Serdar, du hast vor deiner Kabarett-Karriere viel Theater gespielt. Laut deiner Website auch den „Theatermacher“ von Thomas Bernhard…
Serdar Somuncu: Ja, das ist lange her, aber das Stück habe ich tatsächlich gespielt, in Neuss und dann auf Tour in kleineren Städten. Ehrlich gesagt war das sogar der Anfang meiner „Hassprediger“-Rolle. Der Theatermacher, der „Staatsschauspieler Bruscon“ ist dafür eigentlich die Blaupause, die Bernhardsche Attitüde steckt im Hassprediger drin. Bestimmte Dinge so überspitzt auszusprechen, dezidiert auf den Punkt zu bringen, das habe ich nicht erfunden, sondern das ist von Thomas Bernhard maßgeblich beeinflusst.
Das Stück passte damals auch hervorragend, weil ich zu der Zeit wirklich wie der Bruscon durch Käffer getingelt bin, wo teilweise nur zehn Leute kamen. In so einer Situation genau diesen Text zu spielen hatte eine eigene Kraft, weil es ja die Realität war.
Gab es noch andere Stücke aus deiner Theaterzeit, die deine späteren Bühnenshows geprägt haben?
Somuncu: Ja, beispielsweise „Bekenntnisse eines heimlichen Nudisten“ von Ken Campbell, von dort kommt bei mir das Improvisationselement. Ich habe irgendwann angefangen, die festen Texte zu verlassen und meine eigenen Anteile mit den originalen Textelementen gemischt. Bei Campbell erzählt der Protagonist einerseits fiktive, andererseits aber auch ehrliche Geschichten und der Zuschauer weiß irgendwann nicht mehr: Ist das jetzt ernst gemeint oder nicht? – Das ist auch eine wesentliche Grundlage für den Hassprediger gewesen.
Sind diese Stücke Vergangenheit oder würdest du so etwas nochmal spielen?
Somuncu: Das würde ich schon, weil ich Schauspieler bin und gerne spiele. Allerdings, in so einer Umgebung und mit der mangelnden Perspektive würde ich das nicht mehr machen wollen. Das war damals schon auch eine Tortur, weil ich immer um meine Existenz und um Anerkennung kämpfen musste. Ich bin heute sehr froh, dass dieser Leidensdruck weniger geworden ist.
Der Hassprediger ist eine Rolle, die ich gespielt habe, die gut funktioniert hat, aber die ist jetzt weg, die ist vorbei.
Wer deine Theatervorgeschichte kennt und jetzt das HipHop-Album hört, das du gemeinsam mit André Fuchs produziert hast (Zwieback & T: „Wir beide“), könnte irritiert sein. Da singt ihr zum Beispiel über unterdrückte Fürze beim Sex...
Somuncu: Da hast du dir aber auch das albernste Lied von der CD rausgesucht.
Für mich war die Frage, wie sich das mit deinem übrigen künstlerischen Schaffen verbindet?
Somuncu: Muss es denn eine Verbindung geben? Kann es nicht nebeneinander stehen? Für mich gibt es kein kein Paradigma des Verbundenseins. Sondern als Künstler versuche ich seit jeher, alle Facetten zu nutzen, die mir zur Verfügung stehen. Eine der wichtigsten dabei ist Musik, von da komme ich, damit habe ich angefangen. Allerdings gibt es für mich keine Bindung an Genres, am Anfang waren es Klassik und Jazz, jetzt bin ich bei HipHop gelandet.
Warum HipHop?
Somuncu: Weil ich sehr neugierig bin. Und weil es eine sehr junge Kultur ist, die viele junge Köpfe repräsentiert. Ich bin immer erpicht darauf, eher jung zu bleiben statt mich niederzulassen auf etwas, was funktioniert. Im Kopf agil zu bleiben, das verbinde ich mit dem Begriff „jung“. Mit dieser HipHop-Geschichte erreiche ich junge Köpfe wahrscheinlich auch eher, als wenn ich jemandem erkläre, was ein 16-Chorus in einem Jazz-Solo ist.
