Ann-Kathrin Kramer

Es mischen sich immer mehr Menschen ein, die einen Film massenkompatibel machen wollen

Ann-Kathrin Kramer über den Quotendruck der öffentlich-rechtlichen TV-Sender, weichgespülte Fernsehfilme, Degeto-Produktionen, Einschränkungen bei ihrer künstlerischen Arbeit und den TV-Zweiteiler „Im Meer der Lügen“

Ann-Kathrin Kramer

© ARD Degeto / H.J. Pfeiffer

Frau Kramer, in welches Genre passt der ARD-Zweiteiler „Im Meer der Lügen“, in dem Sie die Hauptrolle spielen?
Kramer: Das ist ein Thriller, aber der erste Teil fängt an wie eine ganz typische…

…Degeto-Produktion.
Kramer: Ja, stimmt. Aber aus dieser Heile-Welt-Geschichte wird im Laufe des Films etwas ganz Anderes. Deswegen ist es nicht ganz leicht, diesen Film einzuordnen. Der erste und zweite Teil sind komplett verschieden.

Degeto-Produktionen gelten als „Schmonzetten aus einem dramaturgischen Einheitsbrei“. Hat man in diesem Fall eine ganz typische Degeto-Produktion nicht einfach ein wenig auf Thriller getrimmt?
Kramer: Man versucht, einen Thriller zu erzählen, für diesen Sendeplatz also mal etwas anderes. Dennoch bemüht man sich, das Ganze so zu verpacken, dass es den Zuschauer nicht abschreckt.

Ist „Im Meer der Lügen“ aus Ihrer Sicht ein anspruchsvoller Film?
Kramer: Ich würde es „anspruchsvolle Unterhaltung“ nennen. Über weite Strecken ist es nicht so, dass man das Gefühl hat, schon zu wissen, wer wen kriegt und wer eindeutig gut oder böse ist. So eindimensional ist die Geschichte nicht angelegt.

Zuletzt ist immer wieder von der so genannten „Degetoisierung der deutschen Fernsehkultur“ die Rede.
Kramer: Ich finde, dass gerade der Freitag ein sehr schwieriger Sendeplatz ist und ich kann schon nachvollziehen, dass diese Filme da gezeigt werden. Zum einen, weil sie hohe Quoten bringen, und andererseits, weil es scheinbar viele Leute gibt, die diese Art von Filmen lieben. Ich kann auch nachvollziehen, dass jemand, der den ganzen Tag eine Menge Sorgen und Probleme hat, am Abend irgendetwas gucken will, was absehbar und hübsch anzuschauen ist. Nur ist das natürlich nicht der Grund, weshalb wir Filme machen. Für mich als Schauspielerin ist nicht interessant, immer Variationen über ein Thema zu drehen. Dafür bin ich auch nicht die Richtige.

Aber in diesem Fall war es anders?
Kramer: Ich habe mich, was die Degeto angeht, bisher eher zurück gehalten und es ist jetzt seit einigen Jahren das erste Mal gewesen, dass ich wieder einen Degeto-Film gemacht habe. Was sehr viel damit zu tun, dass ich, was die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jörg Grünler betrifft, gute Erfahrungen hatte und überzeugt davon war, dass wir gut zusammenarbeiten würden.

Sie spielen eine allein erziehende Mutter, die sich in einen Flugkapitän verliebt, unter Mordverdacht gerät und in einem mexikanischen Gefängnis landet. Wie ordnen Sie diese Rolle ein?
Kramer: Für mich ist Stephanie eine im besten Wortsinne schlichte Person, das fand ich schön an dieser Geschichte. Sie hat mit ihrer Doppelbelastung als allein erziehende und berufstätige Mutter kein Riesenproblem. Sondern sie hat ihre kleine Reinigung, ihren kleinen Sohn und ist mit ihrem Leben zufrieden und glücklich. Das hat mir gefallen. Vor allem natürlich in Hinblick auf die Entwicklung, die sie durchmacht und wie sie auf die Schicksalsschläge reagiert, die ihr widerfahren. Sie ist keine Frau, die ihren Weg geht und durch das, was ihr passiert, immer härter wird. Sie behält die ganze Zeit über ihre Weichheit und auch dieses Nicht-Wissen, wie es geht.

Allerdings wird sie mutiger und wächst in ihren Aufgaben.
Kramer: Aber nicht so, dass sie zur Rambofrau wird, die sagt: „Ich trete jetzt die Tür ein“. Ihr ist im Leben noch nichts Schlimmes passiert, deshalb ist sie so naiv und gutgläubig.

Sie sagten, der Film sei „anspruchsvolle Unterhaltung“. Reicht es Ihnen, „Unterhaltungsfilme“ zu drehen?
Kramer: Es wird immer schwerer, Filme drehen zu können, die vom Genre und der Erzählstruktur eine Ebene erreichen, von der man sagen kann, dass es nicht nur Unterhaltung ist. Für mich ist bei der Auswahl einer Rolle immer die Frage ausschlaggebend, ob sie spannend zu spielen ist, ob das, was die Figur tut, nachvollziehbar ist oder auch, ob ich einen Regisseur habe, der etwas hinbekommt, das über das hinausgeht, was das Buch vorgibt.

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Man ist nicht jeden Tag gleich gut drauf, aber dreizehn Mal zu proben oder eine andere Szene vorzuziehen, geht meist nicht.

