09. Januar 2007
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Pop-Sängerin Joana Zimmer über das Blindsein, den Weg ins Musikbusiness, ihre Jazz-Vergangenheit und das Album „The Voice In Me“

© Olaf Heine
Joana Zimmer, Jahrgang 1982, ist eine deutsche Sängerin und von Geburt an blind. Bereits mit 15 Jahren trat sie in diversen Jazzclubs in Berlin auf, nahm von ihrem gesparten Geld ein Demotape auf und bekam schließlich einen Plattenvertrag bei Universal Music. Im Frühjahr 2005 erschien ihre Debütsingle "I Believe (Give A Little Bit)" und stieg bis auf Platz 2 der Charts. Neben der Musik setzt sie sich für die Christoffel-Blindenmission ein und nahm 2004 am Berlin-Marathon teil. David Sarkar sprach mit ihr im Dezember 2006 über ihr zweites Album "The Voice In Me".

"Blindsein ist für mich ein ganz normaler Zustand. Ich kannte das ja nie anders."
Voriges Zitat
"Ich versuche mir durch Gerüche, das Ertasten von Gegenständen, durch Geräusche, ein Bild von der Welt zu machen."
Voriges Zitat"Es gibt ja Leute, die sich im Spiegel sehen und sich trotzdem nicht beurteilen können. Ich bin blind und kann das trotzdem."
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Joana, du bist von Geburt an blind. Ab wann hast du realisiert, dass dir einer der fünf menschlichen Sinne fehlt?
Zimmer: Am Anfang denkt man, das wäre ganz normal, weil man es ja nicht anders kennt. Ich muss aber dazu sagen, dass ich sehr autonom und selbstständig erzogen wurde. Meine Eltern haben mich behandelt wie ein ganz normales, gesundes Kind. So richtig realisiert habe ich die Blindheit erst im Teenageralter, weil man da ja irgendwie auch befangener wird und sich mehr Gedanken über sich und sein Leben macht. Mit acht wollte ich noch Rennfahrerin werden. (lacht)
Wie hat sich denn die Blindheit auf deine Schulzeit ausgewirkt?
Zimmer: Ach, das war gar nicht so schwierig! Es gibt ja heutzutage sehr viele integrative Schulen, wo du als blinder Mensch dann Hilfsmittel zur Verfügung hast, also im Endeffekt mit den anderen Kindern zusammen ganz normal am Unterricht teilnehmen kannst. Ich wurde auch nie gehänselt oder so. Meine Blindheit hat in der Schule nie zu Problemen geführt.
Wie fühlt es sich an, blind zu sein?
Zimmer: Das kann ich gar nicht so genau beschreiben. Blindsein ist für mich ein ganz normaler Zustand. Ich kannte das ja nie anders. Ich bin ja auch nicht komplett blind, sondern kann hell und dunkel sehr gut voneinander unterscheiden. Daran orientiere ich mich.
Inwiefern verstärken sich durch die Blindheit eigentlich die restlichen Sinne, beispielsweise das Gehör oder der Geruchssinn?
Zimmer: Du benutzt deine anderen Sinne viel bewusster, denn die müssen dein fehlendes Augenlicht ja irgendwie ersetzen. Im Straßenverkehr muss ich meine Ohren natürlich ganz besonders spitzen, um mich zu orientieren. Du lernst mit deinen Sinnen umzugehen, sie einzusetzen, um dich zu orientieren. Das Gehör spielt da eine ganz zentrale Rolle, gerade auch für meine Musik.
Welche Beziehung hast du zu deinem eigenen Körper, wenn du ihn noch nie gesehen hast?
Zimmer: Ich mache viel Sport und bin relativ durchtrainiert. Ich beschäftige mich einfach viel mit meinem Körper, achte auf Pflege und Styling, Klamotten und so. Es gibt ja Leute, die sich im Spiegel sehen und sich trotzdem nicht beurteilen können. Ich bin blind und kann das trotzdem. Auch wenn ich es niemals sehen kann, ist mir mein äußeres Erscheinungsbild schon sehr wichtig.
Welche Vorstellung von der Welt existiert in deinem Kopf? Wie stellst du dir die Natur, die Menschen, die Tiere vor?
