Udo Jürgens

Gerade alte Männer sind oft unendliche Machos.

2006 sprach Bianca Lohr für Planet Interview mit Udo Jürgens über Lebensziele, Liebeslieder, Sehnsucht als Inspiration, seine Stimme, den Wandel im Musikgeschäft, das Frauenbild von heute und greise Machos in der Politik

Udo Jürgens

© Publicum pmi AG

[Veröffentlicht am: 13.02.2006]
Herr Jürgens, haben Sie im Leben erreicht, was Sie erreichen wollten?

Udo Jürgens: Mehr. Eindeutig mehr. Das waren noch nicht mal Träume.

Wovon haben Sie denn geträumt?
Jürgens: Ich wollte als Musiker existieren können und immer etwas mehr Geld haben, als ich zum Leben brauche. Natürlich hab ich mir auch gewünscht, als Komponist eines Tages von vielen Millionen gehört zu werden. So wie George Gershwin, einer meiner großen Vorbilder. Ich habe immer gedacht, dass ich eher als Komponist eine Zukunft habe denn als Sänger. Eine Karriere als Sänger habe ich gar nicht so angestrebt.

Wenn Sie nochmal von vorne anfangen dürften, was würden Sie anders machen?
Jürgens: Ich würde nichts anders machen. Ich würde auch die gleichen Fehler wieder machen, denn man lernt mehr aus Fehlern als aus Dingen, die man richtig gemacht hat. Aus dem Grund bin ich auch für mein Schicksal, wie es bisher verlaufen ist, dankbar und würde da nicht groß Veränderungen vornehmen. Was ich erreicht habe, einer der meist gehörten Interpreten und vor allem Komponisten in Europa zu sein, das ist mehr, als ich je erwartet hätte.

Sie sagten mal in einem Interview: „Ausgeglichenheit und Harmonie führen in eine kreative Leere.“ Das ist schon ein paar Jahre her. Trifft das für Sie heute noch zu?
Jürgens: Das gilt nach wie vor. Ein Leben, das immer glatt verläuft, ist zu ordentlich. Das ist zu sehr wie die Schweiz. Die Schweiz ist ein glückliches Land, ohne jeden Zweifel, ein herrliches Land. Aber wenn ich an den Schweizern etwas auszusetzen haben, dann ist das immer das Gleiche: Eine gewisse Langweiligkeit, die etwas zu sauber geputzten Straßen. Jedes Auto, das in der Schweiz geparkt wird, hat einen genauen Platz. Es gibt nicht einen einzigen Platz, jedenfalls hab ich noch keinen gesehen, wo man sein Auto einfach hinstellen kann, wo nicht schon Streifen sind, an der Seite und vorne und hinten. In Deutschland kann man entweder parken oder nicht parken. Da stellt dann jeder sein Auto irgendwie hin. Eine etwas größere Lockerheit wäre schon schön. Aber man kann nicht alles haben. Die Schweiz ist ein wunderbares Land und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich daran Kritik übe.

Noch mal zurück zur Frage: Wo wollen Sie noch hin? Haben Sie noch Ziele?
Jürgens: Natürlich. Und die hören auch nie auf. Erst am Totenbett, vermute ich mal. Mir tun diejenigen leid, die schon vorher damit aufhören. Ich hab so viele Ziele, dass ich weiß, dass ich sie nicht erreichen kann. Und das ist wunderbar.

Was sind das für Ziele?
Jürgens: Unterwegs zu sein. Sich einfach was vorzustellen, vorzunehmen und sich auf die Reise zu begeben, gedanklich und sonstwie. Aber die größten Ziele, die man hat, kann man sowieso nicht erreichen. Das ist auch ganz egal. Ich bin schon bei vielen Dingen angekommen und hab mich sofort wieder auf den Weg gemacht. Das ist das Schöne dran, dass man sich wieder was Neues vorstellt und wünscht. Ich würde zum Beispiel gerne mit den Wiener Philharmonikern meine sinfonische Dichtung bei den Salzburger Festspielen aufführen. Das wird nie stattfinden, vermute ich. Aber allein der Traum ist doch schon phantastisch.

Was waren die wichtigsten Ziele, die Sie bisher erreicht haben?
Jürgens: Die ersten Ziele waren beim Grands Prix d’ Eurovision. Ich hab mir gewünscht gut abzuschneiden. Vom Sieg hab ich da gar nicht geträumt. Naja, geträumt vielleicht schon. Aber mir ging es darum, bloß gut zu sein und nicht abzustinken. Damals war der Grands Prix noch was Wichtiges. Heute ist er ja völlig gegenstandslos. Nicht mal mehr das Siegerlied kennt man. Damals hingegen waren die ersten drei Lieder Welterfolge. Immer. Ich bin gleich mit meinem ersten Lied „Warum nur, warum“ in Amerika Nummer Eins gewesen. Obwohl ich beim Grands Prix nur den fünften Platz belegt habe.

