Herr Riklis, wie kam es zu der Idee, einen Film an der syrisch-israelischen Grenze, auf dem Golan spielen zu lassen?
Eran Riklis: Auf dem Golan zu drehen hat mich schon früh bewogen. Schauen Sie, der ganze Konflikt um die Grenzen im Nahen Osten konzentriert sich ja auf wenige Orte, die alle unglaublich dicht beieinander liegen: Gäbe es diese ganzen politischen Querelen nicht, könnten Sie morgens in Damascus frühstücken und nachmittags in Tel Aviv shoppen gehen. Nicht umsonst wählte ich den Titel „On a clear day you can see Damascus“ für meinen ersten Thriller.
„On a clear day…“ war ihre erste filmische Annäherung an die Golan – Höhen?“
Riklis: Filmisch, Ja! Meine Leidenschaft für die „Syrische Braut“ begann aber schon 1980 in einer kalten, verregneten Winternacht in London. Mein Kollege Gabriel Beristain (sein Vater hatte als mexikanischer und kommunistischer Revolutionär in Buñuel – Filmen mitgespielt) und ich waren als Studenten der Internationalen Filmakademie in Beaconsfield mit der Vorbereitung meines Abschlussfilmes beschäftigt. Ich las gerade ein Buch von Ran Adelist über Uri Adiv, dessen Name ein nationales Trauma für Israel bedeutete und dessen Schicksal irgendwie in Vergessenheit geraten war: Es ist die Geschichte eines ehrenwerten Mannes, der aus ideologischen Gründen der Spionage für Syrien angeklagt wird. „Das ist eine fantastische Geschichte, das müssen wir sofort umsetzen“, sagte Beristain. Die ersten Worte auf meiner alten Remington – Schreibmaschine lauteten: „An klaren Tagen kann man Damaskus sehen“. Dies wurde dann der Titel meines ersten Langfilms, ein politischer Thriller. Ich wollte aber immer noch einen Film auf dem Golan drehen, der etwas heiterer und leichter sein sollte ohne die Tragik dieses Konflikts zu verwässern.
So kam es viele Jahre später zur „Syrischen Braut“ – warum so lange? 1980 liegt weit zurück.
Riklis: Ach, bis dahin musste ich viele Jahre schwieriger Produktion hinter mich bringen und hatte noch einiges zu lernen. Wir drehten „On a clear day…“ unter Granatbeschuss auf den Golanhöhen, ich hatte enorme Geldnöte und machte persönliche Krisen durch – die Naivität damals brachte mir aber Willenskraft und die Liebe zum Kino noch mehr Sehnsucht ein, ebenso wie die Leidenschaft, der Welt eine Botschaft zu übermitteln. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie wissen, wann und warum meine Liebesaffäre mit der „Syrischen Braut“ ihren Anfang nahm.
Die Geschichte hat in jeder Hinsicht einen langen Ursprung. Würden Sie sagen, die „Syrische Braut“ ist IHR Lebenswerk?
Riklis: Tja…bestimmt mein leidenschaftlichstes Werk. Nun, auf meiner jahrzehntelangen filmischen Reise habe ich stets versucht, mir selbst und meinen Prinzipien treu zu bleiben und nicht dem Kommerziellen Kino meine Energie zu opfern, was mir leider nur teilweise gelungen ist. Ich wollte immer ein Kino machen, das etwas aussagt über uns, unsere Umwelt und über unser Engagement, menschliche, soziale und politische Prinzipien zu wahren. „An klaren Tagen kann man Damaskus sehen“ ist ein Satz mit der einfachen Aussage: WENN MAN NUR DEN WILLEN DAZU AUFBRINGT, ist es möglich, über die Grenzen zu schauen, sei es physisch, mental oder emotional – und damit den anderen oder das andere in einem anderen Licht zu sehen. Schauen Sie: Die Filmfamilie in der „Syrischen Braut“ MUSS ja über die Grenzen hinweg kommunizieren, um sich zu sehen: Da brüllt der jüngste Sohn mit Megaphon über den Stacheldraht, um die Ankunft des Bräutigams zu terminieren! Dass meine Reise zur „Syrischen Braut“ mehr als Zwanzig Jahre nach Damaskus nun an meine alten geographischen und emotionalen Sichtweisen anknüpft, erfüllt mich mit Freude. Vielleicht war die lange Zeit auch gut für den Film, denn mittlerweile bin ich älter, realistischer und vielleicht auch ein bisschen klüger, zumindest hoffe ich das.
Sie scheinen keineswegs verbittert oder enttäuscht, eher voller Freude, soweit ich das als Zuschauer beurteilen kann. Sie sprechen vom „Anderen“ – Wer ist „Der Andere“?
