Wim Wenders

Die Amerikaner werden Trump überleben.

Der Regisseur Wim Wenders spricht im Interview über seinen neuen Film „Die schönen Tage von Aranjuez“, entschleunigte Dialoge, das Scheitern von 3D, politisch engagiertes Kino und seine Sorge um die USA.

Wim Wenders

© Peter Lindbergh

Herr Wenders, Sie haben mal gesagt, ein Film müsse auf einer Erfahrung beruhen, sonst werde er eine pure Behauptung. Welche Erfahrung hat Sie dazu verleitet, „Die schönen Tage von Aranjuez“ zu verfilmen, ein Theaterstück Ihres Freundes Peter Handkes?
Wim Wenders: Die Erfahrung, mit jemandem zusammen in der Natur zu sitzen, unter Bäumen, und ein langes Gespräch zu führen, an einem Ort, an dem man ungestört ist. Das ist etwas Königliches. Als ich Peters Text gelesen habe, wusste ich: So was habe ich noch nie als Film gedreht, aber insgeheim immer machen wollen. Dass es dann auch noch ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann ist, war mir um so lieber. Denn dieser Diskurs ist, zumindest im Kino, unter die Räder gekommen.

Wie meinen Sie das?
Wenders: Lange und schöne Dialoge zwischen Frau und Mann kommen in der Literatur vor, im Theater, aber kaum noch im Kino. Man muss schon eine Weile überlegen, wann man den letzten Film gesehen hat, in dem ein Paar lange und entspannt miteinander redet.

Wie erklären Sie sich das?
Wenders: Alles hat sich beschleunigt, auch das filmische Erzählen. Gespräche kann man aber nicht beschleunigen, man kann sie nicht schneller schneiden, als die Leute reden. Die Kultur des langen und entschleunigten Dialogs im Kino hat sich deshalb verdünnisiert. Ein Film, der ein einziges langes Gespräch zeigt: Da müsste ich ewig zurückgehen, bis mir was einfällt.

Zitiert

Die 3D-Technik ist durch Mistfilme ausgebeutet worden.

Wim Wenders

Bei Handke sind Sie fündig geworden, zumindest was die Form des Dialogs betrifft. War Ihnen die stilisierte Sprache von Handke denn auch vertraut oder haben Sie sich eher daran gerieben?
Wenders: Ich bin mit Peters Texten vertraut und liebe seine Bücher, seit nunmehr 50 Jahren. Aber für einen im Film gesprochenen Dialog habe mich schon etwas daran gerieben. Peter macht es einem nicht einfach, weil er sehr genau und ausführlich ist und manchmal auch lange Sätze schreibt. Die Menschen reden bei ihm nicht so, wie man das tagtäglich hört oder wie man selbst drauf los redet. Es ist eine Kunstsprache, oder, weil Kunst von Können kommen kann, eine sehr „hohe“ Sprache. Peter schreibt in einer Tradition der deutschen Sprache, wie das weit und breit außer ihm niemand mehr tut. Ich bin mit Peters Sprache groß geworden und sie begleitet mich länger als die irgendeines anderen zeitgenössischen Autors. In seinem „Sommerdialog“ habe ich aber etwas herausgehört, was ich noch nie zuvor bei ihm gehört hatte.

Was war das?
Wenders: Eine schöne Leichtigkeit. Auch wegen des Französischen und vielleicht auch, weil das nicht Peters eigene Sprache ist. Ich kenne es von mir selbst, dass man in einer anderen Sprache auch ein anderer Erzähler wird. Es hat mir gut gefallen, welche Freiheiten sich Peter im Französischen genommen hat, wie luftig und mitunter herzlich der Text geworden ist – auch mehr als in der deutschen Übersetzung. Da kommt dann gleich die etwas „schwerere“ deutsche Grammatik ins Spiel. Deswegen wollte ich unbedingt auf Französisch drehen.

In Handkes Text reden ein Mann und eine Frau – doch wirklich miteinander sprechen tun sie nicht.
Wenders: Die Wucht des Gesprächs liegt bei ihr, der Mann redet eher ausweichend. Er spricht auch nicht von sich, sondern nur von seinen Beobachtungen. Über den Sommer, über Spatzen und Äpfel, aber nicht über sich selbst. Wenn man hingegen hört, was die Frau von sich erzählt, finde ich es schon erstaunlich, dass das ein Mann geschrieben hat.

