Bascha Mika

Merkel neutralisiert sich als Frau.

Die Journalistin Bascha Mika schreibt in ihrem Buch „Mutprobe“ über „das höllische Spiel mit dem Älterwerden“ bei Frauen. Ein Gespräch über die fehlende Wahrnehmung älterer Frauen, Weiblichkeit in der Politik und die Frage, ob Homosexuelle mit dem Alter anders umgehen.

Bascha Mika

© Anja Weber

Frau Mika, welches Tier steht Ihnen näher? Kuh oder Ziege?
Ich bin Sternzeichen „Steinbock“. Der hat Hörner und klettert immer nach oben. Ich habe also sehr viel Sympathie für Ziegen. (lacht)

Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass sich Frauen im Alter sprichwörtlich für eine dieser beiden Kategorien entscheiden müssen?
Wenn wir Frauen das mitmachen sind wir doch bekloppt! Mit diesem Bildern konfrontiert werden ist eine Sache. Aber sie freiwillig anzunehmen und uns da einzuordnen?! Gegen beide Tiere ist ja nichts einzuwenden, aber doch nicht als Vorbilder fürs weibliche Älterwerden.

Ottfried Fischer ist „Der Bulle von Tölz“. Und jüngere Männer werden gerne mal als „Hengst“ bezeichnet…
Na toll. Und wem hilft das? Frauen müssen die Scham davor verlieren, sich darüber aufzuregen, wie wir beim Älter werden behandelt werden. Es ist nicht unser privates Problem, es ist politisch und betrifft unendlich viele von uns. Viele schauen in den Spiegel und denken sich, eigentlich habe ich nichts gegen meine Falten, aber da draußen gelte ich als hässlich. Wir müssen erst mal begreifen, was da gesellschaftlich mit uns gemacht wird.

Ruth Maria Kubitschek (82) sagte uns im Interview, sie sei heute froh, nicht mehr sexy sein zu müssen…
Frau Kubitschek beschreibt den Druck der auf Frauen lastet. Die Angst davor, dass uns ab einem gewissen Alter die Erotik und Sexualität abgesprochen wird und wir deshalb versuchen, diesem Bild immer hinterher zu hecheln. Das betrifft auch andere Schauspielerinnen. Hannelore Elsner wird in jedem Interview gefragt, ob sie sich denn noch sexy genug fühlt.

Wobei Hannelore Elsner dieses Image auch bewusst pflegt.
Wir Frauen sind sicher nicht nur Opfer, aber der Druck sich über den Körper zu definieren, wird immer stärker. Junge Frauen orientieren sich an verfälschten Bildern in den Medien. Schönheit ist eine Industrieware.

Gibt es überhaupt Vorbilder?
Ja. Aber viele dieser „Vorbilder“ versuchen, bis ins hohe Alter so sexy wie möglich zu bleiben, um sich ganz als Frau fühlen zu können. Da privilegiert die Gesellschaft die Männer, der Druck auf sie ist beim Älterwerden weitaus geringer. Männer werden viel weniger über ihren Körper definiert.

Wären Sie manchmal gerne ein Mann?
Never ever! Aber ich will dieselben Rechte und Möglichkeiten. Ich finde Frauen toll, nur beschäftigt Frauen das Älterwerden unendlich mehr als Männer, und es beeinflusst sie auch. Manche werden unendlich traurig. Ich benutze den Begriff „leiden“ nicht besonders gerne, aber viele leiden unter ihren Jahren.
Frauen müssen sich bewusst sein, dass diese Gefühle kulturell erzeugt werden und eine soziale Erfahrung sind, also etwas, das die Gesellschaft mit ihnen macht.

Zitiert

Zur Selbstbestimmung von Frauen gehört, dass wir in der Öffentlichkeit präsent sind, und dieses selbstverständliche Recht macht man uns, wenn wir älter werden, wieder streitig.

