Wie bunt is(s)t Maischberger?

mberger-indexSandra Maischberger, deren journalistische Qualität ich keineswegs infrage stelle, ist jetzt schon in der Sommerpause. Dennoch sind m.E. noch ein paar Anmerkungen notwendig zur Sendung vom 03.06. sowie allgemein zu ihrer Gästepolitik.

Nachdem Maischbergers weiße Gästeliste ab dem 02.Juni für Aufregung und Protest sorgte, nachdem sie last-minute eine afroamerikanische Wissenschaftlerin einlud, die dann sieben Minuten Sendezeit bekam, hat sich Sandra Maischberger in zwei Interviews zu ihrer Gästeliste geäußert, gegenüber DWDL.de und dem RadioEins-Medienmagazin (Podcast ab Min. 17 / Transkript).

Maischberger hat sich dabei von der Kritik freigesprochen, denn: „Die Kritik an der Sendung basierte auf falschen Fakten.“ (Mit ‚falschen Fakten‘ meint Maischberger die Gästeankündigung ihrer eigenen Redaktion, die „zu diesem Zeitpunkt nicht vollständig war“.)

Überhaupt konnte Sandra Maischberger mit der Kritik auf Twitter kaum etwas anfangen: Es „irritiert“ sie, wenn vorab eine Gästeliste kritisiert wird, ohne abzuwarten, was die Gäste sagen.

Dazu sagte im Medienmagazin der Journalist Aimen Abdulaziz-Said: „Ich muss nicht die Sendung abwarten, um zu wissen, dass die Gästezusammenstellung problematisch ist.“

Aber ob sich Sandra Maischberger für so ein Argument interessiert? Über die Kritik auf Twitter hält sie fest: „Es war sicherlich falsch, sich überhaupt darauf einzulassen. Das ist etwas, was wir im Nachhinein auch als Fehler betrachten.“ Mit anderen Worten: Nicht die Gästeliste war der Fehler, sondern das Eingehen auf die Kritik.

Für mich passt diese Äußerung leider ins Bild. Denn nach mehreren Jahren, die ich Verantwortliche von ARD und ZDF im Interview und auf Pressekonferenzen erlebt habe, stelle ich schon hier und da eine gewisse Beratungsresistenz, Kritikunfähigkeit und bei manchen pure Arroganz fest.

Ich würde Maischberger nicht kritikunfähig oder arrogant nennen. Im Medienmagazin sagt sie, dass sie „keiner Kritik aus dem Weg gehe“ und die beiden Interviews zur Causa Gästeliste belegen das; auch ich habe unlängst schriftliche Antworten von ihrer Redaktion bekommen.

Aber wie ist es mit der Beratungsresistenz?

Dazu nochmal ein Zitat von Aimen Abdulaziz-Said, der als Journalist u.a. für den NDR arbeitet: „Es wird seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Gästezusammenstellung in allen großen Talkshows problematisch ist. Es fällt mir langsam schwer, zu glauben, dass das alles unabsichtlich geschieht.“

Und für diese Äußerung hat Abdulaziz-Said Gründe.

Sie stehen zum Beispiel bei der Preisverleihung der „Goldenen Kartoffel“ 2019 an die vier politischen Talkshows in ARD/ZDF. In der Begründung der Jury heißt es: „Die Gästeauswahl ist häufig diskriminierend, der Diversitätsmangel in vielen Sendungen bestechend. Besonders auffällig ist die ständige Abwesenheit von Schwarzen Menschen und People of Color, die sich – wenn überhaupt – oft nur in Sendungen zu Migrationsthemen wiederfinden, als würden Themen wie Rente, Pflege, Klima usw. einen erheblichen Teil der Gesellschaft nicht betreffen. Ein Viertel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund – das sollte sich überall widerspiegeln.“

Wer wissen möchte, wie die Jury der Neuen Deutschen Medienmacher*innen zu diesem Urteil kommt, der kann sich das sehr genau in der Studie „Wie divers sind deutsche Talkshows“ von Fabian Goldmann für das bliq-journal anschauen. Goldmann hat 2019 alle 135 Sendungen von Anne Will, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Maybritt Illner auf Diversität hin untersucht. Sein Fazit: Der Anteil von ’nicht-weißen‘ Talkgästen liegt bei gerade mal 6,6 Prozent, gegenüber 93,4 Prozent ‚weißen‘ Gästen. Zum Anteil ’schwarzer‘ Menschen hält Goldmann fest: „Mit lediglich drei Personen im gesamten Jahr waren schwarze Menschen bei Anne Will, „hart aber fair“, Maischberger und Maybrit Illner besonders selten zu sehen.“ 3 von 728 Talkgästen.

