Bernardo Atxaga

Wir schlittern munter in einen weltweiten Totalitarismus hinein – und keinen kümmert’s.

Bernardo Atxaga über seinen Weg vom Ökonom zum Schriftsteller, den Terrorismus-Diskurs, die Großstadt als Geburtsstätte für Avantgarde, politische Veränderungen in Spanien und den Vorteil seines Künstlernamens

Bernardo Atxaga

© Daniel Khafif

Her Atxaga, Sie gelten als einer der renommiertesten zeitgenössischen spanischen Schriftsteller, doch vor Ihrer literarischen Karriere begannen Sie als diplomierter Ökonom. Von der Marktwirtschaft zur Poesie – wie kam es zu diesem Wechsel?
Atxaga: Nun, ein deutscher Maler sagte einmal: „Nicht ich schreite zum Licht –es ist die Dunkelheit, die mich antreibt!“…das trifft es wohl am Besten. Mit 24 Jahren begann ich direkt nach der Hochschule als Betriebswirt zu arbeiten – und mit 28 Jahren habe ich jegliche Arbeit dieser Art verlassen. Es waren die Dunkelheit und die Kälte in diesem Umfeld, welche mich antrieb, denn eigentlich hatte ich zwar seit jeher immer viel gelesen, aber ich habe nie beabsichtigt, hauptberuflich zu schreiben – doch die Umstände jener Zeit bewogen mich dazu: Ich war völlig unzufrieden mit meiner wirtschaftlichen Arbeit, immer nur beschäftigt mit Krediten, Wachstum, Provisionen und Prozenten…ich habe fast nichts mehr um mich herum wahr genommen. Schließlich zog ich nach Barcelona, wo ich noch einmal zu studieren begann, dieses Mal Philosophie und Literaturwissenschaften. Bald begann ich endlich, vollkommen selbstständig zu schreiben und zunächst war ich in der Literaturwelt natürlich vollkommen neu und unerfahren. Dieser radikale Wechsel von der Wirtschaftlichen Basis zu den Sphären der Literatur war definitiv wichtig und richtig.

Ihr richtiger Name lautet Joseba Irazu. Weshalb benutzen Sie für Ihre schriftstellerische Arbeit ein Pseudonym?
Atxaga: Mein erste größere Publikation, eine Anthologie, wurde 1972 veröffentlicht – komplett in baskischer Sprache geschrieben. Und das zu einer Zeit, wo wir alle noch unter der Knute der Franco–Diktatur lebten. Dass Franco versuchte, die iberischen Sprachen, vor allem die baskische, zu unterdrücken, hat meine Situation nicht gerade vereinfacht: Schon alleine die Tatsache, auf Baskisch zu schreiben, hat jeden Autor sofort in den Verdacht separatistischer oder gar extremistischer Ideen gerückt. Baskisch zu schreiben, war in politischer Hinsicht absolut verwerflich und verdächtig! Egal, was man schrieb!
Der Pfarrer meines Heimatortes sagte mir einmal: „Alle Welt redet schlecht von der Schlange. Doch in der Bibel wird sie als weise und klug beschrieben. Und Weisheit und Klugheit sind eine große Tugend!“ Diese Lektion habe ich mir immer gemerkt und es ist tatsächlich klug gewesen, mir dieses Pseudonym zuzulegen. Und mein Künstlername hat mir wirklich verdammt viel geholfen: Dreimal wurde ich, vielmehr mein Alter Ego Bernardo Atxaga angeklagt, doch niemand kam, um mich vor Gericht zu holen, denn ein Bernardo Atxaga war nirgends registriert. Das wäre heute bestimmt anders, doch nun habe ich seit vielen Jahren diesen Namen benutzt, er ist wie eine Marke. Noch etwas: Wenn Du mit Pseudonym schreibst, ist die Hälfte des Weges schon geschafft…(schmunzelt)…das hat beinahe etwas Romantisches!

