11. Juni 2008
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Songwriterin Martha Wainwright über Musik als Familientherapie, Kommunikation durch Songtexte und Tränen auf der Bühne

© Cooperative Music
Ausgerechnet ein Song, in dem sie ihren Vater wüst beschimpft, ließ Martha Wainwright 2004 aus dem Schatten ihrer berühmten Familie heraustreten. Ihre Eltern sind der Singer-Songwriter Loudon Wainwright III und die Folk-Sängerin Katie McGarrigle, Bruder Rufus macht ebenfalls als Musiker Weltkarriere. Doch spätesten mit ihrem LP-Debüt von 2005 hatte sich auch die 1976 geborene Kanadierin Martha Wainwright mit unverblümten Songs eine eigene künstlerische Identität erspielt. 2008 erschien ihr zweites Album.

"Mir ist es auch schon passiert, dass ich auf der Bühne angefangen habe zu weinen."
Voriges Zitat
"Offensichtlich muss man für meinen Job ein gewisses Ego haben."
Voriges Zitat"Viele Künstler sind genauso egozentrisch wie unsicher."
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Mrs. Wainwright, bekanntlich hat man für sein Platten-Debüt ein ganzes Leben lang Zeit, für die zweite aber nur wenige Monate. War das auch für Sie ein Problem?
Wainwright: Ja, deswegen war es mir sehr wichtig, mich besonders intensiv um die zweite Platte zu kümmern. Oft ist bei Songwritern ein wenig die Luft raus, wenn sie endlich ihre erste Platte geschafft haben und sie interessieren sich weniger für die nächste. Dazu kommt der Druck, schnell neue Songs zu komponieren, die am besten noch erfolgreicher sein sollen, als die ersten. Das war für mich allerdings eher eine Herausforderung. Die zu bestehen sollte mir beweisen, dass ich tatsächlich zum Song-Schmied tauge.
Und fühlen Sie sich jetzt als professionelle Songschreiberin?
Wainwright: Ja, ich hoffe doch. Es hat mich eine lange Zeit gekostet, als Songwriter hinaus zu gehen, eine erste Platte zu machen, gewissermaßen mein Coming-Out als Künstlerin zu haben. Ich war immer von Künstlern und Musikern umgeben, die sehr gut waren und ich war mir nicht sicher ob ich da mithalten könnte. Aber nach zwei, drei Jahren in denen ich Songs schrieb und Konzerte gab hatte ich genug Selbstvertrauen, um dankbar für diesen Job zu sein und in ihn soviel zu investieren, wie ich nur kann.
Wie äußert sich das auf Ihrem neuen Album?
Wainwright: Vielleicht ist es aufbrausender geworden. Und ich habe angefangen, auch über allgemeinere Dinge zu schreiben. Die ersten Songs, die man schreibt, handeln in der Regel vor allem von einem selbst und der Liebe. Langsam werde ich reflektierter und blicke über meinen Tellerrand hinaus.
Der Titel Ihrer neuen Platte heißt „Ich weiß, du bist verheiratet, aber ich habe auch Gefühle.“ Was hat Ihr Mann dazu gesagt?
Wainwright: Mein Mann Brad Albetta ist auch Produzent von einigen Liedern meiner Platte. Er weiß, dass Künstler nun mal tun, was sie tun wollen. (lacht) Der Titel ist aber nur eine Phrase aus dem ersten Song „Bleeding all over you“ – und der wäre mir als Albumtitel einer Künstlerin etwas zu menstruell erschienen. (lacht)
Pflegen Sie einen eher modernen Blick auf die traditionelle Institution Ehe?
Wainwright: Eine Ehe ist wie jede Beziehung voller Geheimnisse, die darauf warten, entschlüsselt zu werden. Ich wollte heiraten, weil unsere Beziehung ein Grund zum Feiern ist. Als Scheidungskind interessiert mich die Ehe wahrscheinlich besonders, vor allem eine, die vielleicht funktioniert. Man will einfach an diese Möglichkeit glauben.
Das klingt nach einer romantischen Erfahrung.
Wainwright: Warum nicht? Es ist so vieles im Leben schon unromantisch, warum soll man der Romantik dann nicht wenigstens in Beziehungen eine Chance geben? Weniger romantisch, aber eine Tatsache ist es auch, dass einem die Ehe Sicherheit gibt. Man ist nicht mehr so besorgt, dass man verlassen werden könnte. Nicht bei jedem Streit droht eine Trennung.
Wie privat kann man in Songs eigentlich werden, wo sind die Grenzen?
Wainwright: Die Grenzen habe ich wohl schon ziemlich ausgereizt. Mein Vater hat immer unser Privatleben in Songs verwandelt und mir damit quasi eine Carte Blanche gegeben, es genauso zu machen. Allerdings weiß ich daher auch, dass so ein Song Menschen verletzen kann. Da muss man also aufpassen und gleichzeitig sein Recht wahren, die eigenen Gefühle ausdrücken zu dürfen.
Hat sich schon mal jemand durch einen Ihrer Songs benutzt gefühlt?
Wainwright: Nicht, dass ich wüsste. Auf meiner ersten Platte gibt es den Song „Bloody Motherfucking Asshole.“ Irgendwann habe ich einem Journalisten erzählt, dass es darin um einen Streit mit meinem Vater geht. Das wurde dann ein bisschen aufgebauscht. Allerdings muss doch jeder, der mit Anfang 20 Songs schreibt, auch Konflikte mit den Eltern verarbeiten. Es geht also nicht nur um meine, sondern um universelle Erfahrungen.