Bascha Mika

Die Gesellschaft spricht Ihrer Meinung nach einen so genannten „Verschwindefluch“ aus…
…hübsch, oder? Dieser Begriff könnte auch bei Harry Potter stehen. Ich bin ein großer Harry Potter Fan…

…ältere Frauen werden also von der Gesellschaft regelrecht „weggezaubert“?
Ja, das ist einer der wenigen Punkte, über den Frauen recht offen reden. Sie haben das Gefühl, in der Öffentlichkeit nicht mehr richtig wahrgenommen zu werden, als Person, als Frau. Nicht nur erotisch. Sie empfinden es so, als würden sie tatsächlich als Mensch nicht mehr existieren. Das geht weit über Kränkung hinaus, denn spätestens hier wird es politisch. Wir haben als Frauen das Recht, im öffentlichen Raum wahrgenommen zu werden. In allen Ländern, in den Frauen behandelt werden, wie der letzte Dreck, sieht man immer, dass sie im öffentlichen Raum nicht vorkommen, und wenn, dann nur verschleiert oder in Begleitung eines Mannes. Zur Selbstbestimmung von Frauen gehört, dass wir in der Öffentlichkeit präsent sind, und dieses selbstverständliche Recht macht man uns, wenn wir älter werden, wieder streitig.

Das gilt vielleicht für die Medien, im Fernsehen sieht man kaum ältere Moderatorinnen. Aber in der Politik aber scheint das Alter eine weniger wichtige Rolle zu spielen, im Gegenteil, ältere Politikerinnen werden hier ernster genommen als junge. Taugt Angela Merkel als Vorbild?
Angela Merkel ist einerseits ein Vorbild, weil sie sich seit Jahren in einer Spitzenposition hält und alle Machtmechanismen kennt, um dort zu bleiben. Aber in ihrer Partei spielen Frauen keine große Rolle. Da sind nur noch die FDP und die Piraten schlimmer. Andererseits ist sie kein Vorbild, weil sie sich als Frau neutralisiert. Das kann doch nicht das Ziel sein. Ich will doch meine Weiblichkeit nicht wegschmeißen, nur weil ich Chefin bin.

Vielleicht macht sie das durchsetzungsstärker?
Frauen in einer wichtigen Position, haben in der Tat oft das Gefühl, sie müssen sich ein ganzes Stück neutralisieren, oder vermännlichen, um akzeptiert zu werden oder sich durchzusetzen. Wenn Angela Merkel mit einem tiefen Dekolleté erscheint, sind alle plötzlich ganz erschüttert. Wie Kinder, die feststellen: huch „Mutti“ hat eine Sexualität.

Also dann doch lieber die „weiblichere“ Art vonUrsula von der Leyen, die offen zugibt, von ihrem Vater „Röschen“ genannt worden zu sein und jetzt als Verteidigungsministerin eine absolute Männerdomäne führt?
Ja, das ist schon eine andere Nummer, sie kann mit ihrer Weiblichkeit viel souveräner umgehen. Als Landesministerin hat sie sehr auf den Mutterfaktor gesetzt, das macht sie inzwischen nicht mehr. Ich finde es toll, dass sie so eine riesige Familie hat. Außerdem ist sie klein und schmal, was sie mir sehr sympathisch macht, ich bin ja mit 1,54 m auch nur ein Zwerg. Das ist wiederum ein Vorteil, den wir Frauen haben: Groß müssen wir nicht sein.

© Anja Weber

© Anja Weber


Wann hatten Sie selbst zum ersten Mal das Gefühl, dass Sie „alt gemacht“ werden?

Seit ich Mitte zwanzig bin gibt es Situationen, in denen ich mich fühle, wie 150. Ich glaube, das kennt jeder, das hat mit körperlicher Erschöpfung zu tun. Aber Erfahrungen mit dem „alt gemacht werden“ habe ich persönlich kaum. Ich hatte dazu immer ein Stück Distanz. Aber ich beobachte, ich höre zu. Und unendlich vielen Frauen geht es anders, und das fängt manchmal bereits im Alter von Anfang 30 an.

Und für diese Frauen schreiben Sie?
Mir geht es bei dem, was ich sage und schreibe immer nur um Frauen, die unzufrieden sind, die es anders wollen. Die in die Falle tappen und das auch ahnen. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir Frauen ein mächtiger Teil dieser Gesellschaft sind. Also können wir sie auch zu unseren Gunsten ändern! Ich würde nie von der Schuld der Frauen sprechen, sondern von Verantwortung für unser eigenes Leben.

