John Virapen

Die Pharmaindustrie ist in Wirklichkeit nicht daran interessiert, etwas zu heilen.

John Virapen über den Markt der Medikamente, vertuschte Nebenwirkungen, Bestechung und erfundene Krankheiten

John Virapen

© Mazaruni Publishing

Herr Virapen, Sie haben mit „Nebenwirkung Tod“ ein Buch über Korruption in der Pharmaindustrie geschrieben. Wie kam es dazu?
John Virapen: Ich habe mehr als 35 Jahre lang in der Pharmaindustrie gearbeitet und dort so ziemlich alles mitgemacht, was die Industrie an Positionen und Jobs zu bieten hatte. Meine Karriere begann 1968 als Pharmavertreter. Und dann arbeitete ich in jeder Abteilung der Industrie – bei den klinischen Versuchen, beim Verkauf, als Produktmanager verschiedener Medikamente bei verschiedenen Unternehmen. 1979 stieg ich beim amerikanischen Pharmaunternehmen Eli Lilly als Produktmanager für ganz Skandinavien ein. Später war ich dort Geschäftsführer, verantwortlich für die Vertretung von Eli Lilly in Schweden, der größten in Skandinavien.

Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, waren Sie an vorderster Front dabei, als Prozac, ein Antidepressivum mit heftigen Nebenwirkungen, auf dem skandinavischen Markt zugelassen werden sollte, noch bevor es auf dem amerikanischen Markt eingeführt wurde.
Virapen: Vorher hatte Eli Lilly mit einem Wirkstoff namens Benoxaprofen gearbeitet. Dieses Medikament sollte als Arthritis-Medikament ein Blockbuster werden. Es war das erste Mal, dass man in unserer Branche in Blockbustern zu denken begonnen hatte. 100 Millionen Verkäufe reichten ihnen nicht mehr, sie wollten Milliarden. Also verstärkten sie ihre Marketingaktivitäten, um das Produkt noch erfolgreicher zu machen. Weil Benoxaprofen unter anderem zu Leber- und Nierenschäden und zum Tod führte, wurde es in den 80er Jahren bald wieder vom Markt genommen. Ein anderes Medikament musste her. Prozac bot sich an. Das war das nächste, was sie in der Pipeline hatten. Tatsächlich hatte damals niemand vor, Prozac als Antidepressivum zu verkaufen. Sie wollten es als Mittel gegen Fettleibigkeit verkaufen. Fette Leute gibt es schließlich auf der ganzen Welt, besonders in Amerika.

Und warum hat man es nicht als ein solches Mittel verkauft?
Virapen: Man kann nicht einfach ein Medikament gegen Fettleibigkeit einführen, dafür braucht es eine Menge Untersuchungen. Eli Lilly brauchte seine Zulassung aber so schnell wie möglich, um Benoxaprofen zu ersetzen. Wegen der strengen Zulassungsrichtlinien in Schweden hat ein Medikament einen guten Ruf, wenn es dort auf den Markt kommt. Allerdings kann das ganze auch bis zu sieben Jahre dauern. Also haben sie mir gesagt, meine Karriere hängt davon ab, wie schnell Prozac in meinem Zuständigkeitsbereich zugelassen wird. Wir haben uns dann auf die stimmungsaufhellende Nebenwirkung von Prozac konzentriert. Dass es sogar völlig gesunde Leute in den Selbstmord treiben würde, zeigten später unsere klinischen Tests. Die konnte Eli Lilly allerdings gut vertuschen.

Sie scheiterten in Schweden. Prozac wurde später in Großbritannien zugelassen, auch in Deutschland unter dem Namen Fluctin. Sie verloren Ihren Job. Woran lag es?
Virapen: Ich habe schwedische Professoren, die das Medikament untersuchten, bestochen, um Prozac so schnell wie möglich registriert zu bekommen. Und als das alles erledigt war, sagten die Behörden, sie würden einer Zulassung nur zustimmen, wenn auch eine Tablette mit einer geringeren Dosis von fünf Milligramm auf den Markt käme, und nicht nur die 20 Milligramm-Tablette, wie wir sie vorgesehen hatten. Bei dieser Menge gab es zu viele Nebenwirkungen. Auf diese Forderungen wollte mein Unternehmen aber nicht eingehen, weil sie Umsatzeinbußen befürchteten – darum wurde Prozac in Schweden nicht zugelassen. Als diese Diskussionen begannen, beförderten mich meine Vorgesetzten in die Karibik, nach Puerto Rico. Dort sollte ich verantwortlich sein für den Markt in Puerto Rico, der Karibik und Zentralamerika. Einen Monat später kündigten sie mir.

