Judith Holofernes

Ich muss keine Virtuosin sein.

Nachdem sich „Wir sind Helden“ im Jahr 2012 eine Pause auf unbestimmte Zeit verordnet haben, veröffentlichte Frontfrau Judith Holofernes vor kurzem das Soloalbum „Ein leichtes Schwert“. Im Interview spricht sie über die Arbeit ohne Band, den Zwiespalt zwischen Familien- und Musikerleben, ihr Gitarrenspiel und seltsame Anfragen der Werbeindustrie.

Judith Holofernes

© Four Music

Frau Holofernes, in Anlehnung an den Titel Ihres neuen Albums: Reicht ein „leichtes Schwert“, um sich als Solokünstlerin zukünftig gut verteidigen zu können?
Judith Holofernes: Ich glaube, ein leichtes Schwert funktioniert besser, als ein schweres Schwert, es fliegt schneller und ist nicht zu unterschätzen (lacht)! Es stand ja auch kein großes Konzept hinter dem Titel, er ist mir zugeflogen, bevor ich überhaupt das zugehörige Lied geschrieben hatte. Ich habe irgendwann zu Pola (Ehemann von Holofernes und Schlagzeuger bei Wir sind Helden, d. Red.) gesagt, ich muss wieder ein leichteres Schwert führen. Erst danach habe ich gemerkt, dass ich es auch lustig finde, im Kontext mit meinem Künstlernamen…

…der auf den Feldherren Holofernes aus dem Alten Testament verweist, der von Judith ermordet wird.
Holofernes: Genau. Mir gefiel es dann auch schnell als Albumtitel, weil es in gewisser Weise für die Zeit steht, in der das Album entstanden ist. Und weil ich mehr Leichtigkeit in meinem Leben etablieren möchte, die dann aber auch mehr Wumms haben soll.

Wie ist die Idee gereift, in der Bandpause ein eigenes Album aufzunehmen und zu veröffentlichen?
Holofernes: Dass ich ein Soloalbum aufnehme, habe ich eher beiläufig bemerkt. Als wir mit Wir sind Helden in die Pause gingen, habe ich erstmal gar nicht gewusst, was ich machen wollte. Ich hätte damals eher darauf gewettet, dass ich vielleicht ein Buch schreibe und mich ganz introvertiert für fünf Jahre in mein Arbeitszimmer zurückziehe. Stattdessen habe ich wahnsinnig viel Musik gehört und auch wieder Gitarre gespielt und die Ideen, die mir dabei gekommen sind, habe ich dann ganz ‚Lo-Fi‘ mit der Software „GarageBand“ am Computer aufgenommen. Als ich dann irgendwann sieben Stücke eingespielt hatte, wurde mir klar: Offensichtlich mache ich eine Platte (lacht)!

Sie haben schon vor Gründung der ‚Helden‘ eine Soloplatte veröffentlicht, „Kamikazefliege“ von 1999. Ist das ein Zeitdokument, auf das Sie noch gerne angesprochen werden?
Holofernes: Klar. Ich war 19, als ich die Songs geschrieben habe, und höre das denen natürlich auch noch an. Ich kriege davon immer noch hochgeklappte Fingernägel, wie wohl jeder, der sich sein Jugendwerk anhört. Aber die Songs finde ich trotzdem immer noch schön.

Da Sie bei den Helden sowohl texten als auch Songs schreiben: War es leichter oder schwerer, das nun alles im Alleingang zu machen?
Holofernes: Beides (lacht)! Es war sehr frei, dieses Mal, weil niemand auf irgendwas gewartet hat, und nicht die Bedürfnisse von anderen Leuten mit reingespielt haben. Vorher, in der Band, waren einfach immer unfassbar viele Ideen da. Das war ein Segen, weil wir deswegen in zwölf Jahren nie an den Punkt gekommen sind, wo wir das Gefühl gehabt hätten, jemand müsse jetzt mal aus dem Quark kommen, mit einer neuen Idee. Auf der anderen Seite ergab sich daraus für mich in der Band auch ein gewisser Druck, weil ich wusste, dass ich das Nadelöhr bin. Denn wenn ich keinen Text und keine Melodie zu einem Song schreiben könnte, dann würde diese tolle Musik im Schrank verschwinden.