Szene aus „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit Reda Kateb und Sophie Semin © 2015 Alfama Films Production

Szene aus „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit Reda Kateb und Sophie Semin © 2015 Alfama Films Production


Warum haben Sie seit dem großen Erfolg vom „Himmel über Berlin“ fast 30 Jahre nicht mehr mit Peter Handke gedreht?

Wenders: Wir hatten durchaus andere Projekte. Ich habe mal fast zwei Jahre an einem Film gearbeitet, der in Amerika spielt, nach Peters „Langsame Heimkehr“. Das war ein schönes Projekt, aus dem dann nichts geworden ist, weil es zu komplex und schwierig war, das zu finanzieren. Und dann hat Peter mal ein Drehbuch geschrieben, von dem er hoffte, das ich das verfilmen würde: „Kali“. Aber auch dazu ist es nicht gekommen, weil ich da gerade in den USA gelebt habe, das aber in Deutschland hätte gedreht werden müssen. Seit diesen beiden Projekten haben wir jedesmal, wenn wir uns getroffen haben, gesagt: Wir müssen jetzt wirklich bald mal wieder was auf die Reihe kriegen. Eines Tages hat Peter mir dann das Manuskript der „Schönen Tage“ geschickt.

Ursprünglich sollten Sie den Text fürs Theater inszenieren.
Wenders: Ja, das war Peters ursprüngliche Anfrage. Ich habe dann das Manuskript gelesen und von der ersten Seite an gemerkt, wie gerne ich das draußen in der Natur machen würde. Es beginnt ja mit einer schönen Beschreibung, wie Peter die Szenerie sieht, das Paar auf der Terrasse, unter den Bäumen. Das will ich nicht im Theater machen, dachte ich, wo die Bäume nur Schatten sind oder eben tote Bühnenbäume, und wo der Wind und das Rauschen der Blätter aus Lautsprechern kommt. Den Dialog fand ich großartig, und die Idee, dafür wirklich einen so paradiesischen Ort zu finden, hat mich so gelockt, dass ich dann gesagt habe: Ich mache das, aber eben als Film!

Seit „Pina“ sind Sie ein Verfechter der 3D-Technik, auch „Die schönen Tage von Aranjuez“ haben Sie auf diese Weise gedreht. Warum ist die Technik im Autorenkino noch nicht verbreitet?
Wenders: „Noch nicht“ sollte man kaum mehr sagen, denn es ist eigentlich schon vorbei dafür. Die Chance, dass 3D auch in andere Filmbereiche hineingelangt, ist vertan. Die Technik ist dermaßen ausgebeutet und ausgepowert worden durch all die Mistfilme, die damit produziert wurden, dass Arthouse-Kinos und Verleiher es inzwischen strikt ablehnen, etwas Anderes in 3D zu zeigen als Animation oder Action. „Unser Publikum lehnt 3D ab.“ Was einen ja nicht verwundert bei der effekthascherischen Weise, in dem diese Sprache bislang eingesetzt wurde.

Doch Sie waren mit Ihrer 3D-Dokumentation „Pina“ sehr erfolgreich.
Wenders: Ja, aber im Dokumentarfilmbereich ist nichts hinterhergekommen. Und das Fernsehen hat sich ganz aus dem Medium zurückgezogen. Es gibt keinen Sender mehr im deutschsprachigen Raum, überhaupt in Europa, der 3D zeigt. Die Industrie hat sich ebenfalls abgewendet, weil wegen des Mangels an Content auch keine Fernsehgeräte mehr wegen 3D-Fähigkeit gekauft wurden. Das alles hat dazu geführt, dass letztlich auch das Publikum kein 3D mehr will. Zumindest nicht mehr in einem Film, der etwas Ernsthaftes erzählt. Das spezifisch 3D-affine Publikum will Action, Karussell-Fahrten oder Klamauk. Fürs Erzählkino ist 3D nicht benutzt worden. Ich habe mein Bestes gegeben als Rufer in der Wüste, aber außer dem einen großen Meisterwerk von James Cameron, „Avatar“, ist wenig passiert. Scorsese hat „Hugo Cabret“ gedreht, Ang Lee „Life of Pi“. Das war’s auch schon.

