Tom Junkersdorf

Wir inszenieren Stars und bauen sie auf.

Bravo-Chefredakteur Tom Junkersdorf über das Erfolgsgeheimnis der Bravo, den Draht zu den Lesern, Starkult und die sexualisierte Mediengesellschaft

Tom Junkersdorf

© BRAVO

Herr Junkersdorf, in Kürze feiert die Bravo ihren 50. Geburtstag – was sind Ihre eigenen Kindheitserinnerungen an die Bravo?
Junkersdorf: Ich habe Bravo schon immer gern gelesen. Ich glaube mit zehn Jahren habe ich angefangen sie zu sammeln. Und der Held meiner Jugend war Superman, von dem hatte ich den Starschnitt bei mir im Zimmer hängen.

Was hat Sie damals fasziniert, als Sie Ihre erste Bravo in der Hand hielten?
Junkersdorf: Bravo war und ist einfach eine bunte Welt der Stars, der Musik und der Trends. Das hat mich schon immer fasziniert.

Und wann sind Sie aus dem star-affinen Alter rausgewachsen?
Junkersdorf: Bis heute nicht. Ich bin immer noch im star-affinen Alter, mit 37.

Die Bravo war in ihrer 50-jährigen Geschichte nicht selten als jugendgefährdend verschrien, in den 70ern landeten zwei Ausgaben sogar auf dem Index. Würden Sie es heute nachvollziehen können, wenn Eltern ihren Kindern die Bravo verbieten würden?
Junkersdorf: Nein, es gibt keinen Grund, Bravo als Lektüre zu verbieten. Das ist tolle Unterhaltung und seriöse und wichtige Aufklärung. Die gesellschaftliche Wahrnehmung von jugendlicher Sexualität und offenem Umgang mit Sexualität hat sich über die letzten Jahrzehnte dramatisch verändert. 1972 kam Bravo wegen eines Dr. Sommer Berichts über Selbstbefriedigung auf den Index, weil Fachleute der Meinung waren, Selbstbefriedigung würde unter anderem zu Rückmarksschwund führen. Heute würde das wohl keiner mehr ernsthaft behaupten wollen. Dr. Sommer ist längst die anerkannteste Aufklärungsinstanz in Deutschland. Heute wird das Dr. Sommer Team sogar schon zum Evangelischen Kirchentag eingeladen. Wir zeigen in jeder Ausgabe ein nacktes Mädchen und einen nackten Jungen, einzig aus dem Grund, damit andere Jungs und Mädchen die Möglichkeit haben, sich zu vergleichen. Und das ist Aufklärung, das hat nichts zu tun mit „Sex Sells“.

Und eine Girl-Band, die sich „Pussycat Dolls“ nennt und nur in Bikinis auftritt finden Sie nicht übersexualisiert?
Junkersdorf: Nein, überhaupt nicht. Immerhin tragen die Mädchen ja noch Bikinis. Wer heute den Fernseher einschaltet, Werbung anschaut, durch Tageszeitungen blättert, der sieht, Nacktheit ist in Deutschland die Normalität. So gesehen sind die Pussycat Dolls geradezu brav. Was sie im Übrigen auch müssen, da sie aus Amerika kommen, wo Nacktheit viel weniger zur Schau gestellt werden darf als in Deutschland. Ich habe ein Jahr in New York gelebt und als ich 2005 zurückkam, war ich sehr überrascht. wie hoch die Sex-Schraube in Deutschland mittlerweile gedreht ist. Wir leben in Deutschland in einer sexualisierten Mediengesellschaft.

Lässt sich das noch zurückdrehen?
Junkersdorf: Ich glaube, dass sich dieser Trend selbst reguliert, weil nach nackt kommt einfach nichts mehr, das ist nicht steigerbar. Ich glaube auch, dass es in den deutschen Medien keine Perversion mehr gibt, die nicht schon live übertragen und in allen Details ausgeschlachtet worden ist. Live-Sex in „Big Brother“, Brust-OPs und lange Diskussionen über einen Kannibalen, der den Penis eines anderen Mannes verspeist hat, das sind alles Dinge, die in Medien verbreitet werden, wo nicht der Stempel draufsteht: erst ab 18 Jahre.

Das klingt so, als würden Sie die Sex-Schraube gerne selbst etwas zurückdrehen.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen —

Wie gut kennen Sie eigentlich die Bravo-Leser, welcher Draht besteht da?
Junkersdorf: Bravo kennt seine Leser sehr gut. Wir kriegen jeden Tag 300 bis 400 E-Mails und Briefe, wo wir beinahe seismographisch fühlen können, welche Themen die Jugendlichen bewegen und welche nicht. Einmal im Monat laden wir zur großen Gruppendiskussion ein, wo wir stundenlang zusammensitzen und diskutieren: über Stars, Schule, Elternhaus, über Sorgen und Wünsche. Da erfahren wir natürlich Themen, die sonst so keiner erfährt. Ein Beispiel ist die Situation an den Schulen. Während die Erwachsenenwelt über die Ergebnisse der Pisa-Studie diskutierte, haben wir gesehen, dass das größte Problem der Leser die Gewalt an der Schule ist. Das hat uns angetrieben, eine einzigartige Kampagne für unsere Leser zu starten. Die größte Starinitiative in der Geschichte von Bravo – mit über 100 Stars kämpfen wir gegen Gewalt an den Schulen. Wir haben herausgefunden, dass jeder dritte Schüler in Deutschland Angst vor Gewalt an der Schule hat, jeder fünfte Schüler schon Opfer von Gewalt wurde. Es gibt 500.000 Schüler in Deutschland, die regelmäßig drangsaliert werden, die morgens mit Angst aufwachen, nicht weil sie ein Mathe-Arbeit schreiben, sondern weil sie einfach nicht wissen, wie sie den Tag überstehen sollen und ob sie wieder verprügelt, verletzt oder gedisst werden. Wir gehen mit Stars an die Schulen, diskutieren mit Schülern und Lehrern und haben eine eigene Hotline eingerichtet, bei der sich betroffene Jugendliche melden können und beraten werden.

Was für ein Potenzial hat denn eine solche Initiative?
Junkersdorf: Wir haben damit eine völlig neue Mut-Debatte an Deutschlands Schulen losgetreten. Zehntausende Schüler haben uns geschrieben und uns bekundet, dass sie diese Aktion unterstützen. Diese Schüler wollen in ihrer Schule dafür sorgen, dass das zum Thema gemacht wird. Jetzt gehen die Schüler von sich aus auf die Lehrer zu und sagen: „Bitte lasst uns dazu eine Projektwoche machen.“ Wir kriege Schreiben von Schuldirektoren von Lehrern, die uns berichten, dass sie einen Tag im Monat vom Stundenplan gestrichen haben und dafür mit ihren Schülern sechs Stunden über die Gewalt an der Schule reden. Es ist sehr wichtig, das zum Thema zu machen.

Hat man da als Bravo-Chef auch eine Art Verantwortungsgefühl?
Junkersdorf: Ja. Wir erreichen jede Woche 1,6 Millionen Schüler. Bravo versteht sich als Anwalt der Generation Schule, wir geben den Jugendlichen eine Stimme und kümmern uns um ihre Probleme.

Nun sind Artikel über die Sozialproblematik aber auch in der Bravo eher selten. Stattdessen ist das Heft randvoll mit Geschichten über Stars und Sternchen.
Junkersdorf: Das stimmt nicht. Wir haben das Problem Gewalt an der Schule sogar zum Titelthema gemacht und berichten seit Monaten jede Woche seitenweise darüber. Das Erfolgsgeheimnis von Bravo basiert auf drei Säulen: erstens die Stars, zweitens Dr. Sommer und drittens die Aktionen. Da versteht sich Bravo als Anwalt der Generation Schule. Grundsätzlich aber ist und bleibt Bravo ein Musik- und Entertainmentmagazin.

Man wird in Bravo in Zukunft also auch Geschichten darüber lesen können, wie Kinder in sozial schwachen und Familien und in schwierigen Verhältnissen leben?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen —

Sie erwähnten bereits die Säule „Stars“. Der Starkult, der in Zeitschriften wie Bravo betrieben wird, ist riesig, Beispiel „Tokio Hotel“, wo Fans in Internetforen schreiben, dass sie ohne ihre Lieblinge nicht mehr leben können. Wie weit darf der Starkult gehen?
Junkersdorf: Stars haben als Identifikationsfläche für Jugendliche eine wichtige Funktion. Wenn als Fazit rauskommt: Lebensfreude, Gemeinschaftsgefühl – dann ist es gut. Da ist es letztlich kein Unterschied, ob eine Million Leute in Berlin auf der Fanmeile stehen und sich über jedes Tor von Deutschland freuen, oder ob bei einem Konzert von „Tokio Hotel“ 20.000 Mädchen vor der Bühne stehen, die sich total freuen und kreischen und wahrscheinlich den schönsten Tag des Jahres erleben. Das ist positiv und im Übrigen unterscheidet es sich überhaupt nicht von der Zeit Mitte der 60er Jahre, als Bravo die Beatles zu einer Blitz-Tournee nach Deutschland geholt hat. Die Jungs sind damals aus dem Zug gestiegen und die Mädchen davor haben gekreischt und sind in Ohnmacht gefallen. Das sind wahrscheinlich die Eltern der heutigen „Tokio Hotel“-Fans. Das ist ein gutes Gefühl, ein Gefühl wo wir sagen: fühl dich Bravo, sei dabei, habe .Spaß.

Da haben sich die Teenager-Bedürfnisse also nicht verändert?
Junkersdorf: Nein, die Sehnsucht und die Träume sind immer noch die gleichen.