„Wir reagieren schon auf diese Vorhalte, weil ich auch glaube, dass wir versuchen müssen, in unseren Sendungen abzubilden, aus welchen Menschen diese Gesellschaft besteht“, sagt Sandra Maischberger im Interview mit Jörg Wagner vom Medienmagazin.

Und bei DWDL.de sagt sie: „Wir sind immer sehr darum bemüht, alle Gruppen zu berücksichtigen – ob das Menschen mit Migrationshintergrund sind, Frauen, oder Ostdeutsche, die sich auch oft zu wenig vertreten fühlen. Es gelingt uns häufig sehr gut, aber nicht immer zu jedem Zeitpunkt optimal.“

Bildet Sandra Maischberger in ihrer Sendung also vielleicht doch adäquat ab, „aus welchen Menschen diese Gesellschaft besteht“? Ist der niedrige Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund vielleicht gar nicht Fakt, sondern nur „gefühlte“ Wahrnehmung? – Ähm, nein.

Um das ein weiteres Mal mit Zahlen zu belegen, habe ich ein PDF mit allen Maischberger-Gästelisten aus 2019/2020 erstellt (51 Sendungen).

Ergebnis:
– Talkgäste gesamt: 279
– Talkgäste weiß: 264 (95%)
– Talkgäste nicht-weiß: 15 (5%)

Die ‚Lieblingsgäste‘ der Sendung sind dabei ausschließlich weiß: Jan Fleischhauer (6x), Robin Alexander (4x), Gabor Steingart (3x), Jörg Meuthen (3x), Kevin Kühnert (3x), Florian Schröder (3x), Nikolaus Blome (3x).

Die Einteilung ‚weiß’/’nicht-weiß‘ habe ich von Fabian Goldmann übernommen, der sie u.a. wie folgt erklärt: „’Nicht-Weiß‘ ist jeder, der in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft Opfer von Rassismus werden kann.“ Die Einordnung einer Person als ‚weiß‘ bzw. ’nicht-weiß‘ ist in Einzelfällen sicher angreifbar, auf die Schwierigkeiten einer sinnvollen Kategorisierung geht Goldmann in seiner Studie auch ein. Am prozentualen Verhältnis insgesamt jedoch ändert sich durch verschiedene Definitionen nur wenig.

Relation

Wie hoch der Anteil von ’nicht-weißen‘ Menschen an der deutschen Bevölkerung ist, lässt sich zahlenmäßig schwer festhalten. Hier aber einige Kennzahlen zur Orientierung:

– Im Jahr 2018 hatten 20,8 Millionen der insgesamt 81,6 Millionen Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund, also etwa ein Viertel der Bevölkerung. Quelle

– 2018 lebten in Deutschland 10,9 Millionen Personen mit ausschließlich ausländischer Staatsangehörigkeit (13,13 Prozent). Quelle

– 2018 lebten in Deutschland 2,77 Mio türkeistämmige Menschen (3,34 Prozent). Quelle

– 2015 lebten rund 1,95 Millionen Menschen in Deutschland, die in der Sowjetunion oder ihren Nachfolgestaaten geboren wurden und bei der Einreise älter als zehn Jahre waren (2,4 Prozent). Quelle

– 2016 lebten in Deutschland zwei Millionen Menschen mit einer asiatischen Staatsbürgerschaft (2,44 Prozent) und 500.000 mit einer afrikanischen Staatsbürgerschaft (0,61 Prozent). Quelle

+++

Aber ob solche Statistiken und Analysen überhaupt etwas bringen? Ob die Redaktionen sich damit auseinandersetzen und an ihrer Gästepolitik etwas ändern? Ich bin da, ehrlich gesagt, wenig optimistisch.

