Dirigent Wolfgang Sawallisch über seinen Zugang zum Werk, musikalische Vorlieben und wie er Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler in seiner Jugend am Pult erlebte

© EMI Classics
Wolfgang Sawallisch wurde 1923 in München geboren, wo er auch Musik studierte. Seine erste Kapellmeisterstelle bekam er in Augsburg, 1953 wechselte er nach Aachen - als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands. 1971 wurde er GMD der Bayerischen Staatsoper, 1982 übernahm er auch die künstlerische Leitung des Hauses. 1993 ging Sawallisch in die USA, wo er zehn Jahre er das renommierte Philadelphia Orchestra leitete. Er begleitete als Pianist Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf und ist in Japan seit den 60ern einer der gefragtesten Dirigenten überhaupt.
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Herr Sawallisch, im August 2003 feierten Sie Ihren 80. Geburtstag, viele Zeitungen haben darüber berichtet, wobei Sie sehr oft mit Attributen wie "rational", "diszipliniert" und "korrekt" bedacht wurden - lesen Sie so etwas gerne?
Sawallisch: Also, wenn diese Worte das ausdrücken, was ich als Dirigent anstrebe, dann sind das ja eigentlich belobende Aussagen, und diszipliniert bin ich wohl tatsächlich. Aber ob ich das nun gerne lese oder nicht - ich muss es ja in jedem Fall hinnehmen.
Wie würden Sie selbst Ihre Arbeit als Dirigent in Worte fassen?
Sawallisch: Das ist ganz einfach: Als Dirigent stelle ich mich in den Dienst der Partitur und des Komponisten, egal ob das nun ein vorklassischer, ein zeitgenössischer oder ein Barock-Komponist ist. Ich versuche, den Inhalt eines Werkes zu erfassen, über das Notenbild, was ich ja als einzigen Beleg für die Musik vor mir habe. Das, was sich der Komponist bei seiner Komposition gedacht haben mag, versuche ich dann nach meinem Gefühl mit dem Orchester und den Solisten umzusetzen.
Haben Sie denn in Ihrer langen Laufbahn versucht, für ein und das gleiche Werk immer wieder einen neuen Ansatz zu finden?
Sawallisch: Nun, ich denke, dass es bei den gängigen Werken, des Barock, der Klassik, der Romantik und auch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keine Interpretation gibt, die nicht schon ein mal da gewesen ist. Sprich, für eine "Eroica" gibt es heute wohl kaum noch eine Interpretation, wo jemand sagt, "das habe ich noch nie gehört". Alles ist da gewesen, weil dieses Werk schon so viele Generationen durchlaufen hat, da brauchen wir uns nicht einbilden, noch etwas neues finden zu können.
Was nun mich als Interpreten betrifft, sind neue Ansätze natürlich möglich, weil man im Laufe seines Lebens aufgrund der wiederholten Begegnung mit dem gleichen Stück natürlich andere Perspektiven und Übersetzungsmöglichkeiten findet. Es ist ja auch ganz klar, wenn man mit 30 Jahren an eine "Eroica" herangeht, wird man sich aufgrund der eigenen Einstellung anders mit dem Werk beschäftigen, als wenn man 80 ist, wobei der Zuhörer diese Veränderung vielleicht dann nicht unbedingt wahrnimmt.
Gibt es einen Komponisten, der am meisten Ihre Sprache spricht, in dem Sie sich persönlich wiederfinden?
Sawallisch: Ich habe glücklicherweise keinen Lieblingskomponisten. Aber ich finde mich wohl am meisten wieder in der Musik der Klassik, Romantik und einigen Werken des 20. Jahrhunderts.
Könnten Sie auch sagen, warum Ihnen diese Musik besonders liegt?
Sawallisch: Diese Vorliebe entstand vor allem aus einer praktische Überlegung heraus. Als ich 1953 Generalmusikdirektor in Aachen wurde, hatte ich ausreichend Gelegenheit, dort das ganze symphonische Werk kennen zu lernen - immerhin hatte ich im Jahr 20 Symphonie-Konzerte zu dirigieren. Da habe ich mir vorgenommen, so weit wie möglich das gesamte klassische und romantische Repertoire kennen zu lernen. Das war also einfach ein Selbstzweck mir gegenüber, ich wollte lernen, was ein Kapellmeister braucht.
Nun werden Sie heute zu einem der wichtigsten Strauss-Dirigenten gezählt.
Sawallisch: Das wiederum hängt vor allem mit meiner langjährigen Tätigkeit in München zusammen, wo wir 1988 fast das gesamte Bühnenwerk von Richard Strauss aufgeführt haben. Hinzu kommt unterschwellig vielleicht eine gewisses Gefühl der Verbundenheit mit Strauss, da er geborener Münchner war, wie ich es auch bin.
Einmal haben Sie ihn ja auch live gesehen.
Sawallisch: Ja, allerdings nur von hinten. Er hat damals im Cuvilliés-Theater "Così fan tutte" dirigiert, vom Kielflügel aus. Und was er da mit den Rezitativen angestellt hat, das war märchenhaft schön. Ich war damals 17 Jahre alt und es blieb leider die einzige Begegnung.
Hatten Sie sich zu dem Zeitpunkt denn bereits entschlossen, Dirigent zu werden?