Wobei man aber nicht die Produzenten-Riege vergessen sollte, die hinter „Tokio Hotel“ steht.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Und bei „Tokio Hotel“ wird alles anders sein?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

„Tokio Hotel“ wird es also auch noch im Sommer 2007 auf’s Bravo-Cover schaffen?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Wie bewerten Sie die Macht der Bravo, über Karrieren von jungen Bands zu entscheiden?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Schaut man nun in Ihre Vita findet man allerdings keine musikjournalistische oder andere Tätigkeit, bei der es primär um Musik ging. Kommt es beim Entdecken und Machen von Stars vielleicht gar nicht so sehr auf die Musik an?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Was hören Sie eigentlich selber für Musik?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Sind Sie, was Ihren Musikgeschmack anbelangt, einfach jung geblieben, oder sind Sie so sehr von Ihrer Arbeit eingenommen? Oder macht „Tokio Hotel“ tatsächlich Musik für Erwachsene?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Apropos verkaufen: Haben Sie sich schon mal einen Klingelton runtergeladen?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Bravo verkauft heute auch Klingeltöne, für 1,99 Euro. Das Heft dagegen kostet 1,30. Ist das noch ein gesundes Verhältnis?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Sie haben bereits sehr viel People-Journalismus gemacht, erst für die Hannoversche Neue Presse, dann für die Gala, die Bild und jetzt für Bravo. Interessieren Sie sich eigentlich auch persönlich für den ganzen Klatsch und Tratsch?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Ihnen war das auch nie zu wenig, nur über Beziehungen, Affären und Heiratspläne zu berichten?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Nun haben Sie erwähnt, dass bei der Bravo kein Star runtergemacht wird, bei der Bild hingegen ist das öfter der Fall. Hatten Sie in Ihrer Bild-Zeit bei solchen Geschichten auch mal die Hand im Spiel?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Und, darf man es?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Waren Sie stolz auf Ihre Entdeckung?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Die Folgen, die diese Kampagne für die Schauspielerin hatte, sind Ihnen wohl bekannt.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Vielleicht wäre sie auf anderem Wege nicht zu dieser tollen Rolle gekommen.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Sollen wir denn eigentlich alles wissen über die Vorgeschichten von Schauspielern? Ist das Ihr Streben, alles im Privatleben aufzudecken?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Also, ein Goldener Bär ist ja schon noch etwas anderes als das Amt der Bundeskanzlerin.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Sie haben dann auch Bilder aus ihren Pornofilmen abgedruckt.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Empfanden Sie das als würdevoll?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Man hätte ganz normale Portraits verwenden können. Doch so, wie die Bild verfahren ist, hat es Frau Kekilli enorm geschadet, auch psychisch glaube ich.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Sie empfinden keinerlei Reue?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Aber wenn Sibel Kekilli gegenüber Bild alles über ihre Vergangenheit erzählt hätte, dann hätte sie genau gewusst, wie die Bild dieses Thema ausschlachtet. Weil eine Geschichte über einen Film-Star mit Porno-Vergangenheit passt natürlich wunderbar in den Bild-Stil.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Wie beurteilen Sie denn generell die journalistische Arbeit der Bild? Lesen Sie zum Beispiel Bildblog.de?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Um sich über die journalistischen Missstände bei der Bild zu informieren.
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Wenn ich Sie richtig verstehe: Sie führen sämtliche Unwahrheiten in der Bild auf den großen Redaktions-Apparat zurück, in dem viele Sachen schief laufen, weil so viele Redakteure zusammenarbeiten? Die zahlreichen Klagen von Personen des öffentlichen Lebens und die Gegendarstellungen, welche Bild regelmäßig abdrucken muss: alles nur ein Resultat von schlechter Organisation?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Und warum hat dann der Deutsche Presserat die Berichterstattung der Bild über Frau Kekilli gerügt und eine Verletzung der Menschenwürde beanstandet?
Junkersdorf: — Antwort wurde gestrichen –

Um noch einmal auf die Bravo zurück zu kommen: Gibt es journalistische Standards bei der Bravo? Einen internen Kodex vielleicht?
Junkersdorf: Bei uns gibt es das Motto „Fühl dich BRAVO“. Das heißt, jeder Star, der mit uns zusammenarbeitet, soll so behandelt werden, dass er sich Bravo fühlt. Wir inszenieren Stars und bauen sie auf – wir machen sie nicht kaputt. Und auch unsere Leser sollen sich jede Woche Bravo fühlen. Das heißt, gut unterhalten, bestens informiert und aufgeklärt. Und egal, wen sie in Deutschland fragen, jeder hat sich irgendwann in seinem Leben mal Bravo gefühlt.

Und ist bei der Bravo mal etwas schiefgelaufen, gab es schon mal eine Gegendarstellung?
Junkersdorf: Nein, in 50 Jahren Bravo hat es nie eine Gegendarstellung gegeben.

26 Kommentare zu “Wir inszenieren Stars und bauen sie auf.”

  1. Konstantin Neven DuMont |

    (Selbst-)Zensur?!

    Warum habt ihr denn den Infokasten gelöscht? Das ist ja schade.

    Antworten

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