Herr Kröger, man hat die Vorstellung, dass Sie als Musical-Star ein nomadenartiges Leben führen. In wie vielen Städten haben Sie bisher gelebt?
Uwe Kröger: In wie vielen genau kann ich nicht sagen. Die ersten Jahre habe ich fast jedes Jahr irgendwo eine Premiere gehabt und bin umgezogen. Da wir in Deutschland nicht so etwas wie den Broadway haben, wird ein Musical manchmal eben in Berlin, Stuttgart, Essen, Frankfurt, München, in Österreich oder der Schweiz aufgeführt und da kann man abends nicht immer nach Hause fahren. Eine Kollegin von mir, Daniela Ziegler, sagte einmal zu mir, „Uwe, wir Schauspieler sind Nomaden und Zigeuner“. Das betrifft aber auch zum Beispiel den Opernbereich.
Verlegen Sie dann immer Ihren festen Wohnsitz?
Kröger: Nicht unbedingt. Allerdings muss man manchmal aus steuerlichen Gründen den ersten Wohnsitz verlegen. Ab einer bestimmten Anzahl von Tagen, die man an einem Ort ist, wird dieser zum Lebensmittelpunkt und dementsprechend muss man dort auch Steuern zahlen. Früher hatte ich mal drei Wohnungen gleichzeitig. Auf die Frage von vielen Steuerberatern, warum ich mich nicht einfach ab und wieder anmelde, antworte ich immer, dass es nicht so einfach ist im Jahr darauf wieder eine Wohnung zu finden. Wer zahlt mir denn da die ganzen Makler- und Kautionsgebühren? Insofern ist es fast gescheiter, man behält eine Wohnung, wenn man weiß, dass man häufiger an diesen Ort zurückkommt. Gott sei Dank habe ich in Deutschland sowie in Österreich hervorragende Steuerberater, die sich um meine Belange kümmern, denn für mich wäre das ganze Thema viel zu kompliziert.
Haben Sie diesen ständigen Ortswechsel als Belastung empfunden?
Kröger: Nein. Ich reise auch privat sehr gerne und habe es immer als große Herausforderung empfunden, eine neue Stadt, die Menschen und die Mentalität kennenzulernen. Wenn mich die Rolle und das Stück interessiert haben, habe ich mich immer sofort auf den Weg gemacht.
Und das macht nach so vielen Jahren immer noch Spaß?
Kröger: Das ist nicht die Frage. Wenn mich der Beruf interessiert, dann ist das, was ich dafür tun muss, zweitrangig. Außerdem ist der Beruf des Musicaldarstellers mittlerweile ja nicht mehr der einzige, für den man so viel reisen muss. Ich kenne viele Banker und Vertreter großer Firmen, die aufgrund ihrer Position auch ständig die Stadt wechseln müssen.
Wenn man von der Bühne kommt, hält man die Pappn.
Sie spielen bis zu acht Aufführungen in der Woche. Wann kommt man da an seine körperlichen Grenzen?
Kröger: Es kommt darauf an, wie man sich seine Kräfte einteilt. Ich bin jetzt gerade 50 geworden und habe mit meinem Alter kein Problem. Ich mache sehr viel Sport und ich glaube, dass mich das ständige Auseinandersetzen mit Texten und mit dem eigenen Körper fit hält. Acht Mal die Woche klingt immer so wahnsinnig viel, aber andere Leute arbeiten schließlich auch acht Stunden am Tag. Wenn ich probe, sind es bei mir manchmal sogar bis zu 14 Stunden am Tag. Wenn wir nicht spielen, können wir uns unsere Zeit aber relativ gut einteilen. Ich habe zwar keinen Abend frei, außer vielleicht mal einen Montag, aber mein Partner zum Beispiel ist Kardiologe und der kann abends auch nicht ausgehen, wenn er am nächsten Morgen um 7 Uhr am Herzkatheter stehen muss.
Wie schützt man als Musicaldarsteller seine Stimme?
Kröger: Es ist ähnlich wie beim Sport. Eine Stimme ist ein Muskel, der wie jeder andere Muskel auch immer im Training bleiben muss. Man hat zum Beispiel festgestellt, dass Menschen, die jeden Tag eine halbe Stunde auf dem Crosstrainer verbringen, ihre Stimme besser durchbluten und abschlanken. Das heißt, eine Schwellung die durch Schlaf, Ermüdung oder eine Verkühlung entstanden ist, kann auf diese Weise wieder abgetragen werden. Es gibt natürlich auch Tage, an denen man müde ist, oder wo Krankheit im Spiel ist, aber auch da gibt es Wege, wie man „drum herum“ singen kann.