In Amerika das Lied auf Deutsch?
Jürgens: Nein, auf Englisch. Gesungen von Amerikanern wie Nancy Wilson und Matt Monroe. Es gab ja allein in Amerika zehn Aufnahmen von der Nummer.

Was sagen Sie dazu, dass auch Teenager Ihre Lieder mögen? Dass auf Studentenpartys alle sehnsüchtig mitsingen bei „Ich war noch niemals in New York“?
Jürgens: Das freut mich natürlich. Und ich weiß auch, dass das mit „New York“ in Freiburg anfing. Über die Studenten kam es in andere Städte, und dann in die Skiorte. Dort ging dann auf einmal nachts in den Hütten die Party ab mit „New York“ und „Bitte mit Sahne“…

…und „17 Jahr, blondes Haar“…
Jürgens: …und „Griechischer Wein“. Das wird da alles wie wahnsinnig gesungen und das hat meiner Karriere noch mal einen unheimlichen Drive gegeben.

Weil Sie gesehen haben, Sie können auch die Jungen erreichen?
Jürgens: Natürlich. In meinen Konzerten sind heute alle Generationen vertreten und das ist als Musiker genau das, was man sich wünscht. Musik soll ja nicht die Generationen trennen, sondern sie vereinen.

Bekommen Sie Gänsehaut, wenn Sie Ihre eigenen Lieder hören?
Jürgens: Wenn das Orchester gut ist und ich gut drauf bin, kann das passieren. Da bin ich schon selbst auch manchmal ergriffen davon.

Wenn Sie eines Ihrer Lieder für einen Sampler „Musik des 20. Jahrhunderts“ aussuchen müssten, welches würden Sie nehmen?
Jürgens: Das weiß ich nicht. Wenn es danach geht, welches weltweit am meisten gehört wurde, dann müsste das entweder „Was ich dir sagen will“ oder „Warum nur, warum“ sein. Die waren auch im asiatischen Raum und in Südamerika monatelang unter den Top 5.

Und wenn es nur um Ihre persönlichen Favoriten geht?
Jürgens: Beide gehören auch zu den schönsten Liedern, die ich geschrieben habe. Aber ein einziges auszuwählen ist schwer, denn meine eigenen Songs sind mir alle sehr nah. Es sind ganz viele dabei, die nichts taugen. Aber es sind auch sehr viele gute dabei.

Eines Ihrer ersten erfolgreichen Lieder war ja „Je t’aime“..
Jürgens: Als ich das geschrieben habe, war ich sechzehn. Und da war ich natürlich wie alle Sechzehnjährigen ständig verliebt. Unglücklich verliebt. Ich hatte gerade meine erste Riesenenttäuschung hinter mir und hab mich gefragt, geht das Leben überhaupt weiter und wenn ja, wie. Das sind so die ersten wichtigen Dinge, die man begreifen und an die man sich auch erinnern muss. Ich tue das sehr oft.

Kann man solche Liebeslieder schreiben, ohne eine bestimmte Person im Kopf zu haben?
Jürgens: Ja klar. Sonst wäre ich ja kein Komponist. Das ist mein Beruf. Wenn Sie wollen, kann ich auch auf der Stelle das Lied schreiben „ich hasse die Liebe“.

So ganz ohne Motiv…
Jürgens: Ich kann theoretisch jederzeit ein Lied gegen die Liebe oder für die Liebe schreiben. Für die enttäuschte oder für die glückliche Liebe. Es ist gar nicht gut, wenn man in dem Augenblick, wo man sich in so einer Situation befindet, ein Lied zum gleichen Thema schreibt. Die Kontrast-Lieder sind oft die besseren. Wenn ich glücklich war, habe ich meine besten traurigen Lieder geschrieben, wenn ich etwas traurig war, meine lustigsten Songs. So wie „Frauen“, „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ oder „Aber bitte mit Sahne“. Mit solchen Liedern habe ich mich auch oft aus den schlechten Stimmungen wieder rausgeholt.