Werden Sie selbst der 3D-Technik treu bleiben?
Wenders: Nein, nicht auf Teufel komm raus. Es wird einem einfach zu schwer gemacht. Bei den „Schönen Tagen von Aranjuez“ konnte ich dabei bleiben, weil wir den Film mit einem ganz kleinen Budget und in aberwitzig kurzer Zeit gedreht haben, in nur 10 Tagen! Aber letztlich hatte ich als Produzent mit dem Phänomen zu kämpfen, dass 3D im Arthouse-Bereich nicht mehr gewünscht wird. Das ist sehr schade und eigentlich ein Skandal, über den sich aber niemand aufregt. 3D hatte im Grunde nie die Chance zu zeigen, was es wirklich kann. Ich denke – und das sage ich jetzt mal ziemlich „eingebildet“ –, dass „Die schönen Tage“ besser als je ein Film zuvor zeigt, wozu 3D auf einer poetischen und zärtlichen Ebene fähig ist.

Und Ihr nächster Spielfilm „Submergence“ wird dann wieder klassisch in 2D zu sehen sein?
Wenders: Ja, so leid es mir getan hat und so innig ich 3D liebe. Die Verleiher haben gesagt: Den Film wollen wir unbedingt, super Drehbuch, tolle Schauspieler, aber wir wollen ihn nicht in 3D! Das geht so weit, dass auch die Agenten von Schauspielern inzwischen sagen: Wir wollen eigentlich nicht, dass unsere Klienten in einem 3D-Film mitspielen. Die halten das für die Karrieren ihrer Schauspieler eher für abträglich. Das Image von 3D lautet: Das ist nichts Seriöses.

Wim Wenders am Set von „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit Schauspieler Reda Kateb und Autor Peter Handke © Donata Wenders

Wenders am Set von „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit Reda Kateb und Peter Handke © Donata Wenders


Sie wurden durchs amerikanische Kino sozialisiert und haben jahrelang in den USA gelebt. Mit welchen Gefühlen betrachten Sie, was dort gerade rund um Donald Trump vor sich geht?

Wenders: Der nackte Horror. Wenn ich nicht lange genug da gelebt hätte, insgesamt 15 Jahre, und ich nicht wüsste, dass es dort ein grundsolides demokratisches Gerüst gibt, dann hätte ich größte Sorgen. Ich habe sie auch so, aber ich denke, dass die Amerikaner den Mann überleben werden. Ich weiß nur nicht, wie groß der angerichtete Schaden sein wird. Und ich sehe auch nicht, wie das Land die nächsten Jahre ohne Bürgerkrieg oder bürgerkriegsähnliche Zustände überstehen soll, wie es diese krass rassistische Haltung, diese Verachtung sowohl von Armut als auch von allen „Anderen“, von Mexikanern, Ausländern überhaupt, Muslimen im Besonderen unterm Deckel halten will. In den USA schwelen immer schon Rassenkonflikte, und ich denke, dass es da krachen und richtig Ärger geben wird, wenn die Armen merken, dass sie alle noch ärmer werden und bald auch noch ihre Versicherung los sind.

Haben Sie die Anfälligkeit der USA für einen populistischen Präsidenten vorhergesehen?
Wenders: Nein, und ich hätte alles darauf verwettet, als Trump die ersten Primaries gewann und dann übrig blieb, dass es einen Erdrutschsieg für die Demokraten geben würde und die Republikaner mit Pauken und Trompeten untergehen würden. Dass Trump eine Mehrheit finden könnte, hielt ich für undenkbar. Und es ist immer noch undenkbar, weil es ja nicht vereinbar ist mit irgendwelchen Standards an Moral oder Ethik an Politiker. Narzissmus ist eine witzige Sache, wenn man das im Kino erlebt. Über den selbstverliebten Vater in „Toni Erdmann“ kann man lachen, aber man will ihn ja nicht als US-Präsidenten haben. Obwohl: Den würde ich noch eher nehmen, sogar inklusive seines Kostüms. Simonischek for President.

Robert De Niro und Alec Baldwin haben gegen Trump deutlich Stellung bezogen. Gibt es für Kultur- und speziell für Filmschaffende eine Pflicht zur politischen Einmischung?
Wenders: Ich ziehe auch meinen Hut vor Meryl Streep. Es gibt diese Pflicht für das Kino, sich einzumischen, weil die anderen audiovisuellen Medien sich in großem Maße ausgeklinkt haben. Gerade in Amerika ist das Fernsehen echt irrelevant geworden, eine Form von Entertainment, für die gerade einer wie Trump das gefundene Fressen ist. Das Kino hat geradezu die Aufgabe, „Politik“ im weitesten Sinne wieder miteinzubeziehen – da gab es ja mal eine lange Tradition – weil es keine andere Stimme gibt, die das noch tut. Das Kino ist ein privilegierter Ort ist, an dem man sich für anderthalb bis zwei Stunden einem Erzähler anvertraut, und dieser Erzähler kann in dieser Zeit viel mehr machen als jede Fernsehsendung. Er kann in den Köpfen der Menschen mehr Dinge auslösen als es Youtube oder welch anderes flüchtige Medium heutzutage könnte.