Nun hast du einen anderen Werdegang als die meisten Rapper. Ist eine HipHop-Platte für dich ein Kunstprojekt?
Somuncu: Ja. HipHop ist nicht meine Heimat, sondern definitiv Fremdland. Aber es gibt ja kein Dogma, so ein Projekt muss keinem konkreten Plan folgen. Wahrscheinlich würde es die Fragesteller mehr befriedigen, wenn sie unterstellen können, dass der Künstler ein programmatischer Künstler ist. Dass er sich nicht einfach hinstellt und sagt: Heute furze ich, heute bin ich lustig, morgen bin ich ernst. Doch das sehe ich anders, als Künstler repräsentiert dich der Moment und nicht die Ewigkeit. In diesem Moment ist es das HipHop-Album, die Arbeit mit André, ich bin zuvor noch nie in einem Duo gewesen…
Aber auch wenn die Platte Aktionskunst ist – verfolgt ihr damit ein bestimmtes Ziel?
Somuncu: Es ist kokett, zu sagen, etwas sei ohne Ziel. Man hat immer ein Ziel – und wenn es nur die Wahrnehmung ist, dass Leute sagen, ich habe das Album angehört.
Ich mache das aber nicht nur für das Ideal, meine Aussage transportieren zu wollen, sondern ich bin auch ein Lustmensch, ich mache so was, weil ich Lust darauf habe, das war ein sehr spontaner Impuls. Und als es fertig war, haben wir schon festgestellt: Es gibt ein paar Momente auf diesem Album, die etwas repräsentieren.
Zum Beispiel?
Somuncu: Es gibt den Song „Alles kann nichts muss“, da geht es darum, wie Politik gemacht wird, wie viel Bedeutung Religion in der Politik hat. Oder „Celine“, eine Ballade über einen Kindermörder, in Anlehnung an das Theaterstück „Das Tier“ von Niels Höpfner, das ich gespielt habe, wo es um den Kirmesmörder Jürgen Bartsch geht.
In letzter Zeit verkaufen sich deutsche HipHop-Alben ja sehr gut, das Spektrum reicht von Gangster-Rap bis hin zum sorgenlosem Mittelstands-Rap…
Somuncu: Unser Album ist aber sehr unabhängig von solchen Markttendenzen. Wir haben am Anfang überlegt: Werden wir dem Markt gerecht in dem wir entweder ein Gangster-Album machen? Oder machen wir ein Album, auf dem wir sprechen und singen, das nennt sich HipHop, aber das war’s auch schon …
Die Gangster-Pose hätte man dir wahrscheinlich nicht abgenommen.
Somuncu: Viele haben das aber erwartet, einige haben sich auch beschwert, nach dem Motto „der Hassprediger muss doch Death-Metal machen, der muss brutal und gewalttätig sein und austeilen“. Aber dem fühle ich mich nicht verpflichtet. Der Hassprediger ist eine Rolle, die ich gespielt habe, die gut funktioniert hat, aber die ist jetzt weg, die ist vorbei.
Es gab Zusatzvorstellungen, die wir hinzugenommen haben, weil die Nachfrage nach Karten so groß war. Und ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich mich nicht darüber freue, dass mein Programm so erfolgreich ist. Andererseits reicht es langsam auch. Ich möchte nicht irgendwann im Olympiastadion landen, bloß damit alle mal meine Show sehen.
Einige Albumtitel wirken wie eine Karikatur, besonders der kitschige Song mit dem sinnentleerten Text „Warum Siehst Du So Aus“.
Somuncu: HipHop ist immer nah an der Karikatur. Wenn jemand wie R. Kelly singt „Ich habe den größten, kann am längsten, alle Weiber wollen mich haben…“ – Ich kann so etwas nur mit einer ironischen Attitüde transportieren. Das war eigentlich auch ein Problem bei der Platte, weil dir natürlich jeder Marketing-Experte sagt: Entweder oder, lustig oder ernst, Gangster oder nicht.
Aber wir haben das Album selbst produziert, wir zahlen alles selbst, vielleicht machen wir am Ende sogar Minus. Doch das große Plus ist, dass wir uns 100-prozentig repräsentieren.
