The King's Singers

90 Prozent unserer Arbeit ist Hören.

Philip Lawson und Nigel Short von den King's Singers über die Arbeit im Team, Boygroups und Crossover-Repertoire

Hi Philip, Du singst bei den King’s Singers Bariton.
Philip Lawson: Genau.

Und Nigel, Du bist Tenor.
Nigel Short: Countertenor. Tenor. Bariton – Mädchen für alles.

Bevor wir zur Musik kommen ein paar Fragen in Sachen Fußball. Die meisten von Euch sind große Fußballfans – kommt Ihr noch dazu aktiv zu spielen?
Short: Ich mag Fußball ja nicht so sehr, aber wenn die Gruppe spielt bin ich dabei. Früher habe ich ansonsten viel Rugby gespielt.
Lawson: Ja, wir spielen manchmal, aber nicht ganz so oft, schließlich werden wir alle älter. Gabriel hat zum Beispiel Rückenprobleme, er ist bei uns Mittelstürmer. Am meisten spielen wir in Deutschland, mit einem Freund von uns, der viele unserer Konzerte besucht. Und etwa einmal im Jahr gehe ich ins Stadion zu einem Spiel von Chelsea.

Und dann grölst Du auch wie die anderen Fans?
Lawson: Das kommt vor, aber ich bemühe mich, dass wir nicht am nächsten Tag ein Konzert haben.

Wer wird denn Eurer Meinung nach Weltmeister 2002 in Japan/Korea?
Lawson: Also ich glaube weder Deutschland noch England, und auch Brasilien spielt im Moment schlechter als man es gewohnt ist. Frankreich oder Italien, die könnten das immer schaffen.
Short: Ich denke da eher an Newcomer wie Mexiko oder Kamerun.
Lawson: Oder Argentinien, die sind immer für eine Überraschung gut.

Also kein klarer Favorit?
Short: Nein, das ist ja das großartige an diesem Wettbewerb, man kaum voraussagen welches der vielen Teams gewinnen wird.

Kommen wir zur Musik. Die King’s Singers sind vor allem für ihren harmonischen Klang berühmt. Herrscht da auch immer Harmonie hinter den Kulissen?
Short: Auf jeden Fall. Denn wenn es Streitigkeiten gibt finden wir immer einen Weg, um uns nicht gegenseitig aufzuregen. Richtig ernst wird es ganz selten. Niemand kämpft um jeden Preis für seine Ideen, sondern gewöhnlich schaffen wir zusammen eine Lösung, welche dann auch die beste für die Musik ist. Das ist das wichtigste dabei und daran hat jeder seine Freude.

Jedes Jahr tourt Ihr durch die Welt und verbringt sehr viel Zeit miteinander. Gibt es dann aber einen Punkt, wo Ihr Abstand voneinander nehmt?
Lawson: Klar, wir nehmen uns jedes Jahr drei mal Ferien, sechs Wochen im Sommer, und je drei an Weihnachten und Ostern, in denen wir für keine Konzerte gebucht werden können. Und in den Ferien treffen wir uns auch nicht, was nicht besonders schwer fällt, da wir alle nicht sehr nah beieinander wohnen. Ohne eine solche Auszeit könnten wir den Job gar nicht leisten, auch wenn wir alle aus der Chortradition kommen und uns nicht wie Primadonnen fühlen.

Nigel, Du hast Deine Solokarriere ja für die King’s Singers ja aufgegeben. Die richtige Entscheidung?
Short: Ja, meine Solokarriere stockte sowieso. Ich habe viel Oper gesungen und wollte damit aufhören, weil mir der Druck, als Solist auf der Bühne immer in Hochform zu sein, nicht besonders lag. Ich wollte auf unbeschwertere Weise musizieren und ich wusste, dass ich bei den King’s Singers eine Menge Spaß und weniger Druck auf mich haben würde.

Wie verläuft denn der Wechsel, wenn ein Sänger das Ensemble verlässt und ein neuer hinzustößt, ist das harte Arbeit?
Short: Ja, so ist es, weil hier geht es um einen Spezialisten-Job. Wenn wir uns einen Kandidaten einmal angehört haben, können wir nicht sofort sagen, dass wir ihn aufnehmen, weil er eine gute Stimme hat. Das ist ein langer Prozess. Wir hören uns die Sänger 2-3mal an, und das weniger solistisch, sondern bereits im Ensemble. Wir müssen sicher gehen können, dass ein neuer Sänger ein gutes Gehör hat und sich unserem Klang anpassen kann. Da ist es weniger entscheidend wie brillant er als Solist singen kann. Und wenn wir jemanden aussuchen vergehen drei Monate, in denen wir mit ihm proben und er unser Repertoire erlernen muss. Es dauert seine Zeit, bis der Sänger in das Ensemble hineinwächst.