Sawallisch: Ja, schon als ich elf Jahre alt war und im Münchener Nationaltheater "Hänsel und Gretel" sah, hatte ich diesen Wunsch, weshalb ich das Klavierspiel fortan in die zweite Reihe schob. Dass ich dann am Nationaltheater meines Geburtsorts München später eine führende Position für über zwanzig Jahre einnehmen konnte, habe ich mir allerdings nie ausgemalt.
Wenige Jahre später begann der Krieg, Sie wurden zwischenzeitlich auch eingezogen - wie war es in dieser Zeit um den Zugang zur Musik bestellt?
Sawallisch: Der Krieg hat den Zugang ganz zwangsläufig eingeschränkt. Viele Komponisten durften ja schon vor 1939 nicht mehr gespielt werden. Und es war eine ganze Menge, die einem dadurch versagt blieb, darunter auch Komponisten wie Strawinsky, Hindemith, Honecker und Béla Bartók. Um so stärker stürmte diese Menge an unbekannter Musik dann auf mich ein, als der Krieg 1945 vorbei war, in einer Vielfalt, die man erst mal verarbeiten musste.
Sie nennen nicht selten Wilhelm Furtwängler, den Sie selbst in Konzerten erlebt haben, als ein wichtiges Vorbild. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Sawallisch: Ich habe ihn bei einigen Proben und Konzerten in Berlin gehört, für die ich als junger Mann extra von München herauf gefahren bin. Fasziniert hat mich seine unglaubliche Disziplin, aber auch diese musikalische Kraft und Spontaneität, mit der er plötzlich unvorstellbare Dinge aus der Musik herausholen konnte.
Sie haben später auch seine zweite Symphonie dirigiert.
Sawallisch: Ja, er selbst hat sich ja als größeren Komponisten gefühlt denn als Dirigent.
Wie würden Sie seine Musik beschreiben?
Sawallisch: Ungeheuer emotional, unerhört romantisch, sehr ausufernd - und sicherlich zutiefst beeinflusst von Bruckner, der ja zu seinen großen Interpretationen gehörte.
War es denn mehr seine Technik oder seine Persönlichkeit, die Sie beeindruckt hat?
Sawallisch: Absolut die Persönlichkeit, mit der er Musik gestaltet hat. Dieses Musikgestalten war so mit ihm verbunden, dass konnte ihm niemand nachmachen. Von ihm ging eine ungeheure Ausstrahlung aus und seine beherrschenden Gesten über das ganze Orchester waren so gewaltig, dass ich einfach nur staunend daran zurückdenke und versuche, ihn als Vorbild in meinen Gedanken zu behalten. Vor allem Bruckner gehörte ja zu seinen großen Interpretationen.
Und Ihr Verhältnis zu dem Werk Bruckners?
Sawallisch: Ich hatte das Glück, dass ich früher in München über viele Jahre Oswald Kabasta als Philharmoniker-Chef erleben durfte. Der hat München damals sozusagen zu einer Bruckner-Stadt erzogen. Er war Österreicher und hatte wohl deshalb eine besondere Vorliebe für Scherzi, Trios und überhaupt für die Gestaltung einer Bruckner-Symphonie mit diesen himmlischen Weiten, und diesen unendlichen Höhepunkten innerhalb eines Satzes. Wie viele andere Münchner habe auch ich durch Kabasta meine Liebe zu Bruckner entdeckt. Als ich dann später zu Beginn meiner Kapellmeister-Tätigkeit in Augsburg die erste Gelegenheit bekam, mit dem städtischen Orchester ein Symphonie-Konzert mit Werken meiner Wahl zu dirigieren, habe ich mich auf Bruckner gestürzt und die 3. Symphonie dirigiert.
Die Uraufführung seiner 7. Symphonie 1884 war für Bruckner, der ja zuvor nur sehr begrenzt Anerkennung gefunden hat, so etwas wie der Durchbruch. Sehen Sie die Symphonie auch als Kern seines symphonischen Schaffens?
Sawallisch: Nein, ich halte beispielsweise die 6. Symphonie, die allgemein weniger bekannt ist, für die schönere, einfach von der Innigkeit und von den musikalischen Gedanken her. Insbesondere das Adagio mag ich sehr, wobei auch das Adagio in seiner Siebten eine gewaltige Art von Musik ist. Selbst Hans Pfitzner, der ja vor allem ein Kritiker Bruckners war, hat über das Adagio einmal gesagt: "Cis-Moll, vier Tuben, vier Hörner und Posaunen - das muss ja schön klingen!"
Sie arbeiten bereits seit 1964 mit dem japanischen Rundfunk- und Fernsehorchester zusammen - sind sie in diesen 40 Jahren Tätigkeit in Japan auch bisschen Japaner geworden?
Sawallisch: Na ja, auch nach den vielen Jahren spreche ich die Sprache noch immer nicht, natürlich mit Ausnahme von Wörtern wie rechts, links, geradeaus, die man fürs Taxifahren braucht, oder eben Guten Morgen, Guten Tag etc. Das japanische Essen ist leider auch noch nicht mein Favourite geworden. Irgendjemand hat deswegen sogar mal behauptet, ich hätte die Weißwurst nach Japan gebracht. Ich mag halt kein Sushi oder Sashimi und esse nur ganz wenige japanische Gerichte.
Aber mit Stäbchen?
Sawallisch: Ja klar, wenn ich zum Beispiel auf einer japanischen Feier bin, wo es solche Sachen gibt, dann esse ich natürlich auch mit Stäbchen.
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