Thomas Roth

Wenn man einen Politiker interviewt, muss man immer damit rechnen, dass seine Antworten auch taktisch sind.

Thomas Roth über Sommer-Interviews, Pressefreiheit, Ehrlichkeit bei Politikern, seine Russland-Erfahrungen und Kriegsberichterstattung

Herr Roth, für den „Bericht aus Berlin“ führen Sie mehrere Sommer-Interviews, erstmals auch zusammen mit Ihrem stellvertretenden Chefredakteur Joachim Wagner. Wieso nun zu zweit?
Thomas Roth: Wir haben uns vor einigen Jahren überlegt, als wir damit anfingen, übrigens waren wir damit auch die ersten, dass wir eigentlich ganz gerne anknüpfen würden an so eine Tradition „Kreuzverhör“, die es mal in den sechziger, siebziger Jahren als Interviewformat gab. Wir fanden, dass das mindestens für den Interviewer eine vorteilhafte Position ist, zugegebenermaßen ein kleiner Nachteil für den, der interviewt wird, weil er zwei gegen sich hat und nicht nur einen. So ein Interview ist ja auch nur eine kurze Übung, da muss man ziemlich rasch reagieren. Manchmal hat man einen kleinen Hänger, dann hat der Partner, den man dabei hat, in meinem Fall mein Stellvertreter Joachim Wagner, hoffentlich die richtige Idee und umgekehrt. Man kann sich leichter und besser die Bälle zuspielen und den zu Interviewenden noch besser in die Zange nehmen.

Die Sommerinterviews fallen zeitlich in das von den Medien gefürchtete Sommerloch. Doch liest sich die Gästeliste wie das „Who is Who“ der wichtigsten Politiker. Will man mit denen versuchen, die Zuschauer an den Fernseher zu binden?
Roth: …da wäre ich ja froh, wenn das gelingen würde. Ihre Frage ist schon berechtigt, das Jahr über, wenn keine Sommerpause ist, also, wenn der Bundestag Sitzungswochen hat, wenn die Politik sozusagen hoch läuft, Gesetze entschieden werden, würden wir uns normalerweise nie in der Lage sehen, eine ganze Sendung zur Verfügung zu stellen für ein Interview mit nur einem Partner. Insofern haben wir die Gelegenheit genutzt, wenn sowieso Sommerferien sind und die meisten weg sind und sich im Bundestag, was unser Hauptspielfeld ist, nichts tut, dass wir uns dann auch mal eine viertel Stunde einer Person widmen können. Es ist im Grunde der ideale Zeitpunkt, zu dem man so etwas machen kann. Davor und danach kriegt man das nicht mehr hin, weil sich zuviel in der politischen Landschaft bewegt, über das wir dann zu berichten haben, zum Beispiel über innenpolitische Aktivitäten. Im Herbst wird es dann auch gleich wieder losgehen mit der Komplettierung der Gesundheitsreform, dann kommt die Unternehmenssteuerreform, dann wird die Rentenfrage wieder diskutiert. Ich bin ganz sicher, dass wir da möglicherweise auch schon die Frage auf dem Tisch haben, ob es eine deutsche Beteiligung an einer Friedenstruppe im Nahen Osten gibt? Also, da steht jetzt schon einiges vor der Tür. Man findet dann nicht mehr die Zeit und Gelegenheit und wir beschränken uns auf kleine Interviews, sprich drei, vier, fünf Minuten lang und haben noch andere Beiträge in der Sendung.

Wie bereiten Sie sich auf ein solches Interview vor, werden die Fragen vorher abgesprochen, vor allem im Hinblick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, oder wird Ihnen redaktionell freie Hand gelassen?
Roth: Also, geklärt ist vorher nichts, weil nichts abzuklären ist. Wir teilen unsere Fragen vorher nicht mit. Was wir in der Regel immer tun ist, dass wir sagen, es gibt bestimmte Arbeitsfelder über die wir sie abfragen. Das ist in diesem Jahr auch besonders einfach, weil die Arbeitsfelder alle so klar auf dem Tisch liegen, dass wir mehr oder weniger allen dasselbe sagen. Wir fragen sie zur Gesundheit- und möglicherweise zur Außenpolitik und dann jeweils zur Person selbst. Aber das ist unsere freie Entscheidung, die haben wir auch mit niemandem abzustimmen. Ich habe bisher noch nie die Anfrage gehabt, ob man die Fragen konkret haben könnte, die würden wir aber auch nicht vorher herausgeben.

