Komponist Krzysztof Penderecki über das Aussterben großer Komponisten, sein Erscheinen auf Soundtracks zu Horrorfilmen und das Berliner Festival young.euro.classic

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"Jetzt, wo der junge Komponist oft nur noch mit dem Computer und dem Synthesizer manipuliert, kann und will er nichts mehr lernen."
Voriges Zitat"Ich halte Filmmusik für gefährlich: wenn man einmal beginnt, welche zu komponieren, dann gibt es kein Ende. Ich möchte aber nicht auf die andere Seite der Barrikade gehen."
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Herr Penderecki, wie viel Zeit verbringen Sie momentan mit dem Komponieren?
Ich schreibe eigentlich jeden Tag, wenn nicht besonders viel Proben oder ein Konzert dazwischen kommen.
Wie steht es zur Zeit um den Komponistennachwuchs in Polen?
Wie überall, der Nachwuchs ist ein bisschen verloren. Wir haben hinter der Avantgarde fast alle Türen geschlossen, und heute wird nicht viel neues entdeckt. Wenn es heutzutage eine Avantgarde gibt, dann ist das die Wiederholung von dem, was wir vor 30, 40 Jahren gemacht haben, das ist nichts neues.
Welche zeitgenössischen Komponisten schätzen Sie?
Als junger Mensch habe ich mich sehr für Prokofiev und Schostakowitsch interessiert. Aber wenn Sie mich nach den lebenden Komponisten fragen - ich glaube alle großen Komponisten sind schon gestorben. Es gibt da zwar einige letzte Mohikaner, wie Hans Werner Henze oder György Ligeti, aber das ist eine Generation, die leider schon zu Ende geht.
Wo sehen Sie die Gründe für dieses "Aussterben" der großen Komponisten?
Das liegt am Interesse mit dem man arbeitet, meine Generation hatte früher noch sehr viel zu entdecken, die ganze Elektronik zum Beispiel war noch sehr jung. Es gab damals eine große Begeisterung für die Elektronik und man hat viel von der Elektronik gelernt. Jetzt, wo der junge Komponist oft nur noch mit dem Computer und dem Synthesizer manipuliert, kann und will er nichts mehr lernen. Man sollte doch aber Alte Meister analysieren und auch in diesem Stil schreiben. Ich musste als Kind auch jahrelang Alte Meister kopieren und analysieren. Das ist eine wichtige Grundlage, so lernt man das Handwerk, und dann kann man alles mögliche schreiben.
Ihre Musik findet sich in kleinen Stücken auch auf Soundtracks zu Horrorfilmen wie "Shining" oder "Der Exorzist". Hatten Sie an solch eine Verwendung gedacht, als Sie die Stücke komponierten?
Nein, natürlich nicht. Ich habe dann aber die Genehmigung gegeben für die betreffenden Fragmente. Stanley Kubrick hat das damals bei "Shining" sehr gut gemacht, er hat kleine, klare Fragmentchen genommen und sie mit Geräuschen gemischt. Aber eigentlich sind auch diese Fragmente absolute Musik - Horror ist es nur für die Musiker, die sie spielen müssen, denn oft sind die Stücke sehr kompliziert.
Werden Sie denn einmal Filmmusik komponieren?
Eigentlich interessiert mich dieses Genre schon und man fragt mich auch immer wieder. Aber ich halte das für gefährlich, denn wenn man einmal beginnt, Filmmusik zu komponieren, dann gibt es kein Ende. Dann hört man nicht auf und man wird auf die andere Seite der Barrikade gehen, was ich nicht möchte - ich möchte doch ein ernster Musiker bleiben und Filmmusik ist nicht immer ernst.
Zwischen U- und E-Musik ziehen Sie also klare Grenzen.
Natürlich gibt es Bereiche, wo diese Grenzen verwischen. Kollegen von mir haben in den 20er Jahren zum Beispiel sehr viel vom Jazz gelernt und benutzt. Heute ist es allerdings umgekehrt. Die Unterhaltungsmusiker verwenden Musik von uns, vor allem aus der Avantgardezeit.

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Sie haben sich 1998 bereiterklärt im künstlerischen Beirat des Berliner Festivals young.euro.classic mitzuarbeiten, neben anderen Künstlern wie Hans Werner Henze und Daniel Barenboim - was reizt Sie, für dieses Festival zu arbeiten?
Mich reizt einerseits das junge Publikum und andererseits die jungen Musiker. Wenn man neue Musik mit jungen Musikern macht, dann werden sie diese Musik auch später, in ein paar Jahren spielen. Das ist genauso mit dem Publikum. Wer jetzt kommt und diese Musik kennen lernt, der wird ihr auch das ganze Leben treu bleiben. Auch ein Grund ist die Bedeutung des Festivals für das Zusammenwachsen in Europa. Dabei finde ich vor allem die Teilnahme von osteuropäischen Ländern wie in diesem Jahr Aserbaidschan und Armenien sehr wichtig.
Junge Musiker aus ganz Europa treffen hier zusammen, die Musik als Sprache benutzen, um sich besser verstehen zu können.
Ja, theoretisch kann die Musik sehr gut zur Verständigung dienen. Aber Kriege kann man damit nicht beseitigen. Als ich ganz jung war, dachte ich noch, man könnte mit Musik die Welt verändern. Jetzt bin ich schon etwas älter und ich habe in letzten Jahren erlebt, was zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien geschehen ist. Ich glaube nicht mehr daran, dass man die Welt mit der Musik befrieden kann. Man kann die Welt etwas besser machen, das vielleicht.
Was bedeutet Ihnen persönlich die Arbeit mit jungen Musikern? Die Sinfonietta Cracovia, die Sie beim Eröffnungskonzert des Festivals dirigiert haben, ist ja ein sehr junges Ensemble.
Man lernt immer etwas neues, wenn man mit jungen Menschen arbeitet. Die denken anders, sie haben andere Interessen und sie sind alle sehr aufgeschlossen dem Neuen gegenüber. Ich finde, was neue Musik betrifft, kann man mit jungen Menschen viel mehr erreichen, auch wenn sie oft noch nicht so erfahrene Musiker sind.
Wie sehen Sie zur Zeit die deutsch-polnischen Beziehungen?
Sehr gut, die waren nie so gut wie heute. Man kann das vielleicht vergleichen mit den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland. Die waren über Jahrhunderte schlecht und plötzlich gibt es eine große Liebe. Vielleicht ist das zwischen Polen und Deutschland noch keine große Liebe, aber eine sehr gut Beziehung. Die gegenseitigen Interessen sind gewachsen und ohne Deutschland würde Polen nicht Mitglied der Europäischen Union.
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