Guillaume Gallienne

Die Haute Couture ist schon eine Welt für sich.

Guillaume Gallienne spielt im Biopic „Yves Saint Laurent“ den legendären Unternehmer und Laurents Lebensgefährten Pierre Bergé. Ralf Krämer sprach mit Gallienne über Kostümdesign, Nostalgie und Familienpolitik in Frankreich.

Guillaume Gallienne

© SquareOne/Universum

Guillaume Gallienne, Sie spielen im Biopic „Yves Saint Laurent“ den legendären Unternehmer und Laurents Lebensgefährten Pierre Bergé. Darf ich mir die Frage erlauben, wie genau Sie über Ihre eigene Kleidung, die Sie gerade tragen, Bescheid wissen?
Guillaume Galliene: Oh, natürlich. Ich bin heute ganz auf Yves Saint Laurent eingestellt. Die Hosen sind von ihm, diese wunderschöne Jacke ebenso. Man hat Sie mir extra für heute gegeben, leider nur geliehen. Und dass, obwohl meine Mutter vor langer langer Zeit bei ihm Stammkundin gewesen ist. Tatsächlich hat Yves Saint Laurent Ihr einmal ein Kleid geschneidert, das hat sie dann irgendwann einem Museum vermacht.

Zu welchen Anlässen hat Ihre Mutter dieses Kleid getragen?
Gallienne: Tagsüber war ihre Kleidung eher schlicht. Aber am Abend hat sich meine Mutter immer sehr gut angezogen. Deshalb begann mein Interesse für Mode auch schon sehr früh. Außerdem habe ich einen Cousin, der Schmuck für Dior designt und ich habe auch viele Freunde, die in der Branche arbeiten. Ich komme nunmal aus dieser großen glücklichen Bourgeoisie, die barock, originell und kosmopolitisch ist. Also gehe ich häufig zu großen Soirees, wo besonders die Frauen sehr gut angezogen sind. Ich bin es gewohnt, gute Mode zu sehen und darauf zu achten. Mittlerweile bin ich allerdings mehr an Kostümen für Filme und Theater interessiert. Ich mag, wie es entworfen und hergestellt wird.

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Wenn man sich mit dem Thema Mode jenseits irgendwelcher TV-Shows beschäftigt, wird man auch feststellen, dass es da immer noch sehr viel aufregendes zu entdecken gibt.

Guillaume Gallienne

Wie hat Ihnen das Kostümdesign für „Yves Saint Laurent“ gefallen?
Gallienne: Ich mag es sehr, was Madeline Fontaine da gemacht hat. Sie hat ja zuvor schon für Filme wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ die Kostüme gemacht. Obwohl der Film nur eine Zeitspanne von knapp zwanzig Jahren erzählt, von 1957 bis 1976, war es eine große Herausforderung, die verschiedenen Stile dieser Zeit abzubilden, ohne diese Entwicklung lediglich auf Zeichnungen und Entwürfe zu reduzieren und ohne mit einem besonders hervorstechenden Kleid plötzlich ganz platt zu signalisieren: Tataaa! Wir sind jetzt in den 70ern!

Die Bedeutung der Kleidung in „Yves Saint Laurent“ geht ja über ein gewöhnliches Kostümdesign weit hinaus. Sie wird auch gewissermaßen zum Bühnenbild und ist gleichzeitig wichtiger Bestandteil der Handlung.
Gallienne: Deswegen haben Madeline und die Set-Designerin Aline Bonetto auch für jeden Charakter eine eigene Linie entworfen, innerhalb derer sie darauf achteten, dass sich zum Beispiel die Farben nicht zu sehr zu ändern. Den normalem Kostümen so eine gewisse Bescheidenheit zukommen zu lassen war die beste Art und Weise, die Mode um die es in dem Film geht, die Kollektionen von Laurent hervortreten zu lassen. Als wären ein Hosenanzug nicht nur etwas zum anziehen, sondern eine schöne Blume oder ein Gemälde. In dieser Art der Präsentation mischt sich Intelligenz mit Bescheidenheit, das gefällt mir sehr.

Oft fühlt man sich in Kostümfilme ja wie in einem Freiluftmuseum. Alles ist sehr akkurat im Stil einer bestimmten Zeit abgebildet. Dabei wird aber oft übersehen, dass zu allen Zeiten eine Mischung von vielen Stilen getragen wurde.
Gallienne: So ist es. Allerdings muss man auch zugestehen, dass wir uns in diesem Film ja auch nicht in Jedermanns Alltag bewegen. Die Welt der Haute Couture ist schon eine Welt für sich. Und so hat unser Film zwar nichts museales, aber er ist selbst ein bisschen wie eine Fashion-Show. Er tritt aus dem Backstage-Bereich hervor, läuft einmal über die Leinwand und verschwindet dann wieder, ohne irgendwelche theatralischen Special Effects zu bemühen. Die hat er auch gar nicht nötig.