Zimmer: Ich habe viele Bilder von der Welt im Kopf, womit wir wieder bei den Sinnesorganen wären. Ich versuche mir durch Gerüche, das Ertasten von Gegenständen, durch Geräusche, ein Bild von der Welt zu machen. Es gibt so viel zu entdecken. Das ist sehr spannend. Dieses Bild versuche ich dann auch in meinen Songs und in Interviews auszudrücken, aber ich schreibe auch sehr viel einfach nur für mich privat auf. Eine weitere Ausdrucksmöglichkeit finde ich in der Schauspielerei, was ich in nächster Zeit auch weiter verfolgen möchte und ja vereinzelt auch schon gemacht habe Ich denke mich einfach gerne in Rollen und Stücke hinein und versuche den Menschen, vor allem natürlich durch meine Musik, eine Geschichte zu erzählen.
Du gehst heute, im Alter von 23 Jahren, sehr offen und direkt auf Menschen zu, strahlst Selbstbewusstsein aus. Das war sicher nicht immer so, gab es in deinem Leben auch Momente wo du in eine Art schwarzes Loch gefallen bist?
Zimmer: Mein Handicap hat eigentlich gar nicht so viel mit meinem Gesang oder meiner Karriere zu tun. Das ist ein ganz persönliches Ding, also dass ich halt oft ein bisschen mehr Kraft für Orientierung aufbringen muss, aber für meine Fans spielt das glaube ich gar nicht so eine große Rolle. Ich verkaufe dadurch auch nicht mehr Platten. Ich bin an meiner Blindheit nie verzweifelt, sondern bin meinen Weg immer weiter geradeaus gegangen. Dieser Weg zu dem Punkt an dem ich heute stehe war sehr lang und oft auch sehr steinig, aber ich wollte schon sehr früh Sängerin werden. Meine Blindheit konnte mich von diesem Traum nie abhalten!
Viele blinde Menschen erzählen, dass sie sich durch hilfsbereite Passanten auf der Straße oft bevormundet fühlen. Wie gehst du damit um?
Zimmer: Ich versuche damit immer sehr offen und freundlich umzugehen, weil die meisten Menschen es ja auch nur gut mit dir meinen, dir einfach helfen wollen. Ich glaube, es ist nicht richtig diesen Menschen vor den Kopf zu stoßen, denn manchmal wünscht man sich Hilfe und dann ist keiner da.
Wie meisterst du deinen Alltag? Du hast mal erzählt, dass du keinen Blindenhund hast...
Zimmer: Nee, der würde ja nur leiden in all den Hotels und Flugzeugen. Ich bin ständig unterwegs und sehr selten zu Hause. Als Künstler reist du aber ja nicht komplett alleine, sondern hast immer Manager und Leute von der Plattenfirma, die dich begleiten. Aber hinter der Hotelzimmertür fängt dann auch mein Privatleben an, da komme ich dann auch völlig alleine mit allem zurecht.
Gehst du auch ins Internet?
Zimmer: Ja, ich habe einen Laptop mit Sprachausgabe und lasse mir dann halt die Websites vorlesen. Erst neulich habe ich meine Weihnachtsgeschenke über das Internet bestellt.(lacht) Das ist gar kein Problem!
Kommen wir auf deine Musik zu sprechen: Du warst acht Jahre alt als du Barbara Streisand auf dem Soundtrack zum Film „Yentl“ gehört hast, der Beginn einer großen Leidenschaft für die Musik. Kannst du diesen Moment beschreiben?
Zimmer: Das war unglaublich! Ich habe gedacht: Das gibt’s gar nicht! Ich war so beeindruckt von dieser kraftvollen Art zu singen ohne dabei angestrengt zu klingen. Ich habe diesen Song zigmal gehört und konnte gar nicht mehr einschlafen, weil mich das so bewegt hat. Das war so ein Schlüsselerlebnis! In diesem Moment wusste ich, dass ich mich auch auf diese Art ausdrücken möchte und den Menschen was geben will.
Wie haben deine Eltern reagiert, als du ihnen von diesem Entschluss erzählt hast?
Zimmer: Ich habe mich ja nicht vor sie hingestellt und gesagt: „Ach übrigens, ich werde jetzt Sängerin!“ Dieser Entschluss ist ja irgendwie in mir gewachsen. Ich habe ja auch schon als Kind total gerne und viel gesungen, und das haben die ja auch immer schon mitbekommen. Sie verstehen diesen Drang in mir und haben immer gesagt, dass wenn ich diesen Weg wirklich gehen will, dann muss ich das alleine durchziehen. Das habe ich dann gemacht.
