Steven Spielberg und Tom Cruise

Ich frage mich, ob wir die persönliche Freiheit zurückbekommen, wenn diese Krise vorbei ist.

Regisseur Steven Spielberg und Schauspieler Tom Cruise über den Film "Minority Report", düstere Zukunftsvisionen, gewagte Stunts und den Traum vom Ausflug in den Weltraum

Steven Spielberg und Tom Cruise

© 20th Century Fox

Mr. Spielberg, Mr. Cruise, in Ihrem neuen Film „Minority Report“ geht es auch um das Übermenschliche. Glauben Sie daran?
Tom Cruise: Also, ich nicht.
Steven Spielberg: Ich schon. Aber ich werde jetzt nicht im Detail ausführen, warum, sonst würde das die ganzen Schlagzeilen füllen. Aber ich hatte einige Erlebnisse dieser Art, weshalb ich wohl auch besonderes Interesse an Science Fiction Stoffen wie „Minority Report“ habe.

Die Kurzgeschichte von Philip K. Dick, auf der „Minority Report“ basiert, ist nun schon 60 Jahre alt. Was denken Sie, wie relevant sind solche Geschichten heute für Hollywood?
Spielberg: Philip K. Dick war ein wunderbarer Autor mit enormer Phantasie und Vorstellungskraft, ein Futurist. Aber er war auch meines Erachtens paranoid, und das zu jener Zeit. Er hatte vor 60 Jahren schon davor Angst, wovor ich heute Angst habe. Und ein Grund, warum ich seine Ideen und Visionen mag, ist, weil es mich anspricht. Wenn das nicht so wäre, dann hätte ich „Minority Report“ gar nicht gemacht. Da gibt es etwas in Dicks Arbeit, das spricht einfach zu mir. Und ich war schon früh sehr interessiert an Philip K. Dick, mehr noch als an George Orwell, der ja der bekannteste Kämpfer dieser Autoren ist. Für mich ist das Bild der Zukunft in „Minority Report“ schon finster, lange bevor es von einer Realität eingeholt wurde, die noch finsterer ist. Es nicht so, dass ich mir so eine Zukunft wünsche, aber ich dachte, dass man daraus eine spannende Geschichte machen kann, über eine Zukunft, in der die Menschen Gefahr laufen, ihre persönliche Freiheit einzubüßen.

Wie kommt es, dass Sie erst heute Ihren ersten gemeinsamen Film ins Kino bringen?
Cruise: Wir sind schon sehr lange Freunde, beinahe 20 Jahre. Ich habe Steven das erste Mal getroffen während der Arbeit an „Risky Business“. Schon damals war er mir gegenüber sehr ermutigend. Wir gingen das erste Mal zusammen essen, wir wurden Freunde und haben viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Ich kannte natürlich schon alle seine Filme, uns als er zu mir sagte „Laß uns gemeinsam Essen gehen“ – wow. Wir haben dann schon seit vielen Jahren darüber gesprochen, einen Film zusammen zu machen.
Spielberg: Wir hatten auch bereits verschiedene Projekte vor Augen, die aber alle nicht realisiert wurden. Tom war es dann, der mir „Minority Report“ von Philip K. Dick in die Hand drückte – ich hatte die Geschichte vorher nie gelesen. Uns hat sie dann aber gleichermaßen sehr bewegt, das war sozusagen der Grundstein für diese Zusammenarbeit.

Mr. Spielberg, sehen Sie die USA in Zukunft noch immer als „Land of the free“ oder haben Sie eher Bedenken in diesem Punkt?
Spielberg: Die westliche Zivilisation und Demokratie, wir teilen ja alle die gleiche Angst, dass mit den Technologieentwicklungen immer mehr eine Einschränkung der persönlichen Freiheit einhergeht. Und in Zeiten der Angst vor dem Terror wird in den USA der Regierung erlaubt, in die Privatsphäre von vielen Menschen einzudringen um zu prüfen, ob sie vielleicht gefährlich sind. Ich frage mich, wenn diese Krise vorbei ist, ob wir dann die persönliche Freiheit zurück bekommen, die wir noch hatten vor dem 11. September. Wir haben „Minority Report“ ja schon lange vor dem 11. September gedreht, also vor diesem Ereignis, das dann zu diesen Einschränkungen geführt hat.

Wenn Sie an einen totalen Polizeistaat in der Zukunft denken, was sind Ihre Gefühle diesbezüglich?
Spielberg: Ich kann nur hoffen, dass es so einen Polizeistaat in der Zukunft überhaupt nicht geben wird. Aber dass es heute bereits Länder gibt, die so einen Polizeistaat haben, das macht mir Sorge.

