Dieter Kosslick

Da ist eine neue Generation am Werk.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick über die Renaissance des deutschen Films, Festival-Kokurrenz, den Boom historischer Filme und Pläne für die nächste Berlinale

Dieter Kosslick

© Berlinale

Herr Kosslick, was macht eigentlich der Berlinale-Chef bei der Konkurrenz?
Kosslick: Es ist eine Tradition und es wichtig, dass man als Festivaldirektor auch andere Filmfestivals besucht. Cannes, Berlin und Venedig sind immer auch riesige Branchentreffen. Neben den Kollegen anderer Festivals treffe ich viele Produzenten und Verleiher, die Repräsentanten großer Filmstudios und selbstverständlich auch Regisseure, Schauspieler und andere Kreative. Im Prinzip beginnen jetzt schon Gespräche über mögliche Filme und Projekte für das Berlinale-Programm 2006. Nach der Berlinale ist vor der Berlinale – wie beim Fußball.

Wie ausgeprägt ist das Konkurrenzdenken unter den einzelnen Festival-Chefs?
Kosslick: Wir haben ein ziemlich entspanntes und kollegiales Verhältnis. Die meisten von uns kennen sich ja schon aus Zeiten bevor wir Festivaldirektoren oder -direktorinnen wurden. Natürlich stehen wir auch in Konkurrenz zueinander, wenn mal der eine oder andere Film die Begehrlichkeiten von mehreren von uns gleichzeitig erweckt. Dann versucht natürlich jeder, die Stärken seines Festivals heraus zu stellen und die Produzenten für sich zu gewinnen. Die Entscheidung für ein bestimmtes Festival hat auch viel mit globalen Vermarktungsstrategien zu tun. Ist ein Film zu Jahresbeginn fertig und hat seinen internationalen Kinostart im Frühling, wird sich ein Produzent eher für das Festival entscheiden, das terminlich am besten in diese Planung passt und dessen Profil zu seinem Film passt. Aber selbstverständlich spielen gute persönliche Kontakte in der Branche auch ein Rolle.

Waren Sie eigentlich etwas verschnupft, dass Fatih Akin in Cannes in der Jury saß und nicht in Berlin?
Kosslick: Nein, im Gegenteil. Ich finde es großartig, dass ein deutsch-türkischer Filmemacher, der 2004 den Goldenen Bären bekommen hat, dieses Jahr in der Jury von Cannes ist. Außerdem war er ja 2001 Jury-Mitglied bei der Berlinale. Seinen Musik-Dokumentarfilm "Crossing the Bridge" hätte ich sicher gerne in diesem Jahr bei der Berlinale gezeigt, aber er war noch nicht fertig. Nun lief er bei einer Open-Air-Vorführung am Strand von Cannes. Türkische Musik in einer lauen Nacht an der Cote d’Azur, wer kann da widerstehen.

In Cannes waren lange Zeit keine deutschen Filme im Wettbewerb zu sehen, erst 2004 gelang die Rückkehr mit "Die fetten Jahre sind vorbei". Räumen Sie dem deutschen Film international inzwischen mehr Chancen ein?
Kosslick: Die Renaissance des deutschen Films hat ja schon vor einigen Jahren begonnen. Dass er nun auch international wahr genommen wird, freut mich, und ich denke, die Berlinale hat als Plattform für die deutschen Talente dazu beitragen können. Ich habe immer an den deutschen Film geglaubt und in meinem ersten Berlinale-Jahr gleich die neue Sektion "Perspektive deutsches Kino" ins Leben gerufen, die sich zu einem Publikums- und Kritikerliebling entwickelt hat. Außerdem hatten wir auch gleich vier deutsche Filme im Wettbewerb – ein historischer Rekord. Also, seit die deutschen Filme auf der Berlinale laufen, kommen sie auch wieder zu anderen Festivals, was ja zwanzig Jahre nicht passiert ist.

Wie hat sich der deutsche Film verändert? Es gibt neue Techniken, Einflüsse anderer Kulturen, vielleicht auch amerikanische Sehgewohnheiten…
Kosslick: Amerikanische Sehgewohnheiten? Das würde ich nicht so sehen. Ich denke, dass vor allem die Filmschulen einen großen Verdienst haben. Die Weiterbildung an den Filmschulen, von denen einige ja erst in den letzten 10-15 Jahren entstanden sind, hat eine stärkere Professionalisierung des Nachwuchses gefördert. Die neue Generation hat neue Erzählformen und Themen gefunden.
Die Themen sind privater und gleichzeitig politischer geworden. Das heißt, die Filmemacher beschäftigen sich heute mit Deutschland, also mit einer Situation, in der sie sich befinden und versuchen, das dem Publikum zu vermitteln. Eine deutsche Sicht auf Hitler, eine deutsche Sicht auf den Fall der DDR oder auf Sophie Scholl, das interessiert die Leute. Und wenn das gut gemacht ist, dann interessiert das die ganze Welt.