Riklis: Der Andere…nun, es sind immer „Die Anderen“ schuld, oder? Der „Andere“ ist der „Feind“, den wir von klein auf angehalten wurden zu hassen oder vor dem wir uns wenigstens in Acht nehmen sollten. Doch wenn man sich öffnet, entdeckt man das Potenzial für Freundschaften und eine Zusammenarbeit, die beiden Seiten nützt.
Gerade am Ende des Filmes, wo nahezu nichts mehr zu einer glücklichen Heirat möglich scheint, zeigen Sie dem Zuschauer, wo die eigentlichen und einzigen Grenzen sind…
Riklis: …im Kopf. Und nur da! Die physische Grenze symbolisiert nur eine mentale Grenze – und das Leben ist voll von Grenzerfahrungen: Man ist mit Grenzen konfrontiert, man überschreitet sie und man muss die Konsequenzen dieser Handlungen tragen. Am Grenzübergang zwischen Syrien und Israel muss die Heldin eine Blockade durchbrechen, nicht nur die rein physische Blockade, eine Staatsgrenze zu überschreiten. Es geht darum, daß Sie sich in diesem Moment von ihrer Vergangenheit lösen muss. Sie muss in diesem Moment nach vorne blicken, ohne Reue. Und schon freuen sich alle Beteiligten für Sie. Und Sie freut sich auch. Wie schwer scheint es den Menschen, ihre Mundwinkel nach oben zu heben und zu lächeln. Wie erleichternd ist dann das Lächeln…
Fiel es Ihrem Filmteam, allen voran den Schauspielern, schwer diese entwaffnende Leichtigkeit zu spielen?
Riklis: Ja und nein: Vom Herzen her haben Sie alle – und damit meine ich alle – die Thematik und die Botschaft sofort begriffen. Sobald ein jeder das wunderbare Drehbuch von Suha Arraf, einer Palästinenserin übrigens, las, hatte ich es mit ungestümem Tatendrang zu tun. Schwierig war eher die Umsetzung, da man fast schon zu bemüht war, den richtigen Ton, die richtige Einstellung, die richtige Mimik, die richtige Sprache zu treffen, das war beinah behindernd – ich glaube, als Filmregisseur träumt man von so einem Team. Das ist kein Verkaufsblabla. Das ist die Wahrheit!
Ihr gesamtes Filmteam stellte sich als bunte Mischung dar. Gab es da Schnittpunkte mit dem Filmthema?
Riklis: Aber natürlich! Gerade bei Hiam Abbas, die die ältere Schwester Amal spielt, aber auch Makram Khoury, der Hammad spielt. Hiam: arabische Familie, israelischer Pass, hebräische, französische und arabische Sprache, dominante Persönlichkeit, im Ausland aufgewachsen – sie verkörperte die Rolle der Amal geradezu. Sie traute sich, auszubrechen und schwamm gegen manchen Strom, fand einen algerischen Mann und ging mit ihm nach Paris. Sie übernimmt die Rolle eines Mannes. In einem Satz aus einer früheren Drehbuchversion sagt ihr Vater zu ihr: „Hammeds Tochter weint nicht. Hammeds Tochter ist ein Mann.“ Doch Amal sucht ja ihre Erlösung als Frau und nicht als Mann. Diese Erlösung erwartet Sie gegen Ende des Films. Die Frage ist, ob es Erlösung gibt in diesem Leben.“
Es heißt, die Erlösung findet man nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen.
Riklis: Richtig: Wir blockieren uns ja alle nur gegenseitig, weil wir vom Verstand her handeln. Unser Verstand ist aber nicht nur die Summe äußerlicher Erfahrungen, sondern auch ein Teil dessen, was unsere Seele will. Wir ignorieren nur ständig unser Herz, unsere Seele. Das führt dann zu Blockaden und zu Verbitterung. Wir dürfen nicht an Vergangenem festhalten, sondern müssen loslassen. Sonst stehen wir immer nur innerhalb unserer festgesteckten Grenzen herum und beleiben unglücklich, weil es dort nicht weitergeht. Das gilt für die Staatsgrenzen genauso wie für Familientraditionen und gesellschaftliche Verhaltensmuster.
Ist die syrische Braut auch aufgrund der traditionellen Blockaden ein Film über Emanzipation?