Ann-Kathrin Kramer

Viele Ihrer Kollegen beklagen, dass gerade bei Fernsehproduktionen immer weniger Zeit bleibe, um eine Rolle einzustudieren, dass immer schneller gearbeitet werde und die Qualität darunter leide. Sehen Sie das auch als Problem?
Kramer: Die künstlerische Arbeit leidet natürlich darunter, das merkt man beim Drehen immer wieder auf sehr schmerzhafte Weise. Man ist nicht jeden Tag gleich gut drauf, aber dreizehn Mal zu proben oder eine andere Szene vorzuziehen, geht eben meist nicht. Wir haben jeden Tag ein unglaubliches Pensum zu erledigen und da zählt in erster Linie, dass jeder, der daran beteiligt ist, funktioniert. Das bedeutet selbstverständlich auch, dass man manchmal etwas gedreht hat und nachher das Gefühl hat, es eigentlich besser gekonnt zu haben.

Wie gehen Sie als Schauspielerin damit um?
Kramer: Es gibt natürlich gewisse Möglichkeiten, an bestimmten Stellen zu bremsen, indem man sagt: „Ich kann jetzt nicht“ oder „Ich kann den Text nicht“. Es gibt Kollegen, die tun das. Aber ist keine gute Variante, weil es immer bedeutet, dass es irgendjemand am Schluss ausbaden muss. Und wenn man so gebaut ist wie ich, dann macht man so etwas nicht… (lacht).

Gleichzeitig steigt der Druck durch die Quote…
Kramer: Ja, leider gibt es den Quotendruck inzwischen auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, was eigentlich nicht wirklich erklärbar ist. Meiner Meinung nach setzen sie sich selber einem Druck aus, den sie gar nicht haben müssten. Es wäre ja auch viel plausibler, dass den Öffentlich-Rechtlichen Gebührengelder zufließen, wenn sie sich von den Quoten unabhängig machen würden. Leider ist das nicht so, sondern wir sind abhängig davon. Und natürlich ist es für mich als Schauspielerin ein Erfolg, wenn eine hohe Quote erreicht wird, weil am Schluss ein bisschen was auf mich abfällt.

Wie wirkt sich der Quotendruck auf Ihre Arbeit aus?
Kramer: Es mischen sich immer mehr Menschen ein, die alle eines im Auge haben: einen Film massenkompatibel zu machen. Hingegen gibt es immer weniger Menschen, deren Kreuz breit genug ist, dass sie sagen können: Ich will, dass der Film weniger weichgespült ist und kann es tragen, dass wir es so machen und nicht anders – auch auf die Gefahr hin, dass am Ende weniger Zuschauer einschalten oder die Debatte über einen Film kontroverser ist. Bei „Im Meer der Lügen“ hat der Regisseur diesbezüglich auch mühsame Diskussionen geführt.

Worüber?
Kramer: Es ging darum, dass bei den Dreharbeiten in Mexiko die mexikanischen Schauspieler alle spanisch gesprochen haben. Nun sollten sie zu einem großen Teil deutsch synchronisiert werden, was aus mehreren Gründen schade gewesen wäre. Zum einen haben die Mexikaner sehr gut und authentisch gespielt, zum anderen haben ich sie in meiner Rolle als Touristin ja nicht verstanden. Diese Szenen müssen schon alleine inhaltlich mit Untertitel gezeigt werden…

…mit denen man die Zuschauer zunächst nicht überfordern wollte.
Kramer: Anscheinend.

Nun sind Sie das Aushängeschild dieses Zweiteilers und wissen, was für hohe Erwartungen die ARD an Sie hat, wenn Sie mit einem solchen Rollenangebot auf Sie zukommt. Wie weit lassen Sie diese Erwartungshaltung an sich heran?
Kramer: In gewisser Weise ist man natürlich verletzlich. Wenn ich ein solches Angebt annehme, ist mir bewusst, dass ich eine große Verantwortung trage. Wenn es gut läuft, haben alle etwas davon, alle Verantwortlichen: Alle Darsteller, die Autoren, der Regisseur. Der Erfolg hat viele Väter. Wenn das Ding jedoch nicht gut läuft, und keine gute Quote bringt, ist es leider oft so, dass es mit dem Hauptdarsteller in Verbindung gebracht wird.

Sie sind mit 26 Jahren Schauspielerin geworden. Über sich selbst sagen Sie: „Vorher war ich sehr gute Schauwerbegestalterin, mittelmäßige Portraitmalerin in Griechenland und schlechte Modeschülerin.“ Wie betrachten Sie Ihre eigene Entwicklung?
Kramer: Alles hatte eine Logik und Folgerichtigkeit. Für mich ist das, was von außen wie ein Zick-Zack-Kurs wirken mag, ein gerader Weg gewesen. Und davon, dass ich so viele verschiedene Menschen getroffen und verschiedene Arten zu arbeiten kennen gelernt habe, profitiere ich heute noch.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie: „Ich glaube an Gott …. Aber manchmal nicht an den lieben Gott.“ Was meinen Sie damit?
Kramer: Dass ich einerseits ein sehr großes Gottvertrauen habe, dass ich mich aber, wenn ich bestimmten Situationen oder Schicksalen begegne, immer wieder frage: Gott, was denkst du dir dabei? Gerade in Zusammenhang mit meiner Arbeit für „Dunkelziffer“, einem Verein, der sich für sexuell missbrauchte Kinder einsetzt, stelle ich mir diese Sinnfrage häufig. Es gibt einfach so viel Grausames auf der Welt. Das Schlimmste ist, was sich Menschen gegenseitig antun – das ist teilweise außerhalb jeder Vorstellungskraft. Ich fände, ein Erdbeben nicht so schlimm, als 20 streitlustigen Hooligans zu begegnen. Ich hoffe aber sehr, dass mir beides erspart bleibt…

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