Mercedes Sosa

Ich lebe sehr diszipliniert

Sängerin Mercedes Sosa über Argentinier im Exil, ihre Beziehung zur Kirche und die Frage, wie sie sich fit hält

Mercedes Sosa

© Decca/Universal

Frau Sosa, zu Ihren Konzerten in Europa kommen viele Ihrer Landsleute, Exil-Argentinier und ihre Kinder – würden Sie diese Menschen bewegen wollen in die Heimat zurückzukehren?
Sosa: Das sind Menschen, die wegen Pinochet und später wegen des argentinischen bzw. uruguayischen Militärs ins Exil gegangen sind – ich empfehle diesen Menschen immer zurückzukehren. Aber die Kinder spielen dabei eine wichtige Rolle, da sie hier geboren sind und an das Leben in Deutschland oder der Schweiz, den Niederlanden oder in Frankreich gewöhnt sind. Diese Kinder kann man nicht herausreißen aus einer Kultur, einer Erziehung und einer Sprache, die sie von Kindheit an kennen. Wir, die Erwachsenen, wir können zurückkehren. Ich hatte mein Kind nicht bei mir im Exil, aber für jene, die Kinder haben, ist es sehr schwierig zurückzukehren. Die Welt bewegt sich auf eine Globalisierung zu, die vor allem durch Verarmung begründet ist, nicht durch Reichtum. Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht, weil sie Freude am Reisen haben, sondern weil sie die ökonomische Situation in ihrer Heimat nicht mehr ertragen können.

Welche Musik hört die argentinische Jugend heute in den Clubs und Bars, welchen Platz nimmt heute die Folklore in Argentinien ein?
Sosa: Folklore wird in Argentinien noch sehr viel gehört, auch junge Menschen hören viel Folklore. Aber viele Kinder hören vor allem nordamerikanische Musik. Diese Musik kenne ich nicht und es interessiert mich auch nicht sie kennen zu lernen. Die Jugendlichen sind davon begeistert, von Gruppen wie zum Beispiel den "Backstreet Boys". Diese Musik ist ja auch für sie gemacht. Da singen junge Menschen, die für Jugend und Schönheit stehen. Und diese Menschen müssen eben jung und schön sein, damit sie überhaupt einen Plattenvertrag bekommen. Sie verdienen viel Geld und die Plattenfirmen investieren viel Geld in sie. Und so wird die argentinische Jugend am stärksten von der nordamerikanischen und auch von der britischen Musik beeinflusst.

Das politische Lied ist in Südamerika heute nahezu ausgestorben – auch angesichts weiterhin bestehender politischer Probleme.
Sosa: Ja, die Probleme sind die gleichen wie früher, vielleicht sind sie heute sogar schwerwiegender. Die Armut ist enorm, die Regierung hat es nie geschafft, allen Menschen zu helfen und allen Unterstützung zu geben. Südamerika ist am Kapitalismus gescheitert. Der ist vor allem im Radio und im Fernsehen sehr präsent – das argentinische Fernsehen ist momentan das schlechteste in ganz Lateinamerika. Und so ist auch das politische Lied verschwunden.

Jeden Sommer stürmen in Deutschland lateinamerikanisch beeinflusste Songs wie beispielsweise von Ricky Martin oder Jennifer Lopez die Charts. Wie erklären Sie dieses Bedürfnis der Europäer?
Sosa: Die lateinamerikanische Musik ist eine heitere und lebendige Musik, die zum Tanzen einlädt. Das ist keine Musik zum Denken, sondern zum Tanzen, sie bringt den Körper in Bewegung. Das gefällt den Leuten und sie gehen in die Diskotheken und Clubs, um zu tanzen. – Ricky Martin kenne ich natürlich, er ist ja momentan einer der bekanntesten Künstler der Welt – und natürlich auch der schönste.

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Die Welt bewegt sich auf eine Globalisierung zu, die vor allem durch Verarmung begründet ist, nicht durch Reichtum.

Mercedes Sosa

Sie geben immer noch unzählige Konzerte auf langen Tourneen. Wie halten sie sich fit?
Sosa: Schwer zu sagen. Ich lebe sehr diszipliniert. Meistens mache ich abends um zwölf Uhr das Licht aus, ich schlafe lange, stehe auf und frühstücke dann so gegen zwölf Uhr mittags. Wenn ich auf Tournee bin mache ich normalerweise nach jedem Konzert einen Tag Pause. Dass wir drei Tage hintereinander spielen, wie jetzt in Hamburg, Bremen und Berlin kommt selten vor. Ich gehe auch selten abends weg, auf eine Party oder in eine Diskothek. Das ist alles eine Frage der Disziplin. Ich habe auch eine Gesangslehrerin, mit der ich ständig meine Stimme trainiere. Mit dem Alter wird die Stimme tiefer und meine Lehrerin übt mit mir die Tonleiter, um meine Stimmbänder zu stärken. An meiner Stimme arbeite ich sehr viel.

Sie haben einmal gesagt, "die Kirche mit ihren Verwicklungen in Macht und Politik hat mich nie interessiert." Hat sich Ihre Beziehung zur Religion – auch seit der Aufnahme der "Misa Criolla" – geändert?
Sosa: Wissen Sie, ich war sehr schwer krank. Ich war kurz davor zu sterben. Und alle Menschen nähern sich kurz vor dem Tod Gott an. Ich bekam nach meiner Genesung den Vorschlag, die "Misa Criolla" aufzunehmen, was wir letzten Endes auch gemacht haben. Aber ich will nicht sagen, dass ich mich dadurch der Kirche angenähert habe. Ich komme aus einer sehr katholischen Familie, meine Mutter war sehr katholisch, und ihr ist die Aufnahme der "Misa Criolla" auch gewidmet. Allerdings bedeutet es nicht gleich eine Annäherung an die Kirche, wenn ich die "Misa Criolla" singe, das ist in Argentinien ein sehr bekanntes, geschätztes Werk. Ich führe aber auch keine Auseinandersetzungen mit der Kirche, nicht mit der katholischen auch nicht mit der Religion im Allgemeinen. Trotzdem gibt es Dinge, wo ich den Papst nicht verstehen kann, z. B. beim Abtreibungsverbot. Die Leute verstehen scheinbar nicht, dass allein die Frau über ihren Körper bestimmen darf und dass allein sie darüber entscheiden darf, ein Kind zu bekommen. Sie ist doch nicht dazu verpflichtet, ein Kind auf die Welt zu bringen.

Die Sängerin Mercedes Sosa wurde am 9. Juli 1935 in San Miguel de Tucumán, Argentinien geboren. Mit 15 gewann sie ihren ersten Wettbewerb bei einer lokalen Radiostation, in den 60er Jahren wurde sie zu einer der Schlüsselfiguren der "Nuevo mehr

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