Ulrich Mühe

Stasi war Alltag.

Ulrich Mühe über den Film „Das Leben der Anderen“, Erinnerungen an das Leben in der DDR, seine Schauspiel-Karriere vor und nach der Wende und seine erste eigene Regie-Arbeit

Ulrich Mühe

© Buena Vista International / Wolfgang Bor

Herr Mühe, Sie blicken auf eine langjährige Bühnen- und Filmkarriere zurück. Würden Sie sagen, „Das Leben der Anderen“ ist einer Ihrer besten Filme?
Mühe: Ich denke ja. Uns ist da wirklich etwas Besonderes gelungen. Es ist erstaunlich, wie es dieser Film schafft, die Atmosphäre einer Zeit sehr verdichtet wieder erstehen zu lassen. Am Drehbuch hat mich fasziniert, dass es im Gegensatz zu vielen anderen Büchern keine Stellen gab, an denen man merkt, „das ist jetzt Quark“ oder übertrieben. Ich habe viele Gespräche mit Florian Henckel von Donnersmarck geführt und er war sehr wissbegierig zu erfahren, was ich in dieser Zeit gemacht habe, was wir empfunden haben, was uns beschäftigt hat. Ihm war wichtig, in diese Atmosphäre rein zu kommen und er ist ein schönes Beispiel dafür, dass man sich mit Akribie, Interesse und Talent ein völlig fremdes Thema erobern kann. Als Schauspieler verzweifelt man ja oft an Drehbüchern oder Regisseuren, die konstruierte Geschichten erzählen. Da treten Figuren auf, von denen man nicht weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen.

Im Film spielen Sie den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler. Im wahren Leben waren Sie selbst Opfer von Bespitzelungen. Nach dem Fall der Mauer haben Sie Einsicht in die Akten genommen, die über Sie angelegt worden waren. Warum war Ihnen das wichtig?
Mühe: Weil mich dieser Staat nicht noch im Nachhinein gefangen halten sollte. Ich wollte nicht in die Situation kommen, etwas nachzutrauern, was im Grunde ganz furchtbar war. Ich habe dann sehr schnell den Antrag auf Akteneinsicht gestellt, musste allerdings noch zwei Jahre warten, bis der Brief kam, dass ich in die Normannenstraße kommen soll. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, mich von der ersten Hälfte meines Lebens zu verabschieden. Ich möchte sie nicht missen, sie gehört zu meiner Biografie. Allerdings bin ich dadurch auch nicht wie viele andere Menschen beschädigt worden. Ich war in einem Alter, in dem ich wusste, dass ich noch einmal neu anfangen kann.

Nicht allen ist der Neuanfang geglückt und viele werden heute von ihrer Geschichte eingeholt. Zum Beispiel der ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf, der von der Stasi als „Inoffizieller Mitarbeiter“ geführt wurde. Fälle wie diese zeigen, dass es noch immer viel aufzuarbeiten gibt. Denken Sie, wir haben den richtigen Weg der Auseinandersetzung schon gefunden?
Mühe: Das ist sehr schwierig. Auf der einen Seite will man konsequent sein. Auf der anderen Seite gibt es immer Argumente für eine Biografie. Nur weil jemand mit Anfang 20 mal totalen Mist gebaut hat, muss man dem Menschen trotzdem eine Chance geben, sich zu entwickeln. Das ist sicher ganz kompliziert und ich möchte nicht Richter sein müssen. 1945 hatten wir ja eine ähnliche Situation. Damals musste man mit vielen staatsnahen Leuten weitermachen, was auch sehr unverblümt getan wurde. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man sich 1989 gesagt hat: So kann man es nicht noch einmal machen.

Wenn man in einer Atmosphäre permanenten Misstrauens lebt, in der man nie ganz sicher sein kann, wer Freund, wer Feind ist – ist Vertrauen da überhaupt möglich?
Mühe: Viele der Partys, wie sie Georg Dreymann und Christa-Maria Sieland im Film feiern, fanden aus diesem Grund sehr viel mehr im privaten Bereich statt. Und natürlich traf man dort meist Leute, mit denen man über lange Zeit die Erfahrung gemacht hatte, dass man ihnen vertrauen kann. Je größer der Kreis wurde, desto mehr musste man aber davon ausgehen, dass jemand dabei war, der für die Stasi mithörte. Stasi war Alltag und nichts, was uns jeden Tag mit Grausen in die Knochen fuhr. Jeder wusste, dass es im Theater oder im Betrieb Stasi-Offiziere gab. Es gehörte ganz selbstverständlich zum Berufsbild eines Intendanten oder Betriebsleiters, Kontakte zur Staatssicherheit zu halten.