Viele Rapper motzen ihre Texte mit Gewalt- und Sexphantasien auf, auch wenn sie selbst meist ein ganz anderes Leben führen. Dennoch wird zum Beispiel Gangster-Rap von Massen von Teenagern gekauft. Warum?
Somuncu: Das ist ein soziologisches Phänomen. Ich glaube, dass wir in den letzten zehn Jahren, in denen das Internet mehr und mehr unser Denken und Handeln beeinflusst, reduzierbarer geworden sind: auf Geschmack, auf Fetisch, auf Zugehörigkeitsgefühl, auf Selbstbestätigung und Geltungsbedürfnis. Und hinter dieser Reduzierbarkeit, der Berechenbarkeit des Individuums steckt eigentlich nichts Anderes als ein Algorithmus, der ausrechnet, wer wann wohin fliegt und was der Mensch, der dorthin fliegt, essen und anziehen möchte. In dem Moment ist das Individuum kein freies Wesen, das Umwege gehen kann, um zu seinem Ziel zu gelangen, sondern die große Masse findet statt in einem Topf, den jemand anderes aufbereitet hat. Das ist eine Entwicklung, die ich beängstigend finde, weil sie entindividualisierend wirkt, weil sie Menschen Angst davor macht, zu sich selbst zu stehen. Einfacher gesagt: Letztendlich hören die wenigsten HipHop, weil sie die Musik so toll finden, sondern vielmehr weil das Image des HipHoppers ihrem Wunschselbstbild entspricht.
Was du mit „Berechenbarkeit des Individuums“ beschreibst, klingt für mich zunächst mal nach Herdentrieb.
Somuncu: Wir leben tatsächlich in Zuständen von Herdentrieb. Was mich daran interessiert ist die Manipulierbarkeit der Masse, das war auch der Ursprung zum „Hassprediger“-Programm. Ich habe mir überlegt, wenn wir heute Hitlers und Goebbels Texte lesen und darüber nachdenken, wie die Menschen das damals mit sich haben machen lassen, dann darf man auch die Frage stellen: Lassen wir das heute eigentlich auch mit uns machen? Welche Mechanismen sind heute wirksam, die uns manipulieren?
Tatsächlich bilden wir uns heute sehr schnell unsere Meinung, im Internet richten Leute in Sekundenbruchteilen über Schicksale, Umfragen werden häufiger gemacht, als Meinungen entstehen können – und viele Menschen glauben das alles.
Auch, wenn es manchmal gar nicht der Wahrheit entspricht.
Somuncu: Ja, selbst wenn es nachweislich Fiktion ist. Es ist erschreckend, wenn ich zum Beispiel auf meiner Facebook-Seite eindeutig ironische Nachrichten poste, gibt es trotzdem viele Leute, die das nicht erkennen.
Die Reduziertheit und die Manipulierbarkeit von Meinung führt andererseits dazu, dass sehr schnell Tendenzen entstehen, die dann Tsunami-artig über die Gesellschaft schwappen. Wer das zu nutzen weiß, der kann davon profitieren. Das Ergebnis ist dann zum Beispiel, dass plötzlich zehn Millionen ein Cro-Album kaufen, obwohl die Melodie von „Easy“, die sie gerade total witzig finden und nachpfeifen, vor 30 Jahren geschrieben wurde.
Na ja. Cro hat zu „Sunny“ von Bobby Hebb aber noch Einiges hinzugefügt.
Somuncu: Ja. Und das trifft einen bestimmten Zeitgeschmack, aber es ist nicht neu. „Sunny“ bzw. das Wort „easy“ so zu singen – das gab es schon.
Und weil sie manipulierbar geworden sind, kaufen Kids jetzt zum Beispiel ein Album, auf dem Kollegah und Farid Bang rappen „Deiner Bitch gehts finanziell nicht gut / Ich sag ihr komm in mein Bordell wenn du ne Stelle suchst “?
