Werner Sonne

Staatsräson und Entfremdung

Journalist Werner Sonne über die deutsch-israelischen Beziehungen, Geheimhaltung von Waffendeals, fehlende Selbstkritik unter Journalisten und die Jagd der Medien auf Christian Wulff

Werner Sonne

© WDR/Herby Sachs

Herr Sonne, Sie analysieren in Ihrem Buch „Staatsräson?“ sehr ausführlich das deutsch-israelische Verhältnis. Was genau hat Sie dazu bewogen?
Werner Sonne: In meinem neuen Buch beschreibe ich die Sicherheitskooperation zwischen Deutschland und Israel, heute und in der Vergangenheit. Es geht auch um die gegenwärtige politische Lage in Israel, den Friedensprozess und um die militärpolitischen Einschätzungen rund um den Bau der iranischen Bombe. Was viele bislang nicht wussten: Vor diesem Hintergrund spielt auch die Beziehung zwischen Berlin und Jerusalem eine wesentliche Rolle.

Im Fall eines Angriffs auf Israel durch den Iran stellt sich die Frage, wie Deutschland zu Israel steht. Hat das vergangene Jahr gezeigt, dass diese Frage immer mehr relevant wird?
Sonne: Was die Bedrohung durch den Iran anbelangt, war 2012 ein gefährliches Jahr, vielleicht das gefährlichste im Nahen Osten überhaupt. Der Iran ist weiterhin dabei, seine Bombe zu bauen, auch wenn die Regierung in Teheran alles versucht, um einen gegenteiligen Eindruck zu erzeugen. Wie man so etwas macht, hat der Iran ja vor allem von einem Land gelernt, nämlich von Israel.

Sie spielen auf das Atomprogramm Israels an.
Sonne: Ja, als Israel in den 50er Jahren darauf hinarbeitete, eine Atommacht zu werden, was das Land in den 60er Jahren dann auch tatsächlich geworden ist, da hat man alles daran gesetzt, dies zu verschleiern. Von dem Reaktor, den man bei Dimona in der Negev-Wüste baute, wurde zunächst behauptet, es sei eine Textilfabrik. Als diese These nicht mehr zu halten war, gab man vor, dort werde ein Programm für friedliche Zwecke durchgeführt u.a. zur Bewässerung des Negev. Im Iran argumentiert die Regierung heute genauso. Alle Indikatoren weisen auf ein militärisches Programm hin und es besteht kein Zweifel daran, dass die iranische Regierung das Atomprogramm mindestens zu dem Punkt treiben will, an dem sie sagen kann: Wir sind eine Atommacht. Auch wenn nicht sicher ist, ob sie den allerletzten Schritt gehen und einen Atomsprengkopf zusammensetzen werden.

Welchen Einfluss haben die Sanktionen, mit dem der Westen versucht, Iran unter Druck zu setzen?
Sonne: Die Sanktionen wirken sich im Iran massiv aus. Das bekommt auch die Bevölkerung zu spüren. Eine Möglichkeit könnte sein, dass der Iran unter dem Druck dieser Sanktionen bereit sein wird, das Atomprogramm an einem bestimmten Punkt anzuhalten. Schließlich könnte sich die iranische Regierung auf den Standpunkt stellen: „Wir sind Atommacht, wir könnten, wenn wir wollten.“ Ob die Sanktionen wirklich ausreichen, um Teheran langfristig zum Umdenken zu bewegen, bleibt fraglich. Das Programm geht weiter. Im Moment laufen bereits 10.000 Zentrifugen. Und es wird weitergebaut.

Sie nennen in Ihrem Buch sehr deutlich die USA und Israel als Urheber des Stuxnet-Virus, der iranische Atomanlagen sabotieren sollte. Eine offizielle Bestätigung dieser Urheberschaft gibt es bislang nicht.
Sonne: Nein, aber mittlerweile kann man davon ausgehen, dass es eine Kooperation zwischen den Israelis und den Amerikanern war. Sie haben den Zugriff auf solche Zentrifugen und diese Technologie dadurch bekommen, dass Muammar al-Gaddafi, der sein Atomprogramm 2003 aufgab, baugleiche Zentrifugen hatte. Die Kenntnis darüber haben die USA und Israel zur Entwicklung dieses Wurms genutzt. Das haben mir bestimmte Kreise berichtet, die dafür bezahlt werden, das zu wissen.