Du hast sehr früh begonnen Klavier- und Gesangsunterricht zu nehmen, hast mit 15 deine ersten Konzerte in Berliner Jazz-Clubs gegeben. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Zimmer: Das war alles ein sehr langer Weg! Ich habe mir viele Gigs selber organisiert und auch selber Pressearbeit für mich gemacht. Ich habe mich immer wieder bei Plattenfirmen beworben, mein Demoband mit selbstgeschriebenen Pop-Songs von meinem gesparten Geld produziert und immer wieder penetrant bei den Leuten angeklopft. Heute wird diese ganze Organisation von meinem Management übernommen und ich kann mich auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist sehr angenehm und dafür bin ich auch sehr dankbar. Ich weiß das sehr zu schätzen, weil ich eben weiß wie anstrengend es ohne diese Hilfe ist.

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1999 ist deine erste in Eigenregie produzierte CD „Pieces of Dreams“ entstanden, mit alten Jazzklassikern von Songwritern wie Cole Porter oder Johnny Mercer. Das Internetportal laut.de meinte hierzu, deine Plattenfirma hätte diesen Teil aus deiner offiziellen Biografie getilgt...
Zimmer: Ja, die Leute müssen immer irgendwas reden und schreiben. Keine Ahnung, das interessiert mich nicht besonders und hat mich auch überhaupt nicht berührt! Ich musste mich als Künstlerin erstmal entwickeln und das ist ein Weg und diese CD würde ich auch heute nicht mehr so produzieren. Ich will den Jazz aber nie ganz verlassen. Auf meinen Konzerten versuche ich immer auch ein paar Jazz-Standards zu spielen, weil in dieser Richtung einfach meine Wurzeln liegen.
Es steckt aber der Vorwurf dahinter, dass deine Plattenfirma die ursprünglichen Jazz- Songs nicht für tauglich gehalten hat und dir neue Songs auf den Leib hat schreiben lassen.
Zimmer: Das ist ein großer Irrtum! Mein Demoband bestand ja nicht aus Jazz-Songs, und diese Live-CD wurde auch nie einer Plattenfirma angeboten. Jazz habe ich zu dieser Zeit mal gemacht, weil ich Lust darauf hatte, aber ich wollte nie Jazz-Musikerin werden. Heute schreiben bekannte Songwriter wie Diane Warren und Desmond Child großartige Songs für mich. Ich wollte immer meinen eigenen Sound und meinen eigenen Stil entwickeln und nicht die ganze Zeit nur schon vorhandene Songs covern!
Das Album „Pieces of Dreams“ ist heute nicht mehr im Handel erhältlich. Könntest du dir eine spätere Veröffentlichung vorstellen?
Zimmer: Nein, auf keinen Fall! Man muss auch mal sagen, dass das ein Amateurmitschnitt war. Das wäre gar nicht ladentauglich! (lacht)
Du wirst in den Medien häufig als die deutsche Celine Dion betitelt. Ehrt dich das?
Zimmer: Klar, freut mich das! Ich mache mein eigenes Ding, aber Celine Dion ist einfach eine großartige Künstlerin mit einer wunderschönen Stimme. Das ist schon ein großes Kompliment!
Dein aktuelles Album „The Voice In Me“ hast du in Stockholm mit dem Produzenten-Team Nick Nice und Pontus Söderqvist (u.a. No Angels, Ace Of Base) aufgenommen. Wie würdest du den Entstehungsprozess des Albums beschreiben?
Zimmer: Wir haben uns anderthalb Jahre Zeit gelassen mit wirklich ganz tollen Songwritern zu arbeiten. Die Songs sind in mir gewachsen, die kenne ich schon ganz lange. Dieses Album war wie ein Baby, das man ständig mit sich herumträgt, um es dann irgendwann auf die Menschheit loszulassen.
Wenn du dieses Album mal mit dem Vorgänger „My Innermost“ vergleichst. Was hat sich verändert?
Zimmer: Der Sound ist teilweise ein bisschen fetziger geworden, zeigt stärker meine fröhliche Seite. Es finden sich aber auch einige Balladen, wie zum Beispiel „Bringing down the moon“.
Was magst du an Balladen?
Zimmer: In Balladen kann ich wirklich mal meine Stimme entfalten, sehr kraftvoll sein. Diese Songs liegen mir sehr und werden auch immer in meiner Musik zu finden sein.

Joana Zimmer über ihren Weg zum Pop, Dollarscheine, die Rolle des Visuellen, Schönheitsideal und ihr Statussymbol
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=299 | © planet-interview.de | Foto: Olaf Heine
» Im Musikbusiness wird sehr viel Geld verdient, aber der Musiker sieht davon leider nur wenig.«
Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
Frankfurter Rundschau 12.01.
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