Riklis: Der ganze Film handelt von Emanzipation: Nicht nur Amal muss sich gegenüber ihrem Mann emanzipieren, auch der Vater, Hammad, muss einen Weg zwischen politischer Haltung und Familienwerten finden. Ebenso die Braut, die sich nur über die Heirat weiterentwickeln kann. Jeder muss sich in seinem Leben entwickeln. Entwicklung findet jedoch nur über Erneuerung statt. Und Erneuerung fordert automatisch das Loslassen vom Alten. Das ist schmerzvoll. Die Geburt ist Schmerzvoll. Der Tod ist es manchmal auch. Doch beides ist notwendig, um Leben voran zu bringen.
Das klingt sehr metaphysisch.
Riklis: Ist es aber nicht. Es ist das Leben, das wir alle führen.
Haben Sie aus Gründen des „Erlöser – Gedankens“ den Spielort für „Die Syrische Braut“ deshalb bei den Drusen angelegt, die ja als sehr alter Abzweig der Schia und des frühen, mystischen Islams die Reinkarnation, also die Seelenwanderung nicht in religiöser Spekulation diskutieren, sondern als eines der Standpfeiler ihres Glaubens verteidigen?
Riklis: (Lacht)…Ha, sehen Sie, das ist eher ein gewollter Zufall: Die Drusen leben nun mal seit Jahrhunderten auf dem Golan und in den Bergen im Dreiländereck Syrien, Israel, Libanon. Ihre Lehre der Seelenwanderung widerspricht in der Tat den Prinzipien des sunnitischen Islam. Ihre Ablehnung des Propheten Mohammed und die Ansicht, daß der Koran keine absolute Offenbarung sei, setzen die Drusen von allen anderen Richtungen des Islam ab. Fast könnte man von einer eigenständigen Religion und nicht einem Abzweig des Islam sprechen. Die Ironie der Geschichte will es, daß die solchermaßen sehr revolutionär denkenden Drusen oft verfolgt wurden und sich immer wieder zur Wehr setzen mussten und heute eben sehr konservativ, eigenbrötlerisch und traditionalistisch geworden sind…
…was dem eher laizistischen Kurs der Assad – Dynastie in Syrien ja widerspricht…
Riklis: …ja – doch treffen Sie sich in ihrem national betonten Pathos wieder. Auch hier haben wir ein Nebeneinander von Widersprüchlichkeiten, die dennoch funktionieren. Sehen Sie, ich glaube, je lokaler ein Mensch gezeigt wird, wie hier in diesem engen Bergdorf, desto universeller wirkt sein Wesen!
Wurde der Film in arabischen Ländern gezeigt?
Riklis: Also, auf dem Filmfestival in Marracech wurde der Film dem marokkanischen Publikum gezeigt. Mit guter Resonanz: Die Menschen sehen einfach: Ein Vater ist ein Vater, mal streng mal nicht und eine Tochter ist eine Tochter, mal verliebt, mal nicht. Jede Familie ist ähnlich. Wir versuchen ihn natürlich auch, in arabischen Ländern zu zeigen. Wir warten jetzt erst einmal den Verlauf des Films in Europa und Amerika ab. In Ägypten ist die Vorführung derzeit leider nicht möglich, aber ich denke, das wird kommen. Der Film ist ja völlig unpolitisch.
Genau das macht ihn ja politisch.
Riklis: Und da haben wir wieder die Widersprüchlichkeit: Jedes US – amerikanische Kriegsdrama können Sie in Kairoer wie Tel Aviver Kinos sehen. „Die syrische Braut“ dagegen, die ja lediglich den Hintergrund einer Familiengeschichte zeigt, müssen Sie erst einmal durch die Zensur bekommen.
Hatten Sie denn in Israel auch Probleme mit dem Film?
Riklis: Nein, nicht wirklich. Der Film läuft ja in Israel nicht unter „Arthouse „, sondern als Mainstream – Cinema. Es gab mal ein paar Bedenken wegen der recht rüde dargestellten israelischen Polizei. Aber so ist nun einmal die Situation. Das Publikum in Israel jedenfalls hat die „Syrische Braut“ geliebt. Vorwiegend junge Leute übrigens, im Schnitt war der Hauptanteil der Zuschauer zwischen 20 und 25 Jahren.
Könnten Sie sich vorstellen, die „Syrische Braut“ auch in Syrien zu zeigen?
Riklis: Und wie ich mir das vorstellen möchte. Gerne würde ich den Film in Damaskus aufführen: Die Syrer sind berühmt für ihren derben Humor. Wunderbare Menschen, die gerne lachen. Sie werden den Film lieben, da bin ich mir sicher. Gleichwohl mache ich mir keine Illusionen, daß der Film nicht so schnell in Syrien aufgeführt werden wird, das ist einfach das Dilemma mit der Politik…Aber wer weiß? Die Dinge ändern sich so schnell…Südafrika, Belfast, Beirut – Wir befinden uns in Berlin: Ja, schwupps, ist die Mauer weg und alle fragen sich, was das für ein blödes Gebilde war. Und nun bauen wir so ein Ding auf.
