Regisseur Spike Lee und Schauspieler Edward Norton über den Film "25 Stunden" und die Politik der US-Regierung

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Mr. Lee, Ihr Film "25 Stunden" spielt in New York und er Sie gehen sehr offen mit den Folgen des 11. September für New York um. Befürchten Sie die Kritik, Ihr Film wäre eine Art kommerzielle Verwertung des 11. September?
Lee: Nein, ich denke, wir haben viel Respekt für die Menschen gezeigt, die am 11. September Angehörige und Freunde verloren haben. Daher habe ich solche Kritik kaum befürchtet. Es erscheinen auch Bilder von Osama bin Laden, weil das eben die Atmosphäre widerspiegelt, das drückt auch die ungeheure Wut der New Yorker aus. So etwas kann ich zeigen, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich für die Kriege von George Bush bin -- die ja im übrigen keine Kriege gegen den Terrorismus sind.
Sie zeigen in "25 Stunden" auch den sogenannten "Ground Zero" -- nur fragt man sich, inwiefern das mit der Geschichte des Films zu tun hat.
Lee: Ich als New Yorker will keinen Film drehen, der nicht reflektiert, wie sich diese Stadt verändert hat. Da gibt es auch Filmemacher, die haben sich anders entschieden und die Towers nachträglich aus ihren Filmen digital entfernt. Ich will aber meine Hände nicht in die Tasche stecken und die Dinge ignorieren, die passiert sind.
Norton: Wir können doch nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert, oder?
In "25 Stunden" zeigen Sie den ehemaligen Drogendealer Marty, der noch 24 Stunden hat, bevor er siebenjährige Haftstrafe antritt. Und in einer Szene steht Marty auf der Toilette einer Bar und schimpft extrem auf allemöglichen Menschen, insbesondere Immigranten. Wieso eigentlich?
Lee: In dieser Szene schreit Marty halt alles aus sich raus und beschimpft Menschen, von denen er meint, dass sie für seine missliche Situation verantwortlich sind. Aber am Ende der Szene, da guckt er doch in den Spiegel. Er kommt also zu dem Punkt, wo er sieht, dass niemand anders für seine Lage verantwortlich ist, als er selbst. Nicht die Taxifahrer, nicht die Basketballspieler, nicht die Immigranten -- er selbst ist für sein Leben verantwortlich und dafür, dass er ins Gefängnis muss.
Sieben Jahre muss Marty ins Gefängnis gehen. Mr. Norton, was meinen Sie, sind sieben Jahre nicht wenig, im Vergleich zu dem Schaden, den ein Drogendealer anderen Menschen zugefügt hat?
Norton: Das kann man so und so sehen. Also, die Drogengesetzte in New York sind sehr streng, die Richtlinien für eine Verurteilung sind sehr speziell. Viele Leute meinen, dass die Rockefeller Drug Laws zu hart sind, weil Sie zum Beispiel auch auf Leute zielen, die nur im Besitz einer sehr kleinen Menge Drogen sind. Manche halten diese Gesetze auch für zu locker. Ich fände es sehr gut, wenn man aus diesem Film kommt und diese Frage diskutiert. Eben die Frage, was ist eine gerechte Strafe?
Ich selbst gucke Film allerdings nicht, um immer Antworten zu bekommen. Und ich bewundere Spike Lees Filme vor allem, weil Spike immer wieder Fragen stellt, die die Leute dann für sich selbst beantworten sollen.
Mr. Norton, welche Art von Rollen liegt Ihnen?
Norton: Filme zu machen, macht viel Spaß, aber es ist auch furchtbar viel Arbeit, oft dreht man vier bis sechs Monate am Stück. Ich nehme Rollen an, wenn es etwas neues, frisches ist, eine neue Erfahrung für mich, die Erkundung einer anderen Welt. Ich habe bisher sehr verschiedene Filme gemacht, ein Teil davon ist auch einfach nur Entertainment. Aber ich habe auf der anderen Seite auch versucht, genauso viele Filme zu machen, mit den ich etwas sagen konnte, etwas rüberbringen konnte. Und trotzdem, ich habe eigentlich keine Regeln, nach denen ich mir Rollen aussuche. Höchstens, dass ich gerne mit Regisseuren zusammen arbeite, die ich bewundere, denen ich vertrauen kann, bei denen ich keine Hemmungen habe.
Weil das Thema zu Beginn bereits angerissen wurde -- was sagen Sie zur aktuellen Position der amerikanischen Regierung in der Weltpolitik?
Norton: Ich hoffe, dass die Weltgemeinschaft irgendwann einmal größeren Druck auf die amerikanische Regierung ausüben wird. Die amerikanischen Bürger müssen das natürlich auch. Was aber im Moment passiert, ist viel zu einseitig, da können gar nicht die richtigen Entscheidungen gefällt werden.
Lee: Ich denke, es ist lächerlich von den Amerikanern, zu denken, dass sich die ganze Welt hinter sie stellen soll, damit sie ihre Ziele verwirklichen können. Amerika hat gar nicht das moralische Gewicht, irgendjemand auf dieser Welt zu diktieren, was derjenige tun soll. Ich hoffe also auch, dass sich mehr und mehr Stimmen erheben und die Menschen zum Frieden kommen.
Was allerdings wirklich elend ist, dass unser Präsident ja eigentlich gar nicht im Oval Office sitzen dürfte. Diese Wahl war ein Betrug. Ich vertraue Politikern meistens sowieso nicht -- aber normalerweise machen die ihre schmutzigen Geschäfte im Schutz der Dunkelheit. Doch diese letzte Wahl, die haben sie am helllichten Tag gefälscht. Die ganze Welt konnte ihnen dabei zuschauen -- aber niemand konnte etwas dagegen tun.
Die Zeit, 16.03.2006
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