Wie viel Melancholie ist in Ihnen?
Jürgens: Viel. Aber das Leben besteht aus der Bewältigung von Problemen. Auch aus der Bewältigung von Melancholie und Depression. Ich kenne alles, bin auch manchmal richtiggehend deprimiert. Trotzdem bin ich kein Fall für den Psychiater. An dieser Grenze habe ich immer verstanden, Halt zu machen und mich selbst in den Griff zu bekommen. Und wenn das bis jetzt funktioniert hat, wird das wohl auch noch für den Rest meines Lebens funktionieren.

Sind Sie jemand, der sich auch gern mal in solchen Stimmungen suhlt?
Jürgens: Nein. Ich bin heilfroh, wenn das überstanden ist. Aber ich komme da auch immer gut wieder raus. Der nächste Auftritt winkt ja immer und ich weiß, dass ich mich an meinem Klavier bewegen werde, in einem Umfeld, das ich liebe. Ich werde mit Leuten zusammen sein, die ich mag und kann meine eigenen Songs spielen – spätestens dann bin ich aus einem Tief wieder draußen. Das Klavier war bisher mein größter Lebensgehilfe.

Mögen Sie eigentlich Ihre eigene Stimme?
Jürgens: Ich würde lieber eine andere haben. Und anders singen können. Rockiger. Die Stimmen von Elton John und Joe Cocker finde ich zum Beispiel interessanter als meine. Ich kann gut singen, keine Frage und ich geh mit dem, was ich habe, gut um, aber eine interessantere Stimme hätte es mir leichter gemacht. Meine ist zu ästhetisch und eher moderat. Außerdem liegt sie in einer Tonhöhe, die schwer zu produzieren ist. Heute haben die Rocksänger alle sehr dünne, hohe Stimmen. Da kann man einen Rhythmus brutal drunter mischen und hört die Stimme immer noch. Meine Stimme verdrängt die Frequenzen der Bass-Drum und des Basses sehr stark. Dadurch kann ich den Rhythmus nicht so stark mischen, wie ich eigentlich möchte.

Wenn Sie wählen müssten: Ruhm oder Reichtum?
Jürgens: Ich muss nicht wählen, Gott sei Dank. Und ich könnte mich da auch nicht entscheiden. Ruhm interessiert mich eigentlich nicht, dann würde ich eher sagen Reichtum. So könnte ich mit meinem Leben ja immer noch was anfangen. Mit dem Ruhm allein, ich weiß nicht, warum wäre ich denn dann berühmt? Wer mit Musik berühmt ist, verdient doch automatisch viel Geld oder?

Es gibt viele Bands, die haben zwar ihre großen Fangemeinschaften, verdienen aber gerade so viel, dass es zum Leben reicht.
Jürgens: Ja, das gibt’s auch. Das hab ich ja lang genug selbst erlebt. Insofern ist mir das durchaus nicht fremd. Ich finde, diese Fragen, das oder das, die sind auch moralisch bedenklich.

Dann stell ich die nächste wohl lieber nicht: Singen oder Klavier?
Jürgens: Das ist ja einfach. Klavier! Singen ist für mich völlig unwichtig. Oft sind Sänger auch sehr dümmliche Leute. Die meisten von denen, die sich nur mit ihrer Stimme beschäftigen, stehen auch nur vor ihrem Spiegel, kämmen sich, schminken sich, färben sich die Haare, machen sich Strähnchen rein oder frisieren sich in der Mitte so einen Kamm nach oben. Sänger sind oft irrsinnig mit ihrem Aussehen beschäftigt. Musiker sind viel interessanter. Ich wollte Musiker werden.

Aber Sie singen trotzdem.
Jürgens: Ich singe deshalb, weil ich niemanden hatte, der meine Lieder dem Verleger vorgesungen hat. Also habe ich’s selber gemacht, am Klavier sitzend. Nachdem ich als Komponist ein paar Riesenhits in Amerika hatte, kam irgendwann die Frage: Sagen Sie mal, warum singen Sie eigentlich nicht selber?

Ihre Antwort?
Jürgens: Ich hab gesagt, da hab ich nicht drüber nachgedacht und es interessiert mich auch nicht besonders. Mich interessiert Komponieren, Musik, Musiker. Dann kam aber ein Produzent und meinte: Du musst selber singen. Und ich habe den großen Fehler gemacht und Ja gesagt. Dann musste ich diesen ganzen Schrott singen, den mir andere Komponisten geschrieben haben. Das waren dieselben Leute, die für Freddy Quinn, Peter Kraus und die ganze alte Garde der Schlagersänger komponiert haben. Was die nicht singen wollten, das haben sie mir gegeben. Gott sei Dank habe ich aber mit nichts davon Erfolg gehabt.