Und welches Geheimrezept steckt hinter Eurem bewundernswerten Klang?
Lawson: Eines der Geheimnisse ist, den Klang nicht zu überfrachten. Und es darf kein Klang sein, der dadurch entsteht, dass eine gewichtige Stimme von den anderen fünf begleitet wird. Das hat man ja oft in Chören, dass der kräftige Sopran hervortritt und der Rest nur die Harmonien singt. Wir machen genau das Gegenteil.
Short: 90 Prozent unserer Arbeit ist Hören, so erlangen wir diesen uniformen Klang. Wir entwickeln alle gleichzeitig den gleichen Klang, indem wir genau darauf hören, was die anderen tun. Und dieses Hören wird zum Instinkt, denn wie will man wissen, welchen Klang man erzeugen muss, wenn man nicht auf die anderen hört?

Würdet Ihr die King’s Singers als eine Boygroup in der Tradition von Comedian Harmonists und der Beatles betrachten?
Lawson: Ja, nur es besteht ein Unterschied darin, dass wir weniger auf ein Gebiet spezialisiert sind. Die Beatles haben immer Popmusik gesungen, während die Comedian Harmonists mehr eklektisch waren als wir. Das Interessante an den King’s Singers ist, dass wir alles covern – von Renaissance bis Pop. Aber damit die Plattenfirmen zu überzeugen ist in gewisser Weise nicht leicht, da die uns nicht ohne weiteres in eine der Kategorien Klassik oder Pop einordnen können. Insgesamt aber sind die King’s Singers für mich mehr ein Musikinstrument als eine Gruppe von Sängern. Aber uns als Boygroup zu bezeichnen, wäre nicht falsch, schließlich werden bei uns auch in Zukunft keine Frauen singen.
Short: Aber dafür spiele ich Fußball wie die Frauen.

Könntet Ihr Euch denn vorstellen, Stücke von Boygroups wie den Backstreet Boys oder Lieder von Britney Spears zu arrangieren?
Short: Bisher haben wir das noch nicht gemacht. Die King’s Singers haben von früher sehr viele Hits gecovert und…
Lawson: …es kommt auf den Text an.

Zitiert

Eines der Geheimnisse ist, den Klang nicht zu überfrachten.

The King's Singers

Also gibt es für Euch heute noch Songs die es ‚wert‘ wären, von Euch arrangiert zu werden?
Short: Wenn der Text interessant ist, warum nicht?

Nur kann man aufgrund des enormen kommerziellen Einflusses bei den Backstreet Boys oder Britney Spears selten Kreativität erwarten.
Short: Das stimmt, wir als klassische Musiker denken natürlich auch manchmal ‚Mein Gott ist das primitiv‘ wenn man aus einer acht Takte langen Melodie einen ganzen Song von vier Minuten spinnt, das ist nicht besonders kreativ. Gelegentlich finden sich aber gute Stücke mit interessantem Text, die auch eine tiefgründige Bedeutung haben. Wenn dann die Harmoniegebung vielgestaltiger ist als bei üblichen Popsongs, besteht sicher die Möglichkeit, dass wir es, auf uns zugeschnitten, arrangieren.
Lawson: Der Großteil der Popmusik ist ja auch abhängig von elektronischer Unterstützung, Verstärker etc., Dinge die wir nicht verwenden. Wir würden also kein Stück arrangieren, welches wir nur im Studio produzieren könnten, sondern ein Arrangement muss für uns als ganzes natürlich ohne Verstärker singbar sein.

Wie erklärt Ihr Euch die Entwicklung, dass immer mehr Musiker Crossover-CDs produzieren?
Short: Da stecken letztendlich die kommerziellen Interessen der Plattenfirmen dahinter. Zu diesem Crossover-Trend wäre es ohne die Plattenfirmen gar nicht gekommen. Unumstritten ist diese Behauptung natürlich nicht, schließlich haben wir ja auch jede Menge Crossover-Projekte gemacht und stehen dem Crossover vielleicht um einiges näher als andere klassische Musiker.

Wurden denn die King’s Singers auch von ihrer Plattenfirma zu Crossover-Produktionen gedrängt?
Short: Nein, Crossover ist ja eines der Gebiete auf dem die King’s Singers entstanden sind und wenn wir crossover produzieren ist das für uns vollkommen natürlich.
Lawson: Die Bekanntheit der King’s Singers basierte von Anfang an – ich erinnere mich da noch sehr gut, weil ich sie sehr oft im Fernsehen gesehen habe – auf dem Crossover-Repertoire, welches sie ja selbst entwickelt hatten. Das anfängliche Konzept bestand ja darin in einem Konzert einerseits höfische Musik und andererseits Stücke zu singen, welche die Leute in den Pubs trällerten.

