Holger Ernst

Ich fände es furchtbar, wenn der Film als Anti-Amerika-Pamphlet gesehen wird.

Regisseur und Drehbuchautor Holger Ernst über seinen Film „The House is burning“, Sozialproblematiken in Deutschland und den USA, junge Soldaten im Irakkrieg und die Zusammenarbeit mit Wim Wenders

Holger Ernst

© Reverse Angel

Herr Ernst, „The House is burning“ ist Ihr erster Langspielfilm – was war das Schwierigste bei der Realisierung dieses Films?
Ernst: Das Schwierigste ist natürlich erst mal, jemanden zu finden, der an dich glaubt, dir vertraut und dir die Chance gibt, deinen Erstlingsfilm zu machen.
Auch wenn ich vorher schon viele Kurzfilme, Werbung und Industrie gemacht habe, ist der erste Langfilm natürlich etwas besonderes. Als ich den Produzenten Peter Schwarzkopff und Wim Wenders traf, die sagten: „Wir mögen dein Buch, wir glauben an dich, geh in die USA und mach dein Ding“ – da war das eine große Überraschung für mich. Auch dass das so schnell geklappt hat. Normalerweise ist es in Deutschland ja so – selbst wenn du einen Produzenten hast – dass es vom Drehbuch bis zur Realisierung Jahre dauert, wegen der Finanzierung.

Nun haben Sie einen Film in Amerika mit typisch amerikanischen Problemen gedreht, aber für den deutschen Markt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ernst: Nein, der Film ist auch für den internationalen Markt. Es ist natürlich eine deutsche Produktion, weil deutsches Geld drinsteckt und weil Produzent und Regisseur deutsch sind. Für mich sind die Themen aber universal. Wir haben mit amerikanischen Schauspielern gearbeitet, mit einem internationalen Background, der die amerikanische Politik spiegelt. Der große amerikanische Konflikt ist für mich ein Brennglas, um auf die kleinen Konflikte zu kommen und auf die Frage: Wo fängt ein Konflikt an? In der Familie, in Beziehungen, in Freundschaften…

In der Zusammenfassung Ihres Films schreiben Sie, dass die 24 Stunden von „The House is burning“ überall passieren könnten. Ist es für Sie vorstellbar, dass ein Drama in dieser Konstellation auch in Deutschland stattfinden könnte?
Ernst: Genauso nicht, aber die Konstellationen sind ähnlich: kaputte Familien, Perspektivlosigkeit… Und die Fragen sind ähnlich: Wer bin ich? Was will ich sein? Welche Möglichkeiten gibt mir die Gesellschaft? Oder die Frage, die sich z.B. für Terry im Film stellt: In wie weit muss ich mich korrumpieren?
Die Frage von Stella ist die Anpassung: Muss ich einem gewissen äußeren Bild entsprechen, muss ich ein gewisses Verhalten an den Tag legen, um Teil dieser Gesellschaft zu sein, um akzeptiert zu werden? Das sind universelle Fragen. So wie auch Sprache, Musik und Kunst universal funktionieren. Sonst wäre es ja auch furchtbar, wenn der Film nur für ein kleines amerikanisches – vielleicht noch „Unterschichten“-Publikum – funktioniert.

Wie entstand die Idee, den Film in Amerika zu drehen?
Ernst: Ich habe einige Jahre in den USA gelebt, ich habe auch Kids kennen gelernt, die in die Army gegangen sind, die im Irak waren und mir ihre Geschichten erzählt haben. Ich habe aber auch ganz viele Kurzgeschichten mit Jugendlichen in Deutschland geschrieben, die in den Film eingeflossen sind, so als Patchwork.

Mir scheint, dass Sie sich in Ihrem Film nicht entscheiden können, entweder konsequent amerikanische Zustände zu beschreiben oder eine allgemeingültige Geschichte zu erzählen.
Ernst: Das ist Ihre subjektive Einschätzung. Für mich ist es eine sehr allgemeine Story, genauso wie zum Beispiel „21 Gramm“ von einem Mexikaner erzählt wurde, aber letztendlich eine Geschichte über Personen und Emotionen ist.

Was ist das Deutsche in Ihrer Geschichte?
Ernst: Es gab nicht den Ansatz mein deutsches Denken, meine deutsche Kultur da rein zu bringen. Natürlich habe ich meine eigenen Standpunkte, aber ich will kein Moralist sein. Ich habe ganz viele Fragen und nicht die Antworten. Ich stelle Fragen und dann beginnt die Diskussion. Und die hängt davon ab, wo du mit dem Film hingehst: Die Leute, die ihn in Frankreich angucken werden, werden es mit ihren Banlieue-Geschichten in Verbindung bringen, wir in Deutschland haben jetzt die Unterschichtendebatte.