Aber wo Sie nun schon einmal gesungen haben – warum dann nicht Ihre eigenen Lieder?
Jürgens: Ich hab immer drum gebeten, Kinder, lasst mich meine Sachen selber machen. Aber die Lobbies waren so stark, da hatte man keine Chance reinzukommen. Bis eines Tages ein Producer zu mir kam und sagte: nur noch deine eigenen Songs. Und das war das Geheimnis. Denn meine Stimme funktioniert nur mit meinen eigenen Kompositionen.

Sie sind als Musiker schon über vierzig Jahre im Geschäft. Wenn Sie früher und heute vergleichen, wie sehr hat sich das Publikum gewandelt?
Jürgens: Man muss nicht vom Publikum ausgehen, sondern von der Branche. Und da hat sich wirklich alles auf den Kopf gestellt. Radio zum Beispiel hat sich dramatisch verändert. Wenn du in die sogenannte Rotation kommst, wirst du gespielt. Wenn nicht, hast du keine Chance, auch nur mal gehört zu werden. Das macht es neuen, jungen Gruppen und Künstlern sehr schwer. Auf der einen Seite gibt es viel mehr Freiheit, man kann bei sich im Keller produzieren, auf der anderen Seite viel mehr Blockaden. Man muss heutzutage Wege finden und sich fragen, wie komme ich da rein in diesen Computer.

Finden Sie es, so wie es jetzt ist, besser oder schlechter?
Jürgens: Darüber bin ich mir bis heute nicht im klaren. Es ist auf jeden Fall anders. Und wenn man sich nicht auf die geänderten Verhältnisse einstellt, hat man keine Chance. Das Publikum jedenfalls hat sich nicht verändert. Die Sehnsüchte der Menschen bleiben immer die gleichen. Die jungen Menschen sehnen sich noch mehr nach Liebe als die älteren, nach Zärtlichkeit. Und das ist ein Riesenmarkt. Ich würde sagen, 90 Prozent des Marktes werden durch Songs abgedeckt, die von Liebe handeln. „Baby, du bist nicht mehr da“, „I’m so lonely“ und was weiß ich. Jede Banalität wird zum Thema. Und jeder Satz, den man schon mal gehört hat, wird – geschickt oder weniger geschickt – zu einem Lied gemacht. Man weiß gar nicht, wo sie diese ganzen Zeilen her holen.

Aber es gibt doch auch Leute, die sich nicht nur mit Banalitäten abspeisen lassen.
Jürgens: Ich habe mich im Laufe meines Lebens an viele Dinge heran gewagt, in meinen Liedern geht es auch um die Gesellschaft und politische Dinge. Natürlich interessiert die jungen Leute, die das größte Publikum ausmachen, in erster Linie Liebe, ihre Schmerzlichkeit, Glück und Verlassenheit. Aber es gibt auch andere, die entweder aus diesem Alter raus oder etwas intelligenter sind. Die sich sagen, es existieren noch andere Probleme und Strömungen. Wo auch Musik drüber gemacht wird.
Ein Bob Dylan hat vor vielen Jahren mit solchen Sachen angefangen. Es gab viele, viele Liedermacher, Chansonniers in Frankreich, Cantautori in Italien, die alle die Qualität ihres Landes schildern. Dadurch kommt es zu diesem seltsamen Zustand, dass auch ich noch einen Markt habe. Viele haben irgendwann die Nase voll von allzu banalen Liedern über die Liebe. Das sind Leute, die auch zuhören möchten bei anderen Gedankengängen. Davon lebt Bob Dylan, davon leben die Chansonniers in Frankreich und davon lebe unter anderem auch ich.

Sehen Sie sich in der Tradition dieser Chansonniers?
Jürgens: Es gibt ja keine Chansonniers in Deutschland. Ich werde immer als Schlagersänger bezeichnet, was ich früher als üble Beschimpfung empfunden habe, weil ich selbst Schlager überhaupt nicht mag. Bei mir muss ein Lied Substanz haben. Und wenn „New York“ von der Geschichte her keine Substanz hätte, würde ich es als schlechtes Lied bezeichnen. Es ist aber ein gutes Lied.
In der sogenannten Schlagerwelt gibt es sehr viele Lieder, die ich mir nie privat anhören würde. Ich würde mir zum Beispiel nie eine Platte von Hansi Hinterseer auflegen, das kann ich ehrlich zugeben, obwohl ich ihn privat gut kenne und er ein reizender Typ ist, den ich sehr gern mag. Er ist ein blendender Skifahrer und ich frage mich, warum manche Leute nicht einfach beim Skifahren bleiben. Aber er verdient Geld damit, wahrscheinlich sehr viel. Und das gönne ich ihm auch von ganzem Herzen.

