Günter Wallraff

Der Vernichtungsjournalismus ist in Deutschland sehr ausgeprägt

Der Journalist Günter Wallraff im ausführlichen Interview: über Undercover-Kollegen, Hinrichtungsjournalismus im Fall Wulff, Eitelkeit in der Medienbranche, sein Wertesystem und seine produktivste Tageszeit.

Günter Wallraff

© Planet Interview

Herr Wallraff, wie viele Undercover-Journalisten kennen Sie?
Günter Wallraff: Es gibt nur sehr wenige: Ein paar beim Netzwerk Recherche, einige von ihnen habe ich auch schon beraten. Zum Beispiel Markus Breitscheidel. Der kam aus einem ganz anderen Beruf, war inspiriert von meiner Arbeit und wollte damals ein Thema für sich selber finden. Wir kamen dann auf die Idee, als Pfleger in Altenheime zu gehen, was er dann auch gemacht hat. Sein Buch „Abgezockt und totgepflegt“ wurde ein Bestseller. Er hat sich danach auch noch in andere prekäre Situationen begeben und das Buch „Arm durch Arbeit“ geschrieben. Allerdings hat er irgendwann die Lust verloren, weil ihn Anwaltsabmahnungen und drohende Gerichtsverfahren mürbe machten. Ich hoffe aber, dass er weitermacht, denn er hat Talent und dazu noch ein stark ausgeprägtes soziales Gewissen.

Pflegen Sie auch internationale Kontakte?
Wallraff: Ja, zum Beispiel in Mexiko gibt es die Kollegin Lydia Cacho, die zuletzt auch in Deutschland mit dem Buch „Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel“ bekannt wurde. Ich habe sie bei einem Workshop in Mexiko getroffen, sie orientiert sich in ihrer Arbeit an mir.
In Frankreich habe ich eine Nachfolgerin: Florence Aubenas, die sich auf meine Arbeit beruft, genauso wie ein Kollege aus Ghana. In Italien habe ich Fabrizio Gatti getroffen, den Autor des Buches „Bilal“. Er hat als Student meine Bücher gelesen und sich selbst unter großer Lebensgefahr als simulierender Bootsflüchtling vor Lampedusa ins Meer gestürzt, nachdem er zuvor Monate lang Flüchtlinge durch Afrika begleitet hatte, u.a. durch die Sahara. Am Ende ist er in einem Auffanglager gelandet. Meisterhafte Sachen hat der gemacht, er ist jemand, der mich zum Vorbild genommen hat und der wiederum für mich zum Vorbild geworden ist.

Zuletzt haben Sie die Journalistin Pia Osterhaus bei ihrer Undercover-Recherche als Putzfrau in deutschen Hotels unterstützt. Gefällt Ihnen die neue Rolle als „Pate“ im Hintergrund?
Wallraff: Das ist ein Gemeinschaftsprojekt, wo ich meine Ideen und Erfahrungen eingebracht habe. Natürlich war mir die Rolle als Zimmermädchen alters- und geschlechtsbedingt nicht vergönnt. Obwohl ich einen guten Maskenbildner habe und körperlich wieder belastbar bin – in meiner letzten Rolle als Paketauslieferer haben mich Kollegen auf Anfang 50 geschätzt.
Vor der Kollegin Pia Osterhaus habe ich großen Respekt, sie hat acht Monate in verschiedenen Hotels unter übelsten Bedingungen gearbeitet. Ein anderes gelungenes Beispiel hat eine Journalistin im SZ-Magazin veröffentlicht, sie hat ein halbes Jahr unter widrigsten Bedingungen als Pflegerin in verschiedenen Altenheimen gearbeitet. Oder der Kollege von der ARD, der sich als Leiharbeiter am Fließband bei Daimler Benz verdungen hat. Wenn ich sehe, dass diese Methode, für die ich mich früher noch vor Gericht verantworten musste, inzwischen eine breite Akzeptanz erreicht hat, dann entlastet mich das auch. Ich kann mich jetzt auch anderen Themen zuwenden, die ich bisher vernachlässigt habe.

