François Ozon

Ich habe keine Lust auf Nischenfilme.

Der französische Regisseur François Ozon spricht im Interview über seinen Film „Eine neue Freundin“, die Schwierigkeit, den Zuschauer zu überraschen, die Bestsellerautorin Ruth Rendell und die Rückbesinnung auf traditionelle Werte.

François Ozon

© 2014 MANDARIN CINEMA/MARS FILM/JC MOIREAU

Monsieur Ozon, es scheint kaum möglich zu sein, über Ihren neuen Film zu reden, ohne dem Zuschauer vorab zu viel zu verraten. Haben Sie einen Vorschlag, wie wir dieses Interview beginnen könnten?
François Ozon: Oje! Da fällt mir gerade nichts ein, ich bin auch schon ein bisschen müde. Aber ich glaube, dass wir über alles reden können. Solange die Zuschauer die Bilder noch nicht gesehen haben, geht das schon in Ordnung. Es wird ihnen nichts wegnehmen.

Mögen Sie es selbst zu überraschen oder überrascht zu werden?
Ozon: Ja, sehr. Und wenn ich selbst ins Kino gehe, versuche ich vorher möglichst wenig über den Film zu erfahren. Ich lese auch keine Kritiken, höchsten den letzten Absatz, wo dann steht, ob es sich hier um ein Meisterwerk handelt oder nicht. Zu überraschen ist natürlich der Traum jedes Regisseurs. Er möchte, dass der Zuschauer so jungfräulich wie möglich in seinen Film geht, alles noch selbst entdecken kann und nicht schon weiß, dass nach 15 Minuten der erste Mörder aufkreuzt oder der Hauptdarsteller plötzlich in Frauenkleidern auftaucht.

Womit Sie schon einen großen Überraschungsmoment Ihres Films „Eine neue Freundin“ vorweggenommen hätten.
Ozon: Ich weiß, aber was soll man machen? Es ist eben heutzutage schwer, gerade in Zeiten des Internets und mit der Allgegenwart von Bildern etwas geheim zu halten. Immerhin habe ich gegenüber der Marketingabteilung erkämpft – und das war wirklich ein Kampf – dass kein einziges Bild von Romain Duris in Frauenkleidern vorab zu sehen sein wird. Ich bin geradezu angebettelt worden: Können wir ihn bitte als Frau zeigen? Nein, habe ich dann immer gesagt, dürft ihr nicht! Wer Romain Duris so sehen will, soll ins Kino gehen.

Zitiert

Bürgerliche Frauen, die perverse Geschichten schreiben – das fasziniert mich.

François Ozon

Lesen Sie Kritiken manchmal noch im Nachhinein? Eröffnet Ihnen das hin und wieder neue Sichtweisen?
Ozon: Als ich jung war habe ich das schon gemacht. Da habe ich durch Kritiken auch Lust bekommen, ins Kino zu gehen und vor allem haben sie mich motiviert, selbst Filme zu machen. Mittlerweile scheint allerdings auch das Niveau der französischen Filmkritik gewaltig gesunken zu sein. Es scheint mir heute vor allem um die Gefühlszustände und Launen des Autors zu gehen, statt um eine wirkliche Filmkritik.

Wie schon bei Ihrem vorletzten Film „Das Schmuckstück“ erzählen Sie jetzt von einer modernen, progressiven Hauptfigur, die Handlung spielt aber vor zehn oder zwanzig Jahren. Wollen Sie Menschen ehren, die ihrer Zeit voraus waren?
Ozon: Bei „Das Schmuckstück“ war das in der Tat so. Da spielt Catherine Deneuve eine Frau, die die Firma ihres erkrankten Mannes übernimmt, auf Vordermann bringt und als ihr Mann wieder gesund ist, möchte sie ihren Posten behalten. Das spielt in der Mitte der 1970er, in einer Zeit, die für Frankreich historisch sehr wichtig war. Daher habe ich diese Zeit für den Film auch rekonstruiert. Der neue Film ist allerdings in der Gegenwart angesiedelt, oder vielmehr: er ist zeitlos gedacht. Dadurch wird er universeller.