Derzeit läuft die dritte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. Was halten Sie von diesen Casting-Shows?
Jürgens: Es gibt irrsinnig begabte Leute, nur werden die wahnsinnig ausgenutzt. Talentierte junge Leute, die sich ein schnelles Sprungbrett erhoffen und auch eine Plattform geboten bekommen, werden eigentlich kaputt gemacht. Ich kenne einen einzigen Namen, die Christina Stürmer in Österreich. Die ist aus einer solchen Show hervor gegangen und hat jetzt in Deutschland Erfolg. Man muss abwarten, wie lange das anhält. Aber meist funktioniert dieses von Null auf Hundert nicht. Das sind Raketenabschüsse und Raketen fliegen, wenn sie ausgebrannt sind, wieder zur Erde zurück.

Was würden Sie jungen Musikern raten?
Jürgens: Na einfach leben. Klein anfangen, sein Instrument gut lernen und irgendwann auch lernen, gute Songs zu schreiben. Vielleicht findet man jemanden, der einem das beibringt oder man ist sehr talentiert, beschäftigt sich sehr intensiv mit der Materie, spielt in einer Band, dient sich nach oben. Das ist die Karriere, die vom Publikum geglaubt wird. Das Publikum will auch sehen, wie Leute sich blutige Knien und Nasen holen. Wenn sie es dann schaffen, haben sie eine größere Glaubwürdigkeit als jemand, der von Null auf Hundert gehoben wird. Ein Bergsteiger kann sich auch nicht rühmen, das Matterhorn erklommen zu haben, wenn er sich mit dem Hubschrauber auf den Gipfel transportieren lässt. Wer den Gipfel im Leben erklimmen will, der muss es zu Fuß tun. Der muss da einfach hoch, mit der Gefahr, abzustürzen. Anders wird das Publikum das nicht anerkennen.

Welche Rolle spielt für Sie Sehnsucht als Inspiration?
Jürgens: Die allergrößte. Sehnsucht ist eine der wichtigsten Triebfedern, sie ist die Mutter der Vision. Es gibt keine politische, gesellschaftliche, soziologische Veränderung und keine Veränderung im eigenen Leben, wenn ihr keine Sehnsucht vorausgeht. Die Mauer in Berlin und damit letztlich die Grenze zwischen Ost und West wäre nie gefallen, wenn nicht die riesige Sehnsucht da gewesen wäre. Die Sehnsucht hat die Künstler inspiriert, die Künstler haben die Massen inspiriert. Die berühmten Montags-Demonstrationen in Leipzig sind eine Folge von Sehnsucht, darauf folgte das Handeln der Politiker. Alles war eine Kette, für die Sehnsucht ganz wichtig war. Wir würden Ziele nie erreichen, wenn nicht eine Sehnsucht die Visionen auslösen würde.

Zögern Sie manchmal die Erfüllung hinaus, um die Sehnsucht noch länger als Motor nutzen zu können?
Jürgens: Vielleicht unbewusst, ja. In der Liebe macht man es ja bewusst. (lacht) Das Hinauszögern des Höhepunkts ist glaube ich in der Liebe legitim. Aber sonst kommt mir gerade kein Fall in den Sinn. Ich glaube, Sehnsüchte erfüllen sich sowieso fast nie, sie sterben ja immer im Augenblick ihrer Erfüllung. Das merkt man leider Gottes auch am Mauerfall. Die Leute sind sich gar nicht mehr bewusst, wie gigantisch das war. In Deutschland – auf beiden Seiten – erlebe ich wenig Dankbarkeit für dieses gewaltige Ereignis. Wenn ich heute Filme sehe, die das schildern, dann kommen mir die Tränen. Ich bekomme Gänsehaut, weil ich damals an der Mauer stand, weil ich das hautnah miterlebt habe und es für mich ein bahnbrechendes historisches Jahrhundert-Ereignis war. Ich bin heute noch glücklich darüber und dankbar und verstehe nicht diese unglaubliche Kurzsichtigkeit der breiten Masse. Leute, die sofort selbstverständlich den neuen Wagen annehmen, auf der neuen Autobahn spazieren fahren, die neuen Funktelefone verwenden und gar nicht wissen, dass sie vor ein paar Jahren noch von der Stasi abgehört wurden, noch durch einen miesen, stinkenden Treppenaufgang in ihre Wohnung gegangen sind, in denen die Fenster schief drin hingen, weil es nicht möglich war, sie reparieren zu lassen. Innerhalb so weniger Jahre haben sie so viel vergessen. Daran kann man verzweifeln. Aber Vergesslichkeit ist nun mal eine sehr verbreitete Eigenschaft. Damit muss man leben. Es bleibt den wenigen, etwas intensiver denkenden Menschen vorbehalten, sich an Dinge zu erinnern. Und sie dadurch hoch zu halten.

