Nana Mouskouri

Ich habe keine Hobbys. Ich kann nur singen. Die Bühne ist meine Welt.

Nana Mouskouri über Disziplin, Maria Callas, politische Stimmen in der Musik und die Griechenland-Krise

Nana Mouskouri

© DEAG

Frau Mouskouri, in den letzten Monaten sind Amy Winehouse und Whitney Houston verstorben. Sie stehen seit fünfzig Jahren auf der Bühne, keine Skandale, keine Drogen, keine Affären. Haben Sie mehr Disziplin als die anderen?
Ja, ich habe Disziplin. Jeder Sänger braucht Disziplin um erfolgreich zu sein. Von meinen Eltern habe ich gelernt, keinen Versuchungen nachzugeben, sondern immer gerade meinen Weg zu gehen. Zum Glück habe ich früh begonnen. Die Welt war in den 60er Jahren ganz anders. Man brauchte die Medien damals auch, aber erst mit Madonna hat sich wirklich etwas verändert. Der Druck ist heute größer. Alles ist viel visueller und schneller geworden. Skandale in der Musik gab es natürlich immer schon, Maria Callas ist ein frühes Beispiel für eine große Künstlerin, die auch zu jung gestorben ist.

Kannten Sie Maria Callas persönlich?
Ich habe Ende der 50er Jahre in Clubs für sie und Aristoteles Onassis gesungen. Sie wollte immer traditionelle, griechische Lieder hören, die ich von meiner Mutter kannte. Ich war am Anfang meiner Karriere auch sehr scheu und dick wie sie und habe dann abgenommen. Außerdem wollte ich verschiedene Musikstile singen, so wie sie unterschiedliche Opern gesungen hat. Die Callas war ein Vorbild für mich.

Haben Sie je darüber nachgedacht, Opernsängerin zu werden?
Mir hat die Vorstellung, Teil einer Opernaufführung zu sein, nie gefallen. Ich mochte die Arien, aber nicht die Rezitative, ich wollte Solostücke singen. Als ich Maria Callas erzählt habe, dass sie mich vom Konservatorium entfernt haben, weil ich nicht nur klassische Musik singen wollte, hat sie mir gesagt: „Sei lieber eine sehr gute populäre Sängerin als eine mittelmäßige Opernsängerin“.

Viele Künstlerinnen sind an ihren Beziehungen zu den falschen Männern zu Grunde gegangen. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass ein Mann Ihre Kariere zerstören wollte?
Als Griechin war mein Traum immer, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Also heiratete ich einen Musiker und bekam zwei Kinder. Ich arbeitete viel und war erfolgreich. Ich wollte Karriere machen, er wollte zurück nach Griechenland. Das war der Grund für unsere Scheidung. Danach hatte ich natürlich Angst. Aber ich wollte nicht, dass sich mein Privatleben auf die Stimme auswirkt, deswegen habe ich mich immer geschützt. Ich habe gesehen, wie Maria Callas unter Onassis gelitten hat und kaum noch singen konnte. Hätte ich meine Stimme verloren, hätte ich nicht mehr existiert.

Sie waren seit Ihrer Abschiedsvorstellung 2008 zuhause und sind nicht mehr aufgetreten. Waren Sie einsam?
Auf der Bühne ist man auch einsam. Aber zu Hause zu sein, ist eine ganz andere Form von Einsamkeit. Ich habe keine Hobbys. Ich kann nur singen. Die Bühne ist meine Welt. Aber ich dachte, diese Welt gehört nun den Jüngeren. Ich habe mein früheres Leben vermisst. Meine Kinder gehen ihren eigenen Weg. Mein Sohn lebt in Kanada und meine Tochter Lenou ist Sängerin. Jetzt geht sie mit mir auf Tournee. Wir haben auch schon Lieder zusammen eingespielt, was mich sehr glücklich macht.

Haben Sie nie darüber nachgedacht, zu unterrichten?
Ich wollte mal unterrichten und eine Gesangsschule in Stuttgart gründen. Oder Meisterklassen in Griechenland, Frankreich und England geben. Leider hat es nicht geklappt. Die Welt hat sich verändert. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gründe zu singen, noch die gleichen sind wie früher. Wir haben gesungen, weil es uns Freude machte, und weil wir nicht anders konnten. Heute will man unbedingt ein Star sein. Heute machen die Leute alles wegen des Geldes.

Wie wichtig war Ihnen das Geld?
Als ich angefangen habe, war „Sänger“ kein richtiger Beruf. Meine Mutter sagte, du musst arbeiten, du musst deiner Familie helfen. Das erste Geld, das ich verdient habe, habe ich meiner Familie gegeben. Geld war nie das Entscheidende für mich, und ich hatte immer das Glück, von Menschen umgeben zu sein, die mich persönlich schätzen und nicht von den so genannten großen Managern.

Sie haben mit Bob Dylan und Joan Baez gearbeitet. Gibt es heute noch politische Stimmen in der Musik?
Ich glaube nicht. Ich habe viele von Bob Dylans Liedern gesungen, „Farewell Angelina“ oder „Blowin‘ in the wind“. Ich glaubte an das, was er sang und mochte seinen Stil. Bob Dylan zeigte die Probleme auf, aber er attackierte nicht. In den 80er Jahren habe ich ein paar kritische, politische Lieder gemacht, darunter „The Eleventh Commandment“. Griechische Lieder drehen sich normalerweise immer um Liebe und Hoffnung. Unsere Aufgabe als Sänger ist es, Hoffnung zu geben.