Stefan Aust hat uns in einem Interview einmal gesagt, die Politiker seien heute ehrlicher als früher. Teilen Sie diese Auffassung?
Roth: Ich würde es nicht unbedingt unterschreiben. Erstens würde es unterstellen, dass sie vorher nicht ehrlich waren, zweitens würde es unterstellen, dass sie heute ehrlicher sind als sie es früher waren. Beides kann ich nicht sagen. Politik ist ein hartes Geschäft und Politik hat immer mit Taktik zu tun. Wenn man einen Politiker interviewt, muss man immer damit rechnen, dass seine Antworten auch taktisch sind. Ich finde das übrigens auch nicht schmutzig, das ist Teil dieses politischen Geschäfts, man muss es als Journalist nur wissen.

Gibt es einen Politiker, der Sie besonders beeindruckt hat? Oder geben die Politiker für Sie – nach all den Jahren – ein mehr oder weniger gleiches Bild ab?
Roth: Der Politiker, der mich am meisten beeindruckt hat, lebt nicht in Deutschland, sondern in Südafrika, nämlich Nelson Mandela. Ich habe ihn in Südafrika erlebt, zu der Zeit als er aus dem Gefängnis kam. Michail Gorbatschow habe ich im Kreml noch erlebt und er hat mich auch ungeheuer beeindruckt. Das ist vielleicht ein bisschen unfair, weil diese beiden Politiker natürlich mit gewaltigen historischen Umbrüchen verbunden sind, die ich als Journalist miterleben durfte, und wir hier in Deutschland – mit Ausnahme der Deutschen Einheit – ja mehr Schwarzbrot-Politik machen. Die großen Fragen der Ostpolitik sind alle geklärt, die Sowjetunion gibt es nicht mehr, die DDR gibt’s auch nicht mehr, das waren in den siebziger, achtziger Jahren die ganz entscheidenden Leitlinien. Heute sind wir erheblich kleinteiliger, da ist es für einen Politiker, muss ich fairerweise sagen, auch ungeheuer schwer sich nur annähernd vergleichbar zu profilieren. Deshalb: ehrliche Frage, ehrliche Antwort, die beiden Politiker, die mich bis heute am stärksten beeindruckt haben, sind diese beiden.

Im Zusammenhang mit Ihrem Antritt als Moderator und Chefredakteur des Polit-Magazin „Bericht aus Berlin” wurden Anzeigen in den Sonntagszeitungen geschaltet mit dem Text: „Politik und ihre Folgen. Er sagt, was für Sie wichtig ist.“ Hat man somit nicht eine starke persönliche Verantwortung der Gesellschaft gegenüber? Wie gehen Sie persönlich mit dieser Verantwortung um?
Roth: Ja klar, der Anspruch ist natürlich groß. Ob man den immer einlösen kann, weiß ich auch nicht. Man kann sich einfach nur darum bemühen, es zu versuchen. Es ist Teil meines Jobs. Ich weiß, dass es diese Verantwortung gibt, ich versuche sie auch wahrzunehmen, aber ich denke auch nicht jeden Tag darüber nach. Im Grunde ist es genau das, was jeder andere Journalist auch jeden Tag macht. Die Süddeutsche schreibt jeden Tag eine Seite eins oder Seite drei, die FAZ genauso, auch die TAZ. Und die haben im Grunde genommen die gleiche Verantwortung, wie ich sie auch habe. Man muss sich davon auch nicht erdrücken lassen. Manchmal geht etwas schief oder man bekommt es nicht so gut hin, damit muss man auch leben. Aber darum zu ringen, sich jeden Tag an diesem Anspruch zu messen, das ist schon wichtig. Das find ich auch gut und versuche es zumindest.

