21. September 2001
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Regisseur Wim Wenders über seine Tätigkeit als Fotograf, den Einfluss des 11. September auf die Filmindustrie und die Verfilmung von Katastrophen

© Maika Gregori
Im September 2001, nur wenige Tage nach den Terroranschlägen in New York, eröffnete der Regisseur Wim Wenders im "Hamburger Bahnhof" Berlin seine Fotoausstellung "Bilder von der Oberfläche der Erde". Zu sehen waren in erster Linie Landschaftsaufnahmen und Städte-Ansichten aus den USA. Kurz vor der Eröffnung entstand das folgende Interview, Wenders sprach sehr leise und zurückhaltend, die Geschehnisse in New York schienen den Regisseur sehr zu bedrücken.

"Fotografien sind manchmal der Versuch, Geschichten zu entdecken."
Voriges Zitat
"Über den 11. September: Millionen von Menschen auf diesem Planeten sind dadurch traumatisiert und viele werden vielleicht Schaden davontragen."
Voriges Zitat"Da die Amerikaner ihre Filme vor allem nach Nachfrage machen, werden sie sich wohl eine Weile hüten, den 11.September zu verfilmen."
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Herr Wenders, in Ihrer aktuellen Ausstellung im Hamburger Bahnhof finden sich lediglich fünf oder sechs Fotografien wieder, auf denen Menschen zu sehen sind. Beschränken Sie sich in der Fotografie auf Landschaften, weil Sie im Film sehr viel mit Menschen zu tun haben?
Wenders: Im Film muss man ja eine Geschichte erzählen von Menschen, man muss Charaktere und Biografien erfinden. Meine Filme haben alle immer angefangen mit dem Wunsch an einem bestimmten Ort eine Geschichte zu erzählen oder die Geschichte zu finden, die an dem Ort notwendig ist. Ich versuche dann über diese Geschichte den Ort besser kennen zu lernen. Deswegen ist es eigentlich ganz schön, dass ich in der Fotografie mich ganz auf den Ort selbst beschränken kann.
Die Ausstellung besteht zudem nur aus Buntfotografien...
Wenders: Ich habe als kleiner Junge angefangen mit Schwarz-Weiß-Fotos und habe Farbfotografie eigentlich erst vor 20 Jahren entdeckt. Seitdem fotografiere ich überhaupt nur noch in Farbe, dabei fühle ich mich wohler.
Auch wenn Sie Menschen portraitieren?
Wenders: Ich mache generell kaum Portraits, das machen andere viel besser als ich. Meine Frau fotografiert nur in schwarz-weiß und interessiert sich nur für Leute - wir haben uns die Arbeit schön aufgeteilt.
Fällt es Ihnen schwer neben dem Beruf als Regisseur auch als Fotograf wahrgenommen zu werden?
Wenders: Ich bin im Hauptberuf Reisender und im Nebenberuf Regisseur und Fotograf.
Und Sie würden die beiden Nebenberufe momentan gleichgewichtig sehen?
Wenders: Ich habe Fotografie immer nebenher gemacht, ich habe fotografiert lange bevor ich überhaupt je gedacht habe, ich würde irgendwann einen Film machen. Ich fotografiere stetig und regelmäßig und das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Fotografien sind manchmal auch der Versuch, Geschichten zu entdecken.
Bei Dreharbeiten, lassen Sie da kurzzeitig die Arbeit ruhen und nehmen die Kamera in die Hand?
Wenders: Nein, da mache ich keine Fotos. Aber ich mache die Standfotos von meinen Filmen selbst, weil ich schlechte Erfahrung gemacht habe mit den Fotografen bei Filmen. Die wollen meistens alles mögliche fotografieren, nur nicht das, was der Kameramann ausgeleuchtet hat. Insofern mache ich die Standfotos seit langer Zeit selbst, allerdings ist das eine ganz andere Fotografie: im Kamerawinkel mit dem Licht des Kameramanns, altmodische Standfotografie. Das ist außerdem viel besser für die Schauspieler, sie müssen sich nicht auf jemand anders einlassen sondern es kommt derselbe Mann, der auch vorher mit ihnen gedreht hat.
Sie haben aufgrund Ihres Lebens und Ihres Aufenthalts in Los Angeles eine besondere Beziehung zu den USA - wie fühlen Sie sich in Anbetracht der Terror-Anschläge, wo waren Sie am 11.09.2001?
Wenders: Ich war hier in Berlin, war am Abend vorher aus Los Angeles hier angekommen und habe dies alles in Berlin erlebt. Ich kam mir ein bisschen vor wie in der Fremde und wäre zu dem Zeitpunkt auch gerne zu Hause in Los Angeles gewesen.
Man konnte die Anschläge zum teil live im Fernsehen verfolgen - hat Sie diese neue Dimension eher schockiert oder sehen Sie das als eine natürliche Folge der derzeitigen Entwicklung der Medien?
Wenders: Ja, das ist eine durchaus natürliche Folge unserer heutigen Technik, das man so etwas jetzt live im Fernsehen sieht. Aber das macht es alles natürlich noch viel schrecklicher, weil es nicht nur die Menschen betrifft, die unmittelbar dem Terror und den unmittelbar lebensbedrohenden Erfahrungen ausgesetzt sind. Millionen von Menschen auf diesem Planeten sind dadurch traumatisiert und viele werden vielleicht Schaden davontragen.
Die Terroranschläge werden auch einen Einfluss auf die Filmindustrie haben, wird das Ausmaß an Action und Katastrophen im Kino zurückgehen?
Wenders: Ja, ich glaube daran führt kein Weg vorbei, denn wer will sich das noch angucken. "Independence Day" haben sich die Menschen noch mit diesem wohligen Schauer reingezogen und die Türme des World Trade Centers sind im Film bereits fünf mal kaputtgemacht worden. Ich habe das kein Mal gerne gesehen, ich habe solche Sachen nie gern gesehen. Die Anschläge werden nun auf ein ganz bestimmtes Genre, auf ein ganz bestimmtes Metier von Effekten Folgen haben. Ein Freund von mir, der seit Jahren nichts anderes macht als digitale Effekte und der schon tausend Sachen in die Luft gesprengt hat, er hat die Anschläge genauso wie ich am Fernseher miterlebt. Er ist noch mehr betroffen, absolut traumatisiert und er weiß nicht mehr, wie er weiterarbeiten soll. Der fängt an zu zittern, wenn er vor seinem Monitor sitzt.
Was werden Ihre Kollegen wie Wolfgang Petersen und Roland Emmerich tun?
Wenders: Ich glaube, man muss sich überhaupt bewusst werden, mit welcher Verantwortung man heute auf der Leinwand etwas erzählt. Das ist vielen Leuten heute zum ersten Mal richtig bewusst geworden und das ist auch gut so.
Ihr Film "The Million Dollar Hotel" hat am Beispiel L.A. gezeigt, wie sehr sich in den USA arm und reich, Gewinner und Verlierer voneinander distanzieren - denken Sie, die Anschläge vom 11.September werden daran etwas ändern?
Wenders: Ich weiß nicht, ob das gesellschaftliche Folgen haben wird, das kann schon sein. Im Anschluss an so etwas kann vieles möglich sein. Es ist ja im Moment auch auf politischer Ebene vieles möglich, was vorher unmöglich schien. Und wenn sogar der Präsident der Weltbank - befragt nach den Ursachen dieser Katastrophe - nicht umhin kann zu sagen, dass eine wesentliche Ursache in der ungerechten Verteilung der Mittel liegt und auf die Frage, was der wichtigste Grund für die große Unzufriedenheit ist, antwortet "Poverty", dann ist das ein sehr wichtiges Statement.
Viele Geschehnisse, Katastrophen in der Geschichte der USA wurden verfilmt, die Weltkriege, Vietnam, Kennedy, der Golfkrieg etc. - wird es mit dem 11.September wieder so sein?
Wenders: Die Amerikaner haben den Vietnam-Krieg verfilmt, auch eine Katastrophe sehr großen Ausmaßes - nicht unmittelbar, aber Jahre später. Ich weiß es nicht. Ich glaube zur Zeit würden sich zu viele Leute einem solchen Film a priori verweigern. Und da die Amerikaner ihre Filme vor allem nach Nachfrage machen, werden sie sich wohl eine Weile hüten, den 11.September zu verfilmen.