Sie sind nun im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Instituto Cervantes nach Berlin gekommen. Ist es Ihr erster Berlin-Besuch? Wie nehmen Sie diese junge Metropole wahr und wie empfinden Sie es, Ihren Lesern hier zu begegnen?
Atxaga: Ach, ich komme häufig nach Deutschland. Als Schriftsteller ist das hier mein zweiter Besuch in Berlin: Für die Präsentation einer meiner Kindergeschichten, die vom Berliner Ensemble in Theaterform umgeschrieben wurde, kam ich bereits einmal hierher.
Ich glaube, dass diese Metropole wie die meisten Metropolen sehr geeignet ist, um neue kulturelle Inhalte und kulturelle Avantgarde zu entwickeln. Die richtige Frage könnte aber eher lauten: Warum scheint es notwendig, sich stets an einem Ort zu versammeln? Nun, damit sich die kühnsten Ideen einmal behaupten und durchsetzen können, ist es immanent wichtig, dass sie auf einer kleinen gemeinschaftlichen Basis stehen, dass sie auf ein Ohr von mehreren Menschen treffen. Pablo Picasso wurde mit zunehmendem Erfolg nicht nur als Künstler, sondern auch als Kunsthistoriker befragt, weshalb der Kubismus, mit dem neben vielen anderen Künstlern auch seine internationale Karriere begann, ausgerechnet in Paris seinen Anfang nahm. Er gab zur Antwort, dass sich die Künstler stets gegenseitig halfen, sich unterstützten, ihre Arbeiten begutachteten und weiter empfahlen. Sie schufen einen eigenen sozialen Humus, der ihren Gedanken zum Blühen verhalf. Dann, durch und vor allem direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, verfiel die Avantgarde in einen Rückschritt. Paris war praktisch ein geistiges Vakuum und die Künstler waren alleine mit sich und der Welt. Sogar Picasso änderte seinen Stil und arbeitete weniger pittoresk als mehr naturalistisch. Es sind die Menschen, die den Ort gestalten. Für junge Menschen, speziell junge Künstler ist die soziale, d.h. gemeinschaftliche Basis – in diesem Sinne sozial – absolut lebenswichtig, damit sie sich verstanden und geschätzt fühlen können. Wir leben in einer sehr harten Welt. Kreative Kokons bilden hier einen Ausweg.

Und die Stadt bietet dafür den besten Nährboden…
Atxaga: Die Generation 27 (spanische Schriftstellergruppe, Anm. d. Red.) konnte sich damals Ende der 20er Jahre einfach kennen lernen, entfalten und ihre Arbeit entwickeln, denn die Künstler haben sich oft getroffen, ihre Werke vorgeführt und gemeinsam ihrem Publikum vorgestellt. Das ging nur in der neuen Umgebung einer Großstadt, Avantgarde muss frei sein. Luis Buñuel wäre vermutlich niemals bekannt geworden, hätte er seine Filme in seinem Heimatdorf präsentiert – viel zu modern für eine konservative Umgebung. Da muß man raus! Die Stadt bietet dem Geist Platz! Und Berlin ist eine sehr kosmopolite Stadt mit Menschen aus vielen Nationen, Ethnien und Religionen. Da kann man sich entfalten!

Wenn Sie unter dem kosmopoliten Aspekt Berlin mit Madrid vergleichen, so stellen Sie fest, dass Spanien traditionell viel weniger Immigranten hatte, weniger heterogen war. Spanien war eher eine Auswanderernation. Seit ein paar Jahren hat sich dieser Zustand um 180 Grad gedreht. Die Spanier bleiben im Land und mehr Ausländer ziehen hinzu, gerade durch die afrikanischen Flüchtlinge. Wie bewerten Sie die heutige Situation Spaniens als Einwanderungsland?
Atxaga: Schwierig! Es gibt eine Minderheit, die meint, wenn man alle von außen mit offenen Armen empfänge, dann ist die Integration schon vollzogen, obwohl hier ein gesellschaftlicher Veränderungsprozeß mit vielen Komplikationen stattfindet, der für beide Seiten riskant sein kann. Einfach rein, nicht nachdenken – das ist naiv. Es ist sehr wichtig, dass die neuen Mitbürger die gleichen Rechte erhalten wie die Spanier. Fakt ist, dass die Immigranten längst unter uns sind. Sie sind auch nicht mehr wegzudenken, da sie intensiv die Produktionsfähigkeit unseres Landes gewährleisten. Schauen Sie auf die Obstplantagen: Wer arbeitet denn da? Spanier? Nein! Und im Sanitärwesen? Im Transport? So, und gleichzeitig sind diese Menschen nicht integriert, sie haben keine richtigen Pässe, sind keine EU–Bürger, sprechen schlecht spanisch, nehmen nicht am kulturellen und traditionellen Leben teil. Was folgt? Ghettobildung. Aufstiegschancen Null. Saatgut rechter Gedanken für die Xenophoben. Kann unser Land das menschenwürdige Leben nicht besser organisieren? Ich glaube, dass die meisten Spanier – psychologisch – leider nicht sehr vorbereitet sind, um die Immigranten wirklich aufzunehmen. Wir führen seit langer Zeit einen Diskurs über die rassistischen USA und die Gettoisierung dort. Nun werden wir mit ähnlichen Problemen konfrontiert, aber unsere Gesellschaft ist im eigenen Land nicht vorbereitet. Das Thema Immigration hat uns durch die Flüchtlinge auf schlimmste Art und Weise eingeholt: Ohne richtige Kenntnis über ihre Herkunftsländer, ohne Ideen zur sinnvollen Integration und leider auch ohne Respekt für die Menschen.

