Florian David Fitz

Man spricht den Leuten die Mündigkeit ab.

In dem neuen Kinofilm "Hin und weg" spielt Florian David Fitz einen Todkranken, der Sterbehilfe beantragt. Im Interview spricht der Schauspieler über Kontroversen um Sterbehilfe, die Beerdigung seines Hundes, Patientenverfügung und Schauspieler-Krankheiten.

Florian David Fitz

© Wolfgang Ennenbach / Majestic

Herr Fitz, eins der zentralen Themen Ihres neuen Films „Hin und weg“ ist der Tod. Daher zunächst die Frage: Wie empfinden Sie Beerdigungen hierzulande?
Fitz: Ich bin nicht wirklich befriedigt mit der Art und Weise, zumindest bei den Beerdigungen die ich miterlebt habe. Vielleicht passen heute die Rituale, die wir aus unserer Kindheit kennen, nicht mehr.
Man wünscht sich doch eine andere Art von Geleit, wobei ich noch drüber nachdenken müsste, was ich anders machen würde. In jedem Fall muss man es feiern. Ich verstehe natürlich, dass die christlichen Rituale, der Leichenschmaus etc. einen Sinn haben, um die Leute aufzufangen, um ihnen durch diesen Ablauf eine Sicherheit zu geben. Aber ich hatte bei Begräbnissen häufig das Gefühl, dass es relativ wenig mit der Person des Verstorbenen zu tun hatte.

Ist Ihnen die Atmosphäre zu bedrückend?
Fitz: Ich finde es zum Beispiel sehr schön, wenn ich diese mexikanischen, bunt bemalten Totenschädel sehe. Das hat für mich einen Zauber. Auch deren „Festa de los Muertos“, wo dann überall bemalte Skelette hängen. Da sieht man: Es muss nicht unbedingt so düster traurig sein.
Die letzte Beerdigung, die wir hatten, war die meines Hundes. Er wurde eingeäschert und wir haben ihn dann im Garten begraben. Da ist die ganze Familie zusammen gekommen, und jeder hat eine lustige Erinnerung erzählt, die er mit dem Hund verbindet. Das war schön, das war genau das, was man machen sollte.

Zitiert

Eine Beerdigung muss nicht düster traurig sein.

Florian David Fitz

Ihre Rolle Hannes ist unheilbar an ALS erkrankt, viele Kinozuschauer werden daher das Ende des Films erahnen können. Hat das den Filmdreh schwieriger gemacht?
Fitz: Ich finde, das ist so ähnlich wie bei „König Lear“: Eigentlich weiß man, wie es endet, aber manchmal denke ich trotzdem, dass es diesmal vielleicht doch anders ausgeht. Bei unserem Film ist glaube ich nicht die Frage entscheidend, ob es mit dem Tod endet, sondern wie es über die Bühne geht. Wie schafft man diesen Übergang? Es ist weder ein Film über ALS noch über Sterbehilfe. Sondern es ist ein Film darüber, wie man es schafft, in einer Gruppe von Menschen gemeinsam Abschied zu nehmen. Wie kann das gelingen?

Es gibt im Film zumindest die Darstellung der Sterbehilfe. Wie nah sind diese Szenen an der Realität?
Fitz: Vieles wie die ganzen Vorgespräche haben wir weggelassen. Aber ansonsten läuft es genauso ab. Es war auch ein echter Arzt am Set, der Sterbehilfe leistet, der uns die Abläufe genau geschildert hat. Ich hatte ja vorher selbst keine konkrete Vorstellung davon.

Die Gesetzgebung ist hinsichtlich Sterbehilfe in den letzten Jahren immer liberaler geworden, in Belgien beispielsweise wird sie auch im Fall psychischen Leidens ermöglicht. Wie wird sich das weiter entwickeln?
Fitz: Das kann man ja an Ländern wie den Niederlanden sehen, wo es erst aktive Sterbehilfe für Erwachsene gab, inzwischen wird es aber auch Kindern ermöglicht. Instinktiv würde man da sagen: Nein! Aber wenn man dann konkrete Fälle kennt, aufgrund derer die Gesetzgebung verändert wurde, dann denkt man sich: Um Gottes Willen, Ja! Warum sollte man das nicht ermöglichen?