Wie recherche-intensiv war Ihr Buch?
Sonne: Sehr intensiv. Ich habe zahlreiche Gespräche mit den unmittelbar handelnden Entscheidungsträgern auf beiden Seiten geführt. Dazu zählen beispielsweise fünf ehemalige sowie der aktuelle BND-Präsident. Auch in Israel habe ich mit drei ehemaligen Geheimdienstchefs gesprochen. Zudem habe ich eine Reihe ehemaliger Außenminister von Genscher, Kinkel bis Steinmeier sowie den amtierenden Außenminister Westerwelle interviewt. Nur Joschka Fischer wollte mir interessanterweise dazu kein Interview geben. In Israel hat mich der stellvertretende Ministerpräsident für strategische Fragen und der stellvertretende Ministerpräsident für Geheimnisfragen zum Gespräch empfangen. Auch mit Generalstabschefs habe ich intensive Gespräch geführt. Das sind viele authentische Quellen. Neben den Interviews habe ich natürlich unzähliges Archivmaterial gesammelt und gesichtet, u. a. im Bundesarchiv in Koblenz und im Archiv des Auswärtigen Amtes. Und letzten Endes habe ich alle Aspekte mit meinem eigenen Erleben verbunden. Bei vielen historischen Ereignissen, um die es in meinem Buch geht, war ich als Journalist unmittelbar vor Ort.

Wie kam es zu dieser intensiven Auseinandersetzung mit Israel? Sie haben zum Beispiel bereits 2008 den Roman „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem“ veröffentlicht…
Sonne: Dieses Land hat mich schon immer fasziniert. Das hat natürlich sehr stark mit seiner Geschichte zu tun, aber nicht nur damit. Ich bin 1947 in die Ruinen des Zweiten Weltkrieg hineingeboren worden. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gehört zu meiner Generation dazu. Mein persönliches Interesse für Israel hat sich über Jahrzehnte entwickelt. Ich war bestimmt schon 30 mal dort, in Israel sowie in angrenzenden Gebieten des Nahen Ostens.

War diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von einem Schuldgefühl geprägt?
Sonne: Ja, auf jeden Fall. Es mag übertrieben klingen, aber das ist in meiner Generation in den Genen angelegt: sich schuldig, wenngleich nicht verantwortlich zu fühlen. Dieses Schuldgefühl für die Taten unserer Väter, das ist bei mir natürlich auch vorhanden.

Im iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sehen heute viele Menschen einen Fanatiker. Wenn man nun aber Handlungen der israelischen Regierung oder Aktionen des Mossad betrachtet, stellt sich die Frage: Inwiefern gibt es auch in Israel auf Regierungsebene einen gewissen Fanatismus?
Sonne: Die israelische Gesellschaft ist sehr vielschichtig. Natürlich gibt es in Israel auch Fanatismus, beispielsweise auf der Seite der Radikalen, der Siedler und der religiös überzeugten Menschen. Politiker wie Benjamin Netanjahu, Ehud Barak und Avigdor Lieberman sind nicht im klassischen Sinne Radikale, aber sie sind schon sehr überzeugt davon, dass Israel sich im Zweifel wehren muss und dass dafür auch fast alle Mittel gerechtfertigt sind. Wenn sie nicht dieser Überzeugung wären, hätten sie im vergangenen Jahr nicht den Plan entwickelt, den Iran anzugreifen. Dazu kam es zwar glücklicherweise bislang nicht, u.a. aufgrund des Drucks aus den USA und aus den eigenen Sicherheitskreisen. Doch die israelische Führungsriege war davon überzeugt, dass ein Angriff auf den Iran richtig gewesen wäre. Ich würde es nicht Fanatismus nennen, aber es gibt eine starke Bereitschaft, radikale Mittel zu ergreifen.

