Komponist Steve Reich über Kulturförderung in den USA, die Zukunft des Musiktheaters und Crossover

© Jakob Buhre
Steve Reich, am 3. Oktober 1936 in New York City geboren, gehört zu den wichtigsten amerikanischen Komponisten. Studiert hat er u.a. bei Darius Milhaud und Luciano Berio, später wurde er ein wichtiger Vertreter der Minimal Music. Als er im Sommer 2000 zu Gast beim Schleswig-Holstein Musik-Festival war, entand das folgende Interview: in einem Taxi auf dem Weg von einer Probe ins Hotel.

"Komponisten wurden in den USA noch nie unterstützt."
Voriges Zitat
"Man wird nicht nur die Sänger im Auge haben sondern auch das Geschehen auf Bildschirmen und Leinwänden."
Voriges Zitat"Komponisten waren schon immer an der populären Musik interessiert."
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Mr. Reich, wie sieht es derzeit in den USA mit der Unterstützung junger Komponisten aus?
Reich: Komponisten wurden in den USA noch nie unterstützt, nie. Ich habe ja auch die meisten meiner Studien seit den 70ern in Europa gemacht. Ähnlich wie auch die Jazzmusiker, hat die USA weder meine Generation noch die Generationen vor und nach mir unterstützt. Komponisten wie David Lang, Michael Bordan oder die Musiker von 'Bang on a Can' müssen vom Unterrichten leben. Doch viele interessante Komponisten unterrichten nicht, sondern gehen nach Europa und versuchen zu überleben, wie es ihnen möglich ist.
Ist es denn um die Kulturunterstützung in den USA generell schlecht bestellt?
Reich: Die Unterstützung geht gänzlich in Richtung Pop-Musik. Noch nie in meinem Leben war es in den USA so schlecht um die E-Musik bestellt. Viele Zeitungen und Journale haben überhaupt aufgehört sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Man spricht nur noch über Pop-Musik.
Wo sehen Sie die Zukunft des Musiktheaters?
Reich: Ich denke wir werden im Musiktheater zukünftig mehr Gebrauch von Video- und Sampletechnik machen. Das ist die Technologie unserer Zeit und es macht Sinn sie zu gebrauchen. Man wird nicht nur die Sänger im Auge haben sondern auch das Geschehen auf Bildschirmen und Leinwänden. Vor allem den Gebrauch von historischem dokumentarischem Filmmaterial in Aufführungen finde ich sehr interessant. Ich arbeite derzeit an meiner zweiten Video-Oper "Three Tales" (Hindenburg, Bikini und Dolly) und im Zentrum steht die Technologie im frühen, mittleren und späten 20.Jahrhundert.
Woher nehmen Sie beim Komponieren Ihre Inspiration?
Reich: Im Moment inspiriert mich die Technologie die uns umgibt, und die Frage wo sie uns hinführt. Ein Beispiel: vielleicht werden Mann und Frau in naher Zukunft zusammen kein Kind mehr haben, weil sie es sich in einem Baby-Geschäft kaufen können - fragt sich nur, ob das gut oder schlecht ist. Das Klonen und die Gentechnik, also die Erschaffung von neuem Leben, das war eine Fantasie des 19.Jahrhunderts und Frankensteins, aber mittlerweile ist es Realität. Für mich ist das hochinteressant und ich mich in meiner Musik damit beschäftigen.
Welche Rolle spielt Meditation in Ihren Werken, sind meditative Effekte Ihre Intention?
Reich: Nein, Im Gegenteil, ich möchte, dass die Zuhörer aufmerksam auf jedes kleinste Detail achten. Meditation spielte eine Rolle in meinem Werken bis 1976, aber mein Stil hat sich mehrmals geändert, weil es für mich uninteressant ist, immer im gleichen Stil zu komponieren. Ich mag die Stücke von damals sehr, aber ich könnte sie nicht noch einmal schreiben.
In ihren jungen Jahren wurde die Bewegung der Minimal Music wegen ihrer Einfachheit und den ständigen Wiederholungen mangelnde Innovation vorgeworfen. Was halten Sie von dieser Kritik?
Reich: Ich denke, derartige Vorwürfe sind oberflächlich und kommen meist von Personen, die über diese Musik so gut wie gar nichts wissen. Denn wenn diese Kritiker einmal versuchen würden Minimal Music zu spielen, würden sie feststellen, dass sie dazu nicht fähig sind. Denn die Musik bedarf derart an rhythmischer Genauigkeit, dass Musiker, die normalerweise Musik der Romantik spielen, es sehr schwer haben. Für meine Musik sind solche Musiker ungeeignet, weshalb ich auch mit niemandem arbeite, der sich normalerweise der Romantik verschrieben hat. Aber jeder, der Minimal Musik je gespielt hat, weiß genau, dass es bei dieser Musik nicht um Wiederholungen geht, sondern um minimale Variationen geht.
Immer mehr Musiker und Komponisten bringen 'Crossover'-CDs auf den Tonträgermarkt. Was ist der Hintergrund dieser Tendenz?
Reich: Für mich ist 'Crossover' die Bezeichnung dafür, wenn Plattenfirmen klassische Musik mit Elementen der Popmusik mischen um eine gemischte Käuferschaft zu finden. Allerdings waren Komponisten schon immer interessiert an der populären Musik. Komponisten der Renaissance und des Mittelalters wie Ockehem oder Dufay verwendeten mitunter Elemente volkstümlicher Musik. Später machte zum Beispiel Beethoven gebrauch von Volksliedern in seiner 6.Sinfonie. Die Musik von Bela Bartók hat ihren Ursprung größtenteils in der ungarischen Volksmusik und auch in den ersten Balletten Stravinskys finden sich Elemente russischer Folklore. Aber durch die Blindheit Arnold Schönbergs und seiner Nachfolger bildete sich eine künstliche Mauer zwischen der klassischen und populären Musik, welche vorher nie existiert hat. Diese Mauer hat meine Generation niedergerissen. Die Situation hat sich wieder normalisiert und niemand findet etwas Schlechtes daran, wenn beispielsweise die Popgruppe 'The Orb' oder DJ Spooky meine Kompositionen remixen. Das ist die natürliche historische Entwicklung.
Dieses Jahr präsentierten mehrere DJs Remixe Ihrer Werke auf einer CD, mögen Sie das Ergebnis?
Reich: Die ersten zwei Tracks sind meine Favoriten.
Und der Rest?
Reich: Das sind nicht meine Favoriten.
Wie stehen Sie dazu wenn Popmusiker Ihre Musik verwenden?
Reich: Die Idee gefällt mir sehr gut. Ich freue mich, wenn Leute sich mit meinen Werken auseinandersetzen. Musiker, die ich zum Teil gar nicht kenne und 40 Jahre jünger sind als ich interessieren sich für meine Arbeit. Jeder Mensch ist froh, wenn die Dinge, die er tut für andere nützlich sind und ich weiß, dass meine Musik Komponisten wie Michael Nyman, David Lang oder Phil Glass beeinflusst hat. Und ich weiß, dass Musiker um die 20, vor allem DJs, welche in einer völlig anderen musikalischen Welt leben, reichlich Interesse findet. Ich bin sehr glücklich darüber, das ist eine gedeihliche Situation.