Aber Sie sind dennoch skeptisch?
Fitz: Ich habe im ersten Moment so einen Anti-Instinkt. Aber wenn ich dann das konkrete Beispiel sehe, denke ich, es ist ein Gebot der Mitmenschlichkeit, dieser Person die Sterbehilfe nicht zu verbieten.

Wird man in zehn Jahren auch in Deutschland wegen seelischem Leid Sterbehilfe in Anspruch nehmen können?
Fitz: Wir hadern natürlich sehr damit, weil wir denken, dieses seelische Leid ist vielleicht nur vorübergehend. Wir machen es uns da schon schwer, und ich glaube auch, es ist gut, dass wir uns das schwer machen und mit dieser Frage hadern…

…zum Beispiel wenn jemand Depressionen hat, den Trennungsschmerz, Verlust eines Menschen oder Liebeskummer nicht überwinden kann. Sollte Sterbehilfe dann eine Option sein?
Fitz: Ich habe da dieses Gefühl: Mein ganzer Körper strebt sich dagegen, doch wenn ich mir dann konkrete Fälle vorstelle, sage ich: Ja, man muss es dem Menschen selbst überlassen. Man muss ihm zutrauen, dass er bei Trost ist und dass er selber mündig ist, über sein Leben zu entscheiden.
Ich weiß nicht, was in zehn Jahren sein wird. Aber ich wünsche mir, dass die Menschen für mündig gehalten werden, was diese Sache angeht. Genauso wünsche ich mir, dass man damit sehr vorsichtig umgeht.

Es gäbe dann wahrscheinlich weniger traumatisierte Lokführer.
Fitz: Auf jeden Fall. Sich vor einen Zug zu werfen ist sicher die denkbar schlechteste Option.
Wenn jemand sein Leben als Qual empfindet, es nach dauerhafter Betrachtung auch so bleiben wird und dieser Mensch sich wünscht, gehen zu können – warum sollte man ihm das versagen?

Eine Todesdosis kostet in den USA etwa 50 $, ein assistierter Tod ca. 300 $. Bereits 2008 gab es im Staat Oregon den Fall einer an Lungenkrebs erkrankten Frau, deren Krankenkasse sich weigerte 4000$ monatlich für ein Medikament zu bezahlen, sich gleichzeitig aber bereit erklärte, die Kosten für den assistierten Tod zu übernehmen.
Fitz: Das ist an Zynismus natürlich nicht zu überbieten. Die würde ich zum Teufel jagen.

Zeigt das nicht die große Gefahr, dass Versicherungsunternehmen versuchen könnten, z.B. in dem sie Druck ausüben, diesen kleinen Betrag zu bezahlen, um nicht lebensverlängernde Maßnahmen finanzieren zu müssen?
Fitz: Die Gefahr, dass irgendein Arschloch, um Geld zu machen, die Mitmenschlichkeit über Bord wirft, ist offensichtlich. Diese Gefahr ist – wie die Weltgeschichte beweist – immer vorhanden.

Und die Gefahr, dass ein Patient sich für Sterbehilfe entscheidet, weil er den Verwandten nicht zur Last fallen will?
Fitz: Genauso wie der Wunsch, nicht dahinzuvegetieren ist auch der Wunsch, den anderen nicht zur Last zu fallen, ein ernstzunehmender Wunsch dieser Person. Wenn ich das nicht möchte, ist das mein Wunsch und ich bin mündig. Man spricht den Leuten immer die Mündigkeit ab!
Natürlich muss man aber auch alle Vorsichtsmaßnahmen treffen, damit es keinen Missbrauch gibt.

© Wolfgang Ennenbach / Majestic

© Wolfgang Ennenbach / Majestic


Haben Sie sich durch diesen Film persönlich mit dem Thema Patientenverfügung beschäftigt?
Fitz: Ich bin da genauso schlampig wie viele meiner Mitmenschen. Ich habe keine Patientenverfügung, aber ich weiß, dass das passieren muss. Wahrscheinlich werde ich irgendwann 70 sein und wissen, dass es passieren muss, es aber immer noch nicht gemacht haben. Das sind so Dinge, die man ewig vor sich her schiebt.

Es ist ja auch nicht einfach.
Fitz: Doch, eigentlich ist es einfach. Wenn ich mir überlege, wie will ich das in so einer Situation… Manchmal muss man einfach erwachsen sein und sich mit so etwas auseinandersetzen.