Was bedeutet dann für Euch heutzutage der Begriff ‚Crossover‘.
Lawson: Die Bedeutung hat sich in jüngster Zeit ein wenig geändert. In unserem Fall wurde vor allem unser Image sehr medienträchtig, sechs sehr streng und steif aussehende Cambridge Absolventen, welche Lieder der Beatles im Stil eines Madrigals sangen. Man dachte sich ‚wow, so etwas hat es ja noch nie gegeben‘. Dabei war der Klang der King’s Singers altmodisch und ziemlich klassikgeprägt. Heute hingegen haben wir auch Sänger dabei, welche schon ein bisschen mehr wie Popmusiker singen können.

Mit welchem Wort würdet Ihr das enorm breite Repertoire der King’s Singers beschreiben?
Lawson: ‚Die Farbe des Gesanges‘, so und nicht anders.
Short: Ja, absolut. Wenn wir zum Beispiel Kurse geben in den USA für Schüler und Studenten, dann sprechen wir in erster Linie von der Farbe des Gesanges, welche wir jedem Stück verleihen, die Gruppe entspricht sozusagen einem Farbspektrum. Wenn wir beispielsweise ein böses Stück singen, sollte der Zuhörer das mit einer sehr kräftigen, grellen Farbe assoziieren können, rot vielleicht. und abhängig von dem Stück, welches wir singen, kann das Ensemble vom einem Ende des Farbspektrums direkt zum anderen wechseln, analog zu unserem Repertoire: direkt auf ein geistliches, sehr religiöses Werk können wir einen Song der Beatles folgen lassen.

Und es gibt nie Probleme, solche großen musikalischen Zeitsprünge zu bewältigen?
Lawson: Nein, denn die Gruppe wählt ja schließlich aus, welche Stücke gesungen werden und wir können sicher gehen, dass die Musik unserem Klang angemessen ist. Wir würden nie versuchen, künstlich unseren Klang zu verändern um Sachen zu singen, zu denen wir aber gar nicht fähig sind wie Opern zum Beispiel. Einmal hat man uns in Salzburg und Amsterdam die Soloparts in einer Stravinsky-Oper angeboten zu übernehmen. Da haben wir sehr lange überlegt, das war ja ein sehr spannendes Arbeitsangebot. Aber letzten Endes haben wir uns dagegen entschieden, denn was die Leute gehört hätten, wären nicht die King’s Singers gewesen, sondern sechs Solostimmen, die alle nur einzelne Linien singen. Es hängt also alles davon ab, wie die Musik zu unserem Klang passt. Und der kann bei einem englischen Stück der Renaissance, wie William Byrds „O Lord, make thy servant“ sehr ähnlich sein wie bei „After the Goldrush“ von Neill Young.
Short: Physisch gesehen ist es manchmal schon hart, eine Stunde geistliche Renaissance-Musik zu singen und 15 Minuten später zu einem völlig anderen Stil zu wechseln. Bei einem Konzert mag das nichts ausmachen, aber wir haben nun mal etwa 100 Konzerte im Jahr. Daher müssen wir sehr sorgsam mit der Auswahl von Stücken sein, denn wenn wir uns zu sehr dieser Spannung zwischen alt und neu aussetzen, kommen wir in Schwierigkeiten.

Wie pflegt Ihr denn am besten Eure Stimmen?
Short: Wasser, kein Bier…
Lawson: …viel schlafen…
Short: …und vielleicht doch ein kleines Bier.

Und wie viel Zeit benötigt Ihr gewöhnlich für das Einsingen vor dem Konzert?
Short: Direkt vor dem Konzert singen wir uns gar nicht ein, dafür nutzen wir die Probe am Nachmittag.
Lawson: Man möchte seine Stimme nicht übermäßig einsingen, damit man diesen zarten Klang behält.

Ihr stammt alle aus Knabenchören. Seit einigen Jahren gibt es die Tendenz, dass Knaben immer früher in den Stimmbruch kommen. Welchen Einfluss wird das in Zukunft auf die Qualität der Knabenchöre haben?
Short: Ich glaube, das Durchschnittsalter, in dem die Jungen mutieren hat sich mittlerweile stabilisiert, die jüngsten kommen frühestens mit elf oder zwölf Jahren in den Stimmbruch. Das war vor 30 Jahren fast genauso, da hatten auch schon welche mit zwölf den Stimmbruch gehabt. Anders war es sicher vor etwa 300 Jahren, da sangen Knaben auch mit 18 noch Sopran. Der einzige Qualitätsunterschied zu vor vielleicht 30 Jahren liegt meines Achtens in der Musikalität der Knaben. Damals waren die 14-und 15-Jährigen im Alt und Sopran alt genug, um sich musikalisch auszudrücken. Für einen jüngeren Knaben ist es aber sehr schwer, musikalisch Gefühle wie Schmerz oder Freude musikalisch zu artikulieren.