Interessant sind in diesem Kontext auch die großen Anstrengungen Israels, wenn es um die Heimholung von Soldaten geht.
Sonne: Ja, das ist vermutlich in keinem anderen Land so. Ich denke, das geschieht zum einen aus der jüdischen, religiösen Tradition heraus, dass man alles daran setzt, lebende und auch tote Soldaten wieder nach Hause zu bringen. Zum anderen geschieht es, weil man das Signal an die eigenen Truppen senden will: Wir lassen Euch nicht im Stich, selbst dann nicht, wenn ihr tot seid.
Diese Haltung hat schon zu teilweise sehr disproportionalen Entscheidungen geführt. Beispielsweise dazu, dass für eine Person, den Soldaten Gilad Shalit, 1027 palästinensische Gefangene freigelassen wurden. Einige der palästinensischen Gefangenen hatten durchaus Blut an den Händen. Das zeigt, wie weit die israelische Regierung bereit ist, zu gehen.

Wie bewerten Sie den Umgang Israels mit Mordechai Vanunu, der einst das israelische Atomprogramm aufdeckte? Er wurde vom Mossad entführt, zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt, wovon er elf in Isolationshaft verbrachte.
Vanunu: Das ist nun wieder eine andere Baustelle, die man aber natürlich auch nicht beschönigen darf.

Zeigt sich in diesem Umgang nicht ein gewisser Fanatismus?
Sonne: Aus der Ferne und mit Distanz betrachtet gibt es sicher einige Entscheidungen und Handlungen in dem Bereich, die irrational erscheinen. Man muss in dem Kontext aber auch sagen: Was uns von den Israelis unterscheidet, sind die Lehren, die wir aus der Geschichte gezogen haben. Wir sind in Deutschland zu dem Schluss gekommen: Nie wieder Krieg. Diese Überzeugung haben wir seit dem Ende des Holocaust verinnerlicht, u. a. dank einer konsequenten Aufarbeitung unserer Schuld im Zweiten Weltkrieg. Deswegen haben in Deutschland immer noch viele Menschen relativ starke pazifistische Einstellungen.
Israel hat in gewisser Weise einen umgekehrten Schluss gezogen, nämlich: Nie wieder Auschwitz. Diese Überzeugung ist wiederum in der israelischen Gesellschaft fest verankert. Und dadurch lässt sich möglicherweise erklären, warum Israelis immer wieder zu radikalen und militärischen Maßnahmen greifen.

Haben Sie manchmal, angesichts der Bereitschaft zu radikalen Maßnahmen, die Sie beschreiben, ein mulmiges Gefühl?
Sonne: Ja. Und dieses zwiespältige Gefühl haben selbst die Verantwortlichen des israelischen Sicherheits-Establishments. Von Präsident Peres angefangen bis hin zu Geheimdienstchefs, Generälen und Generalstabschefs. Viele von ihnen hatten massiven Widerstand gegen den im vergangenen Jahr geplanten Angriff auf den Iran geleistet. Am Ende deswegen, weil keiner weiß, zu welchen Konsequenzen ein solcher Schlag wirklich führen würde. Die Entwicklung beobachtet im Übrigen auch Berlin mit großer Sorge. Ob Regierung oder Opposition: Unisono sind alle quer durch die Parteien gegen solch einen Schlag ist.

Wenn man die enge Bindung zwischen Israel und Deutschland betrachtet, die Sie in Ihrem Buch beschreiben: Eignet sich Deutschland überhaupt als Vermittler im Nahen Osten? Abdallah Frangi, Berater von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, sagte Ende 2012 der Rheinischen Post, Deutschland habe angesichts seiner proisraelischen Politik die Chance verloren, zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln.
Sonne: Das sehe ich nicht so. Ich glaube, dass wir auf beiden Seiten einen relativ guten Ruf genießen. In Wahrheit handeln wir keineswegs einseitig. Zu den Palästinensern haben sich in den letzten Jahrzehnten auch gute Beziehungen entwickelt. Dazu hat sicherlich auch die Tatsache beigetragen, dass der deutsche Steuerzahler im EU-Rahmen ganz wesentlich zum Überleben der Palästinenser beiträgt. Deutschland hat sich bei der Abstimmung über die Anerkennung des Palästinenserstaates in den Vereinten Nationen im vergangenen Herbst der Stimme enthalten und nicht mehr beinahe automatisch mit Nein gestimmt wie zuvor. Das hat in Israel zu einer erheblichen Verstimmung geführt, es ist auchein Zeich en dafür, dass wir im Augenblick eine sehr israelkritische Haltung in der deutschen politischen Führungsriege haben.

