Ayo., wie bist Du auf die Idee gekommen, Musik zu machen?
Ich bin mit Musik groß geworden. Mein Vater hatte viele Platten und ich habe schon mit sechs angefangen, Geige zu spielen. Aber das war nicht mein Instrument und deshalb ganz grauenhaft. Danach kamen fünf Jahre Klavier, aber auch das war nicht das Richtige, wahrscheinlich weil ich es spielen musste. Erst ziemlich spät, mit 21, habe ich dann endlich Gitarre gelernt! Das war das Instrument, das ich immer spielen wollte und das es mir ermöglicht hat, die Musik zu machen, die ich immer machen wollte: persönliche Musik.
Du hattest eine sehr ungewöhnliche Kindheit, Dein Vater ist Nigerianer, Deine Mutter eine Roma. Seid Ihr in Wohnwagen umhergezogen?
Viele denken bei Roma sofort an Karawanen und Umherziehen. Dabei sind die meisten Zigeuner heute gar nicht mehr in Wohnwagen unterwegs, sondern längst sesshaft geworden. So wie meine Mutter, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Man erkennt ihre Herkunft nur noch am Nachnamen, der oft polnisch oder rumänisch ist.
Wie haben sich Deine Eltern kennen gelernt?
Mein Vater kam in den Siebzigern zum Studieren nach Deutschland. Um Geld zu verdienen, hat er als DJ gearbeitet und an einem dieser Abende in einem Club meine Mutter kennen gelernt. Er hat sie einfach gesehen und sich gefragt: wer ist das? So sind sie zusammengekommen und haben über die Jahre drei Kinder miteinander bekommen. Eins hatte meine Mutter schon mit in die Ehe gebracht. Wir sind also eine große Familie.
Leider war Deine Kindheit keine so perfekte Idylle, wie man meinen könnte …
Als ich fünf war, wurde meine Mutter heroinabhängig. Sie war immer mit einem Bein drin und mit einem Bein draußen aus meinem Leben. Als ich acht war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Aber meine Mutter war trotzdem immer mal wieder da. Zwischenzeitlich waren meine Geschwister und ich auch mal bei Pflegefamilien und im Kinderdorf, das ganze Programm eben.
Im Booklet zu Deiner CD sind sehr viele Fotos. Sind das Deine Eltern und Geschwister?
Ja. Ich wollte alles, was mir wichtig ist im Leben, auf diesem Album festhalten. Und das ist in erster Linie meine Familie. Weil ich außerdem nur wenige Fotos von mir als Kind habe, wollte ich die schon immer mal verewigen. Das habe ich nun hiermit getan, die Bilder sind in dem Album und ich kann sie nie wieder verlieren!
Ich wollte alles, was mir wichtig ist im Leben, auf diesem Album festhalten.
Du bist mit 21 nach London gegangen. Hast du vorher in Deutschland Abitur gemacht?
Nein. Als ich in der 11. Klasse achtzehn wurde, habe ich mich von der Schule abgemeldet. Ich wusste, ich will Musik machen und dafür brauchte ich kein Abi. Mein Vater hat mich darin unterstützt und gesagt, wenn ich das will, wird das mein Weg sein und dann muss ich den auch gehen. Aber es gab durchaus Tage, da wollte ich wieder zurück in die Schule, aber da hat er dann gesagt: Nein.
Sehr ungewöhnlich, zumindest was deutsche Eltern betrifft.
Es ist auch ungewöhnlich für nigerianische Eltern. In meiner Familie väterlicherseits haben alle studiert und waren auch sehr schnell fertig mit dem Studium, aber mein Vater hat mich trotzdem unterstützt. Vielleicht weil ihm die Musik auch so wichtig war und er mich verstehen konnte.
Und wie ging’s mit Deiner Musik-Karriere weiter?
Ich war im Studio, aber die Produzenten dachten, sie könnten aus mir so eine Pop-Göre machen. Deshalb bin ich irgendwann nach Hamburg gezogen, wo ich einen Plattenvertrag kriegen sollte. Aber dort wollten sie mich nun ausschließlich auf Reggae/Dub festlegen, weil das gerade die große Marktlücke war. Ich habe nicht unterschrieben und bin stattdessen nach London gegangen.
Warum ausgerechnet London?
Ich wollte einfach mal aus Deutschland raus, vor allem um herausfinden, was ich wirklich möchte. Ich war ein Jahr da und es war keine leichte Zeit, denn London ist eine teure und anstrengende Stadt. Man ist entweder superglücklich oder superunglücklich. Aber ich habe sehr gute Songs in der Zeit geschrieben, von denen viele jetzt auch auf dem Album sind. Von London bin ich dann nach Paris gezogen, wo ich mich zum ersten Mal richtig wohl gefühlt habe. Ich hatte auf einmal Leute getroffen, die mir ganz viele Gigs besorgt haben. Durch die Konzerte wurde dann die Presse auf mich aufmerksam und darüber schließlich die Plattenfirmen. Der Boss von Polydor war der erste, der mich und meine Musik wirklich verstanden hat und der alles so akzeptiert hat, wie es ist. Deshalb habe ich endlich einen Plattenvertrag unterschrieben.
Du bist vor einem Jahr Mutter geworden. Hattest Du keine Angst, dass ein Kind zu diesem Zeitpunkt Deine Karriere als Musikerin beenden würde, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte?
Viele haben mir damals gesagt: „Okay, das war’s jetzt.“ Ganz anders hat dagegen mein Vater reagiert. Als er erfahren hat, dass ich schwanger bin, meinte er, dass es das Beste ist, was mir passieren konnte. Weil es mich vollständig macht. Ich sei nie geduldig gewesen und durch das Kind würde ich Geduld lernen und außerdem auf dem Boden bleiben können. Er sagte: „Wenn du erst nach der Geburt ein Album veröffentlichst und damit Erfolg hast, wirst du wissen, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind im Leben.“ Und damit hatte er Recht.