Armin Rohde

Alt ist, wer zu wissen glaubt, wie das Leben funktioniert.

Armin Rohde über seine Rolle als „Herr Bello“, Komik auf Knopfdruck, seine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod und dass es nicht Falten sind, die alt machen

Armin Rohde

© Constantin Film

Herr Rohde, im vergangenen Jahr sagten Sie, der „Räuber Hotzenplotz“ sei Ihre bis dato schwerste Rolle gewesen. Nun haben Sie mit „Herrn Bello“ einen Hundemenschen verkörpert. Wie schwer war diese Rolle?
Rohde: Das war wieder mal sauschwer! Bevor es losging, habe ich mir einen ungeheuren Kopf drüber gemacht, wie man so eine Figur spielen soll: Einen erwachsenen Mann, der eigentlich ein Hund ist… Ich hab mich gefragt: Soll ich jetzt auf allen Vieren laufen? Aber das wäre Blödsinn gewesen. Weil das ja nur der echte Hund macht. Herr Bello hat sich in einen Mann verwandelt, also ist er ein Zweibeiner. Und der geht nun mal auf zwei Beinen…

Wodurch unterscheidet sich Herr Bello von einem normalen Menschen?
Rohde: Letzten Endes ist es die Naivität, die diese Figur charakterisiert. Denn was weiß der Hund schon vom Leben? So viel Ahnung hat der nicht. Der weiß, dass die Laterne unten am besten riecht. Er ist ein Meister im Knochen ein- und ausbuddeln. Und ein paar elementare Tricks und Lebenstechniken hat er drauf, klar. Aber im Vergleich dazu, was sich ein menschliches Gehirn alles merken muss, ist die Festplatte eines solchen Hundes – das sage ich jetzt mal ganz anmaßend – doch eher bescheiden bestückt.

War genau das die Herausforderung: Diese Art von leerer Festplatte zu spielen?
Rohde: Ja. Jemanden, der zwar wie ein erwachsener Mann aussieht, aber vom Leben eines Menschen überhaupt keine Ahnung hat. Der selbst mit Dingen wie Teetrinken und Abendessen überfordert ist, weil er das so noch nie gemacht hat. So wie der sich in der Menschenwelt verhält, so in etwa würden wir uns in Japan verhalten. Wir würden uns andauernd danebenbenehmen. Bei den einfachsten Dingen. Wir beide wären dort schon mit Guten-Tag-Sagen überfordert. Weil wir nicht wissen, wie die es dort normalerweise machen. Und so ein Hund ist in der Menschenwelt noch ahnungsloser als wir beide es in Japan wären…

Sind Rollen, die äußerliche Veränderungen mit sich bringen, besonders reizvoll für Sie?
Rohde: Ja, was wohl damit zusammenhängt, dass ich 12 Jahre lang Theaterschauspieler war. Da wird meistens noch viel kräftiger mit Masken und Verwandlungen gearbeitet als es beim Film der Fall ist. Wenn man mit einer solchen Maske in den Spiegel schaut, weiß man gleich, wie der Spielauftrag lautet. Weil man sofort eine Idee davon bekommt, wie sich jemand, der so aussieht, verhalten würde. Mehr braucht man dann gar nicht zum Spielen. Es gibt dann keine offenen Fragen mehr.

Man darf davon ausgehen, dass es Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes tierischen Spaß gemacht hat, in Ihrer Rolle den Mond anzujaulen und die Hühner aus dem Stall zu klauen. Wie gelingt es beim Drehen derartiger Szenen die Ernsthaftigkeit zu bewahren – oder muss andauernd unterbrochen werden, weil immer jemand lacht?
Rohde: Beim ersten Mal lachen noch alle, beim zweiten Mal auch. Es wird ja mehrfach geprobt. Dann setzt eine gewisse professionelle Gewohnheit ein und es wird weniger gelacht, weil man sich daran gewöhnt hat. Es ist schließlich auch immer ein Arbeitsvorgang. Es ist besonders schwer, dann komisch zu sein, wenn alle wissen, dass es jetzt komisch werden soll. Mach mal irgendwas Lustiges!