Gemessen an der riesigen Presselandschaft scheint die Zahl der Undercover-Journalisten aber trotzdem äußert gering zu sein.
Wallfraff: Ja, man wird nicht gerade dazu ermutigt. Es wird nicht gerade gefördert, ist sehr zeitaufwendig, mühselig und strapaziös. Dieser Beruf erfordert, vieles Gewohnte und Vertraute hinter sich zu lassen. Ich denke aber, es würden mehr Menschen machen, deswegen finanziere ich auch einzelne Stipendien, wo junge Journalisten Themenvorschläge machen und dann einige Monate unterwegs sind.

Was denken Sie über das soziale Gewissen der nachfolgenden Generation?
Wallraff: Ich denke, das soziale Gerechtigkeitsempfinden nimmt zu, die Menschen wenden sich wieder den Entrechteten zu, sie durchschauen die Glanz- und Glimmer-Welt. Und diejenigen, die den Buckel hinhalten, die wie in einer Kastengesellschaft nicht mehr dazugehören, erfahren Mitgefühl und finden Gehör. Es reicht natürlich nicht, deren Situation öffentlich zu machen, sondern da ist auch die Politik gefordert, die Gewerkschaften und wir Konsumenten. Wir können uns den Paketauslieferer aussuchen, wir können Amazon boykottieren und in die Buchhandlungen und Fachgeschäfte gehen, wir können uns bei den Hotels vorher erkundigen, wie die beschäftigten Reinigungskräfte bezahlt werden. Da haben wir als Verbraucher eine große Macht und eine große Verantwortung.

Glauben Sie, dass die Aufdeckung von Missständen auch bei den Arbeitgebern zu einem Mentalitätswandel führt?
Wallraff: Meine Recherche beim Paketdienst GLS hatte ja zur Folge, dass ich bis heute aus ganz Deutschland Berichte bekomme, von Zustellern oder Subunternehmern. Egal ob GLS, DPD, TNT, oder Hermes, überall schildert man mir dasselbe Elend.
Ich bin einerseits Berufsskeptiker, auf der anderen Seite aber auch wieder Zweckoptimist. Wir müssen so tun, als wenn das alles nicht so bleibt, wir müssen auf die Politiker Druck ausüben,damit sie für andere Rahmenbedingungen sorgen. Vor allem muss eine permanente Öffentlichkeit stattfinden, sonst bekommt am Ende derjenige Recht, der fatalistisch resigniert und meint: „Da es immer so gewesen ist, muss es auch immer so bleiben.“ Nein, es darf nicht so bleiben! Dafür haben wir Sorge zu tragen, da müssen auch wir Journalisten nacharbeiten. Nicht die Sache einmal veröffentlichen und dann zum nächsten Thema übergehen, sondern dranbleiben.

Haben Sie schon mal mit Thomas Kuban Kontakt aufgenommen, der unter falscher Identität in der Rechtsrock-Szene Filmaufnahmen machte?
Wallraff: Ja, bei seinem Filmprojekt habe ich ihn schon mal finanziell unterstützt.

Haben Sie selbst schon in rechten Kreisen recherchiert?
Wallraff: Ganz früh in den Anfängen. Ende der 60er Jahre bin ich aus dem Grund sogar mal NPD-Mitglied geworden. Das war die Zeit, als ich in der Zeitschrift „Pardon“ veröffentlichte. Da war ich zu unbekümmert und habe das noch unter meinem richtigen Namen gemacht – ich bin relativ früh aufgeflogen. Mir fehlte einfach die Erfahrung.
Später habe ich eine Reportage darüber veröffentlicht, wie ich mich als V-Mann den Verfassungsschutzämtern angedient habe, gegen die Linken und gegen die Rechten. Gegen die Linken war man hochwillkommen, gegen die Rechten war überhaupt kein Bedarf, weil man dort selbst diese Gesinnung hatte. Damals war der Verfassungsschutz – und der BND sowieso – von Rechtsradikalen geradezu durchseucht. (Wallraffs Reportage ist nachzulesen in dem Buch „13 unerwünschte Reportagen“, Anm. d. Red.)