Clint Eastwood sagte zur Diskussion über Sterbehilfe in seinem Film „Million Dollar Baby“: „Ich bin auch in Filmen umhergelaufen und habe Menschen mit einer .44er Magnum erschossen, aber das heißt nicht, dass ich dies befürworte.“ Wäre es möglich, dass Sie in einem Film mitspielen, auch wenn darin Dinge vertreten werden, die Ihrer persönlichen Überzeugung widersprechen?
Fitz: Es ist ja eher selten, dass ein Film eine explizite Meinung vertritt, das ist dann ja meistens schon Propaganda. Ein Film sollte immer so offen sein, dass sich am Ende ein erwachsener Mensch sein eigenes Bild machen kann. Das ist auch so bei „Hin und weg“: Er zeigt die Seite des Patienten, er zeigt auch die Seite der Angehörigen und Freunde und man kann mit unterschiedlichen Haltungen aus dem Film rausgehen.
Wenn der Film selbst eine bestimmte Haltung annehmen würde, fände ich das schwierig. Natürlich spielt man als Schauspieler nicht nur moralische, korrekte Rollen, das ist ja auch spannend. Man kann auch den Nazi spielen, nur eben nicht in einem Propagandawerk von der NPD.

Sowohl in „Vincent will Meer“ als auch in „Hin und weg“ leiden Sie an einer unheilbaren Krankheit. Was würden Sie als typische Schauspieler-Krankheit bezeichnen?
Fitz: Unsere Arbeit hat eine gewisse Selbstreferenzialität, einen ewigen Selbstbezug. Dieser Beruf bedeutet, ständig von dir selber auszugehen und dich in irgendwelchen Zusammenhängen zu sehen. Da besteht die Gefahr, dass du andere Leute nicht mehr so stark siehst, dass du egoman wirst und dein Kopf ein bisschen groß wird.
Und was Schauspieler auch manchmal haben ist eine gewisse Wehleidigkeit, Lebensunfähigkeit. Dir wird am Set ja die Lebensfähigkeit abgesprochen, du wirst am Arm über die Straße geführt, als seist du plötzlich behindert. Und wahrscheinlich bist es auch in dem Moment. Weil die Leute dich ständig betreuen.

Man ist als Schauspieler sozusagen ‚überbetreut‘?
Fitz: Ja. Jemand kontrolliert, dass dein Kostüm nicht nass wird, dass deine Frisur so bleibt, dass dir nichts passiert, damit du kein Versicherungsfall wirst usw. Du wirst ein Volldepp, wenn du so überbetreut bist. Aber der Punkt ist: es geht um das Kostüm, um die Frisur, um den Film, nicht um uns. So lange wir drehen können, ist unsere Gesundheit genauso egal wie die vom Rest vom Team. (lacht)

Plakat Hin und WegHin und Weg“ ist auch eine gefilmte Fahrrad-Tour. Was sind Sie persönlich für ein Fahrrad-Typ? Fixi, Mountainbike, Rennrad?
Fitz: Ich muss noch lernen, was ein Fixi ist. Ich hatte die letzten zehn Jahre ein altes Armeerad, das hatte auch keine Gangschaltung. Das habe ich allerdings etwas kaputtgefahren, weil ich nicht besonders gut auf meine Sachen aufpasse.
Vor kurzem habe ich mir – als Belohnung für das Drehbuch von „Der geilste Tag“, mit dem ich mich sehr geplagt habe –  ein Schindelhauer-Fahrrad mit acht Gängen gekauft.

Und welcher Zahnbürsten-Typ sind Sie?
Fitz: Das ist doch eine Fangfrage, oder?
Natürlich bürste ich elektrisch. Ehrlich, als ich noch in den Vertragsverhandlungen für diese Zahnbürsten-Werbung war, hat man mir als Geschenk eine elektrische Zahnbürste mitgebracht. Die benutze ich tatsächlich. Davor hätte ich mir so eine nicht geleistet. Sie sehen: So billig sind Schauspieler (lacht).

Schlussfrage: Wofür kommen Sie in die Hölle, und wofür in den Himmel?
Fitz: Die Sachen, für die ich wirklich in die Hölle kommen würde, möchte ich hier nicht ausbreiten, da schäme ich mich zu sehr. Und die Sachen, für die ich in den Himmel komme – ach, das wäre jetzt nur ein Gewichse auf Ihrem Papier.
Ich glaube nicht an Himmel und Hölle. Ich glaube an eine Mitte. Und ich glaube an Moral.

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