Braucht man als Nachrichten-Konsument heutzutage eine Identifikationsfigur, eine Art Meinungsführer, um sich im Informationsdschungel zurecht zu finden?
Roth: Ich weiß nicht, ob Meinungsführer das richtige Wort ist, aber was man braucht sind glaubwürdige Journalisten. Dass man sagt, okay, der macht jetzt nicht noch Werbung für irgendwelche Luftfahrtgesellschaften. Ich bin ein engagierter Gegner davon, dass Journalisten Werbung betreiben. Ich finde es gehört sich nicht und passt nicht zu unserem Berufsethos, jedenfalls passt es nicht zu politischen Journalisten. Ich glaube, das Einzige, was man da gewinnen kann im Laufe der Jahre – und ich bin jetzt bald 27 Jahre im Geschäft – ist ein gewisses Maß an Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Das ist schon das, was die Zuschauer brauchen, dass sie sagen „dem nehme ich schon ab, was er da erzählt. Ich hab trotzdem meine eigene Meinung oder bilde sie mir“. Das ist das einzige Kapital, das man anhäufen kann im Laufe der Jahre. Das ist übrigens auch das einzige Kapital, was man in wenigen Sekunden verheizen kann. Man kann 40 Jahre Glaubwürdigkeit in 1.30 erledigen.

Denken Sie da an ein spezielles Beispiel?
Roth: Nee, nee. Ich weiß ja wie lang die Tagesschau ist. Ich hab’s in der ARD Gott sei dank noch nicht erlebt und bei mir selbst zum Glück auch nicht. Ich hoffe auch, dass mir das nicht geschieht, jedenfalls nicht bewusst. Wenn man eine glaubwürdige Person für sich als Maßstab nimmt, nehmen wir Gerd Ruge am Beispiel Russland, ist das für mich so und für viele Zuschauer. Dann speist sich das aus diesen beiden Quellen. Das ist vernünftig und auch nachvollziehbar. Wir müssen gucken, dass wir solche Persönlichkeiten haben und solche Biografien zulassen. Das sind viele Lebensjahre, die man dort verbringt, viele Jahre im Ausland, bei jemandem wie Gerd Ruge, Fritz Pleitgen, Klaus Bednarz und eine ganze Reihe von anderen Figuren. Und wenn ich mich selber nehme, dann muss ein Network, eine Fernsehgesellschaft in diesem Fall, einem auch die Möglichkeit lassen, so eine Biografie zu entwickeln und ihn dabei unterstützen, damit diese Glaubwürdigkeit die Zuschauer auch erreichen kann. Und die gewinnt man ja nur durch persönliche und sinnliche Erfahrungen. Ich kann nicht dauernd über Russland reden und nie da gewesen sein, das ist jedenfalls nicht glaubwürdig. Insofern spielt das immer ineinander. Wir laufen Gefahr, dass die Medienlandschaft immer kurzatmiger und sprunghafter wird, so dass es immer schwieriger wird, dieses Maß an Glaubwürdigkeit, zum Beispiel auf dem Feld Osteuropa, auch aufzubauen. Irgendwann wird es auch dort wieder Krisen geben und dann wird man jemanden brauchen, der weiß, was da vor sich geht, der die Sprache spricht, der genügend Erfahrung hat und für den deutschen Zuschauer, nicht unfehlbar, aber jedenfalls glaubwürdig ist. Das ist, meiner Meinung nach, ein ziemlich entscheidender Punkt.