Und was glauben Sie, wie sich die Situation in den nächsten Jahren entwickeln wird?
Atxaga: Ich sage Ihnen: In weniger als zehn Jahren werden wir es in Spanien mit einer extremen Rechten zu tun haben, die bereits existiert und weiter wächst, so wie die FN in Frankreich. Sehen Sie, was gerade in Frankreich und anderswo in der EU passiert, LE Pen hier, randalierende maghrebinische Jugend dort. Beides verankert in der Gesellschaft ohne Rezept zur Diffusion. Und wir werden in Spanien auch unseren Le Pen aufsteigen sehen. Und wenn nicht: Um so schlimmer, denn dann bedeutet das, dass die überwiegende Mehrheit der Spanier bereits auf den Spuren Le Pen’s folgt ! ! !

Wollen wir Besseres hoffen! Kommen wir nun zur Adaption Ihrer literarischen Werke im Kino: Was halten Sie von den Verfilmungen Ihrer Bücher?
Atxaga: Nun, die Protagonisten meiner Erzählungen sind wie ein Traum, der sich auf der Leinwand materialisiert: Sie bekommen Stimme, Körper und Gestik. Irgendwann sind diese Figuren durch ihre visuelle Umsetzung festgelegt. Das dringt ins kollektive Gedächtnis: Wir alle kennen das Bild von Miguel de Cervantes` Don Quijote als hagere Gestalt auf klapprigem Ross mehr, als dass wir Cervantes’ Roman gelesen haben, was an den vielen Illustrationen und Filmadaptionen zu Don Quijote liegt.
Sie können sich das wie einen ersten Strich auf einem Pergament vorstellen, einen Entwurf, der in der Erzählung wie ein Drehbuch klar festgelegt wird. Und dann später, je mehr Linien hinzukommen, desto mehr formt sich für den Betrachter ein Bild, das mit Ausmalung der Farben schließlich zur Figur wird. Das ist wundervoll! Ich glaube, dass die filmische Adaptation meiner Figuren größtenteils gut gemacht ist. Der Film „Esos Cielos“ basiert praktisch völlig auf der weiblichen Protagonistin. Eine großartige Interpretation von Schauspielerin Nagore Aranburu und von Regisseurin Aizpea Goenaga, beides Basken.
„Obaba“ ist ein Spielfilm mit weit mehr filmischen Effekten. Er weicht etwas von meinem Buch ab, doch er reflektiert fast vollständig alle Kapitel und Perspektiven, die in meinem Buch erzählt werden. Die für mich spannendste Person, die in „Obaba“ filmisch dargestellt ist, ist die des deutschen Kindes und seines deutschen Vaters, dem Ingenieur (gespielt von Peter Lohmeyer). Gut dargestellt, faszinierend umgesetzt ist auch das Thema mit den Minen und das Phänomen der Fremde, als Deutscher in Spanien kurz nach dem Krieg.