Vielleicht muss man die Sache völlig anders angehen. Die Corona-Zeit lehrt uns ja, dass Mensch ein Thema vor allem dann ernst nimmt, wenn es im eigenen Umfeld auftaucht. In diesen Sinne:

Hallo Frau Maischberger, auf dem Weg zur Arbeit fahre ich täglich an Ihrer Produktionsfirma vorbei. Wissen Sie eigentlich, was für leckere Restaurants es in Ihrer Straße gibt? Nein? Kein Problem, ich habe heute mal nachgeschaut. Also, wir hätten da fünf Mal italienische Küche, vier mal Japanisch, zwei vietnamesische und chinesische Restaurants, einen Koreaner, einen Inder und zwei Mal deutsche Küche. Auch das Angebot an Falafel/Schawarma und Currywurst ist top! Oder wie wäre es mit Südamerika? Da haben Sie die Wahl zwischen Mexikanisch, Argentinisch und Peruanisch!

So, und jetzt stellen Sie sich mal ganz kurz vor, in Ihrer Straße gäbe es zu 95 Prozent nur Currywurst und Kartoffeln. Danke!

8 Kommentare zu “Wie bunt is(s)t Maischberger?”

  1. Claudius Ellsel |

    Einige Anmerkungen:

    „Beratungsresistenz“ hat bei mir subjektiv einen negativen Beigeschmack. Es wird häufig von Leuten verwendet, die meinen, man müsse ihre „Beratung“ 1:1 so umsetzen und ansonsten ist das Gegenüber halt beratungsresistent. Dass die „Beratung“ teilweise auch einfach ungeeignet oder unpassend sein könnte, oder es gute Gründe dafür gibt, einen anderen Weg zu gehen, wird dabei nicht beachtet. Insofern wirken Personen, die diesen Begriff benutzen auf mich etwas arrogant, da die Benutzung dieses Begriffes mir suggeriert, sie würden am besten wissen, wie es laufen sollte.

    Thema Zahlenverhältnisse: Ein Problem ist hier möglicherweise (!), dass der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland nicht deckungsgleich ist mit der Definition von „nicht-weißen“ Personen. Eine Gegenüberstellung der Verhältnisse ist also vermutlich nur bedingt aussagekräftig, insbesondere, wenn dies ohne eine Abschätzung der tatsächlich vergleichbaren Verhältnisse erfolgt.

    Thema Relevanz: Hier ist denke ich ein weiteres mögliches (!) Problem. Durch strukturelle Gegebenheiten sind „nicht-weiße“ Personen möglicherweise beim für Einladungen in Frage kommenden Personenkreis unterrepräsentiert. Somit würden die Verhältnisse der Talkshow gegebenenfalls lediglich die tatsächlich vorherrschende Verteilung abbilden. Hier könnte dann diskutiert werden, ob das so gewollt ist. Eine Art Quote halte ich aber auch für problematisch.

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  2. M.S. |

    Und nun?

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  3. Baumgarten, Hartmut |

    Es werden nicht die Fragen, die mich interessieren gestellt- meist nur sehr oberflaechlich angerissen! Es kommt keine konkrete Lösung als Fazit heraus!

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  4. Frank |

    Zwei Mal deutsche Küche, super! Bei uns hat der letzte klassische Imbiss vor zwei Jahren dicht gemacht, da ist jetzt die xte Pizzeria drin. Currywurst und Pommes gibt es hier nicht mehr…

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    1. Jakob Buhre Artikelautor|

      Pardon, mir ist aufgefallen, dass ich tatsäshlich einen existenten Currywurst-Imbiss nicht erwähnte, habe ich jetzt nachgetragen. Wenn man die Kreuzung am Ende der Straße miteinbezieht, sind es sogar zwei Curry-Wurst-Imbisse.

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  5. surfguard |

    Witzig, dass gerade *Curry*wurst als ein Inbegriff des Deutschen gilt :-D Die Kartoffel lassen wir mal gelten, die ist immerhin schon vor rund 500 Jahren über den Atlantik gekommen.

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  6. Torsten Pauleit |

    @ Peter: Yes ! Peter der große Welterklärer !!!!

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  7. Peter |

    Meinen Sie echt, dass das bei dieser Frau Maischberger durch kommt? Die hat doch ihre eigene Agenda. Deutsche Talkshows sind seit Jahren das schlimmste, was das Fernsehen produziert. Von den falschen Leuten werden falsche Ausgangslagen diskutiert und falsche Ursachen ergründet, um die Bevölkerung so weit es geht von der Realität zu entfernen. Es soll nicht die Gesellschaft, die Realität oder etwas Sinnvolles abgebildet werden, denn solche Shows dienen einzig zur Verblödung und Beruhigung der Verblödeten. Wer sowas noch schaut dem ist nicht mehr zu helfen.

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