Beim Verfassungsschutz hat man auch heute große Bedenken, wenn man sich die Ermittlungen zum NSU anschaut. Wäre es da nicht an der Zeit, so eine Aktion zu wiederholen?
Wallraff: Ich habe das vor längerer Zeit mal bei einer öffentlichen Veranstaltung vorgeschlagen, einen Undercover-Einsatz beim Verfassungsschutz! Ich persönlich hatte es zwar nicht vor, doch die haben das Ernst genommen: Es stellte sich später heraus, dass damals in allen Verfassungsschutzämtern vor mir gewarnt wurde. So hat es jedenfalls der ehemalige Bremer Verfassungsschutz-Chef in einem Interview ausgeplaudert.

Sie sind zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im Journalismus in Deutschland geworden. Wie wichtig war es dabei, die Figur Günter Wallraff zu inszenieren?
Wallraff: Ich bin so, wie ich bin. Da brauche ich nichts zu inszenieren. Außerhalb meiner Arbeit trage ich keine Maske, ich verstelle mich nicht. Ich spreche vor zehn Menschen nicht anders als vor tausend. Von daher wäre ich auch als Politiker nicht geeignet.

Aber Sie haben doch bestimmt ein Auge drauf, wenn Sie zum Beispiel eine Ihrer Undercover-Reportagen ins Fernsehen bringen und mit im Schneideraum sitzen. Ist man da nicht auch ein wenig eitel?
Wallraff: Ich sage es mal so: Ich komme aus einem Berufsstand, wo Eitelkeit bei vielen dazu gehört. Und da gehöre ich eher zu den Uneitlen.

Ein früherer Mitarbeiter bezeichnete Sie einmal als „Egomane“.
Wallraff: Das kann ich nicht beurteilen, da bin ich befangen. Diejenigen, die mich aus nächster Nähe kennen, bescheinigen mir Zurückhaltung, beinahe sogar Scheue. Ich bin nicht jemand, der im Mittelpunkt stehen möchte, da fühle ich mich höchst unwohl. Ich bin ein besserer Fragensteller als Antwortgeber. Ich bringe eher andere zum Sprechen, gerade diejenigen, die sich nicht so gut darstellen können. Denen fühle ich mich am Nächsten.

War Ihnen der Status als Star-Journalist recht, den Sie mit der Zeit erlangten?
Wallraff: Nein, das ist eher lästig. Ich bin jemand, der sich in der Öffentlichkeit schwer tut, Platzangst überwinden muss. Ich bin viel authentischer als Mann in der Menge, als Beobachter. Jetzt soll ich demnächst einen Preis bekommen, aber damit tue ich mich schwer, weshalb ich überlege ihn abzulehnen.

© Planet Interview


2012 erschienen einige kritische Berichte über Sie, ausgelöst durch Vorwürfe eines früheren Mitarbeiters. Trotz fehlerhafter Anschuldigungen: Würden Sie sagen, dass es für unsere Medienlandschaft ein gutes Zeugnis ist, dass auch ein großer Enthüller wie Sie durchleuchtet wird?

Wallraff: Es kommt drauf an, wer das betreibt und welche Absicht dahinter steht. Im angesprochenen Fall weiß ich, dass selbst die Redaktion der „Bild“-Zeitung davon Abstand nahm, das ihr übergebene Material zu veröffentlichen.
Die Berichterstattung an anderer Stelle gab mir insofern zu denken, als dass man daran sehen konnte, welche interessengeleitete Absicht bei bestimmten Medien dahinterstand, Medien, die mich schon seit jeher mit ihrer grundlegenden Ablehnung auf ihre Art würdigten. Alle Jahre wieder wird versucht, sich auf meine Kosten zu profilieren, aber es fällt letztlich wieder auf sie zurück.

Finden Sie es dennoch wichtig, dass auch jenseits der „Bild“-Zeitung Ihre Person und Biografie kritisch hinterfragt wird?
Wallraff: Sicher, das muss ich mir gefallen lassen, wie alle Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Nur stimmt die Verhältnismäßigkeit oft nicht mehr. Es gibt in einzelnen Redaktionen ganze Teams, die wie eine Meute hinterherhecheln und dann Sachen aufbauschen, an denen wenig oder gar nichts dran ist. Und es gibt in Deutschland einige Medien, die Vernichtungsjournalismus betreiben, die nicht nur Kritik üben, sondern versuchen, jemanden zur Unperson zu erklären, um ihn zur Strecke zu bringen.