Somuncu: Auch das repräsentiert das Lebensgefühl einer ganz bestimmten Klientel und auf die ist das zugeschnitten. Die Frau wird als „Bitch“ bezeichnet, es werden viele Anglizismen in die Sprache eingebaut, die klar machen, dass man dazugehört – obwohl die Käufer dieser Musik diese Sprache so gar nicht gebrauchen würden.
Würdest du das Wort „Bitch“ verwenden, auf der Bühne?
Somuncu: Wenn ich kolportiere, ja. Privat sage ich zu Frauen aber nicht „Bitch“, es ist mir fremd, Frauen sprachlich oder durch mein Verhalten herabzusetzen – so was finde ich grauenhaft. Ich grenze in meinen Live-Programmen auch sehr deutlich ab zwischen dem, was ich wirklich bin und dem, was die Rolle sagt. Da bin ich mittlerweile übervorsichtig.
Aus Erfahrung?
Somuncu: Ja, weil ich mich nicht mehr dem Vorwurf aussetzen will, ich würde bewusst in Kauf nehmen, dass Leute mich missverstehen.
Wie du optimistisch bist du, was den Bedarf an Unterhaltung anbelangt, die mit doppeltem Boden arbeitet, mit Ironie?
Somuncu: Da bin ich nicht optimistisch, auch nicht pessimistisch, eher realistisch: Du hast ein bestimmtes Kontingent an Leuten, die du erreichen kannst, und das kann ausreichen. Ich stehe heute allabendlich vor 3000 Zuschauern auf der Bühne und denke, dass ich damit fast bei 100 Prozent der erreichbaren Klientel angekommen bin.
Vor allem durch das „Hassprediger“-Programm hast du heute ein Image als Radikal-Kabarettist. Entstand dadurch irgendwann ein Automatismus, dass du diesem Image gerecht werden musstest?
Somuncu: Ja. Erschreckender Weise. Man weiß als unbedarfter Neuling ja nicht, was auf einen zukommt, wenn man bekannt wird. Ich war eben, als ich damit angefangen habe, an einem Tag so drauf, dass ich Hasstiraden in die Kamera gesprochen habe – und dann haben das Leute mitbekommen und für sich konserviert. Weil es etwas für sie bedeutet, es repräsentiert etwas, was sie selbst nicht können, aber gerne können würden.
Und sie erwarten diese Haltung dann stets von dir.
Somuncu: Wenn das gut für mich ist, kann ich damit leben. Wenn sich das aber verselbständigt und mich einbetoniert, wenn ich das immer wieder erfüllen muss, damit ich die Zuneigung der Leute behalte, dann löst das bei mir Widerstand aus. Dann sage ich sogar absichtlich: Ich mache jetzt ein Musikalbum mit Liebesliedern und schminke mich.
Und das funktioniert? Der Wandel vom Hassprediger zum Romantiker?
Somuncu: Ja. Ich bin eigentlich auch viel mehr… ich würde jetzt nicht sagen „weich“, weil das schon so eine Wertung hat. Aber ich bin nicht der Hassprediger. Das ist eine Rolle und eine Situation, in der etwas explodiert, was ich aufgrund meines Berufs sehr selbstbewusst nach außen tragen kann, so dass manche Leute es glauben.
In Wirklichkeit bin ich auch sehr gerne allein, ich habe zum Beispiel die letzten drei Monate kaum gesprochen, ich mag es gar nicht immer so gern, vor vielen Leuten zu stehen und zu argumentieren.
Der Automatismus, dass man Opfer des eigenen Images wird – haben damit heutzutage auch Politiker zu kämpfen?
Somuncu: Ja, das habe ich während des letzten Wahlkampfs tatsächlich gedacht. Ich habe mich bei Steinbrück gefragt: Warum ordnen sich Menschen, die für Meinungsfreiheit kämpfen und Demokraten sein wollen, einer Parteiräson unter? Warum konnte Steinbrück nicht zugeben, dass er als Finanzminister der Großen Koalition maßgeblich beteiligt war an den Dingen, die man heute nur Angela Merkel als Fehler zuschreibt? Das wäre doch menschlich groß, zu sagen „Frau Merkel, wir waren selber sieben Jahre in der Koalition und ich habe den Scheiß mitgemacht.“ In der Politik ist aber unheimlich viel Parteiräson. Deshalb würde ich persönlich auch nie in die Politik gehen.