Finden Sie, dass die Unterschichtendebatte, die in Deutschland geführt wird, etwas bringt?
Ernst: Es wäre schlimm, wenn wir nicht darüber diskutieren, und vor den Problemen die Augen verschließen würden. Ich glaube, dass es längst Zeit ist, darüber zu diskutieren. Die Schere zwischen arm und reich geht immer mehr auf. Ich weiß nicht, wie viel Jugendarbeitslosigkeit wir allein in Deutschland haben. Diese Menschen fragen sich: Welche Perspektiven habe ich? Inwieweit muss ich mich korrumpieren? Welche Chancen bietet mir diese Gesellschaft, das zu werden, was ich will?

Aber jemand, der Ihren Film sieht, könnte auch denken: Das passiert ja nur in Amerika.
Ernst: Dann wäre er ganz schön blind, der eigenen Problematik gegenüber Wir haben diese Probleme hier genauso, nur dass die USA von den Schichtungen der Gesellschaft noch viel extremer sind. In den USA kannst du noch viel tiefer fallen.

Ist Ihr Film dann als eine Art Warnung zu verstehen, dass die Zustände hier bald so schlimm werden könnten, wie heute in den USA?
Ernst: Letztlich soll es ein Anstoß sein zum Nachdenken. Wo geht es hin? Ich hoffe, dass der Film die Leute emotional berührt und Fragen stellt. Und wenn die Leute dann bereit sind, sich damit auseinander zu setzen und sagen: „Da geh ich mit, das kann ich auf meine Probleme, auf mein Leben übertragen“ – es wäre schön, wenn das passiert.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie Themen wie Arbeitslosigkeit, Magersucht und Drogenkonsum rezeptartig einsetzen und formelhaft bleiben, dass Ihr Film Klischees bedient …
Ernst: Klischee hat so einen schlechten Ruf. Natürlich benutze ich Formeln oder Situationen, die wir kennen, damit man emotional etwas damit assoziieren kann.

Zum Beispiel die Geschichte mit dem Drogendealer in Ihrem Film wirkt etwas plakativ. Wie haben Sie da recherchiert, wie nah waren Sie dran?
Ernst: Ich mache keinen realistischen Dokumentarfilm, ich mache eine Abstraktion von Geschichten und Storylines, die den Sachverhalt, den ich erzählen will oder die Frage, die ich habe, transportieren sollen. Da geht es für mich nicht darum, wie realistisch das ist.

Aber Sie wollten doch nah an der Realität, nah an diesen Kids sein, oder?
Ernst: Von der Emotion her ja, aber nicht von der Realität eines Dokumentarfilms. Da ist „Kids“ von Larry Clark viel dokumentarischer. „The House is burning“ ist filmsprachlich eher metaphorisch.

Manche Szenen erinnern aber doch an „Kids“ – haben Sie z.B. die Beinahevergewaltigung bewusst zitiert?
Ernst: Nein habe ich nicht, weil ich Larry Clark auch ganz anders sehe. Ich finde „Kids“ ganz toll, aber in meinem Film ist die Szene in dem Moment nicht die Geschichte des Jungen, der sie vergewaltigt, sondern es ist die Geschichte von dem Mädchen, das erwachsen werden will. Ein Stück weit will sie das, sie will wie ihre Schwester sein, sie will diesen Schritt der Sexualität gehen, den nächsten Schritt zum Erwachsenwerden. Natürlich merkt sie in dem Moment, dass es das nicht ist, dass es weh tut. Dass sie genau wie die anderen in ihrem Wollen, erwachsen zu werden, gegen die Wand fährt.

Die Geschichte zwischen Valerie und Mike hat mir persönlich am besten gefallen. Konnten Sie sich in diese Geschichte am meisten einfühlen?
Ernst: Es gibt keine Figur, wo ich sage, die ist mehr ich. Letztlich steckt das in ganz vielen drin, also auch in dem Steve, der seinen Vater umbringen will.
Als ich 12 oder 13 war wollte ich meinen Vater auch umbringen. Ich stand halt nicht da mit der Knarre in der Hand, sondern ich hatte eine Axt im Keller. Als ich die Axt in der Hand hatte, ist mir klar geworden: das will ich nicht.
Was alle Charaktere des Films gemeinsam haben, ist diese Abwesenheit der Eltern, das Alleingelassensein, dieses Nicht-behütet-sein. Bei Steve ist das genauso: Natürlich will er seinen Vater nicht umbringen. Er will Eltern, die ihn unterstützen, ihn lieben und ihn so nehmen, wie er ist.