War der Fall Wulff ein Beispiel für „Vernichtungsjournalismus“?
Wallraff: Ja, da würde ich sogar von Hinrichtungsjournalismus sprechen. Bei Wulff hatte man den Eindruck, dass Maßstäbe angelegt wurden, denen nur wenige Politiker gerecht werden würden. Da haben sich mächtige Medien zusammengetan und das Seite an Seite wie die Herren der Inquisition betrieben.
Genau umgekehrt proportional wurde der Fall Sarrazin gespielt: Der wurde in „Bild“ und „Spiegel“ mit seiner biologistisch begründeten Ausländerfeindlichkeit regelrecht populär gemacht, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen.

Aber warum glauben Sie, hat man sich gegen Wulff verbündet?
Wallraff: Ich werde den Verdacht nicht los, dass das gegen seine positive Äußerung zum Islam gerichtet war. Damit war er zum Abschuss freigegeben.
Eigentlich war ich ja Wullfs Gegner. Er hat sich ja früher selbst sehr polemisch gegen Johannes Rau wegen dessen Flugmeilen-Affäre gestellt, wollte dass Rau zurücktritt. Und dann musste er selbst die Erfahrung machen, wie es ist, das Opfer zu sein.

Was meinen Sie damit, Sie waren sein „Gegner“? Das Wort klingt aus Ihrem Mund etwas untypisch.
Wallraff: Gegner ist für mich jemand, der mir politisch-polemisch übers Ziel hinausschießt. Ich meine damit aber nicht Feind. Gegner bedeutet für mich auch nicht Hass oder Verachtung. Zum Glück können die Menschen sich ja unter anderen Voraussetzungen auch ändern.

Zurück zum „Vernichtungsjournalismus“…
Wallraff: Der ist in Deutschland sehr ausgeprägt. Auch in der Kultur: Man kann sich in Deutschland mit einem Buch feiern lassen mit dem Titel „Lauter Verrisse“. Skandinavische Kollegen von mir verstehen das nicht, bei denen rühmt man sich nicht auf diese Weise. Ich finde, wenn sogar jemand wie Marcel Reich-Ranicki sich dafür hergibt, für einen „Spiegel“-Titel ein Buch von Günter Grass zu zerreißen, dann ist er in dieser Hinsicht mehr Literaturverhinderer statt -förderer.

Gibt es noch andere Entwicklungen im Journalismus, die Ihnen Sorgen bereiten?
Wallraff: Mir bereitet Sorge, dass so schnell ein Meute-Instinkt entsteht. Jemand, der ohnehin schon angeschlagen ist, wird angeschossen und wenn er weitere Schwächen zeigt und schon am Boden liegt, wird noch nachgetreten. Da findet eine regelrechte Hetzjagd statt, da hecheln alle hinterher und jeder möchte der erste sein, der den Todesstoß versetzt. Und wenn dann auch noch eine gewisse Justiz dadurch beeinflusst und angefeuert wird, dann finde ich das in einer Demokratie eher furchterregend.

Zitiert

Ich denke, das soziale Gerechtigkeitsempfinden nimmt zu, die Menschen wenden sich wieder den Entrechteten zu, sie durchschauen die Glanz- und Glimmer-Welt.

Günter Wallraff

Sie erwähnten gerade ausländische Kollegen. Sind Sie bei all den verschiedenen Missständen, die Sie aufgedeckt haben, nicht nur im Journalismus, auch mal auf ein Land gestoßen, das im Vergleich zu Deutschland ein gewisses Ideal erreicht hat?
Wallraff: Es gibt nie einen Idealzustand. Jedes Land, das so etwas von sich behauptet, stagniert oder ist bereits rückschrittlich.
Es gibt aber Studien, die besagen, dass es in Skandinavien um Einiges demokratischer zugeht, was das Bildungs-, das Steuersystem oder die Frauenrechte anbelangt. Von denen können wir noch Einiges lernen. Oder von Neuseeland, wo das Schulnotensystem ganz anders ist, dort wird im Sportunterricht zum Beispiel nicht am besten benotet, wer am schnellsten läuft oder weitesten springt, sondern jeder wird am Ende des Jahres relativ zu seiner eigenen Veranlagung benotet, da werden die Schwächeren ganz anders gefördert.
Wir Deutschen gelten zwar als die Musterschüler Europas, doch das finde ich problematisch, weil wir in vielem keine Lebensart haben. Wir sind in vielem unterentwickelt und verkümmert, gerade gegenüber Minderheiten und Schwächeren gibt es bei uns Ausgrenzungstendenzen.