Im August 2013 wurden in Großbritannien Protokolle veröffentlicht, die belegen, dass Helmut Kohl in den 80er Jahren die Zahl der in Deutschland lebenden Türken deutlich reduzieren wollte, sie zurück in die frühere Heimat schicken wollte…
Somuncu: Ja, das ist immer mein Reden gewesen – aber mir hört ja keiner zu. Ich habe immer gesagt: Die CDU ist eine Anti-Türken-Partei.
Ich habe es ja selbst erlebt. Ende der 80er Jahre haben türkische Gastarbeiter Abfindungen angeboten bekommen, um die 10.000,- D-Mark, damit sie nach Hause gehen. Mich wundert, dass es jetzt in den Medien so dargestellt wurde, als wäre es ein Skandal. Kohl hat das offen gesagt. Die CDU sagt seit Jahren, dass die Türkei nicht EU-Mitglied werden soll.
Macht dich das betroffen, diese Haltung von Kohl, von der CDU?
Somuncu: Ja. Mich betrifft es, weil ich zu dieser Generation gehöre und weil ich weiß, wie zerrissen diese Menschen der zweiten und dritten Gastarbeiter-Generation in Deutschland immer noch sind. Es ist doch auch paradox, dass auf der einen Seite sich die Welt immer mehr globalisiert und wir keine Grenzen im Kopf und nicht in den Fingern haben, wenn wir auf die Tasten tippen, auf der anderen Seite aber doch vollkommen rückwärtsgewandt denken, wenn es um Nationalitäten geht. Dabei geht es nicht darum, wo jemand herkommt, sondern es zählt einzig und allein, was er in die Gesellschaft einbringt. Man vergisst, dass viele Menschen, die von woanders herkommen, auch viel Gutes mitbringen.
Allerdings attestierst du den Deutschen hin und wieder eine „übertolerante Haltung“, zum Beispiel gegenüber Muslimen. Was genau meinst du mit dieser „Übertoleranz“?
Somuncu: Die entsteht meiner Meinung nach aus mangelnder Differenzierung heraus. Bei Dingen wie der islamischen Kultur gibt es keine Differenzierung, man fragt nicht „wie ist der andere, was mag ich an ihm wirklich und was nicht“, sondern man hat diese Entweder-Oder-Haltung: Entweder man erlaubt denen, eine Moschee zu bauen, oder man sagt: „Wir wollen dich hier nicht“. Fakt ist aber, dass es nicht den einen Ausländer gibt, sondern Migration existiert seit 40, 50 Jahren in Deutschland, aus unterschiedlichsten Kulturen und Ländern heraus. Da gibt es mittlerweile auch Hybridformen von Leuten, die gar nicht mehr Migranten sind, weil sie vielleicht nur zu einem Achtel aus Polen stammen.
In dieses Entweder-Oder-Denken zu verfallen, ist etwas, was mich wütend macht. Auch weil dadurch beim Gegenüber genauso eine Entweder-Oder-Haltung entsteht. Das Mädchen, das mit 14 ein Kopftuch trägt, in Deutschland geboren ist, kein Wort Türkisch spricht, fühlt sich plötzlich bestätigt, weil in jeder zweiten Talkshow Leute über das Kopftuch debattieren und sie merkt: „Ey, ich finde statt, wenn ich ein Kopftuch anziehe, reden die plötzlich über mich, so habe ich viel mehr Identität, als wenn ich nur eine Türkin bin.“
Gegenüber Mädchen mit Kopftuch ist man in Deutschland also übertolerant?