Dann ist das große weiße Funktelefon, das in „Eine neue Freundin“ auftaucht, wohl aus der Zeit gefallen?
Ozon: Oh ja, das stimmt. Das ist bei Virginia zuhause, sie hat ein Telefon aus den 90er Jahren. Das war aber nur ein visueller Gag. Wir fanden es einfach komischer, wenn sie dieses Riesentelefon hat. (lacht)

© 2014 MANDARIN CINEMA/MARS FILM//FRANCE 2 CINEMA/FOZ JEAN- CLAUDE MOIREAU

© 2014 MANDARIN CINEMA/MARS FILM//FRANCE 2 CINEMA/FOZ JEAN- CLAUDE MOIREAU


In Sketchen auf Hochzeiten und in Mainstream-Komödien sind Männer in Frauenkleidung sehr gerne gesehen. Warum haben es Transvestiten aber immer noch schwer, sich im Alltag selbstverständlich in die Öffentlichkeit zu begeben?

Ozon: Naja, es ist so, in der Gesellschaft und auch in vielen Familien wird es nicht geschätzt, wenn etwas nicht eindeutig ist. Man will alles immer kategorisieren und definieren können. Und wenn Leute da ausbrechen irritiert das. Es ist völlig okay, wenn das mal im Karneval passiert. Verkleiden – das findet man lustig. Aber sobald jemand versucht auszubrechen und zu seiner eigenen Identität zu stehen, wird es problematisch.

Ist das die letzte große Herausforderung der Emanzipation ­– die Gleichbehandlung von Menschen, die von ihren sexuellen Vorlieben oder von ihrer Identität her nicht auf ein Geschlecht festgelegt sind?
Ozon: Das könnte man so sagen. Aber andererseits zeigt sich ja gerade, wie zersplittert die Gesellschaft in Frankreich da generell noch ist. Es gibt viele Menschen, die sich wieder auf konservative, „heterosexuelle Werte“ besinnen wollen. Mein Film ist einer Zeit entstanden, in der zum Beispiel die Debatte um die Homo-Ehe geführt wurde, teilweise mit sehr viel Aggressivität. So ist der Film gewissermaßen entgegen meiner ursprünglichen Intention politisch geworden. Ich wollte aber keinen Film gegen diese Demonstranten drehen sondern für sie. Ich wollte ihnen zeigen, dass dieses Thema viel komplexer ist als sie anscheinend denken, und dass es andere Strukturen als die patriarchalischen gibt, die man uns immer wieder aufzwingt.

Woher kommen diese Forderung nach einer Rückbesinnung auf „heterosexuelle Werte“?
Ozon: Das hat sehr viel mit Angst und Ignoranz zu tun. Die Globalisierung hat damit zu tun, die wirtschaftliche Krise. In solchen Zeiten brauchen die Menschen etwas, worauf sie sich verlassen können. Sie brauchen etwas, das sie beruhigt und da besinnt man sich gerne wieder auf sogenannte traditionelle Werte. Wir haben hier im Westen immer wieder solche Phasen gehabt. Das Problem ist nur, dass nach solchen Phasen der Rückbesinnung meistens ein Krieg ausgebrochen ist. Und das ist beunruhigend an der gegenwärtigen Situation.

„Eine neue Freundin“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestseller-Autorin Ruth Rendell, in der eine Frau entdeckt, dass der Mann ihrer Freundin heimlich Frauenkleider trägt.
Ozon :Also diese Geschichte ist keiner ihrer Bestseller. Aber ich habe sie vor über 20 Jahren gelesen und zunächst ein sehr originalgetreues Drehbuch für einen Kurzfilm daraus gemacht. Doch leider fand ich damals weder eine Finanzierung noch die passende Besetzung, also habe ich das Projekt fallen gelassen. Ich habe danach noch oft an diese Geschichte gedacht. Sie verfolgte mich. Mir wurde bewusst, dass alle großen Filme über Transvestitismus, die mir gefielen, diejenigen waren, bei denen die Figuren sich nicht aus einem inneren Drang heraus verkleiden, sondern aufgrund von äußeren Faktoren.