Was sind Ihre drei wichtigsten Charaktereigenschaften?
Jürgens: Sich selbst zu betrachten ist immer sehr schwer. Das können andere besser. Aber ich würde sagen, ich bin ein guter Freund. Ich bin verlässlich. Und… tja, meine Begabung ist ja kein Charakterzug. Ich glaube aber, dass ich in meinem Gebiet überdurchschnittlich begabt bin. Dafür kann ich aber nichts, das wurde mir geschenkt..

Sind Sie neugierig?
Jürgens: Ja, das bin ich auch. Nicht im Sinne von klatschneugierig. Ich habe Neugierde auf das Leben. Und seine Folgen in jeder Art. Wie sie auf uns zukommen und wie wir sie bewältigen.

Wie wichtig ist es Ihnen, was andere über Sie denken?
Jürgens: Sehr wichtig. Ich halte es auch für Heuchelei, wenn jemand sagt, es ist ihm vollkommen egal. Das kann in diesem Beruf schon gar nicht sein. Wir wollen ja etwas machen, was andere sich anhören. In meinen Augen ist das nur eine Masche. Auch die heutigen Negativ-Pop-Bands wollen letztlich Erfolg haben und Geld verdienen. Die, die sich auf der Bühne am schlechtesten benehmen, wollen denen, die keine Erziehung haben und sich auch schlecht benehmen, ein Vorbild bieten. Auf die Art kann man denen dann auch sehr gut das Geld aus der Tasche locken. Da bin ich lieber ehrlich und sage, ich versuche etwas zu machen, was gefällt.

Gilt das auch für Ihr Privatleben?
Jürgens: Ja. Ich will positive Energie verbreiten, nicht negative. Ich versuche mit Menschen klar zu kommen und so soll auch meine Musik sein.

Sind Sie ein Mann für eine Nacht?
Jürgens: Gewesen, ja. Absolut. Wir haben früher jeden Spaß mitgemacht, auch den des One-Night-Stands. Und das war auch alles großartig und wunderbar. Dann kam eine andere Zeit, auch durch die bekannten Krankheiten. Da habe ich in diesem Punkt sehr stark umgedacht. In diese Zeit fiel auch hinein, dass ich älter wurde, vielleicht etwas vernünftiger. Heute brauche ich Vertrauen, um so was zu erleben. Und das lässt sich nicht in ein paar Stunden erzeugen.

Was war die schönste Liebeserklärung, die Sie je bekommen haben?
Jürgens: (lacht) Ich gehöre zu den Glücklichen und habe sehr oft welche bekommen in meinem Leben. Aber es sind nicht die großen Erklärungen die schönsten. Eher die bescheidenen, die stillen. Ich habe ohne viele Worte und Gesten mehr Empfindungen gespürt.

Können Männer mit 70 noch Macho sein?
Jürgens: Gerade alte Männer sind oft unendliche Machos. Die Greise der Politik zum Beispiel. Die meisten sind ja ziemlich greisenhaft in ihrem Denken, sobald sie Ende fünfzig sind. Da herrscht noch unglaubliches Macho-Denken. Ich bin froh, dass jetzt in Deutschland eine Frau Kanzlerin ist. Dadurch müssen sich im Bundestag alle besser benehmen, können sich nicht mehr so anfläzen mit üblen Bemerkungen. Ich denke, das ist eine sehr positive Veränderung, die da im Augenblick stattfindet.

Allein weil Angela Merkel eine Frau ist?
Jürgens: Nein, Angela Merkel ist auch sehr kompetent. Und durch sie wird das weibliche Element endlich mal auf eine andere Art gewürdigt als nur durch herunter gelassene Hosen und verrutschte Büstenhalter. Wie man es ständig von Paris Hilton und diesen vielen anderen etwas überflüssigen Damen sieht, die ständig in den Medien rumschwirren. Die haben das Frauenbild der letzten Jahre total versaut. Frauen wie Golda Meir, Alice Schwarzer und Frau Merkel hingegen haben wirklich versucht, die Gesellschaft im positiven Sinne zu verändern.

