Dominik Moll

Damit eine Beziehung funktioniert muss man sich auch anstrengen.

Regisseur Dominik Moll über seinen Film „Lemming“, Beziehungskonflikte, Hitchcock-Einflüsse und aktive Zuschauer

Dominik Moll

© Alamode Film

Herr Moll, Sie haben mit Ihrem Film „Lemming“ im Sommer 2005 das Festival von Cannes eröffnet, im Sommer 2006 kommt der Film nun in die deutschen Kinos, Sie sind also seit einem Jahr dabei, ihren Film zu bewerben – wird Ihnen das nicht langsam zu viel, auch angesichts der zum Teil bedrückenden Thematik des Films?
Moll: Also, manchmal hat man schon ein bisschen die Nase voll davon. Ich denke dann auch, dass der Film eigentlich für sich selber sprechen sollte, ich sollte da gar nicht viel hinzufügen müssen. Andererseits gehört die Promotion dazu, man weiß als Filmemacher, dass man diese Arbeit dann auch liefern muss. Wenn es dann halbstündige Interviews mit ein oder zwei Journalisten sind, dann ist das eigentlich auch immer ganz angenehm. Aber in Cannes zum Beispiel ist das ganz schrecklich, wenn alle zehn Minuten ein anderer Journalist kommt, da sind das dann wirklich nur die gleichen Routinefragen und die gleichen Routine-Antworten.

In „Lemming“ zeigen Sie, wie aus einer glücklichen Beziehung die reinste Katastrophe werden kann. Was hat Sie dazu bewegt? Kennen Sie persönlich mehr unglückliche als glückliche Paare?
Moll: Also, ganz glückliche Paare kenne ich nicht so viele. Ich glaube, das ist immer schwierig, auf jeden Fall funktioniert es nicht von ganz alleine sondern ist immer auch mit Arbeit verbunden. Damit eine Beziehung funktioniert muss man sich auch anstrengen.
In Bezug auf den Film hat es mich interessiert, zu sehen, wie Paare auseinander gehen, wo man sich dann plötzlich – selbst wenn man 15 Jahre zusammen gelebt hat – völlig fremd wird und man das Gefühl hat: vielleicht hat man den anderen gar nicht so gut gekannt. Das finde ich schon ziemlich faszinierend und ich glaube, darüber spricht der Film auch: wie jemand Vertrautes ganz plötzlich zum Fremden wird.

Wo sehen Sie denn Ursachen für solch ein Auseinanderbrechen einer Beziehung?
Moll: Bei Alain und Bénédicte ist es so, dass Alain denkt – wo sie jetzt zusammen ihr Häuschen haben, er seine Arbeit hat – dass man sich halt keine Fragen mehr zu stellen braucht. Er denkt, das wird alles schon von alleine laufen. Aber ich glaube, in dem Moment, wo man aufhört, sich Fragen zu stellen, kann man sich schon leicht entfremden, ohne dass man es sofort merkt.

Wenn man in einem Film solch intime Dinge wie Beziehungskonflikte, Affären, Eifersucht behandelt – erfordert das ein besonders Verhältnis zwischen Regisseur und Schauspielern?
Moll: Natürlich ist es wichtig, zu den Schauspielern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, das ist für mich sehr wichtig, um gut arbeiten zu können. Und ob das möglich ist, spürt man eigentlich sehr schnell bei den ersten Begegnungen mit einem Schauspieler. Da lasse ich mehr die Schauspieler über ihre Reaktionen auf das Drehbuch reden als dass ich selbst noch großartig etwas dazu sage. Und da spürt man dann schon, ob sie das richtige Verhältnis zu der Geschichte und Atmosphäre haben.

Es gibt in „Lemming“ – und auch in Ihrem vorherigen Film „Harry meint es gut mit dir“ Personen, die sich nicht an ganz bestimmte Konventionen halten. Was steckt dahinter?
Moll: Ich denke, es gibt viele Menschen, die sowohl die Lust verspüren, sich anzupassen, ganz konformistisch zu sein und so wie die anderen zu leben, die aber gleichzeitig davon angezogen sind, Grenzen zu überschreiten und diesen ganzen Rahmen zu sprengen, mal etwas ganz Neues und Revolutionäres zu machen. Dieser Widerspruch, der tatsächlich auch schon beim „Harry“ existierte, ist glaube ich bei vielen Leuten präsent.