In Ihrem Film gibt es nur wenig positive Aussichten, warum muss das alles so düster sein?
Ernst: Das ist wahrscheinlich meine eigene Sprache oder Persönlichkeit. Für mich ist der Film gar nicht so dunkel. Es gibt die Momente des Mitfühlens und Lachens. Natürlich machen die aus dem Film keine Komödie. Aber wenn die Mädchen in der einen Szene über Sex reden, oder als Steve den Hund erschießt, dann sind das Momente – so absurd und dunkel das klingen mag – die irgendwie uplifting sind. Allerdings waren positive Situationen für mich auch nicht zwingend.

Warum entschließt sich Mike, in die Armee, in den Irakkrieg, zu gehen?
Ernst: Für mich ist Mike eine der wenigen Figuren, die ein funktionierendes Elternhaus hat. Er hat eine Mutter, die ihn liebt, er hat eine Freundin, er hat eine kleine Schwester. Er hat auch Optionen, nicht in den Irak zu gehen und warum er das tut, ob aus Patriotismus, oder um aus seiner sozialen Situation herauszukommen, um Geld für sein Studium zu bekommen, oder ob es die Geschichte des im Irak gefallenen Vaters ist – das sind Fragen, die bleiben offen. Die müssen auch offen bleiben, weil ich bin nicht derjenige, der erklärt, warum jetzt jemand in die Army geht. Das muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Ich bin kein Moralist, ich stelle nur Fragen.

Was hat Sie daran gereizt, Ihre Hauptfigur vor so eine Entscheidung zu stellen?
Ernst: Es ist eine Absurdität, dass du als Jugendlicher, wo du eigentlich noch gar nicht bereit bist für die Welt, so etwas entscheiden musst. Die sind ja manchmal nur 17 oder 18 Jahre alt, die in den Irakkrieg gehen, wo sie Leute erschießen müssen oder damit konfrontiert werden. Da bist du auch mit 30 oder 40 noch nicht bereit dazu. Und viele kommen mit Traumata zurück. Wenn du die Statistiken anguckst, aus welchen Schichten und Nationalitäten sich die Armee rekrutiert, dann erzählt das natürlich Bände über die soziale Struktur einer Gesellschaft und über die Politik. 70 bis 75 Prozent der US-Army sind Farbige und kommen nicht aus der weißen Mittel- oder Oberschicht .

Setzen sich amerikanische Jugendliche mit dem Irakkrieg auseinander?
Ernst: Also, die Kids die ich getroffen habe und die aus dem Irak zurückkommen sind, die sagen: „Ich will da nicht mehr hin“. Natürlich haben die Menschen in den USA ein anderes Nationalgefühl, einen anderen Stolz… Ich habe Freunde in den USA, die sind Demokraten und gehen alle zwei Wochen demonstrieren und blockieren Straßen. Dann habe ich aber auch amerikanische Freunde, die sagen: „Irgendjemand muss den Drecksjob machen, irgendjemand muss da aufpassen und für Demokratie und Freiheit in der Welt sorgen.“ In unserem deutschen Verständnis von Nationalität und Militär wirkt das sehr absurd.

Wie stehen Sie denn persönlich zur Irakpolitik der USA?
Ernst: Ich glaube schon, dass der Film ziemlich deutlich zeigt, wo ich politisch stehe. Ich bin sehr politisch und ich bin links. Ich bin auf jeden Fall nicht für den Einmarsch gewesen, ich glaube, das war ein großer Fehler, die internationale Gemeinschaft so vor den Kopf zu stoßen. „The House is burning“ ist aber kein Anti-Amerika- und kein Bush-bashing-Film. Für mich ist der Konflikt der USA im Internationalen, Kriegerischen, Militärischen gewissermaßen eine Abstraktion der Konflikte im Kleinen in meinem Film. Ich fände es furchtbar, wenn der Film als Anti-Amerika-Pamphlet gesehen wird.

Wie war die Zusammenarbeit mit Wim Wenders und seiner Produktionsfirma Reverse Angle?
Ernst: Wim Wenders ist schon ein toller Typ, der natürlich auch an der Entscheidung, dass wir diesen Film machen, beteiligt war. Peter Schwartzkopff ist der Produzent, der Macher. Wim Wenders kam in die USA, hat mich besucht, hat sich die Castings angeguckt, er war auch beim Schnitt dabei, hat Ratschläge gegeben und auch am Ende mitgeholfen, ein paar Schnitte umzustellen. Er hat gesagt, was er gut findet, was funktioniert. Das war inhaltlich schon ein toller Diskurs. Es ist auch Klasse von jemand wie ihm ein Feedback zu kriegen.

Sind Sie mit „The House is burning“ zufrieden?
Ernst: Ein anderer Regisseur, ein anderer Autor hätte es anders geschrieben. Das war meine Geschichte, so wollte ich es erzählen, und ich bin eigentlich sehr zufrieden damit.

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