Ähm…
Rohde: Genau das meine ich! Das ist die schwerste Aufgabe überhaupt. Genau so wenig wie du jemanden anbrüllen kannst: Jetzt sei doch mal spontan! Entweder ist jemand spontan oder nicht. Letzten Endes kennt am Set jeder die Aufgabe. Natürlich schafft man es hin und wieder, auch das Team zu verblüffen. Mit irgendeiner Kleinigkeit, weil es beim dritten Mal vielleicht noch ein kleines bisschen lustiger geworden ist. Aber irgendwann setzt einfach der arbeitsmäßige Gewöhnungsfaktor ein.

War es nicht ein großes Wagnis, einen Hund imitieren zu wollen? Um in der Hundesprache zu bleiben: Da kann man auch ordentlich auf die Schnauze fallen…
Rohde: Da kann man als Schauspieler tatsächlich ganz schnell der Doofe sein. Irgendwann denken die Zuschauer: Ich weiß, was er meint, jetzt ist aber auch gut, jetzt kann er es auch mal wieder lassen. Deswegen kommt es auch nur in Zitatform vor: Mit dem Jaulen oder dem Einkringeln vor der Tür. Permanent kann man das nicht machen, weil es der echte Hund dann im Endeffekt doch besser kann. Man kann es also nur aufleuchten lassen…

Haben Sie das Gefühl durch Rollen wie die des „Herrn Bello“ jung zu bleiben?
Rohde: Auf jeden Fall. Ich glaube insgesamt, dass die Schauspielerei ein Beruf ist, der jung hält. Und zwar deswegen, weil man sich nie auf irgendetwas verlassen kann. Ich glaube, man wird nicht dadurch alt, dass man Falten im Gesicht bekommt. Sondern dadurch, dass man glaubt, im Leben nichts mehr zu erwarten zu haben. Dadurch, dass man das Gefühl hat, dass nichts Neues mehr kommt, man nichts mehr dazulernt. Es keine neuen Erfahrungen mehr zu machen gibt. Alt sind nur die, die zu wissen glauben, wie das Leben funktioniert. Das sind die ödesten und traurigsten Zeitgenossen, die man sich vorstellen kann. So lange es immer noch irgendetwas zu entdecken gibt, ist man nicht wirklich alt.

Das Älterwerden macht Ihnen also nichts aus?
Rohde: Ich habe keine Angst davor. Nur in dem Sinne, dass ich hoffe, nicht irgendwann auf Grund irgendwelcher Zimperlein bewegungsunfähig zu sein. Dass ich keine Krankheiten habe, die mich nicht so aktiv sein lassen, wie ich gerne wäre. Das ist aber auch das Einzige, was ich fürchte. Dass man irgendwann nur noch mit fremder Hilfe leben kann. Das wäre für mich etwas Beängstigendes. Das reine Älterwerden hingegen genieße ich sogar sehr. Ich bin jetzt gerade 52 geworden und es gibt immer mehr Dinge, die mir gefallen, die ich interessant finde.

Zitiert

So wie sich ein Hund in der Menschenwelt verhält, so in etwa würden wir uns in Japan verhalten. Wir würden uns andauernd danebenbenehmen.