Eine neue FreundinIn Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ verstecken sich zum Beispiel zwei Musiker in einer Frauenband, weil sie von der Mafia verfolgt werden.
Ozon: Genau. Und in „Tootsie“ wird ein arbeitsloser Schauspieler zur Schauspielerin, um eine Rolle zu bekommen. Solche äußeren Umstände erlauben es dem Zuschauer, sich mit der Figur zu identifizieren und mit dem Transvestitismus zu spielen, ohne sich schuldig oder schlecht zu fühlen. Billy Wilder ist da für mich das perfekte Beispiel. Nur in meiner Geschichte verfügt die Figur bereits vor dem Ausleben über den inneren Drang.

Ruth Rendell ist mittlerweile 85 Jahre alt ist. Sind Sie ihr einmal persönlich begegnet?
Ozon: Nein, noch nicht. Sie hatte vor einiger Zeit einen Unfall und daher ist es gerade nicht leicht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Aber mein Film läuft jetzt demnächst auch in England an und ich habe sie zur Premiere eingeladen. Sie dürfte allerdings überrascht sein, denn ich habe ihre Geschichte schon sehr verändert. Bei ihr steht am Ende ein Mord, bei mir ein Happy End.

Auch „Live Flesh“ von Pedro Almodovar basiert auf einer Geschichte von Ruth Rendell. Ist sie ein Geheimtipp unter Filmemachern, die sich mit geschlechtlicher Identität auseinandersetzen?
Ozon: Es ist schon so, dass englische Genre-Literatur von Frauen oft sehr spannend ist. Ich habe das ja auch in meinem Film „Swimming Pool“ schon thematisiert. Ich finde an Ruth Rendell oder auch P. D. James sehr spannend, dass sie aus einer sehr bürgerlichen Welt kommen. Bürgerliche Frauen, die monströse, brutale und auch perverse Geschichten schreiben – das fasziniert mich und das macht die Figuren ihrer Geschichte auch sehr interessant.

Steht „50 Shades of Grey“ von E. L. James nun auch in dieser Tradition?
Ozon: Wenn mir die Regie zu der Verfilmung angeboten worden wäre, hätte ich sie bestimmt gemacht. Aber ich vermute, die Amerikaner wären nicht mit dem Resultat einverstanden gewesen. Mehr kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen.

Sehen Sie Ihre Aufgabe als Regisseur explizit darin, konservativen Strömungen entgegenzuwirken?
Ozon: So stelle ich mir die Frage gar nicht. Ich möchte einfach komplexere Geschichten für ein großes Publikum erzählen, gerne auch in einer klassischeren Form. Ich habe keine Lust auf Nischenfilme, wo ich mich nur an die richte würde, die bereits überzeugt sind. Mir geht es darum Leute anzusprechen, die von meinen Themen vielleicht weit entfernt sind, denen ich aber vermitteln kann, dass es bei diesem Thema eine größere Tiefe gibt, eine größere Komplexität, als sie möglicherweise glauben. Ich möchte den Zuschauer mitnehmen in meine Geschichte.

Wie sind Sie darauf gekommen, den in Frankreich sehr populären Romain Duris für die Rolle der „Freundin“ auszuwählen?
Ozon:Ich habe mir mehrere Schauspieler angesehen und mit ihnen Make-up- und Perücken-Tests gemacht, um zu schauen, wie sie als Frauen aussehen, ob es funktioniert. Romain hat sich schließlich durchgesetzt – nicht, weil er die schönste Frau war, sondern weil er so viel Spaß daran hatte, sich in eine zu verwandeln. Es bereitete ihm ganz offensichtlich Vergnügen, die Beine in Feinstrümpfe zu schmiegen, in Kleider zu schlüpfen – ganz ohne Ironie und Distanz. Sein Wunsch, David beziehungsweise Virginia zu spielen, war so groß, dass mir die Wahl schließlich nicht schwer fiel.

Eine letzte Frage: Haben Sie einen Schminktipp für Männer, um so jung auszusehen wie Romain Duris in der Disco-Szene? Er ist doch 40, da sieht er aber aus wie 15…
Ozon: Das sind Special-Effects. Wir haben mit dem Computer nachgeholfen. Nicht viel, aber ein wenig. (lacht)

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