Herr Aladağ, wie haben Sie reagiert, als Sie zum ersten Mal vom Terror des NSU erfuhren?
Züli Aladağ:Als der NSU im November 2011 aufflog, war das für mich genauso ein Schock, wie für die meisten anderen wohl auch. Bis dahin hatte es schon Morde an Einwanderern gegeben. Offiziell sind seit der Wende über 220 Menschen aus fremdenfeindlichen Motiven umgebracht worden und die Dunkelziffer ist sicher noch viel höher. Das waren aber in der Regel eher Taten im Affekt, beziehungsweise wurden sie als Totschlag gewertet. Dass Migranten von Neonazis umgebracht werden, war also nichts Neues. Neu war, dass diese Morde organisiert von einer terroristischen Untergrundorganisation verübt worden waren, scheinbar unbemerkt.
Welche Folgen hatte das für Sie persönlich?
Aladağ: Ich bin mit einem relativ stabilen Glauben an die Demokratie in Deutschland aufgewachsen. Ich liebe Deutschland für vieles. Ich bin dem Land auch für vieles dankbar, für die Möglichkeiten die meine Familie, meine Geschwister und ich hier hatten, dass wir uns hier entwickeln konnten. Insofern habe ich immer einen positiven Blick auf Deutschland gehabt. Entsprechend haben mich die Ereignisse damals sehr erschüttert. Obwohl ich Filmemacher und politisch kritisch eingestellt bin, habe ich so etwas nicht für möglich gehalten.
Was genau macht für Sie den Skandal aus?
Aladağ: Dass es offenbar diesen Reflex gab, einen ausländerfeindlichen Hintergrund dieser Morde jahrelang für ausgeschlossen zu halten. Dadurch stellen sich Fragen über Fragen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass das alles ohne jegliches Wissen von Sicherheitsdiensten geschehen konnte.
Wie haben Sie versucht, Antworten auf Ihre Fragen zu bekommen?
Aladağ: Ich habe unheimlich viel zu dem Thema gelesen, alles mögliche, was es gab. Ich habe versucht, zu verstehen. Dieses Bedürfnis hatten wir wohl alle. Doch angesichts dieser vielen Puzzlestücke, der Akten, die vernichtet wurden, angesichts all der Aussagen von Zeugen und V-Leuten bleibt bisher vor allem der Eindruck, dass wir es hier mit einem Riesenskandal zu tun haben und dass wir vermutlich nie die komplette Wahrheit über diesen Fall erfahren werden.
Wie wurde aus Ihrer Beschäftigung mit dem Thema ein Spielfilm?
Aladağ: Zunächst war mir nicht klar, ob ich etwas dazu machen würde, wie so ein Film aussehen könnte. Es hat mich tatsächlich erstmal nur als Mensch und Bürger beschäftigt. Dann habe ich 2012 einen Film mit der Produzentin Gabriela Sperl gedreht, die Culture-Clash-Komödie „300 Worte Deutsch“. Das war ein halbes Jahr nach dem Auffliegen des NSU-Terrors und wir haben viel über dieses Thema gesprochen. Sie hatte den unbedingten Drang, ein Projekt dazu machen zu wollen und ich habe mich von ihr überzeugen lassen.
Für die Geschichte der Opfer hat sich damals kaum jemand interessiert.
Ihr Film „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ ist nun Teil des von Gabriela Sperl initiierten ARD-Schwerpunkts „Mitten in Deutschland: NSU“. Ist ein Spielfilm überhaupt ein geeignetes Mittel um Zeitgeschichte zu dokumentieren?
Aladağ: Es sollte schon klar bleiben, dass ein Spielfilm etwas völlig Anderes leistet, als ein Dokumentarfilm. Deswegen wird im Rahmen dieses Schwerpunktes ja neben den drei Spielfilmen, die die Ereignisse aus drei verschiedenen Perspektiven erzählen, auch ein Dokumentarfilm von Stefan Aust und Dirk Laabs gezeigt. Ich wollte durch die Arbeit an meinen Film selbst mehr erfahren und in ihm auch meiner eigenen Erschütterung und der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Ereignisse eine Form geben.
Wie kam es dazu, dass Ihr Drehbuch auf der Basis des Buches „Schmerzliche Heimat“ von Semiya Şimşek, der Tochter des ersten NSU-Mordopfers Enver Şimşek, entwickelt wurde?