Armin Rohde

Machen Sie sich, da Sie keine Kinder haben, darüber Gedanken, dass irgendwann einmal niemand da ist, der sich um Sie kümmern könnte?
Rohde: Das ist schon ein Gedanke, der hin und wieder auftaucht. Auf der anderen Seite ist es so, dass ich ein Leben lebe, bei dem ich nicht weiß, wo ein Kind seinen Platz finden sollte. Bei mir stehen die Koffer immer halbgepackt unten im Flur. Es lohnt sich gar nicht, sie die Treppe hoch zu tragen. Ich bin daher schon immer froh, wenn ich mich verwaltet bekomme. Wenn ich rechtzeitig da bin, wo ich hin soll und da meine Aufgabe erledigen kann. Es kann sein, dass ich ein guter Papa wäre… Ich weiß jedoch nicht, wie ich es schaffen könnte, der Vater zu sein, der ich dann gerne wäre. Aber okay: Dass dann da eines Tage niemand da sein wird, ist der Preis, den ich zu zahlen habe. Andererseits: Meine Frau ist 15 Jahre jünger als ich (grinst). Und es gibt viele Freunde verschiedenen Alters. Ich glaube, zumindest vor einem späteren Alleinsein muss ich keine so ganz große Angst haben.

Sie sagten eben, dass immer ein gepackter Koffer im Flur steht. Wie gefällt Ihnen dieses intensive Leben, das Ihnen kaum Raum lässt, zur Ruhe zu kommen?
Rohde: Damit arrangiert man sich. Es wird zwar mühsamer. Das Unterwegssein macht mir nicht mehr ganz so viel Spaß wie früher. Ich halte es inzwischen auch schon mal ein, zwei Monate zu Hause aus, ohne mich zu grämen. Der Wechsel zwischen den Rollen ist gar nicht das Komplizierte an dem Beruf, sondern das ist der ständige Ortswechsel! An den einen Ort kommt man mit dem Flugzeug, zu einem anderen mit dem Auto, zum nächsten mit dem Zug. Wenn ich mit dem Zug fahre, muss ich aber am nächsten Tag mein Auto wiederhaben, weil ich zum nächsten Ort wiederum nur mit dem Auto hinkomme… Diese logistischen Fragen sind das Komplizierte an dem Beruf.

Haben Sie sich eigentlich seit den Dreharbeiten zu „Herr Bello“ mal dabei erwischt, wie sie versucht haben, in einem Hund etwas Menschliches zu sehen?
Rohde: Ich habe nicht so sehr diesen Hang zur übermäßigen Identifizierung mit dem was ich spiele. Ich tu’ immer nur für ein paar Wochen so „als ob“. Und dann kommt sofort das nächste „als ob“. Das sehe ich ganz spielerisch. Das ist bei mir überhaupt nicht pathologisch belastet (lacht).

Glauben Sie an so etwas wie eine Wiedergeburt oder an ein Leben nach dem Tod?
Rohde: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass man als Hund oder als Schnecke wiedergeboren wird. Ich glaube, wenn es so etwas wie Wiedergeburt gibt, dann kommt man in einer Form wieder, die man sich als Mensch überhaupt nicht vorstellen kann. Viele Ärzte sagen ja auch, dass sie, je öfter sie den Sterbevorgang erlebt haben, umso öfter das Gefühl haben, dass da noch etwas ist. Aber als was man dann wiederkommt? Ob nun als elektrisches Signal, als explodierender Stern, als Ammoniakverbindung oder als Gaswolke. Das weiß keiner! Aber als irgendetwas wird man wiederkommen.

Da sind Sie sicher?
Rohde: Im Weltall geht nichts verloren. Ich weiß nicht, wie das mit all dem Zeug ist, das man in seinem Leben gedacht, gesagt und getan hat. Ob es davon noch irgendeine Art von Manifestation geben wird. Aber garantiert wird das Ganze, das es nach meinem Tod von mir noch geben wird, nicht mehr Armin Rohde zu sich sagen. Es wird auch auf diese Ansprache nicht reagieren. Aber das muss mich auch gar nicht interessieren. Die Vorstellung läuft hier und jetzt! Zu allem, was danach kommt, gibt’s noch keine überzeugenden Erkenntnisse. Nur Spekulationen und philosophische Erörterungen jeder Couleur, die mal mehr, mal weniger spannend sind. Wir wissen nicht, was danach kommt und können es auch nicht beeinflussen. Wenn ich Buddhist wäre, müsste ich sagen: Es hat mit dem Kanon zu tun: Umso besser ich mich im Leben verhalte, desto besser wird es mir danach ergehen…