Viele Momente im Film kommen sehr unerwartet – führen Sie die Zuschauer gerne an der Nase herum?
Moll: An der Nase herum führen würde ich das nicht nennen. Ich meine, ein Film führt den Zuschauer sowieso an der Nase, oder an der Hand … Ein Film hat immer eine bestimmte Erzählweise und der Zuschauer hat ja keine Wahl, der muss sich anschauen, was sich auf der Leinwand abspielt. Für mich ist wichtig, dass der Zuschauer dabei aktiv ist und sich halt auch bestimmte Fragen stellt. Man muss ihm auch Türen öffnen, so dass er innerhalb des Films einen Spielraum für sich hat.

In „Harry meint es gut mit dir“ konnte der Zuschauer Bezüge zu Filmen von Alfred Hitchcock entdecken. In „Lemming“ gibt es nun eine Szene mit Hunderten von Lemmingen, die einen an „Die Vögel“ denken lässt. War das eine bewusste Anspielung?
Moll: Das ist immer schwierig zu sagen, inwieweit das bewusst oder unbewusst ist. Aber bei der Szene, wo Alain in der Küche die vielen Lemminge findet, war mir der Bezug zu der Szene in „Die Vögel“ schon klar. Wobei ich mir jetzt nicht extra noch mal „Die Vögel“ angesehen habe, um zu sehen, wie er das damals gemacht hat. Was mir am meisten beim Hitchcock gefällt, vor allem in seinen späteren Filmen „Vertigo“, „Marnie“ oder „Die Vögel“ ist, dass seine Bildsprache immer ganz klar und kontrolliert bleibt und dass er trotzdem viel Untergründiges anspricht. Diese Kombination gefällt mir sehr gut.

Ihr Film konfrontiert den Zuschauer mit zum Teil sehr unangenehmen, bedrückenden Situationen – wenn Sie selbst ins Kino gehen, mögen Sie dann lieber Filme, die Sie ein wenig verstören oder solche, bei denen Sie entspannen können?
Moll: Im Grunde genommen ist es mir lieber, wenn ich einen Film noch eine Weile mit mir herumtrage anstatt den gleich nach Verlassen des Kinos abzutun, weil er mich nicht stimuliert. Ich mag das schon gerne, wenn ich während einer Filmvorführung das Gefühl habe, auch selber aktiv zu sein und richtig mitzuarbeiten. Wobei es mir ab und zu auch Spaß macht, mal so einen völlig anspruchsvollen Film zu sehen.

Würden Sie „Lemming“ nun eigentlich Paaren empfehlen?
Moll: Ja, wenn sie Lust haben ins Kino zu gehen, klar. Aber nicht, um ihre Probleme zu regeln, das müssen sie dann schon selber machen. Ich glaube nicht, dass ein Film irgendwelche Probleme wirklich regeln kann. Mir hat zum Beispiel mal jemand erzählt, er habe meinen ersten Film „Intimité“ gesehen und der hätte ihn dazu bewegt, seine Frau zu verlassen. Da habe ich gesagt: diese Verantwortung will ich gar nicht haben.

Gut, Sie wollen diese Verantwortung nicht haben – andererseits bekam ich bei „Lemming“ das Gefühl, dass Sie die moralische Latte relativ hoch legen: der Protagonist Alain lässt sich einen sehr kurzen Moment lang ‚gehen’ und wird den Rest des Films dafür böse bestraft.
Moll: Also, ich will auf keinen Fall irgendjemand Lektionen erteilen, ich will auch keine Ratschläge oder sonst irgendetwas mit dem Film geben. Mir kommt es zuerst darauf an, anhand dieser Geschichte bestimmte Denkanstöße zu geben, Fragestellungen aufzuwerfen. Aber als Moralist sehe ich mich eigentlich nicht.

Im Film entwickelt Alain als Angestellter einer Technik-Firma eine fliegende Kamera mit Fernsteuerung – ist das der Traum eines jeden Regisseurs?
Moll: Nein, für die Regie-Arbeit würde mich das nicht interessieren, aber für den Film, für die Geschichte fand ich das halt ganz lustig. Wobei unsere Kamera in echt gar nicht geflogen ist, so wie die konzipiert ist, war das unmöglich. Das waren alles Special-Effects.

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