Sie schreiben in Ihrem Buch über die „Entfremdung“ zwischen Deutschland und Israel – gibt es die denn tatsächlich?
Sonne: Das ist ein Zitat des Historikers Michael Wolffssohn und ich denke, er hat es damit auf den Punkt gebracht. Es gibt verschiedene Umfragen, die sehr klar eine immer stärkere Distanz zwischen der deutschen Bevölkerung und Israel, insbesondere der israelischen Regierung, belegen. Und diese Haltung hat sich inzwischen offenbar bis zu den Volksvertretern im Bundestag und bis zur gesamtpolitischen Klasse durchgesetzt. Das heißt: Einerseits funktioniert die Staatsräson, wenn es um praktische Hilfe für Israel geht, also im Geheimdienstbereich, bei der Rüstungskooperation, bei der Ausrüstung mit U-Booten etc. Auf der anderen Seite sehen wir, wie politische Spitzenvertreter auf Distanz gehen, sich eine Entfremdung fortsetzt. Sie werden im Bundestag im Augenblick wohl niemanden finden, der bereit ist, die gegenwärtige israelische Regierung bei ihrem Kurs im Friedensprozess zu unterstützen.

Zitiert

Wir sind in Deutschland zu dem Schluss gekommen: Nie wieder Krieg. Israel hat in gewisser Weise einen umgekehrten Schluss gezogen, nämlich: Nie wieder Auschwitz.

Werner Sonne

Aber warum sind dann die Waffenlieferungen so sicher?
Sonne: Weil man in dem Moment, wenn es um Waffenlieferungen geht, eben doch sagt, wie zum Beispiel Thomas de Maizière: „Wir als Deutsche haben die moralische Verpflichtung, für das Überleben Israels zu sorgen, aus den historischen Gründen.“ Das ist Staatsräson.

Spielt bei den Waffenlieferungen auch die Industrie, die Einnahmen durch Waffenexporte eine Rolle?
Sonne: Sicherlich, aber das wirtschaftliche Interesse steht noch nicht im Vordergrund. Im Vordergrund steht derzeit noch die moralische Komponente, das schlechte Gewissen der Deutschen gegenüber Israel, immer basierend auf unserer NS-Vergangenheit. Dass es inzwischen auch um Exportinteressen geht, daran besteht kein Zweifel. Wir haben schon seit vielen Jahren eine gewinnbringende Rüstungskooperation mit Israel und die nimmt eher zu als ab. Das geht einher mit dem neuen Kurs der Merkel-Regierung in Bezug auf Rüstungsexporte, der zum Beispiel auch am Waffengeschäft mit Saudi-Arabien deutlich wird: 30 Jahre haben sich die Saudis vergeblich bemüht, von uns Leopard-Panzer zu bekommen, doch jetzt wird Deutschland mit stillschweigender Billigung Israels diese Panzer nach Saudi-Arabien liefern.

Bislang erfährt die Öffentlichkeit kaum etwas über diese Waffengeschäfte. Wird sich daran in Zukunft was ändern?
Sonne: Nein, nicht in absehbarer Zeit. Da gibt es das bemerkenswerte Instrument des Bundessicherheitsrats. Bei Fragen nach Rüstungsexporten wird man sich darauf berufen, diese wären „geheim“ – und fertig. Interessant ist natürlich, dass die Öffentlichkeit das so hinnimmt, bis auf ein paar Wiederworte in der Opposition vielleicht. Wobei man dazu auch sagen muss: Als Rot-Grün an der Regierung war, wurden Informationen mit Verweis auf den Bundessicherheitsrat ebenfalls zurückgehalten.