Wie wichtig ist es für Sie, nicht nur auf Platte sondern auch auf der Bühne authentisch sein zu können?
Wainwright: Sehr, sehr, wichtig. Allerdings ist das auch ein wenig schwierig, denn Authentizität wird von mir erwartet und entsprechend werden Kleinigkeiten - nicht zu viel Make Up, nicht zu viel „Show“ - bei meinen Auftritten wichtiger, als sie sein sollten. Ich versuche einfach, die Songs in den Mittelpunkt zu stellen und da sie verschiedene Bedeutungen haben, kann ich sie auch in verschiedenen Stimmungslagen rüberbringen, ohne mich zu verbiegen, oder mich zu langweilen.
Wird „Authentizität“ im Konzert, das ja auch immer „Show“ ist, nicht oft überschätzt?
Wainwright: Nunja, es kommt auf die Bühnenpräsenz an, die man besitzt oder eben nicht. Mit dieser Gabe kann man Nacht für Nacht auf der Bühne stehen, auch mal mit den Gedanken woanders sein, aber trotzdem zu der Haltung finden, jeden Song ernst zu nehmen. Mit dieser Haltung wird man immer authentisch sein. Ohne diese Präsenz wird es keine gute Erfahrung werden, weder für dich noch für dein Publikum
Wo hört da Authentizität auf und fängt Exhibitionismus an?
Wainwright: Mir ist es auch schon passiert, dass ich auf der Bühne angefangen habe zu weinen, weil in meinem Leben gerade etwas aus den Fugen ging. Das geht dann sicherlich ein Stück zu weit, aber auch das gehört zu dem, was die Leute an mir mögen. Und diese Beziehung zum Publikum würde ich gerne beibehalten.
War es dann so etwas wie ein Urlaub, als Sie Kurt Weills „Die sieben Todsünden“ vor einiger Zeit aufführten?
Wainwright: Das kann man so sagen. Etwas von Kurt Weill und Bertolt Brecht zu singen, war schon lange mein Traum. Und nicht zuletzt war diese Zusammenarbeit mit dem Royal Ballet auch die einzige Möglichkeit für mich, es auf die Bühne des Covent Garden zu schaffen, ohne Opern zu singen - dafür hätte ich leider nicht das Zeug.
Mögen Sie klassische Musik?
Wainwright: Sehr, von der Klassik bis zur zeitgenössischen Musik.
Gibt es eigentlich berühmte klassische Komponisten aus Ihrem Heimatland Kanada?
Wainwright: Nicht, dass ich wüsste. Da fällt mir nur „Glenn Gould plays Bach“ ein. (lacht)
Den genialen Exzentriker Gould könnte man auch als Syd Barrett der Klassik bezeichnen. Sie haben Barretts Song „See Emily Play“ auf Ihrem Album gecovert. Haben Sie ein besonderes Faible für ihn oder seine einstige Band Pink Floyd?
Wainwright: Ich habe tatsächlich schon als Kind Syd Barrett gehört und geliebt. Aber dieser Song war die Idee meiner Mutter. Sie wurde gebeten, ihn bei einem Tribute-Konzert in London zu spielen. Also lernten wir „See Emily Play“ zusammen und ich beschloss, ihn aufzunehmen. Er ist so wunderbar britisch.
Ist man als Kind in einem Elternhaus voller Musiker eigentlich neidisch auf Kinder, deren Eltern „normale“ Berufe haben?
Wainwright: Nein, ich war eher stolz, dass wir zu den Nonkonformisten zählten. Ich bin in einer sehr hübschen Nachbarschaft in Montreal aufgewachsen. Alle anderen Mütter waren Hausfrauen. Diese Außenseiterposition außerhalb der Familie hat mir auch eher geholfen, mich innerhalb meiner Familie zu behaupten, die voll von starken Persönlichkeiten war.
Was ist der Unterscheid von Egozentrik und einer „starken Persönlichkeit?“
Wainwright: Tja, gibt es da einen? (lacht) Ich weiß es nicht. Offensichtlich muss man für diesen Job ein gewisses Ego haben. Aber viele Künstler sind genauso egozentrisch wie unsicher und nicht alle von ihnen haben viel Persönlichkeit.
Kommunizieren Ihr Vater Loudon, Ihr Bruder Rufus und Sie durch Songtexte? Verstehen Sie einander besser durch die Musik der anderen?
Wainwright: Ach, manchmal hat man auch einfach keine Zeit, mit all den komplexen psychologischen Dingen innerhalb einer Familie umzugehen. Es gibt aber schon Schwingungen und Harmonien in der Musik, die einen erfreuen und uns einander näher bringen, da sind Worte manchmal gar nicht nötig. Der Song „Dinner at eight“ behandelte allerdings etwas, was Rufus unserem Vater nur auf diesem Weg sagen konnte. Besser man schreibt einen Song, als sich zu streiten. Aber zusammen zu singen, der Sound, der dann entsteht, kann sehr hilfreich sein für eine disfunktionale, voneinander getrennte Familie, die wir nun mal sind. Die Musik kann einige Wunden heilen.
Haben Sie eigentlich eine spezifisch kanadische Eigenschaft?
Wainwright: Kanadier sind hoffnungsvolle Menschen, die glauben an die Möglichkeit, dass alle zusammen in Frieden leben können. Das klingt etwas naiv, aber auch ich ertappe mich manchmal bei dieser Hoffnung.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=169 | © planet-interview.de | Foto: Cooperative Music
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