Woher haben Sie Ihr persönliches Wertesystem?
Wallraff: Gandhi zum Beispiel hat mich in meiner Jugend stark beeinflusst. Auch Jesus, obwohl ich Agnostiker bin, den sehe ich heute noch als Sozialrevolutionär. Abgesehen von dem Wunderglauben der bei ihm hinzugedichtet wurde, gibt es im Neuen Testament keinen Satz, der irgendwie inhuman ist. Also, sagen wir in der Reihenfolge: Sokrates, Jesus, Gandhi, Martin Luther King, der späte Mandela und viele, viele Namenlose.

Sokrates an erster Stelle.
Wallraff: Ja. Sokrates war jemand, der bereit war, sein Leben zu opfern für eine Idee, für eine humane Weltanschauung.

Sie erwähnen jetzt große Persönlichkeiten, die für Ihre Wertvorstellungen eine Rolle spielen. Was ist mit Ihren Eltern?
Wallraff: Bei meinen Eltern trafen zwei Welten aufeinander. Meine Mutter kam aus einem pietistischem Elternhaus, von ihr her sollte ich eher zur Anpassung erzogen werden. Mein Vater war Kosmopolit. Er hat sich schon in seiner Jugend von zuhause wegbewegt, als Abenteurer die Welt kennen gelernt, bis er als Arbeiter mehrere Jahre in Spanien sesshaft wurde. Nach Deutschland zurückgekehrt arbeitete er bei Ford am Fließband. Leider ist er früh gestorben.
Ich muss sagen, mein Vater hat mich sehr beeindruckt. Er war jemand, der in Büchern lebte und das, was in diesen Büchern stand auch zum Teil erlebt hat, wie z.B. Jack London oder B. Traven. Der Bruch dieser Welten im Elternhaus hat bei mir vielleicht dazu geführt, dass ich irgendwann etwas Eigenes entwickeln wollte.

Sie haben oftmals erklärt, dass Sie sich mit den Schwächeren in der Gesellschaft identifizieren. Woher kommt das?
Wallraff: Da habe ich der Bundeswehr viel zu verdanken. Die war damals noch von alten Nazis durchsetzt. Ich war Kriegsdienstverweigerer, wurde aber trotzdem eingezogen und zehn Monate lang deren Willensbrechungsmethoden ausgesetzt, weil man mich zur Räson bringen wollte. Dort fing mein Widerstandspotential an, ich habe mich geweigert, mich zum Töten ausbilden zu lassen, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Stattdessen habe ich Feldblumen in die Gewehrmündungen gesteckt. Dann habe ich dort Tagebuch geschrieben, woraus zwei Fortsetzungen in der Zeitschrift „Twen“ erschienen. So bin ich zum realistischen Schreiben gekommen.

Wenn Hans Leyendecker Sie heute als „moralische Instanz“ bezeichnet, wie empfinden Sie das?
Wallraff: Aus seinem Mund ist es sicher ein Kompliment, aber es ist eher eine Belastung für mich. Es freut mich natürlich, wenn andere mich wegen meiner Arbeit als moralische Instanz sehen und dadurch Zivilcourage entwickeln. Ich selber würde mir das allerdings nicht anmaßen. Ich kenne meine Fehler und Defizite und bemühe mich, sie von Fall zu Fall zu überwinden.

Wie gehen Sie denn mit Kritik um?
Wallraff: Kommt darauf an, von welcher Seite sie kommt.