Dieser Druck war beim Soloalbum nicht da?
Holofernes: Doch, weil ich ja wusste, dass ich alleine den letzten Schritt gehen muss. Aber die ersten Monate fühlte ich mich total frei. Ich musste mich mit der Aufnahmetechnik auseinandersetzen und mit meinem Gitarrenspiel, das war toll. Und dann gab es die Durststrecken, wo ich mir gewünscht hätte, ein Gegenüber zu haben, mich mit jemandem austauschen zu können. Da hatte ich öfter mal den Hörer in der Hand, um Jean (Gitarrist von Wir sind Helden, d. Red.) anzurufen. Zum Glück hatte ich aber Ian Davenport, den Produzenten im Rücken, der mir immer gesagt hat, ich soll cool bleiben.

Es hat also nicht alles in selbstverordneter Isolation stattgefunden…
Holofernes: Nein, ich wusste, dass ich die Platte mit Ian zusammen machen wollte. Als wir ins Studio gegangen sind, dachte ich, dass ich unbedingt noch einen Gitarristen bräuchte, jemand, der so Gitarre spielt wie ich, nur besser. Woraufhin Ian meinte, ich könne stattdessen auch einfach üben (lacht)! Dafür habe ich mich dann entschieden und bin sehr froh darüber.

Wurden Sie denn schon oft für Ihr Gitarrenspiel kritisiert? Oder war das jetzt nur übertriebene Bescheidenheit?
Holofernes: Ich hatte zeitweilig ein Problem mit meinem Gitarrenspiel. Wahrscheinlich weil ich zu einem frühen Stadium in der Band recht tragend Gitarre spielen musste, ohne dass ich mir das ausgesucht hätte. Damals habe ich mich nicht besonders stark als Gitarristin wahrgenommen. Und plötzlich stand ich dann bei „Rock am Ring“ vor ganz vielen Leuten, musste singen und Sachen auf der Gitarre spielen, die sich zum großen Teil Jean ausgedacht hatte, der natürlich nie gleichzeitig dazu gesungen hat. Die Gitarrenparts auf meiner neuen Platte habe ich parallel mit dem Gesang entwickelt. Und mittlerweile bin ich sehr im Reinen damit, wie ich Gitarre spiele. Ich weiß, dass ich keine Virtuosin bin – aber ich muss ja auch keine sein.

Wie wichtig ist Ihnen der Erfolg des Soloalbums? Gibt es da noch Ansprüche, die befriedigt werden wollen?
Holofernes: (Überlegt) Meine Erfolgsdefinition ist sehr spezifisch, ich weiß für mich selbst ziemlich genau, wann ich Erfolg gehabt habe. Aber wenn so ein Wettbewerbsgedanke mit reinspielt, wie beispielsweise bei der „1Live Krone“ dieses Jahr, dann ist es schwer, sich von den vorhandenen Begehrlichkeiten nicht anstecken zu lassen. Wenn ich am Ende eines Jahres sagen kann, dass ich lauter Sachen gemacht habe, die ich toll fand und die ich machen wollte, dann hatte ich Erfolg. Andererseits will ich natürlich schon, dass es die Leute erreicht, und nicht bloß vor zehn Leuten auftreten, da bin ich schon ehrgeizig.

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Wir Sind Helden haben sich größtenteils beim „Popkurs“ in Hamburg kennen gelernt. Glauben Sie, dass erfolgreiches Musizieren erlernbar ist? Oder sind Sie trotz des Kurses eher Vertreterin des „Do It Yourself“-Gedankens?

Holofernes: Für mich war das eher eine Art Kontaktbörse, denn ich war vorher relativ lange und verzweifelt auf der Suche nach einer Band. Ich schätze zwar die Leute, die diesen Popkurs machen, da sind viele tolle Lehrer, aber ich könnte nicht mit voller Überzeugung behaupten, dass das für alle Leute richtig ist, solch einen Kontaktstudiengang zu besuchen. Ich war da über weite Strecken total eingeschüchtert und habe mich sehr fehl am Platz gefühlt. Man hat mich dort angenommen wegen meines Songwritings, während alle um mich herum wegen ihres tollen Gesangs oder ihres fantastischen Gitarrenspiels da waren. Ich hatte einfach noch nicht richtig den Wert dessen erkannt, was ich kann, und die Kurse waren einfach nicht auf jemanden wie mich zugeschnitten.

