Hollywood-Regisseur Roland Emmerich über seinen Steinzeit-Film „10.000 BC“, die Filmfinanzierung in den USA, wichtige Testscreenings und warum er bevorzugt in einem Genre arbeitet

© Warner Bros. Ent.
Roland Emmerich wurde am 10. November 1955 in Stuttgart geboren. 1978 begann er ein Studium an der Münchener Hochschule für Film und Fernsehen und sorgte mit seinem Abschlussfilm „Das Arche Noah Prinzip“ (deutsches Rekordbudget von 1,3 Millionen DM) für Furore. In der Folge orientierte sich Emmerich eindeutig an amerikanischen Vorbildern, bis er 1991 nach Hollywood ging. Nach Achtungserfolgen landete er 1996 mit „Independence Day“ seinen ersten Blockbuster, der weltweit 817 Millionen Dollar einspielte.

"Natürlich wurden beim Bau der Pyramiden ganz bestimmt keine Mammute verwendet. Aber für den Film hat es halt Sinn gemacht."
Voriges Zitat
"Selbst eine kleinere Produktion würde bei mir visual effects haben. Das ist einfach mein Ding. "
Voriges Zitat"Wenn ich einen Katastrophenfilm machen will, kann ich jedes Geld kriegen, weil ich dafür bekannt bin, Katastrophenfilme zu drehen."
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Herr Emmerich, Ihr neues Kinoabenteuer ist ein Steinzeit-Spektakel, das 10.000 Jahre vor Christus spielt. Was hat Sie daran gereizt, in dieses Zeitalter einzutauchen?
Emmerich: Es war zunächst die Faszination für die Tiere – im Film sind Mammuts, Säbelzahntiger und Flugsaurier zu sehen. Das ist so, als ob man in den Zoo geht. Mir war aber sehr früh klar, dass die Faszination für Tiere allein den Film nicht tragen würde. Es kam dann ja auch diese Lost-Civilization-Theorie dazu. In der Zeitung hatte ich eine Geschichte gelesen, in der es darum ging, dass in einem brasilianischen Urwald ein Stamm entdeckt worden war, der noch keinen Kontakt zur zivilisierten Welt hatte. Die hatten einen Gott, den „silver bird“ – der erschien jeden Tag. Sie wussten nicht, dass es ein Flugzeug war. Und das war schließlich der eigentliche Ursprung der Idee: Es können eine hoch entwickelte Kultur und eine primitive Kultur nebeneinander existieren, ohne dass sie voneinander wissen.
Der Filmtitel vermittelt den Eindruck, dass der Film zu einer präzisen Zeit spielt – doch im Endeffekt versammelt er Elemente aus einem Zeitraum von 6000-7000 Jahren…
Emmerich: Ja, es ist so ein bisschen eine Reise durch die Zeitgeschichte. Natürlich wurden beim Bau der Pyramiden ganz bestimmt keine Mammute verwendet. Aber für den Film hat es halt Sinn gemacht, dass ausgerechnet das Tier, das diese Steinzeitmenschen jagen, zum Arbeiten genützt wird und sie nicht nur ihre Stammesbrüder retten müssen, sondern dass es ebenso wichtig ist, auch diese Tiere zu befreien. So kann ich im Film zeigen, wie Pyramiden gebaut werden, was für mich schon immer eine unglaubliche Faszination hatte. Ich wollte ja eigentlich auch mal einen Film über den Bau der Pyramiden machen.
Soll der Film eine bestimmte Message vermitteln?
Emmerich: Ich finde, der Film hat eine ganz klare Message, und ich will auch, dass die Leute mit ihr aus dem Film herausgehen. Es ist eine ganz einfache Message: Eine höher entwickelte Zivilisation muss nicht zwangsläufig die bessere sein. Die zweite Message ist: Jeder Held muss sehr, sehr viel Verantwortung auf sich nehmen. In der Mitte des Films gibt es eine Szene, in der der Mentor dem jungen Helden sagt: „Es gibt solche Leute und solche Leute und du bist einer, der dafür geboren ist, für viele Menschen Verantwortung zu übernehmen“. Es ist eine richtige Heldengeschichte geworden – so etwas wollte ich schon immer einmal machen.