Warum?
Virapen: Sie behaupteten, ich hätte schlecht über die Firma geredet. So ein Blödsinn! Ich war erfolgreich in Schweden, ich habe ihnen den skandinavischen Markt bereitet, sie haben mich befördert. Warum sollte ich schlecht über die Firma reden? Aufgrund meiner Arbeit in Schweden konnten sie das Medikament in Europa zulassen. Der Mann, der damals Vizechef von Eli Lilly war, wurde daraufhin der Chef in Amerika. Ich denke, er hat einfach seine Spuren verwischt, schließlich war das, was ich gemacht hatte, nicht legal. Ich wusste zu viel. In Schweden konnten sie mich nicht feuern, weil sie das ein Arm und ein Bein gekostet hätte, also lockten sie mich unter falschen Versprechungen nach Puerto Rico und entließen mich dort. Das war 1988.

Es wirkt als hätten Sie Ihr Buch aus Rache geschrieben.
Virapen: Nein, dann hätte ich schon viel eher etwas veröffentlicht. Aber ich habe nichts unternommen. Ich habe sie verklagt, allerdings wegen Diskriminierung. Etwas anderes konnte ich damals nicht beweisen.

Wenn Sie damals nichts beweisen konnten, wie können Sie dann jetzt belegen, was Sie behaupten?
Virapen: Ich habe Unterlagen. Meine ehemaligen Mitarbeiter in Schweden waren mindestens genauso überrascht wie ich von meiner Entlassung. Einer von ihnen wusste, dass ich noch Dokumente in meinem schwedischen Büro hatte. Ich habe immer alle möglichen Briefe und Schriftstücke aufgehoben, Unterlagen darüber, wie wir wichtige Ärzte, Meinungsführer bestochen haben, indem wir sie zu einem Urlaub in die Karibik einluden – also eher Tagesgeschäft. Oder wie wir Professoren dafür bezahlt haben, positive Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften über das Medikament zu schreiben. Unter anderem findet sich in dem Ordner auch der Brief eines schwedischen Professors, der für das Zulassungsamt arbeitete. Darin schreibt er, dass er das Geld von mir erhalten habe. Einer meiner Mitarbeiter nahm all diese Dokumente und schickte sie mir.

Es scheint so, als ob Sie damals nie ein Problem mit Tätigkeit und den Auswirkungen gehabt hätten. Jetzt schreiben Sie ein kritisches Buch darüber – woher kommt auf einmal der Sinneswandel?
Virapen: Ich habe, nachdem ich gefeuert wurde, weiterhin in der gleichen Branche als Berater für verschiedene Unternehmen gearbeitet. Ich kannte nichts anderes.  Mir war das egal, ich hatte ein dickes Gehalt, ich fuhr ein teures Auto, schlief in Fünfsternehotels, lud hübsche Frauen ein. Dann hatte ich einen Herzinfarkt, kurze Zeit später traf ich meine spätere deutsche Ehefrau. Nach fünf Jahren Fernbeziehung legte sie mir nahe, zu ihr zu ziehen. Ich löste also meine Firma auf und zog nach Deutschland. Nebenher beriet ich immer noch in Sachen Pharma – ich konnte einfach nichts Anderes und eine Sache führte eben zur anderen. Ich lebte ganz gut, war Rentner, spielte Golf, hatte eine ruhige Zeit, bis meine Frau schwanger wurde und ich mitbekam, was im deutschen Gesundheitssystem los war. Ich begann zu recherchieren und fand eine Menge Informationen darüber, zu welchen Nebenwirkungen Prozac und andere Medikamente aus dieser Gruppe führten. Und dann sah ich, dass Kinder mit Psychopharmaka behandelt wurden, die angeblich unter ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden, von dem mir niemand wirklich sagen kann, was es ist.

Zitiert

Ich habe schwedische Professoren bestochen, um das Medikament Prozac so schnell wie möglich registriert zu bekommen.