Inwiefern haben sich diese äußeren Umstände auf Ihre Arbeit als Schauspieler ausgewirkt?
Mühe: Die Verzahnung zwischen den Künstlern war sehr viel enger als heute. Schauspieler, Maler, Musiker und Grafiker trafen aufeinander, was sehr kreativ war. Als Künstler waren wir ja immer damit beschäftigt, den Radius unserer Möglichkeiten auszuweiten und zu testen, wie weit wir mit einer Inszenierung gehen können. Was immer wir machten, hatte mit diesem blöden Land DDR zu tun. Wir haben viele Dichter grauenvoll vergewaltigt und ihre Texte benutzt, um über die historischen Konstellationen in den Stücken etwas über dieses Land zu sagen. Shakespeare hatte mit der DDR gar nichts zu tun und hätte bestimmt gegen die Verknappung seines Welttheaters auf dieses kleine Land protestiert.

Als Sie sich 1989 aus dem Gefängnis DDR plötzlich befreit sahen und als Schauspieler viel mehr Möglichkeiten hatten, wie haben Sie diesen Zustand empfunden?
Mühe: Ich war am 9. November 1989 ja nicht zum ersten Mal in West-Berlin. Ich hatte seit 1986 ein Arbeitsvisum, konnte reisen und hatte einen großen Film mit Bernhard Wicki gemacht. Natürlich habe ich die Möglichkeit zu reisen auch privat genutzt, um in West-Berlin ins Theater und ins Kino zu gehen. Für mich war der Schock also nicht ganz so gewaltig wie für andere. Allerdings bin ich schon ein halbes Jahr später in die erste Krise gerutscht. Der Impuls, aus dem heraus ich Theater gemacht und aus dem ich mich als Künstler formuliert hatte, war plötzlich weg. Auf einmal saßen Leute im Publikum, für die wir die Inszenierungen, die wir noch immer jeden Abend spielten, nicht gemacht hatten. Die verstanden gar nicht, was wir wollten, weil sie mit ganz anderen ästhetischen Bildern groß geworden waren. Wenn man sich aber traut, vor 500 oder 800 Leuten den Mund aufzureißen, hat man dafür verdammt noch mal eine Verantwortung und muss wissen, was man tut. Und das wusste ich nicht mehr. Wie die anderen 17 Millionen Menschen musste auch ich mich erst einmal orientieren und gucken, wie diese Gesellschaft funktioniert, in der wir jetzt leben. Ich habe das Theater deshalb erst einmal hinten angestellt und mich mehr dem Film zugewandt. Erst Ende der 1990er Jahre habe ich wieder angefangen, mich intensiv mit Theater zu beschäftigen, hauptsächlich mit Gegenwartsstoffen, von Sarah Kane oder Yasmina Reza zum Beispiel.

Sie zählen zu den wenigen renommierten Schauspielern, die nicht nur am Theater und im Film zu sehen sind, sondern auch noch in einer sehr erfolgreichen Fernsehserie spielen. Gibt Ihnen die Arbeit für das Fernsehen die Möglichkeit, sich bei der Wahl anderer Rollen freier entscheiden zu können?
Mühe: Ja, schon. Das war damals aber auch eine strategische Entscheidung. Ich war Mitte, Ende 40 und wusste, dass ganz viele Regisseure nachwachsen, die mich und was ich in der DDR am Theater gemacht hatte nicht kennen. Ich wollte deshalb eine Form finden, in der ich mich präsentieren konnte. Außerdem stimmte ganz einfach die Konstellation für mich, die wir mit „Der letzte Zeuge“ geschaffen haben. Es gab ein tolles Spieler-Ensemble und einen wunderbaren Regisseur.

Für das Stück „Der Auftrag“ von Heiner Müller haben Sie 2004 die Seiten gewechselt und selbst inszeniert. Von der Kritik mussten Sie dafür ganz schon einstecken.
Mühe: Ich habe in der Tat dermaßen einen über die Rübe bekommen. Trotzdem war es eine unglaublich schöne Erfahrung, mit diesem tollen Ensemble zusammenzuarbeiten. Als Schauspieler bin ich bislang ja sehr gut behütet durch die Kritikerlandschaft marschiert. Bis heute kann ich mich nicht beschweren. Vielleicht war auch einfach der Punkt erreicht, an dem man mal auf den Mühe einhauen wollte. Ich konnte die Kritik aber gar nicht so nah an mich herankommen lassen. Wir haben jeden Abend gespielt und ich musste die Schauspieler stabilisieren, damit die abends überhaupt noch auf die Bühne gehen konnten. Gerade für Christiane Paul war das sehr hart, weil sie vorher noch nie auf der Bühne gestanden hatte. Aber wie das manchmal so ist – beim Publikum war das Stück ein großer Erfolg. Wir haben jeden Abend vor ausverkauftem Haus gespielt.

Ein Kommentar zu “Stasi war Alltag.”

  1. T. |

    Ich bin traurig

    Die Nachricht vom Tode Ulrich Mühes hat mich schockiert. Mit ihm ist ein ganz wunderbarer Schauspieler leider viel zu früh gestorben.

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