Steve Reich und Videokünstlerin Beryl Korot über ihr Werk "Three Tales" und das Genre Video-Oper
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=527 | © planet-interview.de | Foto: Jakob Buhre

12. September 2006 | derjesko
biografien gibts wie sand am meer, einfach auf stevereich.com gehen. interview gibts natürlich auch viele, aber jedes interview=zusatzinformation, und von daher auch nützlich.
in 3 wochen gibts einen superintensiven beitrag über Steve Reich und die minimal music auch auf meiner Seite www.derjesko.de.vu und dazu bin ich auch nur durch zahllose kleine hilfen wie diese seite gekommen. also danke!

25. Februar 2006 |
was sollen denn die blöden kommentare? vielen dank für das interview! es war für mich sehr interessant, noch mehr über steve reich zu erfahren

23. Januar 2006 | Karina
so isses. und was lernt man jetzt aus dem interview wenn man was über seine person wissn will???

11. April 2005 | Antonio da Silva ( als maedchen!)
Das hat mir überhaupt nicht weitergeholfen, das Interview ist schwachsinn!!! Was soll denn das? Dsa interresiert doch eh kein Schwein, ich brauchte ne kurze Lebensgeschichte von dem Typ!
» Ich bin fest davon überzeugt, dass Kunst das Potential hat, Dinge zu verändern.«
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