Zitiert

Wir haben die Demokratie erfunden, aber die wirkliche Bedeutung von Demokratie nie gelernt. Wir hatten nie die Zeit dazu.

Nana Mouskouri

Wenn Sie heute 18 Jahre alt wären, würden Sie in Griechenland auf die Straße gehen?
Ich bin froh, dass ich heute nicht mehr jung bin. Ich verstehe die Unsicherheit der jungen Menschen, aber ich würde nicht selbst demonstrieren, weil ich Angst vor Massen habe. Eine Demonstration beginnt meistens sehr friedlich, aber es reicht ein Moment, und das ganze kippt. So viele Menschen kann man nicht kontrollieren.

Sie waren von 1994-1999 im EU Parlament. Warum haben Sie es nach fünf Jahren verlassen?
Ich mochte die Beschlüsse nicht. Meiner Meinung nach ist man damals nicht genug auf die Unterschiede der Länder eingegangen. Es ist nicht dasselbe, ob man in Griechenland oder Deutschland lebt. Die Kulturen müssen sich kennen und verstehen lernen. Das haben wir vergessen.

Was fühlen Sie, wenn Sie die Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung lesen, die nur noch von den „Pleite-Griechen“ spricht?
Es verletzt es mich, weil ich die Hintergründe kenne. Die Griechen sind so nett, gastfreundlich und wollen arbeiten. Aber die Menschen haben keine Arbeit. Die jungen Leute studieren und finden keine Jobs. Tausende von Menschen leben von Suppenküchen in Kirchen. Die Krise hat das griechische Volk völlig überrascht.

Wer ist Ihrer Meinung nach Schuld an der Situation?
Unsere Politiker haben uns seit Jahren reingeritten. Alle wollen Geld und Macht. Warum bekommen Politiker ein Privatauto mit Chauffeur bezahlt? Die meisten könnten sich das selbst leisten. Wir müssen uns ändern, und das ist eine große Verantwortung für die neue Regierung. Wir haben schon oft aus Problemen herausgefunden. Die Zukunft gehört jetzt der jüngeren Generation. Ich glaube an mein Land.

Was sollte die jüngere Generation beachten?
Wir sind ein junges Land, unsere Demokratie ist fragil. Griechenland war fünfhundert Jahre von den Türken besetzt, dann ein Bürgerkrieg, dann ein Königreich, dann eine Diktatur. Wir haben die Demokratie erfunden, aber die wirkliche Bedeutung von Demokratie nie gelernt. Wir hatten nie die Zeit dazu. Im zweiten Weltkrieg waren sich alle einig, dass man das Land verteidigen müsse. Danach sind wir auseinander gefallen, in zu viele politische Parteien, zu viele Ideen.

Aber besteht der Sinn von Demokratie und Freiheit nicht darin, unterschiedliche Ideen verfolgen zu können?
Ja, aber Freiheit ist nur dann etwas wert, wenn man die Freiheit des anderen auch respektiert. Freiheit und Demokratie kommen nicht von alleine, sondern man muss den Ländern, die wenig Erfahrung haben helfen, damit verantwortungsvoll umzugehen. Ich war sehr oft in Afrika, sowohl für UNICEF als auch privat. Die früheren Kolonien haben für ihre Freiheit gekämpft und bekommen. Aber sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten, und das endete im Chaos. Freiheit und Demokratie funktionieren nicht ohne Respekt.

Fühlen Sie sich frei?
Was ist Freiheit? Ich habe mich das immer gefragt. Ich musste lernen, frei zu werden. Auf der Bühne bin ich viel freier, als im richtigen Leben. Auf der Bühne kenne ich meine Lieder und weiß was ich tun muss.

Warum engagieren Sie sich nicht wieder politisch?
Ich brauche meine Kraft um eine erfolgreiche Sängerin zu sein. Ich lebe nicht das gleiche Leben wie ein Politiker, auch wenn ich viel von Deutschland, England und Frankreich gelernt habe und unterschiedliche politische Systeme wahrnehme. Ich betrachte mein Land von außen, und engagiere mich sozial.

Sie leben seit Jahren in der Schweiz, wie beispielweise auch Sophia Loren. Was bietet Ihnen das Land, was Sie in Griechenland nicht finden?
Griechenland ist immer in meinem Herzen aber die Schweiz ist mein zu Hause. Ich habe Griechenland vor langer Zeit verlassen, weil ich die Möglichkeit hatte, in Deutschland, Frankreich und der USA Karriere zu machen, wollte in Mitteleuropa leben, aber nicht in einem großen Land. Meine Kinder sind in der Schweiz geboren und in Genf mit denen von Sophia Loren zur Schule gegangen, sie ist meine Nachbarin. Man lernt, dort zu leben, wo man ist.

Kommentar schreiben

* Erforderliche Angaben. Emailadresse wird nicht veröffentlicht.