Sie schreiben, dass lesbische Frauen viel weniger Angst davor haben, älter zu werden, als heterosexuelle. Warum?
Ich habe keine empirischen Untersuchungen angestellt, aber aus Gesprächen weiß ich, dass junge lesbische Frauen älteren lesbischen Frauen oft dieselben Werte zuschreiben, wie junge Frauen älteren Männern. Sie schätzen es, wenn ihre Partnerin an Erfahrung, Persönlichkeit und Charakter gewinnt. Für sie stellt Alter einen Wert dar. Daher haben Lesben weniger Schwierigkeiten mit dem Älterwerden.

Im Gegensatz zu Schwulen…
Da ist es ganz schwierig. Die schwule Community wertet das Älterwerden meistens noch krasser ab, als man das bei Heteros kennt. Da herrscht bei den jungen Männern eine ganz große Angst. Daran kann man sehen, wie sehr der Wert des Älterwerdens an gesellschaftlichen Verabredungen hängt und nicht einfach an der Biologie oder am Geschlecht.

Vielleicht sollte man Alterszahlen einfach komplett abschaffen?
Tolle Idee. Wir dürfen das Leben nicht mehr in solche Phasen einteilen.Es ist erschütternd, dass viele Frauen noch das Gefühl haben, sie müssten ihr Alter verschweigen um keine Nachteile zu haben.

Dass scheint auch im Privatleben zu gelten. Vor allem weibliche Singles dürfen das kennen: „Kreuzen Sie ein Feld an: 25-30, 31-35, 36-40, 41-45…“.
Was Frauen da für schlechte Karten haben. Jeder Mann hält es für selbstverständlich bei Singlebörsen nach jüngeren oder wesentlich jüngeren Frauen zu suchen. Und nur die Ausnahmen schreiben, sie darf gerne gleichaltrig oder sogar älter sein. Wenn Frauen dagegen nach einem jüngeren Mann suchen, glaubt man, sie seien aus der Spur geraten.

Aber hier hat sich doch viel verändert, Madonna, Tina Turner, Mariah Carey haben jüngere Freunde. Aber vielleicht würden sich manche Frauen mit einem jungen Mann an ihrer Seite erst recht älter fühlen…
Also, mein Liebster ist zehn Jahre jünger und wir sind über zwanzig Jahre zusammen. Ich habe mich durch ihn weder jünger noch älter gefühlt. Was wir begehrenswert finden, kommt nicht einfach aus unserem Bauch. Was wir als toll, blöd oder hässlich ansehen, ist gesellschaftlich vorgeprägt. Auch das Frauenbild, dem wir nacheifern. Da haben uns übrigens auch die Frauenzeitschriften einen ganz üblen Dienst erwiesen. Die gaukeln uns vor, dass wir alles schaffen können: Eine gute Mutter und super Geliebte sein, attraktiv, erfolgreich im Job und präsent in der Öffentlichkeit, alles easy. Unsinn. Was für ein Druck. Das hat doch mit Selbstbestimmung überhaupt nichts zu tun.

Sie schreiben, Frauen müssten lernen, ihr Leben von hinten zu denken. Was meinen Sie damit?
Die größte Entscheidungsmacht haben Frauen im Privaten, aber da nutzen sie sie zu wenig. Denn Frauen sind zu oft konfliktscheu. Ziehe ich meinem Freund hinterher obwohl ich in der neuen Stadt mit meinem Beruf, meiner Ausbildung kaum Fuß fassen kann? Setze ich wirklich mehrere Jahre im Berufsleben aus um die Kinder zu versorgen während der Vater der Kinder sich nur um seinen Job kümmert? Was habe ich für Möglichkeiten, mich selbst und meine Kinder zu versorgen, wenn mein Mann arbeitslos wird, stirbt oder sich eine andere sucht? Wie wirkt sich mein heutiger Entschluss dreißig Jahre später aus, wenn ich 65 bin und in Rente gehe? Wenn man vor großen Entscheidungen steht, sollte man deshalb immer „von hinten“ denken, also die Zukunft im Blick haben.

Meryl Streep sagte einmal in einem Interview, sie habe sich schon als junge Frau gefühlt wie vierzig. Mit vierzig war es dann genau richtig, und jetzt fühle sie sich jünger.
Meryl Streep hatte einen großen Vorteil: Sie hat sich als junge Frau nie über ihre Schönheit definiert. Deshalb hat sie sich auch nie alt machen lassen.

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