Aladağ: Wir haben dieses Buch gelesen und Gabriela Sperl hat die Verfilmungsrechte an ihm dann relativ früh erworben. Es war klar, wir werden auch einen Film aus der Opferperspektive erzählen, deswegen hat es Sinn gemacht, bei Enver Şimşek anzusetzen. Das Buch wurde eine Grundlage für uns, um uns den Charakteren zu nähern und um die Zeitspanne der Geschehnisse erzählen zu können. Schließlich ist Semiya am Anfang ein 14-jähriges Mädchen und am Ende eine 24-jährige Frau. Die Autorin Laila Stieler hat dann noch sehr lange recherchiert und zahlreiche Gespräche mit den wahren Protagonisten geführt, um zusätzliche Informationen und Eindrücke zu sammeln.
Der Film beginnt mit einem ganz normalen, fast idyllisch wirkenden Arbeitsalltag des Blumenhändlers Enver Şimşeks.
Aladağ: Uns war es wichtig, dass er in diesem Film auf diese Weise auftaucht. Uns war wichtig, dass es da einen Draht gibt, zwischen ihm und seiner Tochter, dass es da eine sehr starke Liebe gibt. Er war immer für seine Tochter da. Auch wenn die Geschichte der Şimşeks sehr spezifisch ist, sind die Familien der anderen Opfer doch durch sehr ähnliche Prozesse gegangen. Die Frage der Perspektive war für mich eine enorm wichtige. Ich wollte den Stoff emotional erzählen, authentisch, detailgetreu, glaubwürdig und klar. Ich wollte eben diesen Blick in die Köpfe und Herzen dieser Menschen ermöglichen. Und ich erlebe immer wieder als Feedback bei Screenings, dass das auch bei den Zuschauern ankommt, dass sie sagen: Wir konnten bisher noch nie diese Perspektive einnehmen. Natürlich hat man irgendeine Form von Empathie, wir sind ja alle keine kalten Menschen. Aber Empathie haben ist etwas anderes, als etwas selbst zu spüren.

Szene aus „Die Opfer“ mit Uygar Tamer und Özgür Karadeniz © WDR/Julia Terjung
Es fällt auf, dass in Ihrem Film die Medien kaum vorkommen. Es werden nur ein paar Zeitungsartikel mit einem Foto von Enver Şimşek gezeigt.
Aladağ: Das haben die Zeitungen wahrscheinlich auch nur vom offiziellen Zeugenaufruf der Polizei abfotografiert. Mehr gab es aber auch nicht. Für die Geschichte der Opfer und der Hinterbliebenen hat sich damals kaum jemand interessiert.
Warum?
Aladağ: Sich in die Perspektive von Opfern hineinzuversetzen ist wohl keiner Mehrheitsgesellschaft angeboren. Ich will das gar nicht werten, aber wenn Begegnung hier nicht stattfindet, wenn man zum Beispiel keine Migranten kennt, dann ist es schwer, deren Sicht emotional nachzuvollziehen, egal wie liberal oder menschenfreundlich man ist. Dafür muss man Formen schaffen, ob das künstlerische sind oder soziale. Es war mir schon wichtig, dass diese Fremden, die Ausländer, diese Migranten, die „Anderen“, mit denen die Mehrheitsgesellschaft nicht so viel tun hat, dass wir sie als Menschen registrieren, damit wir uns auch die Dimensionen dessen vorstellen können, was sie erlebt haben und aushalten müssen.
Wäre es auch denkbar, dass ein rechtsradikaler Hintergrund der Morde zunächst nicht in Betracht gezogen worden war, weil die Ermittler sich so etwas einfach nicht vorstellen konnten?
Aladağ: Es gab sicher den Reflex, diese Möglichkeit von sich weg zu halten, nicht zuletzt, weil wir immer in die Verlegenheit geraten, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontiert zu werden. Die Fremdenfeindlichkeit, die heute stattfindet wird eben immer auf die Geschichte rückgekoppelt.
Als Erklärung für das Versagen der Behörden reicht das allerdings kaum aus.
Aladağ: Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Egal, ob es sich um 9/11 handelt oder um die NSU-Affäre, die Wahrheit ist immer komplexer als die Verschwörungstheorie. Aber wenn soviel vertuscht wird, wenn Menschen nicht aussagen dürfen, wenn Akten vernichtet werden, öffnet das Verschwörungstheorien Tor und Tür. Letzten Endes glaube ich, dass die mangelnde Aufklärung mit der Angst vor einem schlechten Ansehen Deutschlands im Ausland zu tun hatte.
Wie kommen Sie darauf?