Kritisiert wurde zum Beispiel Ihr Film „Schwarz auf Weiss“, für den Sie – geschminkt als Schwarzer – durch Deutschland reisten.
Wallraff: Die Kritik daran war sehr vordergründig, deren Hauptargument war, dass so kein richtiger Schwarzer aussieht. Aber wie hat denn ein echter Schwarzer auszusehen? Oder ein echter Weißer auszusehen?
Mich hat entschädigt, dass ich hunderte Zuschriften von hier lebenden Schwarzen bekommen habe, die das ähnlich oder schlimmer erlebt haben, die sich darin wiedererkannt haben. Jimmy Hartwig, einer der ersten schwarzen Fußballspieler in Deutschland, sah den Film und meinte: „Das ist so, wie ich es erlebt habe“. Und als ich in einem Asylbewerberheim in München gelebt habe, war ich einer von denen, da sagte mir ein Somalier: „Du siehst aus wie mein Onkel.“

Es wurde aber auch kritisiert, wie Sie die deutsche Bevölkerung zeigen, dass Sie die Bürger zum „fratzenhaften Pöbel“ degradieren, wie es Adrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung ausdrückte.
Wallraff: Tut mir leid, aber dieser Film ist keine Fiktion. Wenn ich bei einem Dutzend Versuchen, eine Wohnung zu bekommen, nicht eine Zusage erhalte, stattdessen aber andere ohne schwarze Hautfarbe, dann ist das die Realität. Ich traf kürzlich Gerald Asamoah, der erzählte, was er im Alltag an Rassismus erlebt, selbst von eigenen Kollegen. Und das sind leider keine Ausnahmen. Die Umfragen sagen, dass 25 Prozent der Deutschen – nach der Sarrazin-Debatte waren es zeitweise über 30 Prozent – fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen haben.

Suchten Sie denn mit dem Film nach einer Bestätigung für solche Zahlen?
Wallraff: Nein, ich hatte keine konkreten Erwartungen. Ich war neugierig und dachte: Vielleicht erlebe ich ja auch eine eher ausländerzugewandte Seite der Deutschen.

Wie penibel sind Sie bei Ihrer Arbeit, gerade was die Faktengenauigkeit betrifft?
Wallraff: Die Gerichte entscheiden ja letztendlich darüber, ob die Fakten stimmen. Fast alle wichtigen Veröffentlichungen von mir haben Prozesse nach sich gezogen. Ich habe sie gewonnen, bis auf ein paar Nebensätze. Das heißt, meine Bücher sind gerichtsbeglaubigt.

Wo sind Sie besonders selbstkritisch?
Wallraff: Das muss ich vor meinen Gegnern ja nicht unbedingt ausbreiten. Ich bin ein sehr von Selbstzweifeln geplagter Mensch und in vielem verbesserungsbedürftig. Ich bin immer noch ein Lernender.

… aber auch jemand, der schon sehr viel Gutes bewirkt hat.
Wallraff: Ich habe all das gemacht, weil ich es für richtig hielt. Aber mein Gott, ich habe nie damit gerechnet, dass ich damit so viel bewirke. Das ist für mich das Erstaunlichste, dass mir ständig Menschen begegnen, die mir sagen: Deine Arbeit hat bei mir zu dem und dem geführt.

Noch ein paar kurze Fragen zum Schluss: Wie viel Stunden arbeiten Sie pro Woche?
Wallraff: Ganz unterschiedlich. Manchmal lese ich tagsüber, lasse mich ablenken und abends ab zehn fängt dann eine produktive Phase an bis zum nächsten Morgen. Obwohl: neuerdings halte ich nicht mehr so lange durch und schlafe meist gegen drei oder vier ein.

Die produktivste Zeit ist also eher nachts?
Wallraff: Ja, meistens. Das andere ist ein Anlauf, ein Warmwerden. Ich lese viel, ich informiere mich, habe viele Gespräche – aber die richtige Zeit ist, wenn die anderen schlafen. Dann kommt bei mir die Konzentration.

Kaffee, Espresso oder Tee?
Wallraff: Espresso. Zuviel Espresso. Das ist die letzte verbliebene Sucht. Das muss ich reduzieren.

Lieblingskomponist?
Wallraff: Da habe ich verschiedene. Einerseits die Klassiker wie Chopin. Wagner liegt mir gar nicht, Bach schon eher. In meiner Jugend war ich selbst so zerrissen, dass mich die Dissonanzen fasziniert haben, zum Beispiel Darius Milhaud, auch Hindemith, Anton Webern oder Strawinsky. Die „Geschichte vom Soldaten“ ist heute noch ein Ohrwurm für mich.

