„Die Welt“ über den „Autorisierungswahn“ deutscher Schauspieler
Der renommierte Filmjournalist Hanns-Georg Rodek, der seit vielen Jahren übers Kino schreibt und Filmschaffende interviewt, berichtet in dem Artikel dass „deutsche Filmstars gern zensieren“, in dem sie ein gegebenes Interview im Nachhinein umformulieren, zusammenstreichen – oder ein vereinbartes Gespräch gar absagen, wenn das betreffende Medium im Vorfeld mit einer schlechten Filmkritik auffällig geworden ist.
Von Letzterem weiß Rodek im Fall von Heike Makatsch zu berichten, die offenbar einer Zeitung ein Interview verweigerte, nachdem diese Makatschs neuen Film „Hilde“ schlecht rezensiert hatte.
Interessant ist, dass Rodek sich nicht scheut, Namen von Schauspielern zu nennen, die bei der Autorisierung von Interviews besonders auffällig geworden sind, und er zitiert aus Interview-Vereinbarungen, die man vor Beginn des Interviews unterschreiben muss.
Nun ja, diese Vereinbarungen müssen wir bei Planet Interview (leider) auch des öfteren unterschreiben, da es sonst kein Interview gibt – und uns so sicher das ein oder andere spannende Gespräch durch die Lappen gegangen wäre. Ergänzend zu Rodeks Ausführungen sei hier aus der Vereinbarung eines deutschen Film- und TV-Schauspielers zitiert, die ich vor nicht allzu langer Zeit unterschreiben musste: „Hiermit erkläre ich verbindlich, dass ich X.Y. den gesamten Text des Interviews, zumindest aber alle wörtlichen Zitate von ihm im Text rechtzeitig vor Abdruck (…) zum Gegenlesen und zur Abnahme zur Verfügung stellen werde. X.Y. hat das Recht zu Streichungen und Änderungen.“ Zu Deutsch: Der Schauspieler lässt es sich vom Journalisten schriftlich geben, dass er ganze Teile des Gesagten ohne Weiteres streichen kann, im Extremfall gar das ganze Interview.
So etwas frustriert natürlich, und das frustriert auch Hanns-Georg Rodek, der für die autorisierenden Schauspieler kein gutes Wort übrig hat: „Spontane Gefühlsäußerungen werden entfernt, jede Kritik an der Produktion getilgt, und die überraschendsten, aussagekräftigsten Aussagen fehlen plötzlich. Manchmal hätte man das Gespräch gar nicht führen müssen, ein Interviewautomat, der Fragen und Antworten aus Versatzstücken zusammenschustert, hätte genügt.“
Sicher ist es schade, wenn Schauspieler und PR-Agenten jegliche Ecken und Kanten vom verschriftlichten Interview abschleifen, der „Autorisierungswahn“ nimmt teilweise tatsächlich absurde Formen an. Doch auf das „Warum“ in seiner Überschrift gibt Rodeks Artikel leider keine Antwort. Er zitiert dafür Leonardo DiCaprio, der Interviews (die vom Englischen ins Deutsche übersetzt werden) nicht autorisieren will, mit den Worten: „Ich finde es wichtig, dass man einander vertraut.“ Doch dieses Vertrauen in Journalisten haben viele Schauspieler offenbar nicht, und da ist eine Zeitung mit großen Buchstaben und Schlagzeilen, die im gleichen Verlag wie die „Welt“ erscheint, sicher nicht ganz unschuldig dran (ein eindrucksvolles Beispiel von Interviewverfremdung hat Bildblog hier analysiert). Hinzu kommt: Schauspieler sind, wie viele anderen Beteiligten des Showgeschäfts, in einem nicht unbeträchtlichen Maße abhängig von ihrer Erscheinung in der Presse, und Negativ-Presse kann sich unter Umständen auch negativ auf zukünftige Engagements auswirken. Das Risiko einer unbequemen Meinungsäußerung – und sei es noch so gering – will deswegen kaum einer mehr eingehen, zumal ein Zitat durch das Internet heute viel schneller verbreitet (und quasi unwiderrufbar) werden kann. Leider – und da hat Rodek gewiss Recht – fallen dieser Art Risikominimierung nicht selten die schönsten Interviewpassagen zum Opfer.
In eigener Sache: Einen Artikel, der dem hier besprochenen etwas ähnelt, habe ich vor zwei Jahren in der Berliner Zeitung veröffentlicht.
Unseren Standpunkt zur Autorisierung haben wir indes hier festgehalten. Äußerungen zum Thema Autorisierung findet ihr außerdem in unseren Interviews mit Michael Bully-Herbig, Steve Buscemi, Anne-Sophie Mutter und Wolfgang Thierse.