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Schauen Sie sich Action-Filme an?
Wenders: Ich gucke mir vieles an und ich gehe aus vielen Filmen raus - nicht nur jetzt, auch früher schon. Ich gehe früher raus, wenn mir der Film unmotiviert und unnütz vorkommt und ich den Eindruck habe, dass ich meine Zeit verschwende.
Welchen Kinofilm würden Sie zur Zeit empfehlen?
Wenders: "Die fabelhafte Welt der Amlie", den habe ich sehr geliebt.
Lässt Sie der Film hoffen, dass die europäische Filmindustrie irgendwann mit der amerikanischen mithalten kann?
Wenders: Ich glaube, das wird nie passieren, weil die amerikanische Filmindustrie wirklich die einzige globale Filmindustrie ist und europäische sowie asiatische Filme auf dem Weltmarkt Außenseiterprodukte sind. Das muss nicht immer so bleiben. Der amerikanische Film hat seine Vormachtstellung zu einem großen Teil durch die ziemlich rücksichtslose Darstellung jeglicher Art von Gewalt bekommen. Aber die Amerikaner machen auch gutes Kino und nicht nur Action-Schinken. Und Sie arbeiten sehr konsequent im Hinblick auf Vertrieb und Verleih, natürlich auch mit großer industrieller Gewalt dahinter. Da hat man oft nichts dagegen zu setzen.
Auf welche Auszeichnung würden Sie momentan am meisten Wert legen: Oscar, Goldene Palme, Goldener Löwe...?
Wenders: Ich habe alle Auszeichnungen bekommen und die größte Auszeichnung für mich sind nach wie vor die Menschen, die aus dem Kino rauskommen und sagen, das hat mir was gebracht.
Unsere Schlussfrage lautet: Das Leben ist ein Comic - welche Comicfigur sind Sie?
Wenders: Manchmal komme ich mir vor wie Gustav Gans, weil ich finde, ich habe schon riesiges Glück, dass ich das machen kann, was ich machen kann.

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Berliner Zeitung, 15.11.2008
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Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=660 | © planet-interview.de | Foto: Maika Gregori
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Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
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