25. August 2004
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Anchorman Thomas Kausch über seinen neuen Posten bei Sat.1, die Hartz-Reform und seine Arbeit in Krisengebieten

© SAT.1 / Bernd Wondulek
Zum Zeitpunkt des Interviews, im August 2004, wurde Thomas Kausch gerade zum Nachrichtenchef von Sat.1 erklärt. Kausch, 1963 in Werne geboren, hatte bis dato viel gemacht, berichtete für ARD und ZDF aus New York City und von den Krisenherden auf dem Balkan, in Afrika und im Nahen Osten. Er sollte Sat.1 ein neues Nachrichtenprofil geben. Im Juli 2007 erfuhr er dann von der Senderleitung, er müsse nach dem Urlaub nicht wiederkommen. Als Grund wurden drastische Kürzungen im Informationssektor genannt. Seit Mai 2008 moderiert er nun das ARD- Politmagazin "FAKT".

"Am Ende des Tages bleibt dir nur die Familie. Da bleiben dir keine Zuschauer, Vorstandsvorsitzenden und kein Arbeitgeber."
Voriges Zitat
"Wir sind Dienstleister und die Leute schalten unsere Nachrichtensendung ein, weil sie etwas vermittelt bekommen wollen."
Voriges Zitat"Ich finde, dass es grundsätzlich zu der Aufgabe eines politischen Journalisten gehört, über Kriege und Krisen zu berichten."
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Herr Kausch, was war für Sie die spektakulärste Nachrichtenmeldung der letzten Tage?
Kausch: Das war die Meldung, dass mittlerweile auch der arme Bundeskanzler Schröder Eier um die Ohren geschmissen bekommt ...
Über Journalisten wird oft gesagt, sie seien meinungslos, weil sie über viele Geschehnisse oft nur objektiv berichten. Würden Sie sich auch als meinungslos bezeichnen?
Kausch: Meinungslos bin ich bestimmt nicht, aber ich werde meine politische Meinung natürlich nicht öffentlich während einer Nachrichtensendung äußern, denn das bedingt der Neutralitätsgrundsatz. Auf der anderen Seite kann man natürlich sagen, was man - allgemein gesehen - für vernünftig beziehungsweise unvernünftig hält.
In den Medien wird derzeit vor allem die umstrittene "Hartz IV"-Reform der Bundesregierung diskutiert, von "Armutspolitik" ist die Rede und Tausende von Menschen äußern ihren Frust gegenüber der Schröder-Regierung auf Massendemonstrationen. Können Sie den gesellschaftlichen und medialen Wirbel um diese Reform nachvollziehen?
Kausch: Es steht außer Zweifel, dass Reformen kommen müssen, ich finde es aber nicht gut, wenn Politiker aufgrund von bevorstehenden Landtagswahlen Entscheidungen und Projekte, die sie selber mit verabschiedet haben, dann im Endeffekt nach außen hin nicht mehr vertreten und sich dagegen stellen, weil sie sich den Volkszorn für ihren Wahlkampf zunutze machen wollen. Ich finde, da haben jetzt alle Parteien eine gesellschaftspolitische Verantwortung und müssen an einem Strang ziehen, um den Leuten zu erklären, worum es bei diesen Reformen wirklich geht. Ich gehe davon aus, dass viele der Menschen, die es jetzt auf die Straße zieht, gar nicht wissen worum es bei Hartz IV wirklich geht und was diese Reformen für sie persönlich bedeuten und ob sie überhaupt betroffen sind.
Das klingt nach versteckter Kritik an der CDU, die im Bundesrat für die Hartz-Reform gestimmt hat und sich nun dagegen stellt ...
Kausch: Ich will das gar nicht nur auf eine Partei beziehen, sondern alle Parteien müssen nun überlegen, wie sie dieses gesellschaftliche Problem lösen und wieder Vertrauen und Sicherheit in der Bevölkerung schaffen. Die SPD sollte sich zusammen mit der CDU in Busse setzen, durchs Land fahren und die Leute aufklären und ihnen Mut machen - das ist das Gebot der Stunde! Das gleiche gilt natürlich auch für die Gewerkschaften und man sieht ja jetzt schon, dass jene, die am Anfang noch fleißig mitgemacht haben, mittlerweile zurückrudern, weil sie merken, dass die Geister die sie da rufen, am Ende womöglich alle verfolgen. Daraus entsteht eine allgemeine Politikverdrossenheit und das ist nicht nur die Schuld der derzeitigen Regierung.
Was kann man als Nachrichtenmoderator gegen diese Politikverdrossenheit tun?
Kausch: Man muss versuchen, komplexe Sachverhalte zu erklären und man muss dabei jeden Tag wieder neu von vorne anfangen. Wenn wir beispielsweise am Montag über das irakische Gefängnis Abu Ghureib berichten, müssen wir, wenn wir am Mittwoch erneut über Abu Ghureib berichten, wieder ganz von vorne anfangen.
Also praktisch das Prinzip "Schule"...
Kausch: Nein, nicht das Prinzip "Schule" und auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Wir sind Dienstleister und die Leute schalten unsere Nachrichtensendung ein, weil sie etwas vermittelt bekommen wollen. Wir sind aber auch Moderatoren und somit Dolmetscher und müssen das übersetzen, was auf der einen Seite raus kommt und für den Empfänger oftmals unverständlich ist. Es reicht definitiv nicht, Nachricht an Nachricht zu reihen, denn dann gehen statistisch gesehen 30 Prozent der Nachrichten an den Leuten vorbei - und das kann keiner wollen.
Ab Ende August 2004 übernehmen Sie die Moderation der SAT.1-Nachrichten und wirken darüber hinaus als Leiter des Bereiches Information bei SAT 1. Was wird sich zukünftig an Inhalt und der Form der SAT.1-Nachrichten verändern?
Kausch: Wir werden stärker als zuvor mit dem konzerneigenen Nachrichtensender N24 zusammenarbeiten und bekommen so zwei autarke Sender, die in einem Verbund zusammenarbeiten werden. Darüberhinaus werden wir den Bereich der "Hard News" zu Beginn verstärken und die "Soft News" eher an den Schluss der Sendung setzen. Wir werden jetzt aber keine zweite "Tagesschau" veranstalten, denn SAT.1 ist einfach ein Privatsender und somit haben wir ganz andere Zuschauer als die ARD.
Laut Presseinformation werden Sie außerdem verstärkt Gäste aus Politik und Wirtschaft ins Studio holen. Wer wären da Ihre favorisierten Interviewpartner?
Kausch: Wir werden immer dann Gäste ins Studio holen, wenn es inhaltlich Sinn macht und die Person auch etwas relevantes zu erzählen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass Oskar Lafontaine, wenn er am 30.August zu den Demonstrationen gegen Hartz IV eingeladen ist und vielleicht dann doch nicht kommen darf, sicherlich ein spannender Gesprächspartner wäre.

