12. Februar 2005
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Tilda Swinton über verschiedene Rollentypen und den Film "Thumbsucker"

© Berlinale
Die schottische Schauspielerin wurde 1960 geboren, ihr vollständiger Name ist Katherine Matilda Swinton. 1986 debütierte sie beim Film in Derek Jarmans "Caravaggio". Bis zu Jarmans Tod 1994 trat Swinton in jedem Film des eng mit ihr befreundeten Regisseurs auf. International bekannt wurde sie 1992 mit ihrer Rolle in Sally Potters Film "Orlando", nach dem Roman von Virginia Woolf. 2008 erhielt Swinton den Oscar als Beste Nebendarstellerin in "Michael Clayton".

"Ich liebe es, in jeder Einstellung zu sein, denn dann ist die Kamera lang um mich herum. "
Voriges Zitat"In den ersten drei Sekunden muss die Idee eines Films klar werden. "
Voriges Zitat""
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Mrs. Swinton, wenn Ihr Name fällt, denkt man sofort an den Film "Orlando", prachtvolle Kostüme, glamouröse Ausstattung und eine schöne, attraktive Tilda Swinton. In Ihrem letzten Film "Young Adam" und auf der Berlinale in "Thumbsucker" erlebt man Sie hingegen als hart arbeitende Frau, der man Last und Leid ansieht. Was bevorzugen Sie: solche Charaktere aus dem echten Leben oder eher die glanzvollen Rollen wie in "Orlando"?
Swinton: Das kann ich nicht beantworten, ich könnte mich nicht entscheiden. Was ich an "Young Adam" schön finde, ist die Art und Weise, wie David Mackenzie und Giles Nuttgens, die den Film gedreht haben, diese Frau ansehen. Sie ist wie eine Ratte, aber David konnte die Schönheit in ihr entdecken. Und genauso war es mit Mike Mills und Joaquin Baca-Asay, die "Thumbsucker" gedreht haben: Sie gucken sich diese müde Mutter an, die sich unmöglich anzieht, und finden sie schön - nur für eine Sekunde lang. Ich finde das sehr mitfühlend. Und als Schauspieler ist es eine sehr reiche Erfahrung. Denn du weißt, dass die Kamera dich immer anguckt, die ganze Zeit. Es geht um keine Maske, keine Fassade und keinen Kunstgriff. Ich bin wirklich interessiert an dieser besonderen Art von Naturalismus.
Würden Sie trotzdem gern wieder so eine Rolle wie in "Orlando" spielen? Eine Hauptrolle, eine starke Frauenrolle?
Swinton: Die kurze Antwort ist: Ja. Die längere Antwort ist: Abwarten. Es gibt verschiedene Sachen, die anstehen und so etwas wird ein wenig warten müssen.
Aber ist "Orlando" eine Ihrer größten Rollen gewesen?
Swinton: Sicherlich, schon allein, weil ich in jeder Einstellung des Films zu sehen bin. (lacht) Es wird schwer sein, eine größere Rolle zu finden. Es ist eine andere Aufgabe, wenn man so im Zentrum eines Films steht. Eigentlich ist es eine einfachere Aufgabe. Es verlangt eine andere Disziplin, wenn du nur in ein paar Szenen auftauchst. Dann musst du in dieser kurzen Zeit überzeugen. Aber wenn du in jeder Einstellung bist, kannst du deine Farbpalette mehr nutzen und verschiedene Facetten zeigen. Ich liebe es, Filme zu drehen und an Sets zu sein. Ich liebe es, in jeder Einstellung zu sein, denn dann ist die Kamera lang um mich herum. Aber ich habe in letzter Zeit etwas experimentiert mit diesen kleinen, chirurgischen Darstellungen und es ist wirklich sehr interessant.
Was hat Sie an "Thumbsucker" am meisten fasziniert?
Swinton: Es war eine bestimmte Stimmung des Films - eine bestimmte Textur. Ich habe sehr früh angefangen mit Mike Mills über die Atmosphäre zu reden, die wir im Film schaffen wollten: leicht dokumentarisch, sehr vage, unpräzise, wenig explizit. Wir wollten sehr nahe an der Realität bleiben - in einer Umgebung, in der man die Leute so sehen kann, wie wir alle sind: nicht perfekt und manchmal etwas chaotisch. Und eigentlich denke ich, dass wir das geschafft haben. Der Film hat dieses Körnige: Er ist cremig, aber ein kleines Stückchen (sie schnippst mit dem Finger) bleibt zwischen den Zähnen hängen. Und das mag ich.
Haben Sie das schon gemerkt, als Sie das Drehbuch gelesen haben?
Swinton: Es ist weniger das Drehbuch als die Gespräche mit dem Filmemacher. Nur da merkst du die Textur des Films und seine, ich nenne es mal, "Architektur". Du bekommst das nur selten durch ein Drehbuch. Es gibt schon so etwas wie ein gutes Drehbuch - ich glaube, ich habe zwei in meinen Leben gelesen. Aber Kino ist so viel mehr als das, was man auf ein Blatt Papier schreiben kann. Das Drehbuch ist mehr eine Art Visitenkarte, die der Regisseur anbieten kann, um mit ihm zu reden. Man muss miteinander sprechen, sich mit der Idee dahinter beschäftigen. Über einen Film zu reden ist so, als man über einen Geschmack redet. Oder über Musik. Und je weniger explizit die Sachen in so einem Gespräch zum Ausdruck kommen, desto mehr Lust habe ich, mit dem Regisseur zusammenzuarbeiten.

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Welchen Unterschied sehen Sie zwischen einer Phantasie-Rolle wie in ihrem nächsten Film "Constantine" und einer eher realistischen Rolle wie in "Thumbsucker"?
Swinton: Eigentlich ist es dasselbe. Bei beiden spielst du keine wirklich reale Figur. Audrey Cobb mag zwar weniger exotische Klamotten tragen als Orlando oder der Erzengel Gabriel, aber sie bleibt ein Konstrukt. Sie ist keine wirkliche Person. Ich spiele sie, aber ich bin nicht sie und sie existiert nicht. Du zeigst bestimmte Seiten eines Charakterkonstrukts, arbeitest immer mit einer Idee und Details. Und für all das hast du nur 90 Minuten Zeit. Deswegen ist die erste Szene so wichtig: Du musst dich fragen, was müssen wir sofort in den ersten paar Minuten rüberbringen? Wie muss sie aussehen, wie müssen ihre Haare aussehen, wie muss sie sitzen, wie muss ihr Gesichtsausdruck sein? In den ersten drei Sekunden müssen die Zuschauer diese Informationen bekommen. In den ersten drei Sekunden muss die Idee des Films klar werden. Deswegen ist es für mich exakt das Gleiche - du benutzt nur eine etwas andere Palette.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=781 | © planet-interview.de | Foto: Berlinale
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