Welchem Thema sollten sich die Filmemacher in diesen Zeiten stärker widmen?
Wenders: Das Kino hat eine große Verantwortung gegenüber den Verleugnern des Klimawandels, die jetzt überall an der Macht sind. Es ist unfassbar, was alles an Machtwechseln stattfinden, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollen und dabei die Katastrophe beschleunigen. Trump gehört dazu. Als Obama in Berlin war, wurde er gefragt, welches seiner Abkommen ihm am wichtigsten ist. Er hat geantwortet: „Das Klimaabkommen.“ Weil es das am längsten andauernde sei. Wenn Trump es cancelt, hätte das katastrophale Folgen für die Zukunft unseres Planeten. Der Schaden wäre nicht wiedergutzumachen.

„Land of Plenty“ haben Sie unter dem Eindruck des 11. Septembers und seiner Folgen gedreht, aus Zorn. Gibt es im Moment einen Zorn in Ihnen, der Sie motivieren könnten, einen Film zu machen?
Wenders: Eigentlich ist Zorn für mich kein guter Grund, Filme zu machen. Aber es gibt Kollegen, die können das besser. Michael Moore zum Beispiel, für den ist Zorn ein hervorragender Antrieb.

Auch für Ken Loach.
Wenders: Ja, für Ken ist das ein Lebenselixier. Aber auf mich hatte Zorn nie eine sonderlich kreative Wirkung. Letzten Endes ist selbst in „Land of Plenty“, einem Film, der aus Wut über den Beginn des Irakkrieges entstanden ist, aus dem patriotischen Volltrottel in der Hauptrolle eine liebevolle Figur geworden. Ich habe das einfach nicht drauf, ich kann aus Zorn heraus nicht arbeiten.

Sie könnten auch aus einem positiven Gefühl heraus einen Film drehen, als Appell.
Wenders: Das ist schon eher mein Ding. Beim „Salz der Erde“ haben wir erst beim Drehen gemerkt, dass der Fotograf Sebastião Salgado ein anderes Leben hatte, dass es da etwas gab, was ihn gerettet hat, seine Stiftung und sein utopischer Traum, den Regenwald wieder aufzupflanzen. Das hatte noch niemand vor ihm gemacht, aber seitdem weiß man, dass es geht und das wird auch in großem Maße weitergeführt. Das war schon ein politischer Akt, aber eben kein Protestakt, sondern ein positiver. Sowohl beim Drehen als auch beim Schneiden hat es mir gutgetan zu sehen, dass ein Film aus einer positiven Überzeugung heraus etwas verändern kann.

Ist der Klimawandel das Thema, das Sie derzeit am meisten umtreibt?
Wenders: Ja. Ich finde, dass man noch mehr darüber erzählen muss, auch andere Ansätze finden muss, um noch deutlicher zu machen, welche Verantwortung gerade auf unseren Generationen – den zwei oder drei, die im Moment leben – und auf den Herrschenden dieser Welt liegt. Mit dem besten Beispiel ist da Papst Franziskus vorgeprescht, mit seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato Si.“

Hierzulande ist man gerade berauscht von „Toni Erdmann“ und dessen internationalem Erfolg. Wie beurteilen Sie insgesamt den Zustand des deutschen Kinos?
Wenders: Da sind viele junge Leute, die gelernt haben, anders zu sein und auch Vertrauen darin zu haben, dass sie anders sein können, dürfen, sollen. Leute, die nicht nach Formeln oder Rezepten drehen. Wir haben die recht einmalige Situation, dass Filmemacher ermuntert werden, kreativ zu arbeiten. In anderen Ländern ist das nicht so stark ausgeprägt.

Wem ist das zu verdanken?
Wenders: Die Filmhochschulen und die Förderanstalten leisten eine ausgezeichnete Arbeit, es kommen im Moment viele kräftige Filme in die Kinos. In Frankreich hingegen beschränkt man sich doch sehr auf Komödien und Sozialdramen, die sind allesamt nicht so innovativ. Es gibt in Deutschland, wie überall, zwar einen Zuschauerrückgang, gerade im Arthouse-Bereich. Aber was die Qualität der Filme betrifft, braucht man sich vor niemandem zu verstecken.

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