Neben der fortschreitenden Technologieentwicklung gewinnen auch die Medien mehr und mehr Einfluss auf die Menschen. Sie haben beide Kinder, wie lange lassen Sie Ihre Kinder jeden Tag an den Fernseher?
Cruise: Meine Kinder sind noch sehr jung und ich will nicht, dass sie viel Fernsehen gucken, ich konzentriere mich eher darauf, dass sie viel lesen. Ich erlaube ihnen 3 bis 4 Stunden in der Woche, wenn sie sich gut benehmen.
Spielberg: Meine Kinder können etwa eine Stunde am Tag Fernsehen gucken – am Abend, wenn sie ihre Hausaufgaben gemacht haben, schon die Zähne geputzt haben und im Schlafanzug sind. Wir haben auch mehrere Sperren an unserem Fernseher, deshalb können sie eigentlich nur Disney Channel, Nickelodeon oder Discovery Channel gucken, das ist sehr begrenzt. Ich will sie auch vor allem nicht die Nachrichten gucken lassen, denn die sind heute wesentlich unsensibler, als zu der Zeit, wo ich aufgewachsen bin. Die Dinge in der Welt sind im Moment so beängstigend, weshalb ich meinen Kindern lieber die Nachrichten selbst beim Abendbrot erzähle. Die Nachrichten bekommen sie also von mir und nicht von CNN. Einmal kam aber vor kurzem meine ältere Tochter zum Essen und sagte zu ihrer Schwester: „You suck, you suck“ – da wusste ich sofort, sie hatte „South Park“ geguckt, obwohl ich ihr doch verboten hatte, den Comedy Central Kanal anzuschalten.

Wie oft nutzen Sie persönlich das Internet, Mr. Cruise?
Cruise: Ich habe das Internet gewöhnlich sehr viel genutzt, vor allem für E-Mails. Aber meine Tage sind sehr durchgeplant, mit meinen Kindern und mit meiner Arbeit. Früher habe ich viel mit meinen Freunden via E-Mail kommuniziert. Irgendwann stand allerdings in zu vielen Mails „Tom, du schreibst mir ja gar nicht mehr“. Ich benutze das Internet jetzt fast nur noch im Büro, insbesondere zur Recherche.

Mr. Spielberg, es gibt eine Reihe großer Science Fiction Filme von Metropolis bis „Blade Runner“ – wie ist Ihre Herangehensweise, eine realistische Zukunft auf der Leinwand zu zeigen?
Spielberg: Damit meine Filme sich von anderen Science Fiction Filmen unterscheiden, versuche ich mein Filmgefühl so präsent und zeitgemäß wie möglich zu machen. Und es war bei „Minority Report“ wichtig, dass die Handlung zwar in der Zukunft spielt, aber dass es so aussieht, als ob sie heute passiert.

Mr. Cruise, war es am Set für Sie nicht ein bisschen langweilig, weil doch wahrscheinlich sehr viel am Blue Screen gedreht wurde?
Cruise: Das war nur ein kleiner Teil, den wir am Blue Screen gedreht haben. Und überhaupt zur Arbeit am Film: Sie müssen wissen, ich bin mit seinen Filmen aufgewachsen – Steven Spielberg, er ist eine Legende. Und am Set zu stehen mit ihm, das ist einfach anders. Da begegnet man so einem Maß an Präzision, Perfektion und Schnelligkeit. Er verliert nie die Story aus den Augen und lässt es trotzdem während des Drehs zu, dass das Geschehen sich in sich entwickelt, er findet neue Kameraeinstellungen und Dinge, die man nie vorhergesehen hätte. Egal ob Blue Screen oder nicht, mit Steven wird es nie langweilig.

Zitiert

Wir haben alle die Angst, dass mit der fortschreitenden Entwicklung der Technologie auch eine Einschränkung der persönlichen Freiheit einhergeht.

Steven Spielberg und Tom Cruise

Stimmt es denn, dass Steven Spielberg große Angst vor dem Dreh mit Ihnen hatte, wegen Ihren oft sehr gewagten Stunts?
Cruise: Steven sagte immer „Die Szene ist im Kasten, holt Tom da runter“.
Spielberg: Und Tom wollte die Szene aber immer noch mal drehen. Ich höre ihn noch acht Stockwerke über mir schreien: „Noch ein Take, das macht solchen Spaß“. Ich werde dann sehr nervös. Ich habe einmal die Dreharbeiten zu „Mission: Impossible 2“ besucht. Da sah ich erst mal John Woo, den Regisseur, das Gesicht in den Händen vergraben. „Was ist denn los, gibt’s ein Problem?“ habe ich ihn gefragt. „Ja, Tom ist das Problem, guck mal da oben“. Und ich guckte hoch und sah Tom, 30 Meter über dem Boden, der mir zurief: „Hi Steven, ich springe gleich, guck mal …“ Und dann springt er, mit dem Kopf zuerst und die Seile fangen ihn erst anderthalb Meter über den Kameras auf. Da habe ich erst mal das gleiche getan wie John Woo und schnell weg geguckt.

