Isabelle Huppert

Einem Schauspieler kann eine Rolle nie nah genug sein.

Isabelle Huppert im Gespräch über die Grenze zwischen Schauspielerei und Privatleben, die Figur von Gérard Depardieu und ihren dritten gemeinsamen Film „Valley of Love“, der gerade in den Kinos gestartet ist.

Isabelle Huppert

© Französische Filmwoche Berlin / Norbert Kesten

Frau Huppert, Ihr neuer Film „Valley of Love“ spielt im Death Valley, also in einer der heißesten und trockensten Wüsten der USA. Sind Sie vorher schon einmal dort gewesen?
Isabelle Huppert: Ja, aber nur für ein paar Tage und aus eigenem Interesse. Es würde einem eigentlich nicht in den Sinn kommen, dort drei Wochen zu verbringen – und das ist für Dreharbeiten noch nicht mal besonders lange. Aber Guillaume Niclouxer, der Regisseur, hat von Anfang an gesagt: Wir werden drei Wochen lang drehen, keinen Tag länger.

Was macht man gegen die Hitze?
Huppert: Nicht viel. Man trinkt jede Menge Wasser. „Valley of Love“ ist eben einer jener Filme, die nicht einfach nur gedreht werden. Vielmehr fließen da die besonderen Bedingungen unter denen sie entstehen, die Erfahrungen, die man in dieser Zeit macht, auf besonders direkte Weise in den Film mit ein. Dazu gehört unser Kampf gegen die Hitze und die gewaltige Kraft der Sonne, diese Naturgewalt, die einen ja auch manipulieren kann. In gewisser Weise war die Sonne unsere wahre Regisseurin.

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Ich muss nicht den Blickwinkel des Zuschauers einnehmen.

Isabelle Huppert

Sie spielen eine Frau, deren Sohn sich das Leben genommen hat. Sein letzter Wunsch bringt seine seit Jahren getrennten Eltern im Death Valley zusammen. Das klingt recht dramatisch…
Huppert: Aber ich denke, der Film ist weniger dramatisch als sein Gegenstand. Es geht zwar auch um diesen Verlust und um die Trauer der Eltern, aber es wird nicht im üblichen Sinne emotional. Wenn der Film anfängt, haben beide eigentlich den Tod ihres Sohnes schon akzeptiert. Es geht mehr darum, wieder eine Verbindung zwischen dem Vater und der Mutter herzustellen.

Ihr Mann wird von Gérard Depardieu gespielt, dessen Sohn Guillaume 2008 verstorben ist. Außerdem heißen Ihre Rollen auch noch Isabelle und Gérard. War Ihnen das nicht zu nah am wirklichen Leben?
Huppert: Einem Schauspieler kann eine Rolle nie nah genug sein, ganz abgesehen davon, dass man in jeder Situation eines Film eine Verbindung zum echten Leben finden kann. Aber Film ist eben Film. Es ist ein Objekt, es ist nichts im Vergleich zur Realität. Und trotzdem gibt es da natürlich auch einen Effekt, den der Regisseur beabsichtigt hatte, dass der Zuschauer auch über die Namen eine Verbindung zu uns als Schauspielern schlagen kann. Das ist ein Kunstgriff, aber auf unser Spiel hat das keinerlei Einfluss gehabt.

© Concorde Filmverleih GmbH

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Sie haben mit Depardieu zuvor zweimal, 1974 und 1980, vor der Kamera gestanden. Sind Sie in der Zwischenzeit in Kontakt geblieben?

Huppert: Nicht wirklich. Aber wir sind uns natürlich hin und wieder über den Weg gelaufen. Und dann war es immer so, als hätten wir uns erst am Tag zuvor das letzte Mal gesehen.

In „Valley of Love“ hat er auffallend viele Nacktszenen…
Huppert: Naja, er trägt ein Handtuch. Nur weil er kein T-Shirt trägt, heißt das ja nicht, dass er nackt gewesen wäre. Das war auch keine besondere Situation für uns. Er hat zugelegt, das wird ja auch im Film mal erwähnt, aber was soll’s? Er sieht immer noch gut aus.

Was hat Sie eigentlich an „Valley of Love“ am meisten gereizt?
Huppert: Es ist immer eine Mischung, die für mich ein Projekt spannend macht. Was mich hier am meisten angesprochen hat, war die Idee, dass zwei Menschen allein mit sich an diesem speziellen Ort sind und mehr noch, wie das erzählt werden sollte. Für mich geht es bei einem Film weniger darum, eine Rolle zu spielen oder in ihr aufzugehen. Ich fand es interessant, dass der Film auch eine Reflexion darüber ist, was eine Schöpfung ausmacht, dass sie auch eine Verlängerung des Lebens ist.

Was der Sohn mit seinen Eltern macht, würden Sie also als Inszenierung über seinen eigenen Tod hinaus bezeichnen?
Huppert: Und das ist nicht zuletzt eine Metapher auf das Kino. In erster Linie geht es mir immer um das Kino.

huppert plakatWas bedeutet das?
Huppert: Mir ist es wichtig, dass ein Film auch eine ästhetische Erfahrung für das Publikum ist. Es geht nicht nur darum, dass die Leute einer Geschichte Glauben schenken. Es geht um Ästhetik, um die emotionale Erfahrung von Ästhetik. Ich will Kino als Kino. Das war schon immer so. Filme sollen Kino sein und das ist gar nicht so wenig verlangt, denn viele Filme sehen gar nicht wie Kino aus.