Somuncu: Nein, was ich sagen will ist nur: Würde man differenzieren, könnte man relativ schnell merken, dass dieses 14-jährige Mädchen ihr Kopftuch aus einer Abwehrhaltung heraus trägt, und nicht um eine religiöse Identität zur Schau zu tragen. Immer wenn ich mit Mädchen, die ein Kopftuch tragen, ein paar Sätze Türkisch spreche und sie frage, ob sie nicht auch Lust auf ein freieres Leben haben, antworten sie mir: „Ja, ich will auch in die Disko gehen, ich will rauchen, ich will hochhackige Schuhe tragen, Führerschein machen und einen Lippenstift.“ Wenn du denen dann sagst, dass das alles im Koran so nicht steht, und dass sie offenbar nicht wissen, auf welchen Deal sie sich damit eingelassen haben – sagen sie: „Will ich nicht wissen, interessiert mich nicht, ich trage das Kopftuch auch, weil ich mich damit besser fühle.“ Bei so etwas gehe ich innerlich an die Decke und denke: Wissen die Leute, die in den Talkshows sitzen, überhaupt, worüber sie da diskutieren?
Könnte man sagen, es ist eine blinde Toleranz?
Somuncu: Ja, es ist tatsächlich eine blinde Toleranz gegenüber dem vermeintlich Fremden, die eine Bestätigung bei den Verursachern auszulösen scheint. Die Steigerung davon sind dann die Konvertiten. Einheimische, die sich aus dem Katalog der Möglichkeiten den Islam ausgesucht haben, arabisch sprechen und dogmatischer sind als ihre vermeintlichen Vorbilder. Wie diese Schweizerin, die letztes Jahr mit Niqab bei Sandra Maischberger saß. Die hatte komplett alles dicht und sprach munter mit schweizer Akzent. Da frage ich: Kannst du mit deiner Freiheit nicht mehr umgehen? Was führt dich dazu, diese Scheiße zu machen?
Es gibt Komiker und Kabarettisten in Deutschland, die angeben, weniger oder keine Witze über den Islam zu machen, angesichts der möglichen Reaktionen von Muslimen. Ist das Übertoleranz?
Somuncu: Dieter Nuhr hat den Versuch ja mal gemacht, bei einem sehr gescholtenen Auftritt im Quatsch Comedy Club, wo er über Muslime geredet hat. Er hat dann relativ schnell wieder zurückgezogen, weil es tatsächlich so ist, dass die muslimische Lobby in Deutschland erkannt hat, dass sie nur überzureagieren braucht, damit sie beeinflussen, damit sie Meinung machen kann. Ich selbst wäre da angstfrei, was aber auch damit zu tun hat, dass ich Türke bin und deswegen aus einer internen Perspektive kritisieren kann.
Wäre denn für Dieter Nuhr und seine Kollegen die bessere Strategie, sich nicht zurückzuziehen?
Somuncu: Es kommt drauf an, welche Motivation dahinter steckt. Wenn Dieter Nuhr so etwas aus einer FDP-Denke heraus sagt, was ich ihm jetzt mal, sagen wir zu 60 Prozent, unterstellen würde, dann bin ich nicht konform damit.
Und wenn es jemand ist, der ohne Böswilligkeit Späße über Religionen macht, den Islam aber auslässt, weil er gewalttätige Reaktionen befürchtet?
Somuncu: Für mich kommt überhaupt nicht infrage mein Programm nach den Vorstellungen der Zuschauer auszurichten. Schon gar nicht aus Respekt vor Glaube und Ethos. Wie kann man Witze über etwas machen, was man nicht zu einem gewissen Teil auch verachtet und lächerlich machen will?
Am Ende bleibt das Risiko, dass die Leute einen Witz falsch verstehen können, das muss man in Kauf nehmen. Doch darauf lassen sich gefällige Künstler nur ungern ein.
Von der Comedy nochmal zur politischen Bühne. Würdest du die deutsche Politik als übertolerant bezeichnen?
Somuncu: Nein. Da hat sich einiges verändert in den letzten Jahren, solche Debatten werden inzwischen sehr exakt geführt und ich finde, die Politiker haben das Recht – wenn es eben nicht Polemik oder Wahlkampftaktik ist – den hier lebenden ausländischen Menschen zu sagen: Es gibt einen Kodex, nach dem wir hier leben, es gibt eine Ethik, es gibt bestimmte Grundsätze und wenn ihr die nicht anerkennt, seid ihr hier an der falschen Stelle.