Ihre Geschichten, vor allem „Esos Cielos“ handeln viel vom Baskenland. Das Thema Separatismus und Terrorismus wird entsprechend oft von Ihnen beleuchtet. Terrorismus in Spanien bedeutete über Dekaden „Baskenland“. Das hat sich seit einigen Jahren verändert: Wie bewerten Sie aus Ihrer persönlichen Sicht den nunmehr weltweiten Diskurs zum Thema Terrorismus?
Atxaga: Pfah! Unter dem Decknamen des Terrorismus verstecken sich viele Formen von Gewalt, eine brutale Gewalt, die im Laufe der Geschichte immer wieder neue Gesichter und neue Formen entwickelt hat. Gegenwärtig befinden wir uns in einer neuen Epoche, in einer neuen Phase von Gewalt: Heutzutage scheint diese Gewalt viel präsenter und viel bekannter in unserem täglichen Leben zu sein. Durch das Phänomen Al-Qaeda und ihre radikalreligiöse Ausrichtung wird auch die Politik weltweit stark beeinflußt. Das politische Gesicht dieses Planeten wird durch die Aktivitäten Al Quaedas völlig verändert werden – es scheint sich um einen unbezwingbaren Gegner zu handeln, da die Formeln simpel sind: Es wäre irreführend, für die Ursache dieser Form von Terror Gründe wie Armut, Rassismus und Benachteiligung als Erklärung für religiösen Fanatismus heran zu bemühen. Es ist genauso irreführend, zu glauben, man könne sich mit einer Bombe bewaffnet in irgendeine Gruppe Menschen hineinschmeißen und mit einem lauten Knall ins Paradies aufsteigen. Wahnsinnige Aktionen entstehen im Wahn. Man wähnt sich im Recht, doch der Wahn blendet.
Und was folgt? Ich habe selber miterlebt, wie viele Länder wie die Vereinigten Staaten sich dadurch bereits verändert haben: Der gesamte politische Diskurs ist verschmutzt, fast emotionslos werden sämtliche Utopien, Ideale und Alternativen für ein modernes, ein besseres Leben umgestürzt, alles zum Wohle der Sicherheit, wie es heißt: Wir schlittern munter in einen weltweiten Totalitarismus hinein – und keinen kümmert’s. Wo es früher Demonstrationen gab, wie beispielsweise beim Einschnitt in die persönliche Freiheit, gibt es heute höchstens Pressemeldungen. So einfach geht Diktatur. Schauen Sie: Als anläßlich der Gräuel im Vietnamkrieg viele US–amerikanische Künstler, Poeten, Intellektuelle auf den Straßen gegen den Irrsinn ihrer Regierung protestierten, waren die Medien wochenlang gefüllt mit den Bildern der Protestaktionen. Das wurde zum eigentlichen Problem für die Kriegsfalken im amerikanischen Kongreß. Das hat das Kriegsende in Vietnam mehr beschleunigt als der Widerstand des Vietcong.

Wie protestfreudig sind denn heute die Spanier?
Atxaga: Alle Bibliotheken in Spanien, ob Stadt oder Land, organisierten lange Zeit Lesungen und Diskussionen gegen den Irakkrieg. Kein Medium, keine offizielle Pressestelle hat das groß interessiert. wäre das Internet nicht gewesen, wo in entsprechenden Portalen regelmäßig über die Proteste seitens der spanischen Intellektuellen berichtet worden wäre, hätte man meinen können, es gäbe in Spanien keinen Protest gegen den Irakkrieg. Das Internet hat sich längst als einziger Ausweg aus diesem Mediendiktat entwickelt. Leider ist das so.

Sie dieses Mal nach Deutschland gereist, um ihren Roman „Der Sohn des Akkordeonspielers“ vorzustellen. Wovon handelt der Roman?
Atxaga: Im „Sohn des Akkordeonspielers“ geht es um alles, was ich jemals über das Baskenland geschrieben habe, es ist eine Art Zusammenfassung über seine Bewohner, seine Kultur und das baskische Leben. Es ist ein Ort auf dieser Welt, wo die Welt den Namen „País Vasco/Baskenland“ vernimmt. Ich spreche hier über aktuelle Ereignisse und wenn man die Gegenwart beschreibt, dann gibt es natürlich immer jemanden, den das stört, der sich auf den Schlips getreten fühlt und der plötzlich anfängt, Tomaten oder Steine zu schmeißen. Heutzutage sucht man die Polemik und das Spektakel mehr als die inhaltliche Diskussion. Das ist effektvoller für viele. Mir ist ähnliche Polemik schon in meinen früheren Werken zuteil geworden, doch dieses Mal bin ich den Kritiken vorher entkommen. Das Buch wird sehr gut von den spanischen Lesern aufgenommen und damit ist den Polemiken auch etwas der Wind aus den Segeln genommen worden.