Aladağ: Die ersten Anschläge der NSU von denen wir wissen, ereigneten sich noch in der Bewerbungsphase zur Fußball-WM 2006. Zur Zeit der gezielten Morde hatte Deutschland dann schon den Zuschlag als Gastgeberland erhalten, aber international herrschte noch viel Skepsis gegenüber Deutschland, nicht zuletzt, weil es Berichte über die sogenannten „No-go-Areas“ gab, die man als Ausländer besser meiden sollte. Diese Weltmeisterschaft war ein wichtiges Event, um ein modernes, offenes Image Deutschlands zu prägen. Wäre in ihrem Vorfeld aufgeflogen oder auch nur als Verdacht öffentlich geworden, dass drei Terroristen durchs Land fahren und morden, wäre das Projekt WM bestimmt massiv dadurch beeinflusst worden.
In den Medien werden bestimmte Ereignisse gerne zu historischen Wendepunkten stilisiert. Auf der positiven Seite wird oft die WM 2006 gefeiert, auf der negativen Seite heißt es immer wieder, nach den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 sei „nichts mehr, wie vorher.“ Erinnern Sie sich daran, dass irgendjemand einmal geäußert hätte: Nach dem Aufdecken des NSU-Skandals sei „nichts mehr so, wie vorher“?
Aladağ: Nein, mir ist so eine Äußerung nicht bekannt. Trotzdem wird es von einigen sicher genau so empfunden. Vielleicht waren wir auch alle einfach naiv. Natürlich leben wir immer noch in einer der stabilsten Demokratien. Das muss man gar nicht in Frage stellen. Trotzdem darf man deshalb nicht die Klappe halten. Nur weil man als Filmemacher oder Journalist hier nicht ins Gefängnis kommt, wenn man seine Meinung sagt, heißt das nicht, dass wir unsere Gesellschaft nicht unter die Lupe nehmen sollen und kritisieren müssen.
Worin bestand diese „Naivität“ von der Sie sprechen?
Aladağ: Wir haben an die Harmlosigkeit unserer Sicherheitsdienste, unseres Verfassungsschutzes, unserer Politiker geglaubt. Wir hatten uns wohl selbst ein wenig verniedlicht, daher ist das Erschrecken über diesen Skandal und die Behinderung seiner Aufklärung so groß. Eine Zäsur in der deutschen Geschichte ist das definitiv. Welche Wirkung das hat, was das mit uns macht, welche Lehren wir daraus ziehen, das lässt sich im Moment nicht sagen. Ich finde aber, das zu wenig Auseinandersetzung damit passiert, dass auch zu wenige politische Konsequenzen erfolgt sind. Ich vermute aber, dass sich daran auch nicht viel ändern wird.
Wäre es wichtig für Sie zu wissen, welche Rolle Beate Zschäpe wirklich gespielt hat?
Aladağ: Natürlich. Es wäre für uns alle wichtig. Die Frage ist, ob wir unserem Rechtsstaat vertrauen können, unserem Verfassungsschutz. Ob wir der Politik vertrauen können. Bestand die NSU nur aus diesen drei bekannten Leuten? Es ist ja bei der Gerichtsverhandlung schon herausgekommen, dass es zumindest einen viel größeren Unterstützerkreis gab. Es gibt widersprüchliche Aussagen von Verfassungsschutzbeamten, ab wann auch in Richtung Rechtsextremismus ermittelt worden sei. In all dem liegt ganz viel Unbequemes, daher glaube ich auch nicht, dass wir endgültige Antworten bald erfahren werden.
Eine letzte Frage zu Ihrem Film: Es fällt auf, dass Sie bis auf den ersten Mord keine direkte physische Gewalt zeigen. Die anderen Opfer werden erst nach den Taten, tot am Boden liegend gezeigt. Wollten Sie den Zuschauern nicht so viel zumuten?
Aladağ: Darüber haben wir uns tatsächlich lange Gedanken gemacht: Wie erzählen wir die Morde? Beim Mord an Enver Simsek war mir und der Autorin klar, dass wir ihn sehr realistisch erzählen müssen. Da gab es nichts zu stilisieren, um dem Schmerz auszuweichen oder um es für irgendjemanden erträglicher zu machen. Aber hätte man die weiteren neun Morde wirklich genauso hintereinander zeigen können? Wo ist die Schwelle des Erträglichen, wo würde man anfangen, die Gewalt auch auszustellen?
In einem TV-Format wie dem „Tatort“ scheint man sich solche Fragen eher nicht zu stellen.
Aladağ: Ja, da haben sie Recht. Aber das waren Überlegungen, die uns in diesem Fall wichtig waren. Natürlich auch, weil wir uns gefragt haben: Was bedeutet das für die Angehörigen der Opfer? Wir mussten für sie eine Form finden, die es ihnen möglich macht, sich den Film anzuschauen ohne retraumatisiert zu werden.