Der Film hat 130 Millionen US-Dollar gekostet. War es schwierig, den Film zu finanzieren?
Emmerich: Relativ schwierig. Ich musste wirklich eine Menge Überzeugungsarbeit leisten. Wie bei „Stargate“, da habe ich auch viel reden müssen. In den USA ist es heute richtig schwierig, irgendetwas finanziert zu bekommen, was nicht irgendwie schon erfolgreich war – zum Beispiel als Comic-Buch. Dann kannst du jedes Geld dafür kriegen. Oder wenn ich einen Katastrophenfilm machen will, kann ich jedes Geld kriegen, weil ich dafür bekannt bin, Katastrophenfilme zu drehen. Wenn du mal etwas anderes machen willst, ist das irre schwierig.
Was war in diesem Fall Ihr schlagkräftigstes Argument?
Emmerich: Ich hatte einen Freund, der mir auch bei „Godzilla“ geholfen hat, gebeten, mir einige production paintings von Jagdszenen anzufertigen. Die waren fantastisch. Und das hat’s verkauft.
Gab es bei den Dreharbeiten Herausforderungen, die Sie bei anderen Filmen nicht hatten?
Emmerich: Ja, ich habe zum ersten Mal richtige Wetterprobleme bekommen. Das war hart. Wir hatten das Problem, dass wir mit allen Formen von Schnee zu tun hatten – und es gibt nichts Schlimmeres als Schnee. Wir haben das Set in Neuseeland auch erst sechs Wochen vor Beginn der Dreharbeiten gefunden. Eigentlich wollten wir in Afrika drehen, aber als wir in diesen Ort in Neuseeland kamen, wo wir eigentlich nur einige Szenen drehen wollten, haben wir die Planungen über den Haufen geworfen. Denn dieser Ort sah genau aus wie eine unserer production paintings. Das war fast schon spooky.
Wir sind sie diesmal beim Casting vorgegangen? Wollten Sie die Rollen von Vornherein mit unbekannten Schauspielern besetzen?
Emmerich: Das war mir ganz wichtig. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass irgendein bekannter Schauspieler in diesem Film rum rennt. Es war eine Gefühlssache. Ich kann es nicht einmal intellektuell begründen. Bei mir ist es so, dass der Film immer im Kopf abläuft und mir meistens ganz schnell klar wird, was passt und was nicht.
Sie haben in großem Umfang mit visuellen Effekten gearbeitet. Wie erklärt man den Schauspielern, die weder Mammuts noch Säbelzahntiger sehen, was man sich vorstellt?
Emmerich: Wir haben vorläufige, grobe Animationen erstellt, die uns am Set als Orientierungshilfe gedient haben. Die Schauspieler haben es nachher jedoch völlig anders interpretiert. Was auch gut ist, denn so musste mit den Animationen später auf die Schauspieler reagiert werden. Das hat dabei geholfen, dass es nicht mechanisch wurde.
Auf den Filmplakaten, die man derzeit überall sieht, steht nicht Ihr Name drüber, sondern man liest dort „Vom Regisseur von ´The Independence Day´ und ´The Day After Tomorrow´“. Finden Sie diese Marketingstrategie gut?
Emmerich: Nein, nicht so ganz. Aber ich verstehe, warum es gemacht wird. Es gibt Umfragen, wonach die Bereitschaft der Leute in einen Film zu gehen um so und so viel Prozent größer ist, wenn sie wissen, wer der Regisseur ist und was der für Filme gemacht hat. Und ich will ja, dass mein Film gesehen wird, also ist es für mich okay. So etwas wird vertraglich auch immer schon vorher geregelt.