Laut „Reporter ohne Grenzen“ ist Deutschland, was die Pressefreiheit betrifft, im internationalen Vergleich zuletzt auf den 18. Platz abgestiegen, 2004 belegte Deutschland noch Rang 11. Nach welchen Kriterien wird da beurteilt und was ist in diesem Jahr vorgefallen, dass wir im Ranking gesunken sind?
Roth: Das müssen Sie „Reporter ohne Grenzen“ fragen und nicht mich. Aber ich würde mal so sagen, ohne „Reporter ohne Grenzen“ jetzt in die Parade fahren zu wollen, das macht sich fest an einzelnen Vorfällen, die man dann mit bestimmten Wertigkeiten versieht. Wenn z.B. einem Kollegen sein Archiv weggenommen wird, weil er in einer bestimmten Szene recherchiert hat und die Staatsanwaltschaft an die Quellen kommen will, das ist natürlich eine Gefahr für die Pressefreiheit. Deshalb ist es auch richtig, dass „Reporter ohne Grenzen“ solche Fälle anprangert. Ich will aber schon sagen, dass ich denke, dass wir in einem der freiesten Länder dieser Welt leben, auch bezogen auf die Pressefreiheit. Wie gesagt, ich bin jetzt seit 27 Jahren in diesem Beruf und ich hab noch keinen ernsthaften Versuch in Deutschland erlebt die Pressefreiheit abzustellen. Anderswo schon, sehr häufig sogar. Von daher sehe ich die Bewertung von „Reporter ohne Grenzen“ mit einer gewissen Distanz, zumindest was die Bundesrepublik angeht. Aber ich will es auch nicht verharmlosen. Man muss gleich den Anfängen wehren, also beispielsweise die Bespitzelung von Journalisten durch den BND, was ja für beide Seiten ein Problem ist, für die Journalisten aber auch für den Nachrichtendienst. Das ist schon der Beginn des Versuchs, Pressefreiheit auszuhöhlen und sich Journalisten nutzbar zu machen. Das muss man natürlich veröffentlichen und dadurch dann auch verhindern. Umgekehrt muss ich bei der Gelegenheit auch sagen, dass es zum Berufsethos von Journalisten gehört, sich nicht zum Agenten zu machen oder machen zulassen oder für Geld mit Diensten zusammen zu arbeiten.

Wie sehr gefährden dann solche schwarzen Schafe das Ansehen des Berufsbildes?
Roth: Unser Beruf hat sowieso nicht den allerbesten Ruf. Ich finde immer, ehrlich gesagt, zu Unrecht – nicht nur weil ich selbst einer bin. Aber solche Fälle bestärken natürlich immer das Vorurteil, „guck, die sind alle irgendwie käuflich. Entweder sie machen Werbung, oder sie lassen sich von irgendwelchen Diensten einkaufen“. Das trifft natürlich für die große Masse der Journalisten nicht zu, aber das fördert immer solche Vorurteile, das ist ganz ohne Frage so.

Wie geht man als Journalist damit um, wenn die Pressefreiheit mit der Sicherheit des Staates in Konflikt gerät, wie beispielsweise im Fall der Cicero-Affäre?
Roth: Der Journalist hat keine andere Aufgabe als Sachverhalte zu recherchieren und wenn er auf dem Feld des Terrorismus recherchiert, muss er eben das tun. Das ist vom Staat unabhängig und das hat auch vom Staat unabhängig zu bleiben. Wir arbeiten nicht für den Staat, sondern für unsere Leserschaft, unser Publikum und erfüllen da den Auftrag möglichst das ganze Bild zu vermitteln. Die einzige Situation, die ich als schwierig empfinden würde wäre, wenn man auf diesem Feld recherchiert und dann von einem Vorhaben erfährt, also sagen wir mal „morgen früh um sieben soll dies oder jenes passieren“, dann würde ich mich als Journalist dafür entscheiden, darüber auch die Behörden zu informieren. Ich würde ihnen sagen, ich werde die Quelle nicht enthüllen, aber auf meinem Wege der Recherche hab ich die Information erhalten, dass da und dort etwas passiert, was Menschenleben gefährdet oder ein Verbrechen darstellt. Das ist für mich aber der einzige Fall, wo wir uns dem Staat gegenüber zu öffnen haben, immer unter der Voraussetzung, dass wir uns bis dahin auf dem Weg der Recherche auch sauber verhalten haben.