Opernsänger haben dagegen ein geringeres Pensum, singen vielleicht drei Vorstellungen pro Woche…
Kröger: Sie könnten mehr.
Sie könnten mehr?
Kröger: Natürlich. Ich kenne Opernsänger, die jeden Tag singen können. Die Frage ist, ob das vielleicht eine eingefahrene Bequemlichkeit oder der Mythos der Geschichte ist. Andererseits gibt es natürlich schwierige Partien – sowohl im Musical als auch in der Oper – die man dann weniger spielen oder eben mit einer Zweitbesetzung realisieren sollte.
Acht Mal pro Woche Musical zu singen, wäre das ohne die Mikrofonierung möglich?
Kröger: Das hat mit der Mikrofonierung nichts zu tun. Die Mikrofonierung ist beim Musical nur dazugekommen, weil die Stimme bei moderner Contemporary-Musik gegen eine pop- oder rockartige Instrumentierung ankommen muss. Ich habe aber auch schon Stücke ohne Mikrofon gemacht, zum Beispiel „Das bezaubernde Fräulein“, eine Mischung aus Musical und Operette.
In Musicalforen wird oft die Frage gestellt, wo die Darsteller ihre Mikrofone verstecken.
Kröger: Grundsätzlich möchte man die Mikrofone natürlich nicht sehen. Letztendlich entscheidet der Tontechniker oder Sounddesigner bei jedem Sänger individuell, wo das Mikrofon hinkommt. Der eine hat eine sehr hohe Stirn, der andere hat sehr viele Höhen in der Stimme, weshalb das Mikrofon irgendwo anders sitzen muss… In vielen Stadttheatern wird es einfach auf die Seite geklebt und mit dickem Leukoplast überklebt und überschminkt. Beim Blick in den Spiegel sehe ich das, auf Bühnenfotos dann allerdings nicht mehr.
Idealerweise versteckt man das Mikro im Haaransatz, wobei das bei Frauen häufig nicht geht, weil sie Perücken tragen müssen. In dem Fall muss es relativ tief in die Stirn, damit man bei einem schnellen Perückenwechsel das Mikrofon nicht mitrunterzieht. Bei Rockmusicals kommt das Mikrofon mit einem Bügel so nah wie möglich an den Mund, damit die anderen Rhythmusinstrumente so wenig wie möglich mit in die Tonspur kommen und die Stimme präsent bleiben kann.
Ich selbst fühle mich unbehaglich, wenn ich ein Mikrofon nah am Mund spüre. Ich möchte wissen, dass die Technik da ist und mich unterstützt, aber spüren möchte ich sie nicht.

© Sabine Hauswirth
Politiker vergessen gerne mal auf Parteitagen, dass ihr Mikrofon noch an ist. Gibt es da auch aus dem Musicalbereich Anekdoten?
Kröger: Diese Geschichten gibt es bestimmt, aber ich kenne sie nicht. Ich bin noch von der alten Schule: Wenn man von der Bühne kommt, hält man die Pappn. Natürlich gibt es diese Anekdoten, wo jemand mit offenem Mikro zur Toilette geht oder man ein privates Gespräch mitbekommt, weil ein Tontechniker vergessen hat, das Mikrofon runterzuziehen.
Sie sagten in einem Interview, dass Stagnation für Sie das Schlimmste sei. Wie gehen Sie damit um, jeden Abend dieselbe Geschichte zu spielen?
Kröger: Die Geschichte wächst und man ist selbst nicht jeden Tag der Gleiche. Ich bin ein suchender Mensch, schauspielerisch und gesanglich, ich möchte die Dinge jeden Tag ein bisschen anders machen. Ich finde, man ist nie perfekt. Vielleicht ist man es nach außen hin, aber ich suche immer nach dem Nächstbesten und probiere neue Dinge aus. Wie sich das dann entwickelt, hängt natürlich auch vom Zusammenspiel mit den Kollegen ab.