Aber Dinge ändern sich…! Fühlen Sie sich denn als Weltbürger?
Riklis: Ach, das kann ich gar nicht richtig beantworten. Sicherlich bin ich meinen jüdischen Wurzeln irgendwie verbunden, das ist ja klar. Aber ich fühle mich auch als Weltbürger, selbst wenn das heutzutage abgedroschen klingen mag. Ich habe lange Jahre in vielen Ländern gelebt, England, USA und sonst wo. Ich lebe in Israel und ich bin erst einmal ein Mensch.
Stört es Sie, daß Sie als israelischer Filmregisseur gerade vor dem Hintergrund der Nahost – Thematik, mit politischen Fragen konfrontiert werden?
Riklis: Das geht mir ähnlich wie meinen palästinensischen Kollegen: Es ist halt so. Ich bin Filmregisseur- natürlich möchte ich zuallererst über meine Arbeit befragt werden, vor allem, weil ich mich bemühe, möglichst effizient und diszipliniert zu arbeiten. Gleichwohl mische ich natürlich politische Themen in meine Arbeit ein: Siehe „Die syrische Braut“. Das lässt sich ja in Israel oder Palästina kaum vermeiden. Sie können ja kaum Außenaufnahmen ohne politische Graffiti oder Militärfahrzeuge hinbekommen, wenn Sie im Alltag drehen. Natürlich wird man dann zur Politik befragt. Ich bin aber kein Politiker und darum beantworte ich keine Fragen stellvertretend für diese oder jene Regierung. Ich möchte viel lieber daran arbeiten, eine andere Wahrnehmung abzubilden. Das kann ich viel besser.
Erfüllen Sie durch ihr Wesen die Rolle eines Botschafters?
Riklis: (Lacht) Botschafter! Das habe ich heute schon öfter gehört. Ja, vermutlich bediene ich auch die Rolle eines Botschafters, schon alleine deshalb, weil ich ja Botschaften aussende, indem ich Filme drehe, Drehbücher verfilme. Aber jeder ist ein Botschafter: Unsere Haltung, unsere Herkunft, unsere Arbeit, unsere Lebensstationen machen uns unweigerlich überall zu Botschaftern. Bestimmt sind Menschen des Nahen Ostens derzeit ständige Botschafter, egal, ob Sie Filme drehen, Brot backen oder Romane schreiben: Sie werden immer wieder mit ihrer Haltung im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis befragt werden. Daran gewöhnt man sich. Umso wichtiger ist es, zu zeigen, daß es auch einen beiderseits normalen Alltags, mit ganz anderen Ängsten und Nöten wie dem ersten Kuss, Ärger mit den Eltern oder der Ausbildung gibt. Sicherlich ist dieser Alltag von dem Konflikt überlagert: Da haben wir den ewigen Kreislauf von Opfer – Täterhaltung, die die eine und die andere Seite zur Legitimation für weitere Taten nutzt. Doch im Alltag haben wir auch die Chance, ein Leben fern der Politik zu vollbringen. Schalten wir doch den Fernseher ein: Hier sehen wir Menschen sterben, danach kommt eine SitCom. Das Leben ist so widersprüchlich und gerade die jungen Menschen, egal ob Israelis oder Palästinenser, begreift diese Widersprüchlichkeit als etwas Absurdes: Sie sind genervt von dem Hin und Her, sie möchten einfach ihr Leben führen. Ich hoffe auf die Jugend.
Werden Sie auch in Zukunft ähnliche Filme wie die „Syrische Braut“ drehen oder steht Ihnen nach diesem Werk nun der Sinn für etwas gänzlich Neuem, wie einem Actionfilm zum Beispiel?
Riklis: (Lacht) Na, warum nicht Spiderman Vol. 5 ? Also, ich kann mir durchaus alles mögliche, andere Genres, andere Inhalte vorstellen und sehne mich auch nach neuen Aufgaben, aber gleichzeitig denke ich, daß diese leidenschaftliche Haltung, die mir innewohnt, nicht aufgeben werde, kann und will, was bedeutet, daß ich sicherlich weiterhin Filme mit „grenzerweiterndem“ Inhalt drehen möchte, egal, wo und wann. Mein aktuelles Projekt ist jedenfalls auch wieder ähnlich sensibel angelegt wie die „Syrische Braut“ – Da bin ich wohl doch ein Botschafter…
Sie sind also voller Hoffnung für eine friedlichere Zukunft?
Riklis: Aber natürlich bin ich das. Keine Blockade! Warten wir einfach ab!