Inter View – Pop Comics II

Interviews mit Musikern, umgesetzt in astreine Comic-Kunst – die Fortsetzung des 2002 erschienenen "Inter View – Pop Comics" wartet mit 22 Geschichten auf, erzählt von Stars und Sternchen von Electroclash bis Rock’n’Roll. So unterschiedlich wie die Interviewten selbst sind auch ihre Stories. Nur selten gibt es einen klassischen Anfang, einen richtigen Plot, oder gar ein Happy End. Cake halten einen kulturkritischen Dia-Vortrag und schließen mit den Worten "Es gibt keine Hoffnung". Andere Kapitel sind nicht einmal richtige Interviews: Opener Adam Green ist die ganze Zeit am Nachdenken, was er den Interviewern antworten könnte, und erlebt dabei in Gedanken die verrücktesten Abenteuer.

Farin Urlaub wird zum Zombie und muss durch Musik erlöst werden, Urlaub in Polen machen Urlaub in Hanau, und Henry Rollins verliert ein paar Worte über den Unterschied zwischen Tieren und Menschen. Kaum fällt im Interview mit der Mediengruppe Telekommander das Stichwort "Grunge", finden wir uns in einer Bar wieder, am Tisch die beiden professionellen Dilettanten von Saalschutz. Was jene beiden sich erzählen, klingt dann allerdings wie zwei seperate Erzählstränge. Erst als sie auftreten sollen und in anderthalb Monaten nur einen einzigen Song schreiben, laufen die beiden Monologe zusammen.

"Inter View" leistet sich nicht den Luxus, der bei Comics ganz normal ist: das freie Erfinden des Plots. Die Geschichten basieren auf tatsächlich geführten Interviews. Gerade in diesem Spannungsfeld zwischen Comic und Realitität wirken die Episoden umso skurriler. Wenn beispielsweise während einer Show von King Khan jemand vom Publikum auf die Bühne kommt, um zwei bis drei Songs lang sein bestes Stück auf dem Keyboard abzulegen. Andererseits erfahren wir auch, was (beinahe) herauskommt, wenn man ein klein wenig mit den Buchstaben des Namens Hassan Hersi Ali Gama spielt …

Nur das Kapitel mit Lemmy von Motörhead scheint etwas zu kurz geraten. Eine vollbusige Frau in Strapsen, Hitler, Whiskyflaschen und das Deutsche Rote Kreuz führen den Leser durch ein inhaltlich stark fragmentiertes Interview mit "dem Original". Check: Lemmy findet altwerden sinnlos. Ganz anders bei "Im Sandkasten mit den Fantas". Der 8-seitigen Enthüllungsreport deckt die Fantastische Kindheit auf. Da wurden Sandburgen in die Luft gejagt (Achtung: Instant Replay!), Lippen ohne Betäubung genäht, und im Schlafanzug Kettcar gefahren. Öfter beim Doktorspielen erwischt werden … hier schließt sich der Kreis zu Lemmy. Denn Doktorspielen, so das finale Geständnis auf der Couch, hat man gern gemacht, und nie damit aufgehört.

Bei der Liebe zum Detail lässt das Heft überhaupt nichts anbrennen. Von den Geschichten, über Einband und Inhaltsverzeichnis, bis zum geheimen Bonus-Addon (Zitat: "nur Dreck") – überall sind Kleinigkeiten zu sehen, die das mehrmalige Durchlesen zu einem großen Vergnügen machen. Schwarzweiß, Farbe, und die unterschiedlichen Stile der Zeichnerinnen und Zeichner sorgen für angenehme Abwechslung. Am Ende des Hefts bekommen alle Bands und Musiker noch einen Absatz Text, in dem sie vorgestellt werden.

"Inter View" ist kein Heftchen, dass nach einem Stündchen Herumblättern seine Faszination verliert. Auf über 100 Seiten werden Interviews innovativ inszeniert. Das Buch erweckt den Eindruck, als sei das Comic erfunden worden um Interviews zu erzählen, und Interviews nur geführt um als Comics zu erscheinen.

Über Teil 1 schrieb comicguide.de: Eine Fülle unterhaltsamer, fiktiver, realistischer, abgedrehter und ernsthafter Kurzgeschichten. Sie zeichnen ein interessantes Bild der Musikbranche und unterscheiden sich von den normalen Interviews der Musikjournale.

Der vorliegende zweite Band enthält Interviews mit: Die Fantastischen Vier, Farin Urlaub + F.U. Racing Team, Henry Rollins, Adam Green, Motörhead, Cake, Mediengruppe Telekommander, Quarks, Saalschutz, Rockformation Diskokugel, Good Heart Boutique, The Kilaueas, Tess Wiley, Magnetic Fields, Barbara Manning, King Khan, Ben Folds, HGH, Ecstasy Cowboys from Hawaii, Toy Dolls, Urlaub in Polen, Nada Surf. Als Bonus enthält dieser Band eine CD, auf der einige der porträtierten Bands mit je einem Song vertreten sind.

Verlag: Ehapa Comic Collection
Seiten: 128
Preis: 13 Euro
ISBN: 3-7704-0977-9
Zeichnungen: Christopher Tauber, Naomi Fearn, Mawil, Sascha Thau
Text: Jörg Scheller

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