bohrinsel, und die verlässt sie wenn überhaupt nur für einen guten Zweck. Also, wenn jemand richtig viel Geld in die Hand nimmt, für einen guten Zweck, dann überlegt sie sich vielleicht, ob sie noch einmal für ein paar Stunden von ihrer Bohrinsel runterkommt.
Hallo liebe Ilka,
ich habe in der letzten Folge „Zahltag – Ein Koffer voller Chancen“ die Herstellung Deiner Bratwurst-Pizza gesehen und war ganz begeistert.
Gerne würde ich sie auch einmal nachmachen, habe mir leider in der Schnelle nicht die Zutaten dazu aufgeschrieben. Könnte ich die Liste dazu von Dir erhalten oder ist das nicht gestattet, jedenfalls würde ich mich sehr darüber freuen.
Ich wünsche Dir noch ganz viele wunderbare Auftritte und beste Gesundheit und sage schon einmal ganz herzlich danke.
Sei herzlich von mir gegrüßt
Christine