Inwieweit kann man es eigentlich Pressefreiheit nennen, wenn sich Regierungs-Chefs wie Bush, Putin und einst Berlusconi nur äußerst selten den Fragen der Journalisten stellen?
Roth: Das ist immer sehr schwierig. Wir haben da in Deutschland im Vergleich am ehesten die Möglichkeit, im aktuellen Fall mit der Regierungschefin und früher mit Schröder als Bundeskanzler, Interviews zu machen. Und da kann ich nur sagen, aus meinen Erfahrungen im Ausland, dass Deutschland das Land ist, wo Politik am zugänglichsten ist. Ich hab mit Putin vier oder fünf Interviews gehabt innerhalb von vier Jahren, das war sogar erstaunlich viel. In der Regel kriegt man es nicht dann, wenn man es will, sondern umgekehrt, wenn die glauben, dass es für sie richtig ist. Also in Vorbereitung eines Besuchs Putins in Deutschland. Das ist fast schon die Regel, das war bei Präsident Bush übrigens auch so, da hat er unserem ARD-Korrespondenten in Washington ein Interview gegeben. Also, man kann’s nicht erzwingen. Dummerweise kriegt man es nie dann, wenn man es haben will, sondern meistens dann, wenn es in die Kommunikationsstrategie dieser Spitzenpolitiker passt. Ich befürchte nur, man kann außer, dass man es eben so sagt, nichts wirklich dagegen tun.

Ist man in Deutschland dann dementsprechend ‚zu nah’ an der Politik dran?
Roth: Ich finde das ist eher positiv zu beurteilen. Wenn man das mal vergleicht mit Russland, da steht man monatelang vor dem Kreml und da guckt kein Mensch raus und in Washington hat kaum einer überhaupt Primärkontakt zu Politikern. Hier hat man sogar die Chance, wenn man in irgendeine Kneipe geht, mal einem Minister zu begegnen. Das wäre in Russland völlig undenkbar, in Teilen Afrikas auch. Insofern finde ich das in Deutschland gut und sehe das als Zeichen einer offenen Zivilgesellschaft. Wie man damit umgeht, in meinem Fall zum Beispiel, ist ja eine andere Frage. Man muss sich ja nicht zum Kumpel machen, sondern kann trotzdem professionelle Distanz wahren.

Welche Hindernisse von Seiten der Regierung stellten sich Ihnen in den Weg, während Ihrer Zeit als ARD-Korrespondent in Russland? Wurden Sie bespitzelt?
Roth: Ja, klar. Das ist mir natürlich häufig passiert. Insbesondere bei Konflikt- und Krisenberichterstattung. Alles, was mit Tschetschenien zu tun hatte war, mindestens im zweiten Tschetschenien-Krieg, nur noch unter allergrößten Schwierigkeiten zu realisieren, weil die einfach verhindern wollten, dass man überhaupt in das Gebiet hineinkommt. Folglich musste man es heimlich machen und auch zum Teil große Risiken eingehen, um herauszukriegen, was da wirklich Sache ist. Das ist mir in Südafrika passiert, während der Zeit der Apartheid. Da hab ich viel heimlich gedreht in den Townships, zum Teil beschattet von Geheimpolizei, der man dann entkommt. Das kann einem schon passieren, da muss man dann klug und auch ein bisschen clever sein und zum Teil dann eben auch risikobereit. Vor allem in Krisengebieten ist es schwer abzuschätzen, welche Risiken geht man noch ein, weil man nie weiß, was passiert, wann, wo. Das Risko ist also unkalkulierbar. Das ist ein relativ hohes Maß an Verantwortung für einen selbst und als Fernsehjournalist für sein Team und dem was man wissen will. Ich habe immer versucht, „nicht um jeden Preis“ irgendwo hinzugehen, weil es einfach lebensgefährlich ist. Selbst, wenn man nur sich selbst gefährden will, hat man immer noch ein Stück Verantwortung für andere Kollegen, auch für sein eigenes Privatleben. Wenn man Angehörige hat, muss man sorgfältig abwägen.