Glauben Sie wirklich, das Frauenbild hat sich im Vergleich zu früher verschlechtert?
Jürgens: Ja. Wenn Sie heute junge Fernsehkanäle sehen, dann glauben Sie, wir leben in einer pornographischen Welt. Es wird nicht mehr so viel – Verzeihung – Liebe gemacht wie in den siebziger Jahren. Da ging man schneller und klarer zur Sache. Aber stellen Sie sich mal vor, die Erde wäre ausgelöscht und es kämen grüne Männchen auf die Erde. Die würden Fernsehbänder finden und zum Beispiel MTV auflegen. Sie sehen das und sagen sich, das sind also die Wesen, die hier gelebt haben. Sie sehen aber nur das: (er wackelt mit dem Po auf dem Stuhl). Sie sehen überhaupt nichts anderes. Jeder wackelt mit dem Arsch, jeder geht grell geschminkt durch die Gegend und alle küssen sich ununterbrochen. Sie würden sagen, das muss Sodom und Gomorra gewesen sein, hier auf der Erde. Wenn Sie diesen Kanal von vorne bis hinten schauen, den ganzen Tag lang, dann glauben Sie, Sie sind in Hamburg in Sankt Pauli in der Herbertstraße, im übelsten Puff. Männer wie Frauen haben diese abartigen Mützen auf, zerfetzte Hosen an und benehmen sich – also, das ist ein Wahnsinn. Die grünen Männchen würden denken, es müssen Barbaren hier geherrscht haben.
Aus dem Grund glaube ich, dass das Frauenbild von der Jugend überhaupt nicht nach vorne gebracht, sondern nach hinten geschraubt wird. Sex, Sex, Sex, Sex und nochmal Sex. Und so ist auch die ganze Musikindustrie. Gott sei Dank bin ich da nicht mehr dabei, kann es mit Abstand beobachten und mir meine Gedanken machen. Man hat uns damals vorgeworfen, dass Musik oversexed sei und das war sie auch mit Beginn der Rock-Zeit und dem Benehmen, das an den Tag gelegt wurde. Natürlich nur um aufzufallen. Die Rolling Stones waren die ersten, oder The Who, die einen Fernseher aus dem Fenster geworfen haben. Ich weiß gar nicht, ob sie es je gemacht haben. Es gibt ja solche Dinge, die einfach von Medienleuten erfunden werden, und wenn ein Bild mal da ist, bleibt es oft ein Leben lang bestehen.

Sind Sie froh, dass sie damals – und nicht heute – jung waren?
Jürgens: Ich war ja damals auch schon nicht mehr jung. Ich war genaugenommen nie jung. Jung war ich in den Kriegsjahren und in den Nachkriegsjahren. Da gab es weder Pop noch Rock noch irgendwas. Da haben die Leute gelernt zu überleben und sich ein Land wieder aufzubauen. Ich möchte es trotzdem nicht missen, dass ich diese Zeit erlebt habe. Ich bin langsam in die heutige Oberflächlichkeit hineingewachsen und begreife sie auch irgendwie. Die gnadenlosen Geschäftsmechanismen, die es inzwischen gibt, sind hochinteressant. Nein, ich möchte nicht in einer anderen Zeit leben. Ich finde alles richtig spannend.

Auch die Medien?
Jürgens: Die sind ein Teil unserer Gesellschaft. Das war früher natürlich ganz anders. Nie hätte eine große Zeitung einen Star mit einem Preis ausgezeichnet und sich zusammen mit ihm feiern lassen, wenn sie denselben Star die Woche zuvor mit skandalösen Überschriften total zur Sau gemacht hat. Da ist die Ethik auf der Strecke geblieben.

Nur sind viele Künstler auf die Medien angewiesen, ohne die sie ohne kaum Erfolg hätten.
Jürgens: Ja. Sie sind auf die Medien angewiesen und werden zu Huren erzogen. Aber wir alle müssen dieses Spiel zeitweise mitmachen, unter Schmerzen manchmal, aber es ist so.

Stichwort Liebe: Wie geht es Ihnen?
Jürgens: Mir geht es ausgezeichnet, auch im Privaten. Ich bin es gewöhnt, als Musiker auch mal einsam zu sein. Weil ich weiß, dass Einsamkeit meine Kreativität anschiebt. Davon abgesehen bin ich nicht einsam. Ich bin umgeben von Freunden und einem hochinteressanten Beruf und mir ist dieses Leben sehr recht, wie ich es im Augenblick führe. Da fehlt mir eigentlich nichts. Aber natürlich sind Trennungen mit Schmerzen verbunden.