Wie oft machen Sie Urlaub?
Wallraff: 2012 habe ich es geschafft, über Weihnachten mit der Familie Urlaub zu machen. Das ging einige Jahre nicht. Silvester ist für mich der Horror, ich kann die Knallerei nicht ausstehen, da habe ich mich in eine Höhle mit Kerzen und Lektüre zurückgezogen.
Aber sonst kommt so etwas wie Urlaub zu selten vor. Vielleicht mal ein bis zwei Wochen. Auch wenn ich die Sehnsucht habe, mich mal ein paar Monate aus allem rauszuziehen – ich werde ständig gefordert, im Moment bin ich wieder an neuen Themen dran. Ich habe eine ständige Unruhe, dem kann ich mich nicht entziehen.

Gibt es eine Angst, dass man bestimmte Dinge nicht mehr schafft?
Wallraff: Ich habe mir noch so viel vorgenommen und befürchte, dass mir die Zeit davonläuft. Manchmal fühle ich mich wie ein alter Baum, der, bevor er abstirbt, nochmal voll ausknallt. In der Botanik spricht man da von „Angstblüte“.
Die Hälfte meiner Tätigkeit besteht inzwischen darin, entrechteten Menschen zu helfen, die Probleme in ihrer Arbeitssituation haben. Davon fühle ich mich manchmal überfordert und es kommt zu Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen.

Wie bekämpfen Sie so etwas?
Wallraff: Mit Ausdauersport, ein bis zwei Stunden-Läufe oft spät abends noch. Das ist für mich die beste Medizin.
Ein Freund von mir ist Psychiater, der erzählte mir, dass man bei Depressionen neuerdings wieder mit Elektroschocks arbeitet, allerdings dosierter als früher. Ich wollte das absolut nicht glauben. Dann kam ich am letzten Tag meines Weihnachtsurlaubs zu einem Strand mit dem Schild „Schwimmen verboten – Lebensgefahr“. Das reizte mich natürlich, die Wellen dort waren doppelt so hoch wie sonst. Und ich war dort auch früher schon ohne nennenswerte Probleme geschwommen. Da bin ich rein – und fast nicht mehr rausgekommen. Die Strömung war plötzlich so stark, dass ich dachte, bei der nächsten Welle knallt mein Schädel oder Rücken gegen einen Felsen. Ich kam nicht dagegen an, obwohl ich ein guter Schwimmer bin, auch Triathlon trainiert habe. Ich habe lange gekämpft, bis ich da raus kam. Aber danach war die Depression weg. Da habe ich meinen Freund angerufen und gesagt: „Ich hatte jetzt mehrere Elektroschocks hintereinander, das scheint wirklich zu helfen.“ (lacht)

Wann waren Sie das letzte Mal beim Lidl?
Wallraff: Bei mir gegenüber gibt es eine Kaufland-Filiale. Da gehe ich aus Bequemlichkeit schon mal hin, oft auf den letzten Drücker, kurz vor zehn, wenn ich merke, ich habe nicht eingekauft und alles andere hat zu. Dann laufe ich rüber und hole mir ein paar Bananen oder Äpfel. Das sind meine Grundnahrungsmittel. Ansonsten kaufe ich meist im Bio-Laden in der Nähe ein.

Ernten Sie denn manchmal komische Blicke an der Supermarkt-Kasse?
Wallraff: Nein, von den Verkäuferinnen werde ich freundlich angesprochen. Das ist inzwischen eine Akzeptanz, die ich wiederum auch als eine Verantwortung empfinde.

Sie wissen unheimlich viel. Haben Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt, als Kandidat zu „Wer wird Millionär“ zu gehen?
Wallraff: Sie werden lachen, obwohl ich den Jauch nicht sonderlich schätze, schaue ich mir die Sendung ab und zu an. Weil die Kandidaten oft interessante Menschen sind, man sieht dort authentische und unverstellte Menschen, viel echter als in den meisten Talkshows.