Sie haben einmal gesagt, „um ein guter Journalist zu sein, braucht man Mut“. Wie macht sich das speziell in Kriegsberichterstattung bemerkbar? Auch im Hinblick auf die aktuelle Lage im Nahen Osten.
Roth: Mein Kollege Patrick Leclercq, den ich schon lange kenne und der jetzt gerade in Beirut ist, der muss sich diese Frage stellen. Ein gutes Gefühl hat man eigentlich nie, wenn man in Kriegsgebiete einreist. Es ist immer ein Risiko dabei, weil du das Geschehen nicht kalkulieren kannst. Ich kann von mir sagen, immer wenn ich in Kriegsgebiete eingedrungen bin war auch ein gehöriges Stück Angst dabei. Angst ist ein guter Ratgeber, weil es einen zur Vorsicht mahnt, weil es einem sagt, „geh´ kein Risiko ein, welches du nicht mehr überschauen kannst“. Aber sobald man in solche Gebiete geht, geht man Risiken ein, das lässt sich nicht verhindern. Deshalb muss man als Journalist, übrigens auch als Chefredakteur, überlegen, „geh ich da hin oder sage ich nein“. Das ist auch absolut legitim. Und ein Chefredakteur muss, finde ich, dem entsprechenden Korrespondenten auch genau diese Möglichkeit lassen, dass er auch „nein“ sagen kann, ohne dass es mit irgendwelchen Sanktionen verbunden ist. Da haben wir Gott sei dank, übrigens ähnlich wie die BBC, an der wir uns orientieren, auch genau diese Verständnis. Ich persönlich habe mich immer dafür entschieden. Am Ende siegt ja immer auch ein bisschen die Neugier. Man spürt, dass vielleicht historische Entwicklungen stattfinden, die man natürlich mitbekommen will. Dann geht man da sehr nah ran, vielleicht sogar zu nah, das weiß man aber immer erst hinterher, sonst würde man es ja lassen.

Hanns Joachim Friedrichs meinte einst, einen guten Journalisten würde man daran erkennen, dass er sich „nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache”. Wie schwierig ist es, gerade in der Kriegsberichterstattung Neutralität und Objektivität zu wahren?
Roth: Das ist eine richtig gute Frage und sie ist sehr schwer zu beantworten, weil der Satz natürlich nicht heißt, und auch nicht heißen soll, dass einem alles egal ist. Schon gar nicht in Kriegsgebieten oder in Hungergebieten, da kann ich mir keinen Menschen vorstellen, der davon nicht berührt ist. Ich habe es selbst oft erlebt und war jedes Mal davon berührt. Ich finde, das darf man auch spüren. Es müssen trotzdem die Fakten stimmen. Man muss sagen, wo, warum… – die üblichen fünf W´s. Die muss man auch versuchen zu beantworten. Aber es kann nicht heißen, dass man als Journalist wie ein Computer durch die Welt läuft und sie versucht aufzuzeichnen. Besonders gute Journalisten sind die, bei denen es man auch spürt, wenn sie in schwierigen Situationen sind. Dass sie es zwar als schwierig empfinden, sich aber trotzdem bemühen, die Fakten auf die Reihe zu kriegen. Das ist das eine, das zweite, „du sollst dich nicht gemein machen“ ist von HaJo sehr verdichtet gesagt worden. Natürlich muss man sich mit den Menschenrechten gemein machen, da gibt es überhaupt keine andere Möglichkeit, finde ich. Auch als Journalist hat man auf Seiten der Menschenrechte, der Pressefreiheit und der Charta der Vereinten Nationen zu stehen, jedenfalls ordentliche Journalisten siedele ich dort an. Wenn ich merke, dass sie nicht auf dieser Grundlage stehen, dann halte ich sie nicht für gute Journalisten, damit müssen die sich gemein machen, das denke ich schon. Insofern ist das nicht der ideale Satz, bei dem man sagt, damit kann ich Karriere machen, ich lass mich auf nichts ein, bin überall sauber und am Ende werde ich hoffentlich ein ganz hohes Tier in unserem Beruf. So hat HaJo den Satz nie gemeint, das war ein ganz kritischer, ein sehr deutlicher Journalist. Aber, was er schon damit gemeint hat war: krieg immer deine Fakten auf die Reihe. Und das ist manchmal sehr schwer, aber ich kann mir nicht vorstellen, mitten in einem Hungergebiet zu sein und davon den Zuschauer auch nicht als davon berührt zu erzählen, dass würde ich als unmenschlich empfinden. Mit der Menschlichkeit muss man sich gemein machen.