Haben Sie auch schon Reaktionen aus Deutschland bekommen?
Atxaga: Normalerweise reichen meine deutschen Ausgaben hälftig an ihre spanischen Auflagen an. Kurioserweise ist das Buch, welches in Deutschland am meisten verkauft wurde, nämlich „Memoiren einer baskischen Kuh“, in Spanien gar nicht so populär. Sogar die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ besprach das Werk: In der Rezension wird etwas schmunzelnd von einem Buch gesprochen, das einen „agrophilosophischen“ Humor besitzt, wie auch immer das gemeint sei, aber es war auf jeden Fall positiv. Ich glaube, das aktuelle Buch könnte etwas besser in Deutschland laufen – ich hoffe, dass die aktuelle Auflage verkauft wird.

Welche Bedeutung hat für Sie die Arbeit des Instituto Cervantes in Deutschland?
Atxaga: Also, das Instituto Cervantes funktioniert und arbeitet in Deutschland tadellos, ich glaube, weit besser vielleicht, als in manch anderen Ländern. Das Institut leistet auf vielen Ebenen eine enorm wichtige und brillante Arbeit, um spanische Schriftsteller zu promoten und zu unterstützen und bedeutet für uns Autoren einen besonderen Schub nach vorn. Wir könnten alleine kaum für die mediale Präsentation in anderen Ländern sorgen. Denn: Man muß sich vor Augen halten, dass die Präsentation eines Autors im Ausland für einen Verlag immer sehr teuer ist. Gerade nordamerikanische Autoren drängen einfacher auf internationale Buchmärkte, weil ihre Verleger mehr Kapital für die Verbreitung ihrer Werke im Ausland ausgeben – das bedeutet mehr Übersetzungen, mehr Marketing, mehr Networking, mehr Reisen etc. Das kostet eine Menge Geld. Als Nicht-Amerikaner wird das dann schon schwieriger. Von daher: Die Arbeit des Instituto Cervantes ist von unschätzbarem Wert, wirklich! Und: Die Übersetzer, die immer wieder viel zu kurz kommen, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich für ihre Leistung erwähnen: Ohne Übersetzer wäre ein Über-setzen durch die Wüste in eine andere Sprachwelt gar nicht möglich, Respekt vor dieser minutiösen und aufwändigen Arbeit!

Welche Projekte verfolgen Sie aktuell. Woran schreiben Sie?
Atxaga: Oh, gerade jetzt möchte ich mich vor allem inhaltlich verändern: Zum Thema Baskenland ist von meiner Seite jetzt alles gesagt und erzählt. Nun brauche ich etwas mehr Humor, mehr Freude in meiner Literatur: Ein Art Humor, die für mich wie ein „Surfen auf der Sprache“ ist: Es handelt sich um eine Analyse der Zeitungssprache, speziell Sport und hier speziell, wenn es sich um Fußball dreht: Die Reporter schreiben in einer rhetorisch-episch-heroischen Fabulierkunst – man spricht heute über Ronaldinho wie man früher über Alexander den Großen schrieb. Der Stil ist überzogen, euphorisch und – absurd. Es gibt kaum etwas Aufgeladeneres als die fast schrill-poetische Sprache, die für den Fußball verwendet wird. Das ist etwas, was ich übernehmen oder beschreiben werde.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration, wenn Sie schreiben?
Atxaga: Hmmm…Novalis sagte einmal: „Fragen sind wie Netze!“: Sofern jemand feines Gedankengut besitzt, sind auch die Gitter im Netz sehr fein und man wird auch die kleinsten Fische fangen können. Doch wenn das Gedankengut tumb und ignorant ist, dann wird man nicht mal einen Pottwal fangen können, so groß sind die Lücken. Man muß die Gedanken und die Fragen ordnen, sichten und verfeinern, ständig verfeinern.
So ist das mit der Inspiration…man verfeinert und sensibilisiert das Geschehen um sich herum…ich habe das Glück, ein Hotelzimmer hier in Berlin zu bewohnen, das mir einen wunderbaren Blick auf die Züge und Bahnen erlaubt. Mir gefallen Züge sehr, sie haben mich immer fasziniert…diese rasenden Stahlkolosse auf zwei Linien, da gibt es etwas, was ich nicht beschreiben kann und was mich sehr inspiriert, was mich zum Denken anregt. Alles folgt in Serien…und man muß wissen, wann man aussteigt.

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