Der Film provoziert auch die Frage, ob der Sohn seinen Eltern vielleicht noch einmal als Geist erscheinen wird.
Huppert: Ich finde an diesem Paar sehr schön, dass der Mann zu Beginn der Skeptiker ist und die Frau eher an die Möglichkeit von etwas Übernatürlichem glaubt. Und dann gibt es eine Art Übertragung: Er wird zum Glaubenden und sie… sie wird nicht zur Skeptikerin, aber sie muss einsehen, dass sie nicht für ihren Glauben belohnt werden wird. Letztlich ist das ein schönes Bild dafür, wozu Liebe imstande ist. Liebe kann zur Interaktion zwischen zwei Menschen führen, zu einer Übertragung. Er wird sie und vielleicht wird sie zu ihm. Das ist eine Definition von Liebe, möglicherweise.

Der Film „Zabriskie Point“ von 1970 erzählte auch von einem Paar im Death Valley. Er wurde zu einem prägenden Film seiner Generation. Sehen Sie da Parallelen?
Huppert: Ich denke nicht, dass wir es hier mit einer neuen Version von „Zabriskie Point“ zu tun haben. Aber ja, ich erinnere mich an „Zabriskie Point“ gut. In in beiden Fällen geht es um europäische Sichtweisen auf diese Landschaft. Damals war Michelangelo Antonioni der Regisseur, ein Italiener. Jetzt ist es ein Franzose. Und dadurch entsteht eine andere Perspektive, eine andere Art von Mystik, als wir sie bei John Ford oder einem der anderen großen alten amerikanischen Regisseuren finden, die in dieser Gegend gedreht haben. Keine dieser Perspektiven ist besser, als die andere. Sie sind einfach anders.

Haben Sie über das Drehbuch von „Valley of Love“ eigentlich im Vorfeld noch diskutiert?
Huppert: Nein.

Manchmal denkt man: Diese Eltern sind total egozentrisch. Sie reden zwar über den gemeinsamen Sohn, aber eigentlich geht es ihnen nur um sich selbst.
Huppert: Ja, aber vielleicht ist es ja gerade das, was der Sohn wollte. Diese Gespräche, die die beiden miteinander führen, die Art, wie sie miteinander sprechen hat etwas Tröstliches. Es ist schwer zu beschreiben, welche Absichten hinter diesen Szenen liegen. Man sieht den Film und er durchdringt einen förmlich. Er bringt den Zuschauer dazu, Fragen zu stellen. Was heißt es, ein Paar zu sein? Wie ist es, Eltern zu sein, den Verlust eines Kindes zu erleiden? Was bedeutet es, skeptisch oder gläubig zu sein? Es gibt aber keine konkrete Antworten. Jeder muss seine eigenen Antworten finden.

Haben Sie für sich durch den Film neue Antworten gefunden?
Huppert: Das musste ich gar nicht. Man ist als Schauspielerin auf eine andere Art in den Film involviert, man sieht ihn nicht auf die selbe Weise, wie die Zuschauer. Er löst also auch nicht das selbe aus. Ich habe den Film gemacht und das war’s. Ich muss da nicht den Blickwinkel des Zuschauers einnehmen. Ich bin nur ein Werkzeug, das ist alles.

Aber was bedeutet es zum Beispiel für Sie, ein Paar zu sein?
Huppert: Ich mag es nicht, Verbindungen zwischen meiner Arbeit und mir als Privatperson herzustellen. Wir reden über den Film aber ich rede nicht über mich selbst. Ich denke nicht, dass meine persönliche Sichtweise interessant ist.

© Concorde Filmverleih GmbH

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War es eigentlich schwer, die fantastische Landschaft des Death Valley zu ignorieren?

Huppert: Wir haben sie gar nicht ignoriert. Im Gegenteil. Wir haben uns an ihr im wahrsten Sinne sattgesehen. Sie war wie ein guter Partner. Sie hat sich nie gegen uns gestellt, niemals.

Aber in dem Film rede Isabelle und Gérard nie über Ihre Eindrücke. Manchmal hat man das Gefühl, die Landschaft schaut dieses Paar an, nicht umgekehrt….
Huppert: Wir wollten es eben dem Zuschauer überlassen, auf die Landschaft zu reagieren. Es ist ja keine Dokumentarfilm über die geographischen Gegebenheiten. Er ist mehr wie ein Experiment. Man packt zwei einsame Menschen in diese Landschaft und sie macht etwas mit einem. Man weiß nicht genau was, aber sie bewirkt etwas und wir waren dem gegenüber aufgeschlossen, was auch immer da passieren würde. Wir saßen da auf unseren kleinen Stühlen, im Angesicht dieser Landschaft und haben geredet. Wir hätten uns sicher anders unterhalten, wenn wir in einem Hotel gesessen hätten. Die Resonanz war eine andere. Wir waren wirklich da.

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