Wo sind für Sie persönlich die Grenzen der Berichterstattung?
Roth: Das ist unheimlich schwer zu sagen, weil man es immer erst am Einzelfall deutlich machen kann. Ich will Ihnen ein Beispiel geben, als ich mich sehr mit diesem Gedanken herum geschlagen habe. Es war in den Nachfolgekriegen beim Auseinanderbrechen der Sowjetunion. Da spaltete sich in Georgien eine Provinz ab, die nennt sich Abchasien und ich war fast durch Zufall seit Beginn dieser Auseinadersetzungen mittendrin. Wir fuhren an einer wunderschönen Uferstraße entlang um die Kurve und da war ein vor zwei- drei Minuten zusammen geschossener Militärlastwagen quer über die Straße. Es waren so fünf, sechs, sieben Tote, ich weiß nicht genau wie viele, jedenfalls waren alle tot. Es sah entsprechend aus und die Körper waren entsprechend auseinander gerissen. Dann lautete die Frage, wie bildet man so etwas ab? Wir haben uns dann entschieden und das entscheidet man dann eigentlich immer am Schneidetisch, auch schon beim Drehen, letztlich aber dann am Schneidetisch, symbolische Einzelheiten zu zeigen. An einen Schnitt erinnere ich mich noch, an einen Schuh mit einem Fuß, aber ohne, dass wir gezeigt haben, wo der Fuß endet. Es war aber klar, das war ein toter Soldat. Man muss versuchen, mit Symbolkraft zu arbeiten, ohne dass man die Würde der Verletzten und Toten beschädigt. Das ist aber immer eine Gradwanderung, weil man auch zeigen muss, dass Krieg schrecklich ist, egal in welchem Namen und für welche Sache er geführt wird. Krieg ist immer das Mieseste und Dreckigste, was man sich vorstellen kann.

Besteht dabei nicht auch die Gefahr, dass man als Zuschauer ungemein abstumpft und das Gezeigte gar nicht mehr als so schrecklich empfindet, wenn man es tagtäglich vorgeführt bekommt?
Roth: Die Gefahr ist da, das ist richtig! Das sehen wir gerade am Nahen Osten. Man zeigt uns in jeder Nachrichtensendung die entsprechenden Bilder und natürlich stumpft man, das unterstell ich mal dem Zuschauer, ein bisschen auch dem Elend gegenüber ab. Das ist aber ein Prozess, der sich nicht aufhalten lässt. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass so etwas auch in Wellen verläuft, dass also am Beginn eines Konflikts das Interesse sehr hoch ist und dass es dann eine Art Gewöhnungsprozess gibt, der sich aber auch ganz schnell wieder ändern kann, je nachdem, wie das Geschehen vor Ort sich ändert. Wobei zwischen Erleben und im Fernsehen abbilden immer noch ein sehr großer Unterschied ist. Ich glaube, es ist wichtig für uns als Journalisten zu wissen, dass diese Abstumpfung eintreten kann und trotzdem immer zu versuchen, das Geschehen so zu übersetzen, dass es noch ankommt. Aber richtig ist, dass die Gefahr des Abstumpfens bei kriegerischen Konflikten und dem, was wir heutzutage alles im Fernsehen zu sehen bekommen, also nicht nur in den Nachrichten, sondern ganz generell, was es als Videospiele gibt, die ja zum Teil gruselig sind, durchaus vorhanden ist. Dagegen ist sehr schwer anzuarbeiten. Aber da hilft einem am Ende auch wieder die bereits erwähnte Glaubwürdigkeit und der Versuch es authentisch zu erzählen und sich dadurch dann das Vertrauen der Zuschauer zu erwerben und damit ein Stück gegen diese Abstumpfung anzuarbeiten. Verhindern kann man die natürlich nicht. Meine Erfahrung war eigentlich immer, dass das Publikum den eigentlichen Kern der Botschaft dann schon versteht, ob es die Russlandaktionen war, Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, also die Hilfe für Russland oder die Tsunami-Katastrophe, wo das Publikum dann sehr schnell aktiviert werden konnte. Die entscheidende Botschaft dringt dann doch immer irgendwie durch, das ist schon mein Eindruck.