Kinder und Jugendliche schenken der klassischen Musik gegenüber der Popmusik immer weniger Aufmerksamkeit. Wie kann man die Kinder an die klassische Musik heutzutage heranführen?
Lawson: Grundlegend hab ich nichts dagegen, wenn Kinder Popmusik hören, solange es gute Popmusik und nicht das einzige ist, was sie hören. Aber es gibt kein Rezept, wie man Kinder zur klassischen Musik bringt. Man kann sie lediglich dazu ermuntern ein Konzert zu besuchen, wobei man sicher sein sollte, dass ihnen dieses erste Konzert Spaß macht.
Short: Ich halte es für eine gute Idee, wenn man ein Kind möglichst im jungen Alter einmal der klassischen Musik aussetzt, um später eine Art von Kulturschock zu vermeiden. Wenn Teenager, die in der Schule nur über ihre Pop-Lieblinge reden und sich auch so kleiden wie diese, das erste Mal mit zwölf oder dreizehn Jahren in ein klassisches Konzert gehen, wird das auf sie sicher langweilig und belustigend wirken. Wenn aber ein Kind schon viel früher eine Erfahrung mit Klassik gehabt hat, ist es bereits den klassischen Klang gewöhnt und weiß die klassische Musik zu schätzen. Für mich ist es kein Problem, wenn Kinder hauptsächlich Popmusik hören, solange sie nicht behaupten Klassik sei langweiliger Mist, weil das ist diese Musik keinesfalls. Es wird ja auch sofort interessanter, wenn man weiß was für klassische Musik man hört oder hören will. Kinder mögen auch nicht alle Richtungen der Popmusik und wir Erwachsenen haben im klassischen Bereich genauso unsere Vorlieben. Ich finde es bedauerlich, wenn Kinder sagen, sie seien gar nicht interessiert an klassischer Musik. Denn ich wette, dass ein Kind irgendwann Klassik hören wird und zu dem Punkt kommt, wo es sagt: ‚Wow, was ist das?‘

In Konzerten der King’s Singers finden sich oft auch Elemente des englischen Humors. Wie würdet Ihr diesen Humor beschreiben?
Short: Monty Python.
Lawson: Dümmlich.
Short: Das ist ein sehr unschuldiger beinahe kindischer Humor. Wir machen in unseren Konzerten weniger von diesem gewagten riskanten Humor Gebrauch, sondern eher von geistreichem oder sehr simplen Humor, der ebenso wie die Kinder auch die Erwachsenen anspricht.
Lawson: Englischer Humor ist auch sehr ichbezogen. Wir lachen einfach über uns selbst, denn die Briten können über sich selbst lachen wie keine andere Nation, was ja auch der Kern der Sketche von Monthy Python ist. Diese Komiker lachen vor allem darüber, was sie sind, nämlich stinknormale Briten. Und der gewöhnliche Brite ist nun mal äußerst komisch.

Habt Ihr Idole?

[lange Denkpause]
Lawson: Das wird jetzt etwas eigentümlich klingen, aber als Teenager war mein Idol Anthony Holt von den King’s Singers, dessen Job ich nun übernommen habe. Er war genauso Bariton und hatte wirklich eine unglaubliche Stimme, mit der konnte er einfach alles machen, auch als King’s Singer. Und all die Zeit, die ich die King’s Singers nun kenne, wünschte ich mir, er zu sein.
Short: Für mich war Brian Moore, englischer Rugbyspieler, so etwas wie ein Idol. Er hat für England unzählige Male als Hakler gespielt und war beim Weltcup-Finale mit dabei. Musikalisch gesehen war Simon Preston eins meiner Idole und ich war sehr glücklich mehrere Jahre unter seiner Leitung im Chor des Westminster Abbey zu singen, zur gleichen Zeit wie übrigens auch Gabriel von uns.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Rollen würdet Ihr spielen?
Short: Dennis the Menace.
Lawson: Weiß ich nicht. Ich bin froh keine Comicfigur zu sein.

Die King's Singers sind ein sechsköpfiges A-cappella-Ensemble aus Großbritannien, das 1968 am King's College in Cambridge gegründet wurde. Die Besetzung hat sich inzwischen mehrfach geändert. Zum Repertoire gehören Choräle, Musik der Renaissance, mehr

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