Wie gehen Sie als Filmemacher grundsätzlich damit um, wenn man Ihnen sagt, dass Sie auf Grund entsprechender Umfragen bestimmte Dinge anders machen sollen?
Emmerich: Das ist halt das Geschäft. Testscreenings sind zum Beispiel schon sehr wichtig für mich. Man kann dabei viel lernen, denn manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Durch solche Screenings bekommt man so ein bisschen das Gefühl, wieder von außen einen Blickpunkt darauf zu haben. Das ist ganz witzig: Manchmal machst du ein Screening vor 30 Leuten und nachher siehst du deinen Film plötzlich ganz anders.

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Sind Sie noch nervös vor der ersten Aufführung?
Emmerich: Ich habe immer einen Film vor Augen, den ich machen will. Aber am Ende will ich ihn eigentlich gar niemandem zeigen. Für mich ist es immer fast furchtbar, wenn ein Film rauskommt, da möchte ich mich am liebsten immer verstecken. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob die Leute einen Film mögen oder ob sie ihn nicht mögen. Es ist einfach nur die Tatsache, dass ich den Film jetzt zeigen muss. Ich kann mich auch noch an ein Testscreening erinnern, das wir mit ´The Independence Day´ hatten. Gleich als der Schriftzug eingeblendet wurde, ist der ganze Saal aufgestanden und hat applaudiert. Ich habe gedacht: Oh, mein Gott! Wenn die am Anfang schon so drauf warten, dann sind die Erwartungen extrem hoch. Ich war ziemlich nervös. Denn wenn du so gehypt von deinen Freunden in einen Film rein gehst, gefällt er dir – eben auf Grund der hohen Erwartungen – meistens nicht.
Hat man Ihnen jemals wieder Projekte aus Deutschland angeboten, seitdem Sie in den USA sind?
Emmerich: Ja. Hin und wieder schickt man mir Drehbücher aus Deutschland.
Würde Sie ein deutsches Filmprojekt reizen?
Emmerich: Ich würde gerne wieder einmal einen Film in Deutschland drehen. Hier in Babelsberg gibt es ja super Studios. Ich habe sogar eine Freundin, die dort arbeitet.
Würde Sie grundsätzlich auch einmal ein kleines Filmprojekt interessieren – oder müssen es bei Ihnen immer Riesenproduktionen sein, die viel kosten und an denen tausende Menschen beteiligt sind?
Emmerich: Im Prinzip habe ich eine Regel, die lautet: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Für mich sind diese großen Filme ein Vergnügen, ein Abenteuer. Andere Regisseure machen ja auch immer die gleichen Filme. Gucken Sie sich jemanden wie Woody Allen an. Ich habe einfach Spaß daran, solche Filme zu machen. Selbst eine kleinere Produktion würde bei mir visual effects haben. Das ist einfach mein Ding. Kleinere Produktionen mache ich trotzdem hin und wieder, meistens jedoch mit anderen Regisseuren.
Wie zuletzt den Kinofilm „Trade – Willkommen in Amerika“ – bei dem Marco Kreuzpaintner Regie führte. Vom Publikum wurde er jedoch nicht wirklich angenommen.
Emmerich: Ja, und ich war sehr enttäuscht darüber, denn das ist schon irgendwie ein super Film. Aber so ist das halt im Leben. Qualität muss nicht immer Erfolg bedeuten.
Letzte Frage: Was macht Ihr Umzug nach Berlin?
Emmerich: Ich gucke mir heute Abend wieder eine Wohnung an. Denn ich habe es absolut vor, hier ein Appartement zu kaufen. Ich hatte auch schon mal eins, aber das hat mir im letzten Moment dann doch nicht gefallen.
Der Tagesspiegel, 16.02.2005
Berliner Morgenpost, 19.02.2005
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=136 | © planet-interview.de | Foto: Warner Bros. Ent.
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