Wenn das Stück allerdings nicht viel hergibt, verlasse ich es auch relativ bald nach meinem Vertragsende wieder und dann ist das Stück für mich auch abgespielt. Andere Stücke könnte ich dagegen immer wieder spielen, wie beispielsweise den Tod in „Elisabeth“. Es hat mir unglaublich Spaß gemacht so ein intelligentes Stück immer wieder mit einer anderen Farbe, anderem Wissen oder einem anderen Impuls zu spielen.
„Elisabeth“ erzählt die Lebensgeschichte der österreichischen Kaiserin Elisabeth und wird in Wien seit 1992 immer wieder aufgeführt…
Kröger: Ich liebe Österreich dafür, dass es da noch subventionierte Häuser gibt, das es Städte gibt, die ein Stadttheater haben, wo die Menschen gerne ins Theater gehen und auch noch ein Wissen über die Werke haben. Wenn ich in Deutschland Leute auf der Straße fragen würde, wer dieses oder jenes Stück geschrieben hat – da herrscht oft ein großes Unwissen.
Ist in Österreich für Musical auch Geld vom Staat vorhanden?
Kröger: Ja, die Vereinigten Bühnen Wien sind staatlich subventioniert. Ebenso das Salzburger Landestheater, wo ich sehr große Produktionen gemacht habe.
In Deutschland dagegen sind Musicals hauptsächlich privatfinanziert…
Kröger: Nun, in den 80er Jahren war es so, dass die ganzen Stadttheater ihr Haus vor allem dann voll hatten, wenn ein großartiges Musical lief. „My Fair Lady“, „Kiss me, Kate“ oder „West Side Story“ wurden rauf- und runtergespielt.
Dann wollte ein Privatunternehmen (Stella AG) die Musicalszene in Deutschland sowie die in Amerika aufziehen, mit großen Häusern. Das hat aber nicht unbedingt funktioniert, weil man nicht voraussetzen kann, das man ein Stück zehn Jahre lang spielt und dabei immer eine Auslastung von 90% hat. Nachdem Stage Entertainment dann die alten Firmen übernommen hat, hat man sich entschieden, die Premieren eher lokal anzusetzen, um zwischen den Städten rotieren zu können.
Der Staat gibt aber nichts dazu, oder?
Kröger: Ich glaube nicht, dass man das so sagen kann. Wenn ein Stadttheater Geld bekommt, dann ja nicht nur für eine Produktion, sondern für das gesamte Haus, in dem dann vielleicht auch ein Musical aufgeführt wird.
Im Feuilleton werden Musical-Produktionen vergleichsweise selten erwähnt…
Kröger: Ich weiß nicht, ob das noch so relevant ist. Wer liest denn heutzutage überhaupt noch Zeitung, geschweige denn das Feuilleton?
Die Liebe zum Musical ist aber da, die Besucherzahlen sind in den letzten Jahren messbar gestiegen. Die Menschen lieben es, sind aber auch kritischer geworden. Sie möchten einfach etwas Gutes sehen. Da ist es auch egal, ob es ein Musical oder eine Oper ist. Für mich gibt es auch diese Unterteilung in U- und E-Musik nicht. Es gibt gute und schlechte Unterhaltung, das ist einfach so. Wenn ich mich da einpferchen lassen möchte, nur weil es nicht kommod oder opportun ist oder weil es schicker, ist über die Oper zu reden, ist das für mich sehr altertümlich und verstaubt.
Anders gefragt: Gibt es gegenüber dem Musical in Deutschland genug Wertschätzung?
Kröger: In Österreich habe ich gerade ein Ehrenzeichen des Landes Wien für meine Verdienste um Wien und das Musical bekommen. Da wird das Ganze noch gewertschätzt, während wir mit der Wertschätzung in Deutschland generell große Probleme haben. Ich weiß nicht woran das liegt. Ich finde es sehr schade, wenn Leute privat etwas auf die Beine stellen, wie es beispielsweise die Stage Entertainment tut, wo kein Geld vom Staat verbraten wird und wo dann trotzdem nur draufgeschlagen wird. Wieso kann man nicht einfach mal Danke sagen, dafür, dass neue Häuser entstehen, wo einem so viel geboten wird? Das vielleicht nicht jedes Stück gut ist, ist etwas anderes, aber dieses ständige Murren und sich beklagen… Joop van den Ende hat mit privatem Geld das Colosseum-Theater in Essen aufgemöbelt, das Theater des Westens in Berlin schaut heute fantastisch aus – da frage ich mich, warum so etwas nicht wertgeschätzt wird.