Sie glauben nicht daran?
Rohde: Wenn es denn mal so wäre und man sich darauf einstellen könnte! Ich vermute, dann würden sich manche auch ein bisschen besser benehmen. Man weiß es ja aber nicht. Und ich glaube es eher nicht. Ich glaube vielmehr, dass es für das jetzige Leben wichtig ist, dass man mit der Welt so umgeht, wie man sich wünscht, dass die Welt mit einem umgeht. Warum soll ich mir heute über das, was danach kommt, den Kopf zerbrechen? Das macht keinen Sinn! Ich versuche, das jetzige Leben zu genießen, denn ich habe diese einmalige Chance, zwischen zwei Ewigkeiten dabei zu sein. Riechen, schmecken, sehen, hören zu können. Alle diese tollen Dinge tun zu können.

Leben Sie intensiver, wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass Ihr Dasein endlich ist?
Rohde: Schauspieler zu sein eröffnet mir diesbezüglich schon einmal große Chancen. Kein Tag ist wie der andere. Man ist ständig mit neuen Leuten zusammen, erlebt andauernd etwas Anderes. Man wird immer mit anderen Aufgabenstellungen konfrontiert. Auch während eines Tages, nicht nur von Rolle zu Rolle. Weil man ständig an neuen Sets ist, immer wieder auf neue Gegebenheiten eingehen muss und nicht sagen kann: Ich mache das jetzt nicht, weil es mir hier nicht gefällt. Man muss damit einfach umgehen. Es wird eine große Bereitschaft erwartet, mit den unterschiedlichsten Situationen produktiv umzugehen. Das ist auch ein sehr gutes Training fürs Leben.

Empfinden Sie es als anstrengend, jeden Tag 100 Prozent geben zu müssen?
Rohde: Nee, denn das ist der Beruf. Mich hat ja keiner dazu gezwungen, das zu machen. Ich sag zwar hin und wieder meine Eltern hätten das getan, aber das stimmt so nicht und ich nehme es hier an dieser Stelle zurück (lacht). Ich habe mir den Beruf ausgesucht und übe ihn auch sehr gerne aus. Wenn ich mich da jetzt durch Druck oder Druckempfinden einschüchtern lassen würde, dann wäre der Spaß für mich vorbei. Dann würde ich mir etwas Anderes suchen.

Sie waren zuletzt öfter in Kinderfilmen zu sehen. Was reizt Sie an diesem Genre?
Rohde: Das Spannende an Kinderfilmen ist, dass es immer sehr farbige Figuren sind, die man da spielen kann. In anderen Filmen sind die Figuren stärker an die Normalität angelehnt. Märchenfiguren bieten die Möglichkeit, Farben auszuspielen, die man sonst nicht hervorkehren kann. Ich mache das aber nicht programmatisch. Es hat sich halt so ergeben, dass der eine oder andere Kinderfilm dabei war.

Welche Rollen würden Sie gerne noch spielen?
Rohde: Julius Cäsar, Martin Luther, Heinrich den Starken, Götz von Berlichingen… Aber als Filme! Theater ist im Moment nicht so mein Thema.

Und wann werden Sie Tatort-Kommissar? Schon vor einigen Jahren sollten Sie Manfred Krug in Hamburg ablösen…
Rohde: Die Rolle als Tatort-Kommissar ist mir mehrfach angeboten worden. Und ich sag niemals nie. Kann sein, dass ich das irgendwann noch mache. Der Tatort ist ein schönes Format. Aber im Moment ist es so, dass ich lieber sechs verschiedene Rollen pro Jahr spiele, als mich auf eine zu beschränken. Es macht mir riesigen Spaß, immer auf einer anderen Baustelle zu finden zu sein. Immer in anderer Kostümierung, immer mit einer anderen Aufgabenstellung…

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