Und Sie als Kandidat?
Wallraff: Ach, nein. Lieber nicht.

Letzte Frage: Eine Schulnote für dieses Interview?
Wallraff: Also, benoten kann ich nicht, vor allem nicht in Schulnoten. Ich war ein schlechter Schüler, ich habe bis vor zehn Jahren noch Alpträume gehabt, von Klassenarbeiten, bei denen ich versagt habe. Die Schule war für mich die schlimmste Zeit des Lebens. Da war ich ein Versager, bis auf Kunst, Sport und Deutsch, da hatte ich eine eins. Alles andere, die abstrakten Fächer, konnte man vergessen. Ich habe ein Theoriedefizit, ich bin lernfähig, wenn ich es selber zu spüren kriege. Wahrscheinlich suche ich auch deswegen bei meinen Recherchen diese sinnlichen, direkten Erfahrungen: Wenn ich in der Rolle drin bin, dann wache ich auf, bin ein anderer Mensch, spüre und schmecke anders – und wachse über mich hinaus.

Das Interview mit Günter Wallraff entstand im Januar 2013 und Juni 2013. Ein ebenso von Planet Interview produziertes Video-Interview findet sich auf der Website der Jugendzeitschrift SPIESSER.

11 Kommentare zu “Der Vernichtungsjournalismus ist in Deutschland sehr ausgeprägt”

  1. Klein |

    Günter Wallraff: ich bräuchte ihre Hilfe bitten meine Freundin arbeitet im Penny und Wörter wie ein Sklave behandelt bitte helfen sie mir wäre echt nett wenn Sie sich bei mir melden und dent Sache mal auf den Grund gehen soll wenn Sie einen richtigen Sachen finden

    Antworten
  2. Heiner Bremer |

    „Letzte Frage: Eine Schulnote für dieses Interview?“

    Fishing for Compliments, Herr Interviewer???

    Antworten
  3. Synapsenkitzler |

    Danke für das hervorragende, einfühlsame Interview. Danke an Günter Wallraff für sein vorbildliches Schaffen und Wirken. Ich frage mich gerade, ob sich Loriot und Wallraff je getroffen haben, wie sie zueinander stehen/standen.

    Antworten
  4. Teagaarden |

    Ja, Tina, ich bewundere ihn auch.

    Antworten
  5. Teagaarden |

    Ja, ich bewundere ihn auch.

    Antworten
  6. Else L. |

    Vielen Dank. Ein gutes Interview, mir gefällt, dass G.W. tatsächlich mal ein wenig zu Wort kommt und die befragende Person nicht ausschließlich auf wiederkäubare Pauschalantworten aus ist. Ich hätte einige Antworten gern noch ausführlicher gehabt, das sind meist die Stellen, wo der Fragende denn doch das Thema wechselt. Aber ich bin schon zufrieden und werde dieses Interview auch einigen Kids geben – die dürfte das begeistern, denn ihre Erfahrung mit uns Älteren ist, dass die meisten von uns und praktisch alle Prominenten fast ununterbrochen in kleinem oder größeren Maßstab lügen, um sich zu produzieren oder gut dazustehen. Walraffs Integrität hingegen ist echt erfrischend.

    Antworten
  7. Jens Bremmekamp |

    Idiotenkommentare.

    Antworten
  8. Jeeves |

    „Obwohl ich einen guten Maskenbildner habe“
    .
    Das sah man bei seiner „Neger“-Rolle: ein peinlich schlechter Maskenbildner war da tätig; kein Wunder, dass Leute „komisch“ kuckten. Denen DAS dann vorzuwerfen, war schon… nun ja…
    Ansonsten natürlich: Hochachtung vor Wallraffs Tun.

    Antworten
  9. malte h. |

    Kritische Fragen im Interview wurden leider nur abgehakt und nicht wirklich ernsthaft verfolgt. Ex-Mitarbeiter haben ihm sicher noch mehr vorgeworfen. Oder hat Wallraff keine ernsthaft kritischen Fragen zugelassen?

    Antworten
  10. Tina Trautmüller |

    Bewunderungsinterview

    Antworten

Kommentar schreiben

* Erforderliche Angaben. Emailadresse wird nicht veröffentlicht.