Warum? Hängt das mit der starken Lobby der Waffenindustrie zusammen?
Sonne: Nein, das ist nicht der entscheidende Punkt. Ich denke, es liegt daran, dass die Regierung sich diesen Fragen nicht stellen will und bislang auch damit durchgekommen ist, es nicht tun zu müssen. Ich sehe das auch eher kritisch, dass in diesem demokratischen Staat ein so gewichtiges Thema einfach ausgeklammert wird, ein Thema, bei dem es in Wahrheit um Krieg und Frieden und um die deutsche Beteiligung daran geht. Wenn Frau Merkel wie in ihrer Bergedorfer Rede sagt, dass wir verstärkt Waffen liefern wollen, damit sich bestimmte Länder selbst verteidigen können, dann ist das eine klare politische Position. Die muss dann aber auch transparent gemacht und ausdiskutiert werden. Das passiert aber bislang nicht. Und mich überrascht, dass der Bundestag und die Parteien das uneingeschränkt so hinnehmen. Zumal die Rüstungsexporte wachsen, laut dem offiziellen Rüstungsexportbericht der Bundesregierung von 2011 stehen wir auf Platz drei in der Welt. Früher hieß es noch, es gibt keine Rüstungsexporte in Spannungsgebiete – Genscher hatte das zu seinem Credo gemacht und damit auch Panzerexporte nach Saudi-Arabien verhindert. Doch diese Dämme sind inzwischen längst gebrochen.

Spricht da jetzt auch der Pazifist Werner Sonne?
Sonne: Nein, ich bin kein Pazifist. Ich bin aber ein überzeugter Demokrat. Und zum demokratischen Prozess gehört für mich dazu, dass bei solchen gewichtigen Themen Transparenz herrscht, dass man darüber öffentlich diskutieren kann und die Verantwortung nicht nur von sieben, acht Ministern getragen wird. Es ist doch ein Widerspruch: Zum einen legen wir größten Wert darauf, eine Parlamentsarmee zu haben, selbst einen Ausbildungseinsatz wie in Mali mit vergleichsweise wenigen Soldaten gibt es nicht ohne Zustimmung des Parlaments. Wenn wir allerdings millionenschwere Panzer ins Ausland liefern, heißt es: „Damit habt ihr nichts zu tun.“ Das kann ja so nicht sein. Ich bin kein Pazifist, im Gegenteil, ich denke, dass wir intensiv über Deutschlands Rolle diskutieren müssten, über die Frage, ob wir uns immer wegducken können, weil der Einsatz von Soldaten nicht populär ist und stattdessen Waffen liefern. Das ist ja die Logik, die bei der Regierung Merkel dahinter steht.

Kommen wir nochmal zur Logik in Deutschlands Verhältnis zu Israel. Ihr Buchtitel „Staatsräson?“ hat ja ein Fragezeichen…
Sonne: Mir ging es um die Frage, was diese Staatsräson tatsächlich bedeutet. Doch das wird von allen Entscheidungsträgern, die ich zitiere, bewusst im Unscharfen gelassen. Das geschieht vorsätzlich, auch weil Genscher und andere gesagt haben: Das soll man nicht ausbuchstabieren.

Weil darin eine Gefahr liegt?
Sonne: Ja, die Gefahr, dass wir uns dann festlegen müssten.
Das ist im Augenblick der Status quo in dieser wichtigen Frage. Unterhalb der Frage eines unmittelbaren militärischen Eingreifens bleibt es allerdings dabei, dass wir uns für Israels Sicherheit verantwortlich fühlen, und bereit sind, viel dafür zu tun.

Es existiert in Deutschland auch eine Verlagsräson, konkret beim Verlag Axel Springer, in dessen Grundsatz u.a. „das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“ festgehalten ist. Würde Sie ein solcher Grundsatz motivieren oder eher davon abhalten, für so einen Verlag tätig zu werden?
Sonne: Solange es darum geht, das Existenzrecht Israels zu unterstützen, bin ich dabei, das kann ich unterschreiben. Ich würde es aber nicht unkritisch tun. Wenn ich deswegen dazu angehalten würde, völlig unkritisch zu berichten, würde ich das nicht machen.