Jetzt, wo der Alltag als Solokünstlerin wieder losgeht: Wie ist denn Ihr momentanes Gefühl bezüglich der stetigen Frage, ob Musikerleben und Kinder vereinbar sind?
Holofernes: Also heute Nacht habe ich neuneinhalb Stunden geschlafen (lacht)! Es war das erste Mal, dass ich dachte, dieses Soloding könnte funktionieren! Die große Veränderung ist ja, dass Pola nicht mit auf Tour kommt. Sonst wären wir ja auch schön bescheuert, weil sich für unsere Familiensituation nichts verändern würde. Trotzdem haben wir relativ lange dafür gebraucht, diesen Entschluss zu fassen, das war ein kleiner Kampf, denn wir wollten nicht in einem Jahr wieder an dem gleichen Punkt angelangt sein, an dem wir bei den Helden zuletzt waren.

Tourstress, künstlerische Differenzen, Familienleben, Logistik, Schwangerschaft – was zerreißt eine Band auf Dauer wirklich, nach Ihrer eigenen Erfahrung?
Holofernes: Es ist schwer zu sagen, was am Ende den Ausschlag gibt. Bei uns wurde es einfach irgendwann zu schwer, die Band aufrecht zu erhalten. Wir waren eigentlich ja schon fünf Jahre über den Punkt hinaus, an dem man hätte sagen müssen, dass es so nicht weiter gehen kann. Wir haben von Anfang an in drei verschiedenen Städten gelebt, wir hatten am Schluss fünf Kinder auf die Band verteilt. So mussten sich für jede Bandbesprechung und jede Bandprobe zwei Leute in den Zug setzen. Das ist einfach wahnsinnig aufwändig und schwer für die Seele, so wenig Zeit zuhause verbringen zu können.

Wie war denn Ihre Position innerhalb der Band zur selbstverordneten Pause?
Holofernes: Ach, ich bin eine sehr treue Seele und habe wahnsinnig an dieser Band gehangen. Aber für meine eigene Gesundheit wäre es bestimmt besser gewesen, das Ganze nach dem ersten Kind einfach aufzugeben. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich finde die Entscheidung immer noch gut, wir haben am Ende ja noch rechtzeitig aufgehört.

Neben den Songtexten wurde auch ein Brief von Ihnen sehr populär, eine Absage an die „Bild“-Zeitung, die Sie 2011 für eine Werbekampagne gewinnen wollte. Sie beschrieben die Bild u.a. als „bösartiges Wesen“, ein „gefährliches, politisches Instrument“. Hat Sie das große Echo darauf überrascht?
Holofernes: Ja. Ich glaube, das war sozusagen mein erster leichtes-Schwert-Moment! Ich war zu der Zeit schon sehr müde und auch ein bisschen traurig, denn uns war da gerade klar geworden, dass wir mit der Band so nicht weitermachen können. Als dann noch diese Anfrage kam, war ich sofort auf 180 und hatte diesen ganz klaren Impuls: Ich mache das jetzt einfach und schreib diesen Brief! Es hat sich so gut und so richtig angefühlt, empowering sozusagen!

Sind die Werbeagenturen danach auf Distanz gegangen? Werden Sie inzwischen nicht mehr mit blöden Testimonial-Anfragen belästigt?
Holofernes: Ob diese Anfragen nach dem Brief abgenommen haben, kann ich gar nicht genau sagen, denn kurz danach bin ich quasi unter dem Radar verschwunden, und die Bandpause begann. Aber ich weiß, dass mich immer noch sehr sympathische Leute in der Öffentlichkeit auf den Brief ansprechen und mir die Hand schütteln. (Überlegt) Es ist ohnehin erstaunlich, mit was für einem Quatsch ich über die Jahre belämmert wurde, obwohl ich glaubte, meine Haltung dazu in meinen Texten ausreichend klargemacht zu haben. Trotzdem wird man dann gefragt, ob man Werbung für Rolls-Royce machen will, weil das so einen charmanten Kontrast ergeben würde. So wird das tatsächlich in die Anfragen hineinformuliert, ein „charmanter Kontrast“ – my ass!

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