Mr. Spielberg, Sie sind einer der erfolgreichsten Regisseure überhaupt, wie wichtig ist Ihnen heutzutage ein Kassenerfolg?
Spielberg: Mir ist das heute nicht mehr wichtig, das war es vor langer Zeit einmal. Ich arbeite heute als Filmregisseur um Filme zu drehen in einem noch nicht da gewesenen Stil, und mit Geschichten, die noch keiner kennt. Für 2004 plane ich zwar im Moment, den vierten Teil von „Indiana Jones“ zu drehen, das wird meine Rückkehr zu den alten Tagen sein. Aber ansonsten möchte ich Filme machen wie „Minority Report“, „A.I.“ oder auch „Saving Private Ryan“ – das sind Herausforderungen für mich. Keine Herausforderung für mich, wäre es hingegen, einen Comic zu verfilmen – außer, dass meine Kinder zu mir kommen und sagen: „Spiderman ist ein so toller Film, wieso hast du den nicht gemacht?“

Mr. Cruise, Sie sind bekennender Scientologe und waren bereits im Januar in Berlin und haben mit dem amerikanischen Botschafter über das Schicksal von Scientology in Deutschland gesprochen.
Cruise: Ich bin jetzt Scientologe seit meinem Film „Top Gun“. Es ist wie so oft: wenn die Leute alles wüssten, dann gäbe es hier auch keine Auseinandersetzung mit Scientology. Mir hat Scientology sehr viel gebracht. Ich war als Junge auf 15 verschiedenen Schulen, bin viel herumgereist. Und an jeder Schule hat man über mich getuschelt, Geschichten erfunden und so weiter. Das war sehr anstrengend und ich sagte mir, das muss sich ändern. Ich wurde dann Schauspieler und merkte, dass alles, was die Mitschüler über mich erzählten, einfach falsch war. Dann kam ich zu Scientology, weil ich darüber Bücher gelesen habe. Wenn all die Leute diese Bücher gelesen hätten, würden Sie sehen, wie absurd die schon so oft erhobenen Vorwürfe sind. Was da bereits alles geschrieben wurde über mich und über Scientology – aber haben diese Journalisten all die Informationen, die es gibt?

Haben Sie beide bereits Ihre großen Träume im Leben verwirklichen können, oder glauben Sie, dass Ihr Leben durch das Schicksal bestimmt wird?
Spielberg: Das wird es natürlich nicht. Mein Leben wird höchstens durch meine Kinder bestimmt.
Cruise: Ich wollte als Kind immer zwei Dinge: ich wollte Filmstar werden und ich wollte in den Weltraum. Den zweiten Wunsch habe ich noch heute. Allerdings will ich dafür nicht 24 Millionen Dollar bezahlen. Ich habe Kontakt zur NASA und habe denen auch schon bei verschiedenen Dingen geholfen. Ich bin ja Pilot, ich interessiere mich viel für Navigation und solche Dinge, und natürlich auch für den Weltraum.

Ihr Privatleben, Mr. Cruise, wird nicht selten in den Medien breit getreten, wie gehen Sie damit um?
Cruise: Gar nicht. Irgendwie geht das immer. Ich habe jetzt eine schöne Familie, ich mag meine Kinder, sie sind mein Leben, meine Freunde meine Arbeit – es geht immer weiter. Und ich hätte nie gedacht, dass ich mal so ein Leben haben werde. Ich bin jedenfalls glücklich und das vergesse ich nicht eine Sekunde in meinem Leben.

Mr. Spielberg, Sie sind sicher einer der einflussreichsten Amerikaner, und da gehen Sie bestimmt auch ab und zu mit Politikern essen. Wann hatten Sie das letzte Mal Gelegenheit, mit amerikanischen Politikern über die derzeitige Situation zu sprechen?
Spielberg: Das ist lange her – seit dem Bill Clinton nicht mehr unser Präsident ist, gehe ich mit Politikern gar nicht mehr essen.

Bevor Sie mit den Dreharbeiten zu „Minority Report“ begonnen haben, luden Sie mehrere Wissenschaftler ein, um mit ihnen über zukünftige Erfindungen und Entwicklungen zu reden. Was war die beste Idee der Wissenschaftler, die dann im Film aber doch nicht zur Geltung gekommen ist?
Spielberg: Das war mit Sicherheit eine neuartige Toilette, genannt „Smart John“. Die sollte nach dem Klogang sofort analysieren, was du essen sollst und was nicht. Bevor man die Toilette verlässt hat man dann einen kompletten Ausdruck in der Hand. Das war uns dann aber doch zu viel Information.

„Minority Report“ spielt im Jahr 2054. Was wünschen Sie sich persönlich für diese Zeit?
Spielberg: Das mag jetzt nach Klischee klingen, aber ganz einfach: Frieden auf der Welt.

Und Mr. Cruise, wie werden Sie im Jahr 2054 Ihren 92. Geburtstag feiern?
Spielberg: Das beantworte ich für ihn: er wird bestimmt zur Feier des Tages einen Stunt machen und mal wieder von einem Hochhaus springen.

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