Offensichtlich. "Der Untergang" hat international über 80 Millionen Dollar eingespielt. Wie erklären Sie sich die anhaltende Faszination, nicht nur in Deutschland, sondern international, für den Zweiten Weltkrieg?
Kosslick: Es gibt ja nicht nur das internationale Interesse am II. Weltkrieg. Weltweit gab oder gibt es einen Boom historischer Stoffe. "Alexander", "Königreich der Himmel" um amerikanische Großproduktionen zu nennen, aber auch "Goodbye, Lenin" hat international Furore gemacht.
Das Interesse an Hitler hat aber keineswegs erst mit dem "Untergang" angefangen. Im vergangenen Jahr gab es mehr als 20 Filme über Hitler und sein Tun. Ich habe beim Europäischen Filmpreis in Barcelona bei der Verleihung der Darstellerpreise auf der Bühne gesagt, dass wir in Deutschland eine neue Kategorie hätten: "Best Hitler"-Award.

Wie sehen Sie die Zukunft des deutschen Films?
Kosslick: Ich bin da ganz zuversichtlich. Da ist eine neue Generation am Werk, die sehr professionell, sehr kreativ und sehr ernsthaft mit ihrer Arbeit umgeht. Wir werden noch viele spannende und interessante Filme zu sehen bekommen.

Nun geht es aber den Fonds an den Kragen. Wie sehen Sie da die Entwicklung?
Kosslick: Es waren über zwanzig Milliarden Euro, die überwiegend in ausländische, beziehungsweise amerikanische Filme geflossen sind. Daß diese Vorgänge angesichts immer schwierigerer öffentlicher Haushalte irgendwann mal unter die Lupe genommen werden, ist ja klar. Ich dachte, dass diese Produktionen sich vielleicht doch darauf besinnen, mehr in Deutschland zu investieren, damit der Steuerzahler auch versteht, warum das gut ist. Dies ist nicht passiert, was letztendlich zu der abrupten Entscheidung führte, die Fonds zu beenden. Auf das deutsche Filmgeschäft wird das aber keine Auswirkungen haben, denn es war nur ein minimaler Prozentsatz, der in das deutsche Filmgeschäft geflossen ist.

Wird also der alte Medienerlass gekippt?
Kosslick: Ich denke schon. Aber vielleicht haben wir im Herbst eine neue Regierung. Die muss dann entscheiden.

Wo wir schon mal beim Thema Geld sind: Wie sieht eigentlich die Finanzierung der Berlinale aus? Steht da schon der Etat oder müssen Sie sich jedes Jahr von neuem abstrampeln, um die Gelder zu besorgen?
Kosslick: Nein, der Etat steht. Er muss natürlich jedes Jahr neu genehmigt werden und natürlich unterliegen wir, wie alle öffentlich geförderten Institutionen, auch Kürzungen. Neben der Förderung durch den Bund ist unser Etat durch Einnahmen und Sponsoren gesichert. Wir haben in den vergangenen Jahren ein sehr erfolgreiches Public-Private-Partnership mit verschiedenen Wirtschaftsunternehmen entwickelt. Ein kulturelles Großereignis wie die Berlinale wäre ohne diese Partnerschaften kaum mehr denkbar. Neben den Hauptpartnern Volkswagen, L’Oreal und ZDF gibt es über 30 weitere Unternehmen und Einrichtungen, die uns unterstützen.

Stichwort Talent Campus. Wie wird sich die Berlinale entwickeln, wie stellt sie sich auf neue Techniken und neue Talente ein?
Kosslick: Wir haben uns da quasi einer eigenen Frischzellenkur unterzogen – mit gigantischen Auswirkungen. Das konnte ja niemand wissen, welche Dimension der Campus bekommen würde. In den vergangenen drei Jahren waren insgesamt über 1500 junge Filmemacher aus über 120 Ländern beim Talent Campus. Die Verbindungen, die da geknüpft werden, enden nicht nach dem jeweiligen Festival. Es gibt neben den persönlichen Kontakten ein elektronisches Netzwerk. Auf der Website sind die Talent-Filme und die Veranstaltungen des Campus archiviert. Dieser virtuelle Campus ist ganzjährig aktiv.
Und mit der Verjüngung des Programms haben wir keine Probleme. Alle Initiativen, die wir gemacht haben, werden das Festival verändern. Aber das muss auch so sein.

Welche größeren Veränderungen stehen denn noch auf dem Programm?
Kosslick: Die größte Neuerung steht eigentlich 2006 mit dem Umzug des European Film Markt (EFM) in die neue Location "Martin-Gropius-Bau" an. Durch die Verlegung des American Film Market in den Herbst, ist der EFM ab 2006 der erste wichtige Markt zu Jahresbeginn. Der Andrang auf den EFM war schon seit Jahren enorm, aber nun erleben wir einen wahren Run. Am neuen Standort, der in Laufnähe zum Festival ist, haben wir sehr viel mehr Platz.

Abschließend die Frage: Wenn man beruflich Filme schaut, stumpft man dann mit der Zeit ab? Oder sind Sie immer noch ein Filmfan?
Kosslick: Man stumpft eigentlich nicht ab. Man ist eher ein bisschen frustriert, weil man viele Filme schaut, die einen unglaublich runterziehen. Das hängt vielleicht auch mit meinem Gemüt zusammen. Ich würde gerne öfters eine intelligente Komödie sehen, um auch etwas zum Lachen zu haben, denn schließlich ist Kino ja Entertainment. Ich bin nach wie vor aufgeregt, wenn das Licht ausgeht und der Vorhang aufgeht. Gott sei Dank.

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