Aber der Blick von „Yves Saint Laurent“ scheint schon ein bisschen nostalgisch auf eine Zeit gerichtet, in der man beim Wort Mode noch an interessante Entwürfe und große Ideen gedacht hat und nicht erstmal an Top-Models und TV-Shows?
Gallienne: Welche Shows meinen Sie?

Heidi Klum sucht zum Beispiel in „Germany’s Next Top Model“ zukünftige Laufsteg-Stars. Auf Plakaten zur neuen Staffel stand: „Show Yourself“. Da geht es nicht mehr um Mode, die Mode ist nur noch ein Vorwand für kalkulierten Exhibitionismus.
Gallienne: Das klingt ja schrecklich. Wir in Frankreich haben so etwas nicht. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Ich finde daher „Yves Saint Laurent“ auch nicht nostalgisch. Wenn man sich mit dem Thema Mode jenseits irgendwelcher TV-Shows beschäftigt, wird man auch feststellen, dass es da immer noch sehr viel aufregendes zu entdecken gibt. Man muss nur mal schauen was Hedi Slimane so macht, oder Raf Simons, der ja mittlerweile auch für Christian Dior arbeitet, sozusagen als Nachfolger von Yves Saint Laurent, der 1957 ja künstlerischer Leiter bei Dior wurde, mit nur 21 Jahren.

Abgesehen vom Thema Mode erzählt „Yves Saint Laurent“ auch eine große Liebesgeschichte zweier Männer. Machen ihn die jüngsten Demonstrationen in Frankreich gegen eine liberale Familienpolitik somit auch zwangsläufig zu einem politischen Film?
Gallienne: Ja, das lässt sich anscheinend kaum vermeiden. Und ich habe auch Verständnis für so eine Sichtweise, denn man muss diesen Demonstrationen etwas entgegensetzen, man muss die Menschen bewegen, damit sie ihre Haltungen überdenken. Aber das Besondere an unserem Film ist ja gerade, dass er Homosexualität nicht zum Thema macht, weil sie für Yves und Pierre kein Thema war. Sie haben sie einfach gelebt. Es ist toll, dass man jetzt, im Jahr 2014 das auch so alltäglich im Kino zeigen kann. Aber die beiden haben es im echten Leben gelebt und zwar schon 1956. Sie haben sich einfach ihre Freiheit genommen und einen Fliegenschiss darum gegeben, was gesellschaftliche Norm war.

Wie würden Sie die Beziehung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé beschreiben?
Gallienne: Ich vermute, dass es nicht gerade leicht ist, mit einem Genie zusammenzuleben. Aber ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass man sich in jemanden verliebt, der etwas Geniales geschaffen hat. Und es berührt mich, welche Treue Pierre seinem Partner gegenüber an den Tag legte, auch als dann später die ersten Anzeichen von Yves Depressionen auftauchten und klar wurde, dass er eben nicht nur genial, sondern auch sehr krank war.

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Ist es besonders kompliziert gewesen, mit Pierre Bergé eine lebende Person zu verkörpern?

Galienne: Nein, das war eher inspirierend. Pierre schätze ich sehr, er ist sehr enthusiastisch. Er hat mich einmal gebeten, anlässlich einer Hommage für Yves Saint Laurent an der Opéra Bastille aus Briefen zu lesen, die er ihm geschrieben hatte. Es fühlte sich an, als hätte er damit die Liebe und die Trauer, die in dieser Geschichte liegen und auch den ganz normalen Alltag dieses Paares an mich weitergereicht. Das war ein sehr bereicherndes Gefühl, als müsste ich ihrem Erbe gerecht werden.

Im Juni wird nun auch in Deutschland Ihr eigenes Regiedebüt ins Kino kommen, eine Adaption Ihres Bühnenstücks „Maman und ich“, in dem Sie sich selbst und auch Ihre Mutter spielen. Was reizte Sie daran, es auch ins Kino zu bringen?
Gallienne: Es braucht nunmal eine gewisse Schönheit und Finesse, um meine bourgeoise Welt zu zeigen, auch in all ihrer Grausamkeit und Rohheit. Und das Schöne am Kino ist, wie es den Blick auf unscheinbare Dinge lenken kann, auf die Fragilität eines Blicks, die Unentschlossenheit einer Geste, das Grenzen überschreitende eines bestimmten Blicks. Mit Hilfe der kinematografischen Mittel konnte ich meiner Mutter auch eine Zartheit verleihen, die mir am Theater nicht möglich war.

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