Ist Neutralität für Sie ein wichtiger journalistischer Grundsatz?
Sonne: Ich würde eher von journalistischer Unabhängigkeit sprechen. Das war immer mein Credo und wird mir auch immer wichtig sein.

Zumindest Ihr Buch empfinde ich als sehr neutral.
Sonne: Ich will jetzt nicht das ausgeleierte Wort der Ausgewogenheit benutzen. Aber wenn der Leser findet, dass beide Seiten kritisch beleuchtet sind, fühle ich mich gut verstanden. Ich lege Wert auf eine kritische, unabhängige Berichterstattung und ich habe mich bei diesem Thema sehr bemüht, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Für mich ist das aber auch selbstverständliches journalistisches Handwerk.
Ich habe nie zu denen gehört, die Journalismus als Missionierung begriffen haben. Ich bin ja von der Sozialisierung her ein klassischer 68er und es gab damals viele Leute um mich herum, die der Auffassung waren, die Aufgabe des Journalisten sei es, Partei zu ergreifen und die Leute auf den richtigen Weg zu bringen. Das habe ich nie mitgemacht, im Gegenteil, ich habe es immer als unsere Aufgabe gesehen, kritisch an Dinge heranzugehen, alle Seiten zu hören und die Leute in den Stand zu versetzen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden.

Ist das auch ein Grund, warum Sie immer beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk zuhause waren?
Sonne: Ja. Ich bin ja sehr früh in diesen Beruf gegangen, habe mit 16 die Schule geschmissen und bin bewusst in den Journalismus und es hat irgendwie funktioniert. Ich hatte schon in meiner Schulzeit die ersten Artikel geschrieben, war dann beim Kölner Stadtanzeiger, habe dort volontiert, war für kurze Zeit bei der amerikanischen Nachrichtenagentur UPI in Bonn und bin dann mit 21 Jahren zum WDR. Dort habe ich 44 Jahre gearbeitet und mich extrem wohl gefühlt, der WDR war ein großer, liberaler Sender, der mir enorm viel Freiheit gelassen hat. Insofern war auch nie die Versuchung da, zu einem Privatsender zu gehen.

Sie haben viele Politik-Interviews geführt. Gab es da auch heikle Interview-Situationen, wo Sie vielleicht auch etwas angespannter waren als sonst?
Sonne: Da müsste ich jetzt länger überlegen, damit mir ein konkretes Beispiel einfällt. Es hat solche Situationen auf jeden Fall gegeben auch in den letzten Jahren im Morgenmagazin, wo viele Interviews live gesendet wurden. Ich habe beispielsweise mit Helmut Kohl in der Parteispenden-Affäre einige Interviews geführt, die waren zum Teil auch nicht von schlechten Eltern.

Darf man als Journalist in einem Interview lügen?
Sonne: Eigentlich nicht, nein.

Ich stelle diese Frage unter anderem, weil Bettina Schausten, Leiterin des ZDF-Hauptstadt-Studios, genau dies im Fall Wulff getan hat, als sie vor laufender Kamera behauptete, sie würde Freunden für eine Übernachtung 150 Euro zahlen.
Sonne: Ich muss zugeben, dass ich an der Stelle des Interviews auch etwas überrascht war. Mir wäre das so nicht eingefallen.

Bettina Schausten hat sich für diese Lüge nicht entschuldigt. Schaut man hingegen zur BBC, stellt man fest, dass Journalisten dort anders mit ihren Fehlern umgehen. Nachdem im November 2012 in einem Bericht ein Politiker fälschlicherweise des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, trat der Generaldirektor des Senders zurück. Außerdem entschuldigte sich die Redaktion in einer Sendung bei den Zuschauern.
Sonne: Natürlich muss der Journalist Verantwortung übernehmen, für das, was er tut. Er kommt ja auch in aller Regel mit hohen moralischen Maßstäben daher, die müssen für ihn natürlich genauso gelten. Und wenn er sie verlässt, hat er dafür die Verantwortung zu tragen. Warum sollte beispielsweise nur der Politiker Verantwortung tragen und ausgerechnet der Journalist nicht? Das kann nicht sein.
Sie sprechen hier in der Tat ein Problem an, bei dem Journalisten extrem empfindlich sind, wenn man ihnen vorhält, dass sie auch Verantwortung tragen. Wenn es zu Fehlleistungen gekommen ist, haben sie oft große Probleme damit und reagieren extremst sensibel, wenn Kritik an ihnen geübt wird. Es gibt da wenig Selbstkritik.