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Seit bekannt geworden ist, dass Sie der neue Anchorman bei SAT.1 sein werden überschlagen sich die Kritiker mit Lob. Die "Münchener Abendzeitung" beschreibt Sie als den "derzeit lässigsten Nachrichten-Moderator" und der SAT.1-Chef Roger Schawinski bezeichnet Sie als den "kompetentesten und begabtesten Anchorman Deutschlands". Wie gehen Sie mit solchen Lobeshymnen um?
Kausch: Es ist ein komisches Gefühl und lässt mich innerlich doch ein wenig erröten. Das ist jetzt keine falsche Bescheidenheit, aber ich weiß nicht, was an mir jetzt so besonders außergewöhnlich ist. Ich moderiere einfach aus dem Bauch heraus und das ist zufälligerweise mein Talent, da kann ich mich gar nicht groß mit Lorbeeren schmücken. Was mir allerdings sehr wichtig ist, wenn ich mir schon anmaße den Leuten da draussen zu sagen was wichtig ist, ist Glaubwürdigkeit und eine hohe Authenzität. Diese Glaubwürdigkeit kann man sich eigentlich nur über Jahre erarbeiten, wenn man einfach als Reporter in der Welt unterwegs ist und sich auch vor Krisengebieten nicht scheut.
Sie haben bereits vier Jahre als Reporter für das ZDF in Kriegs- und Krisengebieten wie Sarajewo, Mogadischu, Israel, dem Irak und Ruanda gearbeitet. Was hat Sie in diese äußerst gefährlichen Gebiete getrieben?
Kausch: Ich finde, dass es grundsätzlich zu der Aufgabe eines politischen Journalisten gehört, über Kriege und Krisen zu berichten und sich nicht nur auf bequeme Einzelteile zu reduzieren. Wenn ich Kulturjournalist bin, brauche ich das natürlich nicht zu tun, aber für jeden politischen Journalisten ist dies, meiner Meinung nach, unerlässlich.
Gab es Momente in denen Ihr Leben ernsthaft bedroht war?
Kausch: Ja, sogar mehrmals! In solchen Momenten ist Angst der beste Ratgeber, allerdings darf man auch nicht panisch sein, weil man dann keine rationalen Entscheidungen mehr treffen kann. Man muss in solchen Zeiten lernen, bestimmte Extremsituationen durchzustehen und nicht einfach davonzulaufen. Hart ist es allerdings für die Familie, die zu Hause sitzt, viel Angst hat und man sich höchstens über Telefon verständigen kann.
Würden Sie heute noch einmal als Reporter in ein Krisengebiet gehen?
Kausch: Ich habe heute eine eigene Familie mit einer wundervollen achtjährigen Tochter namens Pauline und bin somit in einer ganz anderen Situation. Da fällt einem so was natürlich wesentlich schwerer. Und außerdem bin ja jetzt erst mal bei SAT.1 eingebunden.
Wie wichtig ist Ihnen die Familie?
Kausch: Die Familie ist das Wichtigste und wenn es sein muss, würde ich für meine Familie alles stehen und liegen lassen. Am Ende des Tages bleibt dir nur die Familie. Da bleiben dir keine Zuschauer, Vorstandsvorsitzenden und kein Arbeitgeber. Man sollte seine Familie bei allem was man tut nie vergessen und sich immer mit ihr beschäftigen, wenn man Zeit findet.
Unsere Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic - welche Figur sind Sie?
Kausch: Asterix - ein kleiner Mann, der sehr stark ist!
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=548 | © planet-interview.de | Foto: SAT.1 / Bernd Wondulek
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