Ist der Musical-Betrieb offen für musikalische Experimente – oder achtet man hier eher darauf, was dem Publikum gefällt?
Kröger: Das hängt von der Produktion und dem Team ab. Man versucht natürlich den Nerv der Zeit zu treffen und das zu zeigen, was die Zuschauer sehen möchten, um die großen Häuser zu füllen. Diese Herangehensweise gibt es, dafür werden auch Umfragen gestartet.
Ein Stück wie „Elisabeth“ wurde aber einfach aus dem Bauch heraus geschrieben, es wurde von einem sehr eigenwilligen Regisseur, Harry Kupfer, inszeniert, es hat die ganze deutschsprachige Musical-Welt umgekrempelt und ist zum Hit geworden. Die Kritiken in Österreich damals waren vernichtend, aber das Publikum hat es geliebt.
Ich denke, man sollte dem Künstler seinen Schaffensraum lassen, damit er sich entfalten kann und dann schauen was dabei rauskommt. Ich habe schon Produktionen erlebt, an denen im Nachhinein rumgefummelt wurde, wo die Autoren verunsichert wurden, weil plötzlich kommerzielle Aspekte hinzukamen. Ich persönlich würde das erstmal außen vor lassen. Das Musical „Mozart!“ zum Beispiel fand ich in Wien viel authentischer als jetzt in Hamburg, wo man versucht hat, zu viel Kommerz reinzubringen. Das funktioniert nicht.
In den letzten Jahren wurden immer häufiger Filme zu Musicals gemacht. Was halten Sie von dieser Art Zweitverwertung?
Kröger: Als Zweitverwertung würde ich das nicht bezeichnen. „Rebecca“ gab es zwar auch als Film, aber eigentlich ist es ein Buch. Das Wichtigste ist, dass die Geschichte spannend ist. „Das Wunder von Bern“ zum Beispiel ist einfach ein wichtiges deutsches Thema und da war der Film auch keine Vorlage für das Musical.
Gibt es denn bestimmte Faktoren, die eine Geschichte haben muss, damit ein Musical daraus werden kann?
Kröger: Ich glaube sie muss einfach spannend sein und sie muss berühren. Die Menschen, die „Das Wunder von Bern“ gesehen haben, meinten ja auch, dass es ihnen dabei weniger um Fußball, als um die berührende Geschichte und die Psychologie der Figuren ging. Theater muss berühren. Da kann das Bühnenbild noch so toll sein, ein Helikopter auf der Bühne landen, die größten Namen mitspielen – wenn mich die Geschichte nicht berührt, wenn keine Interaktion stattfindet, gehe ich gelangweilt raus. Lieschen Müller von Klein Scheußlich an der Knatter, wie meine Mutter immer sagt, kann nicht sagen warum sie etwas mag, aber sie merkt, wann ihr das Herz aufgeht.
Begrüßen Sie es, dass inzwischen auch 3-D-Techniken im Musical zum Einsatz kommen, wie bei „Polita“?
Kröger: Wenn es funktioniert und dem Zweck dient, ist das wunderbar, dann bin ich auch der erste, der es nutzt. Allerdings mag ich es nicht, wenn es nur Schmuck ist, wenn es das Ganze nur komplizierter macht und von der Geschichte ablenkt.
Wo sehen Sie sich in 15 Jahren?
Kröger: Auf jeden Fall auf der Bühne, mit der bin ich sicherlich noch lange nicht fertig. Ich habe schon in Musicals mitgespielt, in denen Kollegen 70 Jahre alt waren, es ist also möglich. Es könnte aber auch sein, dass ich später auf der anderen Seite stehe und produziere. Ich hatte mich auch schon einmal für eine Intendanz in Wien beworben. Nicht weil ich unbedingt wollte, sondern weil ich es nicht gut gefunden hätte, wenn irgendjemand die Stelle bekommen hätte, der nichts mit dem Genre zu tun hat.
Ich finde es enorm wichtig, dass man in unserer Gesellschaft einen Platz für Kunst beibehält. Leider Gottes wird bei der Kunst aber immer zuerst gekürzt. In Wien gehen viele Jugendliche noch ins Theater, in Deutschland ist das nicht der Fall. Ich finde das sehr gefährlich. Denn durch die Kunst kann man sich auf einer anderen Ebene mit der Welt und dem Leben auseinandersetzen. Da kommen Fantasie und Emotionen hinzu. Sie regt an, über manche Dinge anders nachzudenken.