Günter Wallraff erwähnte kürzlich in einem Interview*, es gebe in Deutschland einen „Vernichtungsjournalismus“, der sich besonders im Fall Wulff zeigte. Können Sie das nachvollziehen?
Sonne: Ja. Ich habe über den Fall Guttenberg sehr intensiv berichtet, auch über den Fall Wulff und seine politischen Auswirkungen. Insoweit sitze ich da mit im Glashaus. Und dennoch sage ich: Vor allem im Fall Wulff sind die Medien zu weit gegangen. Da ist ein Jagd-Instinkt in Aktion getreten, der über das Ziel hinaus geschossen ist. Das sage ich ganz bewusst und ganz betont.

Wo liegen die Gründe für diese „Jagd“?
Sonne: Das hat auch mit dem Wettbewerb zu tun, der immer stärker geworden ist über die Jahrzehnte hinweg, wo heute jeder meint, er muss der Erste, der Schnellste, der Kritischste sein. Diese Entwicklung sehe ich durchaus kritisch.

Noch eine Frage zum Schluss: Sie waren als Journalist viele Jahre auf dem internationalen politischen Parkett unterwegs. Wie haben Sie sich da gefühlt, als Sie 2009 Horst Schlämmer interviewt haben?
Sonne: Das war in der Tat ein denkwürdiges Erlebnis. Als ich an dem Tag zu dem Hotel kam, wo Hape Kerkeling als Horst Schlämmer seine Pressekonferenz als angeblicher Kanzlerkandidat abhielt, war ich völlig baff über die Menge der anwesenden Journalisten. Das war ein Event als wäre der amerikanische Präsident in Berlin gelandet. Es gab eine Wand von Kameras, mehrere Nachrichtensender haben das live übertragen.
Wir haben dann ein Interview in der Hotelküche geführt. Er hatte zwei Bodyguards, an denen ich erstmal vorbei musste – und dann hat Kerkeling den Schlämmer gemacht und ich den Sonne, wir haben das Interview ganz konsequent durchgezogen. Das war in erster Linie natürlich ein Riesenspass.
Kurz nachdem ich es dann zum WDR überspielt hatte, bekam ich bereits die ersten Rückmeldungen von Kollegen. Es lief drei mal im Morgenmagazin und das Echo war riesig, phänomenal. Ich habe Bill Clinton interviewt, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, praktisch alle Bundeskanzler seit Helmut Schmidt – doch kein Interview in meinen 44 Jahren beim WDR hatte ein solch unmittelbares Echo wie dieses mit Kerkeling als Horst Schlämmer. Das hat mich dann schon ein bisschen nachdenklich gemacht, das muss ich zugeben. Wenn man in der heutigen Medienlandschaft mit so etwas mehr punkten kann als mit anderen, durchaus relevanteren Interviews, dann würde ich sagen, stimmen irgendwo die Proportionen nicht. Aber man muss das natürlich auch nicht überbewerten, im Vordergrund stand der Spaß dabei.

*Veröffentlichung auf Planet Interview im April 2013

Der Journalist Werner Sonne wurde 1947 in Riedenburg geboren. Er brach mit 16 die Schule ab, absolvierte ein Volontariat beim Kölner Stadtanzeiger und arbeitete für die amerikanische Nachrichtenagentur UPI in Bonn. 1968 ging er zum WDR, für den er mehr

Ein Kommentar zu “Staatsräson und Entfremdung”

  1. Tobias |

    Schade, dass

    Schade, dass man nicht das einzelne Interview liken kann, sondern nur die ganze Seite ;)
    Zum Thema Wulff gibt es übrigens auch ein sehr lesenswertes Buch eines ARD-Korrespondenten. \”Der böse Wulff\”, von Hörfunk-Mann Michael Götschenberg.

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