Nur das diese Hilfen dann meist nicht nachhaltig sind…
Roth: Ja, dann müssen wir wieder nachhaken, was wir ja auch gemacht haben, sowohl die ARD als auch das ZDF. Ein Jahr danach gab es dann Sendungen darüber, um das alles noch mal in Erinnerung zu bringen. Das ist dann immer wieder unser Job, zu sagen, „Leute, habt ein langes Gedächtnis, das hat uns bewegt, wir erinnern euch noch mal daran“. Das stimmt schon, aber da lässt sich ja auch nichts zurückdrehen, die Gesellschaft ist schnelllebig, ist multimedial und es macht nur Sinn sich darin zu bewegen und nicht dagegen. Und das sag ich Ihnen, wo Sie sehr viel jünger sind als ich. Sie wissen das vielleicht sogar sehr viel besser als ich, dass man sich im Internet und auf allen Kanälen heute ganz anders informieren kann als zu meiner Zeit als Student. Da kann man nur versuchen, die Plattform immer wieder neu und mit Phantasie zu nutzen, was aber auch den Reiz an diesem Beruf ausmacht. Das ist etwas, was mich auch hält in dem Beruf, immer wieder aufzuschlüsseln, das einfach authentisch zu erzählen, oder den Nachrichtenfluss zu organisieren, so authentisch es geht. Das ist jeden Tag eine neue Herausforderung, aber das ist eben auch der positive Reiz an der Sache, deshalb ist der Beruf so beeindruckend für mich. Mir hat er unheimlich viel von der Welt gezeigt, ich konnte sehr viel reisen und kann möglicherweise auch in der Zukunft wieder mehr unterwegs sein, wenn ich aus Berlin weggehe. Darüber freue ich mich. Das ist ein Beruf, der gerade im Hinblick auf die elektronischen Medien ein hohes Maß an Verantwortung abverlangt, der einem aber auch sehr viel gibt.

Sie haben es grad schon angesprochen, Sie gehen weg aus Berlin. Nächstes Jahr im Mai werden Sie abgelöst von Ihrem Vorgänger Ulrich Deppendorf. Wie kam es dazu?
Roth: Mein Vertrag hier geht zu Ende, nach fünf Jahren. Wir haben hier in der ARD die Regelung, dass man im Hauptstadtstudio eine drei plus zwei Regelung hat, also drei Jahre plus zwei Jahre und dann ist der Vertrag zu Ende. Ich finde das übrigens gut, auch um der Politik klar zu machen, dass jeder, der hier ist, nur eine beschränkte Zeit hier arbeitet und jetzt nicht die nächsten zwanzig Jahre da ist. So muss sich jeder wieder auf den anderen neu einstellen, und das ist für politische Berichterstattung ein ganz guter Punkt.

Und was wird Ihre neue Aufgabe sein?
Roth: Im Moment sieht es so aus, als wenn ich sehr wahrscheinlich nach Köln zurückkehren werde und dort sicherlich eine leitende Stelle im Sender annehme, aber, wie ich sehr hoffe, noch sehr programmnah, also weiterhin noch sehr viel mit Programm zu tun haben werde. Beispielsweise eine Chefredakteursstelle beim WDR würde ich gerne machen. Aber die Entscheidungen sind alle noch offen, das muss der Sender dann festlegen, ich nehme an, das geschieht etwa im Herbst. Und wenn es dann was anderes werden wird, bin ich auch gespannt. Ich habe eigentlich immer so gelebt, dass ich das gemacht habe, wovon ich selber nicht gedacht hätte, dass ich’s machen werde. Das war in jedem Fall immer spannend. Wer weiß, vielleicht sogar noch mal ins Ausland, auch denkbar.

Der Journalist Thomas Roth wurde am 21. November 1951 in Heilbronn geboren. Er studierte Anglistik und Germanistik in Heidelberg und absolvierte ein Volontariat beim Süddeutschen Rundfunk, wo er u.a. beim SDR 3 moderierte. Roth arbeitete mehr

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