Hast du eine deutsche Eigenschaft?
Somuncu: Ja, aber das ist eher das typische Klischee. Man schreibt den Deutschen zu, pünktlich zu sein – und das bin ich. Ich bin auch sehr ordentlich. Andererseits gibt es genauso sehr viele pünktliche Türken auf der Welt. Ich denke auch, diese Einteilung in „typisch deutsch“ oder „typisch türkisch“, die kann man nicht mehr machen. Weil sich viele Menschen eben aus ganz verschiedenen Wurzeln zusammensetzen.
Es gibt allerdings eine ethnische Zugehörigkeit, die ich empfinde, wenn ich in die Türkei fahre. Dort merke ich, dass ich kein Einzelwesen, keine Minderheit bin wie in Deutschland. Sondern allein die Tatsache, dass dort die Menschen ungefragt meinen Namen richtig schreiben können, ist für mich ein Aha-Erlebnis.
Die Anwältin Seyran Ates sagte uns im Interview, dass die Türken in der Türkei viel moderner leben als jene in Deutschland.
Somuncu: Ja, das ist so. Man landet in Istanbul und denkt: „Häh? Das ist hier ja wie in Hamburg oder München.“ Die Deutschtürken sind in der Mehrheit konservativ. Das hat übrigens auch Erdogan erkannt, deswegen hat er als erster türkischer Ministerpräsident den in Deutschland lebenden Türken Wahlrecht gestattet – weil er dadurch Wahlen gewinnen kann, weil er weiß, dass die Türken in Deutschland viel konservativer leben.
Warum ist das so? Weil die türkische Gemeinschaft hier isoliert und zu sehr abgeschirmt ist?
Somuncu: Ja. Konservativ kommt von bewahren. Wenn man heimatlos ist, versucht man sich die Erinnerung daran zu bewahren wo man hergekommen ist und sei es nur daran, in der Türkei aufgewachsen zu sein – obwohl es eine Erinnerung an die Türkei vor 50 Jahren ist. Das ist dann in etwa so wie die Deutschen, die in Chile mit Lederhosen durch die Straßen laufen und dort zum Oktoberfest Schuhplattler tanzen. Wenn sich „echte“ deutsche Touristen das dort angucken würden, die würden sagen: Das hat nichts mehr mit Deutschland zu tun.
Wie erlebst du persönlich Besuche in der türkischen Heimat?
Somuncu: Ich habe erst ganz spät in meinem Leben damit angefangen, diese bipolare Identität als etwas Positives zu sehen. Für mich war immer die Frage: „Bist du das eine oder das andere?“ und ich dachte, dass ich mich eines Tages entscheiden muss. Doch irgendwann habe ich dann gemerkt: Nein, ich muss mich nicht entscheiden, ich kann ja beides sein. Warum auf das eine oder andere festlegen?
Ich war dieses Jahr wieder in der Türkei, dort bin ich tatsächlich Türke, ich falle auch nicht auf, weil ich ganz normal Türkisch spreche. Dann komme ich zurück – und bin gerne wieder Deutscher.
Zum Schluss: In vielen deiner Äußerungen – auf der Bühne, in Interviews – scheint ein starker Zynismus hindurch. Ist das eine Eigenschaft, die man gerne hat?
Somuncu: Zynisch zu sein ist ja erstmal nichts Schlimmes. Nur wenn es der einzige Ausdruck von Sprachlosigkeit und Verbitterung ist, wenn es eine Flucht vor der eigenen Verzweiflung und Wut ist, dann ist es ein ganz schlechtes Stilmittel.
Wenn Zynismus ein Teil eines gesamten Empfindens ist und nicht die einzige Farbe des Ausdruck in der Palette der Möglichkeiten bleibt, dann finde ich das in Ordnung. Ich bin daher nicht nur zynisch, sondern manchmal auch analytisch oder einfach nur sachlich. Nur zynisch zu sein, fände ich schrecklich. Das wäre eine Denkräson.
[Das Interview entstand im Herbst 2013]