John Virapen

Und es ist falsch, Kinder mit solchen Medikamenten zu behandeln?
Virapen: Ich war selbst hyperaktiv als ich klein war. Aber Kinder brauchen keine Psychopillen, weil sie in der Schule nicht still sitzen.
Ich habe noch weiter recherchiert und meine Erkenntnis ist heute: Psychiater erfinden Krankheiten. Niemand weiß wirklich alles über das Gehirn. Und die Pharmaindustrie kommt dann mit ihren Pillen. In Wirklichkeit sind sie nicht daran interessiert, etwas zu heilen. Denn wenn sie chronische Krankheiten heilen, können sie kein mehr Geld verdienen. Sie behandeln lediglich die Symptome, nicht die Erkrankung. Und wenn es keine Erkrankungen mehr gibt, die sie behandeln können, dann erfinden sie eben welche.

Das dürfte doch aber für jemanden, der mehr als 35 Jahre bei einem Pharmaunternehmen gearbeitet hat, keine neue Erkenntnis sein.
Virapen: Das ist neu bei ADHS. Kinder als Markt zu erschließen ist neu und in meinen Augen kriminell. Die Industrie schert sich nicht um Patienten, ihnen geht es ausschließlich um den Profit. Mir war das vielleicht egal, als ich noch gearbeitet habe. Aber jetzt, wo ich selbst einen vierjährigen Sohn habe, ist es mir wichtig. Auf einmal meldete sich mein Gewissen und ich bekam Alpträume.

Sie wollten also Ihren Sohn schützen.
Virapen: Ja und dann hatte ich immer mehr Material, die Aufgabe schien zu wachsen und es ging irgendwann nicht einfach nur um meinen Sohn. Wenn man all die Insider-Informationen hat, die ich habe, wenn man die praktische Erfahrung hat, die Fähigkeit zu sehen, wie sie die Leute austricksen, kann man den Menschen eine Botschaft hinterlassen.

Wie passt das damit zusammen, dass sie immer noch in Sachen Pharma beraten?
Virapen: Das habe ich bis 2005 getan. Mittlerweile ist das vorbei. Ich bin nicht gegen die Pharmaindustrie. Wir brauchen sie und ihre Forschungen und Erkenntnisse. Aber ich bin gegen die kriminellen Aktivitäten, die dahinter stehen und Menschen umbringen.

Was soll sich dann Ihrer Meinung nach ändern?
Virapen: Zuerst einmal müssen die Leute selbst aufwachen und hinterfragen, was sie da für Pillen und Pülverchen verschrieben bekommen. Zum zweiten braucht es strengere Gesetze und Regulierungen. Aber momentan sieht es so aus, dass die Pharmabosse im gleichen Bett mit den Verantwortlichen aus der Regierung und den Behörden schlafen. Die Medikamentenmogule bestechen den Staat. So habe ich es in Schweden doch auch getan. Aber jetzt beobachte ich sie nur noch.

Wie können Sie die Pharmaindustrie beobachten, wenn Sie Rentner sind und nicht mehr Teil davon?
Virapen: Wenn ein neues Medikament eingeführt wird, lese ich die klinischen Berichte und schaue mir ihre Marketingstrategie an. Zum Beispiel habe ich eine Werbung in einer Erziehungszeitschrift gesehen, in der Eli Lilly darauf hinweist, dass Eltern mit ihrem Zappelphilipp unbedingt zu einem Arzt gehen müssen. Sie hätten ein Medikament entwickelt, Strattera, das dagegen hilft. Dieses Medikament hat zwischen 2006 und 2007 etwa 157 Menschen umgebracht, darunter ein dreijähriges Mädchen aus Deutschland.

Hat die Pharmaindustrie irgendwann versucht, Sie aufzuhalten?
Virapen: Ja, aber sie können mir nichts tun. Ich habe ein paar Dinge als Versicherung gut verschlossen zurück gelegt. Und wenn mir irgend etwas passiert, geht das hinaus an alle Fernsehstationen und Journalisten. Viele, viele große Leute bekämen dann mächtig viel Ärger.

John Virapen (*1943) hat mehr als 35 Jahre in der Pharmaindustrie gearbeitet. In Schweden war er Geschäftsführer von Eli Lilly & Company und an der Markteinführung mehrerer Medikamente beteiligt, auch solcher mit massiven Nebenwirkungen. Über mehr

Ein Kommentar zu “Die Pharmaindustrie ist in Wirklichkeit nicht daran interessiert, etwas zu heilen.”

  1. Karl Knopf |

    Auf einmal meldete sich mein Gewissen und ich bekam Alpträume. !!
    Kotz, Kotz …

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