Sie haben ja aus Ihrer Untreue nie einen Hehl gemacht…
Jürgens: Das war früher. Das hat sich natürlich stark geändert. Ich bin nie einer gewesen, der die Ehe als wichtige Institution gesehen hat. Familie ist wichtig.

Aber Ehe ist ja nicht gleich Treue.
Jürgens: Das stimmt. Aber ich finde es auch nicht richtig, dass man wegen einem Seitensprung von Mann oder Frau eine Partnerschaft, die wirklich wichtig ist oder Kinder hat, auflöst. Das ist für mich kein Scheidungsgrund und wäre auch nie einer gewesen. Die Trennung mit meiner Frau hat auch nichts mit solchen Sachen zu tun. Jedenfalls nicht von meiner Seite.

Sind Sie jemand, der angelogen werden will, wenn er betrogen wird oder wollen Sie es wissen?
Jürgens: Ich will keine Fragen. Ich will einfach keine blöden Fragen gestellt bekommen. Und ich stell’ auch keine Fragen. Auf manche Fragen kann man eigentlich nur lügend antworten. Das hat mit Treue gar nichts zu tun. Es gibt viele Situationen, wo man einfach Ärger kriegt, wenn man die Wahrheit sagt.

Zum Beispiel?
Jürgens: Du gehst abends mit einem Freund zum Essen, das glaubt sie dir sowieso nicht. Oder du sagst, ich hab den Hugo getroffen und war mit dem Abend essen, dann geht’s schon wieder los. Deshalb will ich gar nicht erst gefragt werden. Ich erzähle es selber, wenn es interessant war. Aber diese kleinliche Fragerei geht mir extrem auf die Nerven. Ich mag das nicht und ich stell’ diese Fragen auch nicht.

Sie sind also in der Hinsicht nicht neugierig.
Jürgens: Nein, da bin ich überhaupt nicht neugierig. Das will ich einfach nicht wissen.

Haben Sie jemals Kinder gewickelt?
Jürgens: (lacht) Die Frage ist gut. Ich könnte jetzt bösartig antworten und als Macho gelten, indem ich sage: natürlich nicht. Aber ich lasse das „natürlich“ weg. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, zu meiner Zeit wäre das unmöglich gewesen. Wenn man das seinen Freunden erzählt hätte, hätten die gesagt, man ist das größte Weichei aller Zeiten. Das war einfach nicht der Job eines Mannes. Aber darüber soll man nicht mit Siebzigjährigen diskutieren. Ich bin wirklich nicht der Meinung, dass es nicht auch der Job eines Mannes ist. Und ich weiß von meinem Sohn, und bewundere ihn unendlich dafür, dass er mit Sicherheit genauso oft wie seine Frau die Kinder gewickelt hat.

Unsere Schlussfrage lautet: Das Leben ist ein Comic – welche Figur sind Sie?
Ich kenne leider keine Comic-Figuren. Aber ich wäre irgendjemand, der fliegen kann. Das war mein Kindheitstraum.

5 Kommentare zu “Gerade alte Männer sind oft unendliche Machos.”

  1. K. Sinde, Magdeburg |

    Hochachtung

    Zu den gemachten Aussagen: sich selber sehen und ehrlich einschätzen, das Herz und den Verstand im richtigen Moment “zu bedienen” und mit sehr viel Lebenserfahrung aufzuwarten, ohne besser-wisserisch zu gelten, das ist beeindruckend

    Danke!

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  2. Sigrid Grove Waghäusel |

    …Frauen…

    …und nicht nur die – auch Männer – fasziniert Udo Jürgens! Ein sehr interessantes Interview,das so manche (heimliche) Frage beantwortet.Niveauvoll und intelligent werden alle Fragen beantwortet,danke Udo Jürgens für diese Offenheit!

    Antworten
  3. Christa |

    …Leben kennt kein Alter…

    Ein Gespräch, das nicht oberflächlich ist und Lust auf mehr macht! Danke.

    Antworten
  4. Silvia Omar-Weissmann |

    …die Sehnsucht bleibt….

    …noch viele solcher tollen Interviews mit Udo lesen zu dürfen…
    Danke!!!

    Antworten
  5. Ingrin Kluge "Erfurt /Germany" |

    Ein Glück des Augenblicks…

    … ist, dass wir dieses Interview , welches eines der besten mit Udo Jürgens ist, nun auch lesen dürfen.
    Herzlichen DANK!

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