Johannes B. Kerner

Manchmal beißt man in die Tischkante.

Moderator Johannes B. Kerner hält dem ZDF schon lange die Treue – und verteidigt seinen Sender gegen Kritik. Ein Gespräch über Quote, Innovation, lineares Fernsehen, Bildungsauftrag, Quiz-Sendungen und seine Silvester-Show.

Johannes B. Kerner

© ZDF / Marcus Höhn

Herr Kerner, Sie haben sowohl Quiz-Shows als auch viele Talk-Formate mit Erfolg moderiert. Was macht Ihnen am meisten Spaß?
Johannes B. Kerner: Ursprünglich bin ich Sportreporter und daran habe ich schönste Erinnerungen, aber generell macht es mir einfach Spaß, Fernsehsendungen zu präsentieren. Das, was ich da mache, ist ein Handwerk. Ich bin kein Künstler, male keine Bilder und baue keine Kirchen. Mein Handwerk besteht darin, dass man sicher vor der Kamera auftritt und komplexe Sachverhalte so darstellt, dass sie jeder versteht. Und es ist ganz wichtig, dass man den Ton trifft. Wenn einem das gelingt, macht es Spaß. Natürlich habe ich auch immer wieder Zweifel, ob ich das beim nächsten Mal wieder schaffe. Ich könnte natürlich sagen: „Ein Herz für Kinder“ habe ich schon so oft moderiert – wird schon gut gehen. Trotzdem bin ich immer wieder unsicher, ob ich an dem Abend die Stimmung treffe und die Leute richtig anspreche. Diese Unsicherheit macht das Ganze so spannend. Ich mag es einfach, wenn der Vorhang auf und das Rotlicht angeht.

Muss man als Moderator heutzutage alle Formate bedienen können?
Kerner: Ich glaube nicht. Ich bin vielfältig interessiert und kann verschiedene Dinge gut bedienen. Doch auch wenn mich zum Beispiel Politik und Wirtschaft sehr interessieren gibt es dazu keine Sendung von mir . Ein guter Nachrichtenmoderator muss nicht auch ein guter Showman sein.

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Als Heiligtum empfinde ich die Quote überhaupt nicht.

Johannes B. Kerner

Jan Böhmermann sagte vor einigen Wochen (auf der Tagung „Mehr – Medien: Programm 2020“), dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern die Bereitschaft, neue, progressive Formate zuzulassen „gegen null“ ginge. Was ist Ihre Einschätzung?
Kerner: Ich glaube nicht, dass das so ist. Das „Neo-Magazin Royal“ ist doch der beste Beleg dafür, dass es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Möglichkeit gibt, auch ungewöhnliche Formate umzusetzen. Jan Böhmermann kann in seiner Sendung so viel machen.
Ich denke schon, dass beim ZDF durchaus etwas versucht wird. Ich persönlich probiere auf jeden Fall pausenlos neue Sachen aus – vielleicht sollte ich mit Jan mal darüber sprechen. Wenn Leute vor Kreativität sprühen, dann finde ich das immer erstmal sehr angenehm.

Haben Sie selbst als Moderator denn noch den Anspruch innovativ zu sein?
Kerner: Ja klar. Jede neue Sendung interessiert mich mehr, als jede, die ich schon gemacht habe. Wir denken uns pausenlos Sachen aus, spinnen rum. Auf Zugfahrten und langen Flügen kritzeln wir Ideen und denken uns Sachen aus, die man unbedingt mal machen müsste. Das ist der Antrieb. Ich weiß gar nicht, wie viele Konzepte wir schon geschrieben haben, zu denen es nicht gekommen ist. Bei manchen muss man sagen: zum Glück. Man versucht innovativ und kreativ zu sein, neue Trends zu erkennen und diese vielleicht manchmal auch selbst zu setzen. Vor zehn Jahren haben wir eine Kochshow gemacht, da gab es diese Art von Format noch nicht wirklich. Jetzt wimmelt es nur so vor Kochshows.

Es wimmelt heute auch vor Quiz-Shows, die auch kaum innovativ erscheinen. Wären Sie da nicht lieber ein bisschen progressiver unterwegs?
Kerner: Ich moderiere den „Quiz-Champion“, eine der erfolgreichsten Quiz-Formate im deutschen Fernsehen derzeit und da bin ich sehr froh darüber. Es gibt viele Vorabend-Quiz-Geschichten, aber groß im Hauptabendprogramm, zur Primetime, da gibt es nicht viele.

Aber was genau ist am „Quiz-Champion“ progressiv?
Kerner: Progressiv ist die Härte und der Schwierigkeitsgrad dieses Formats. Hier geht es ja nicht um Alltagswissen oder unnützes Wissen. Es sind Fragen und Antworten zu relevanten Themen. Und es gewinnen nur Kandidaten, deren Wissen sehr breit aufgestellt ist. Das gibt es so in keiner anderen Sendung.

Der langjährige ZDF-Redakteur Wolfgang Herles kritisierte bei uns im Interview, dass beim ZDF die Quote über alles geht. Empfinden Sie das auch so?
Kerner: Nein, als Heiligtum empfinde ich die Quote überhaupt nicht. Wolfgang Herles wird seine Gründe dafür haben, dass er diese These entwickelt hat und vermutlich seine eigenen Erfahrungen gemacht haben. Ich finde, dass ein Vollprogramm wie das ZDF darauf achten muss, dass es die Menschen erreicht, aber gleichzeitig auch Dinge ausprobieren sollte, die nicht mit einem Blinzeln Richtung Quote gehen. Meiner Ansicht nach ist das ZDF da aber auf einem sehr guten Weg. Es ist die Nummer eins in der deutschen Fernsehlandschaft und der Sender, in dem eine Kultursendung wie „Aspekte“ einen festen Platz am Freitagabend hat. Außerdem hat das ZDF Sendungen wie der „Heute-Show“ mit langem Atem auf die Bühne geholfen. Heute sind das Glanzlichter im Programm. Auch eine Sendung wie „Weihnachten mit dem Bundespräsidenten“, die ich moderiere, wurde wirklich nicht aus Quotengründen gemacht, sondern weil es eine schöne Gelegenheit ist, mit dem Bundespräsidenten das Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Wir übertragen auch katholische und evangelische Sonntagsgottesdienste. Ob das alles unter dem Dogma der Quote passiert? Aber Wolfgang Herles wird Gründe haben, darüber müsste ich mit ihm diskutieren. Das kann man bestimmt leidenschaftlich tun.

Herles berichtete uns von vielen ZDF-Sitzungen „wo es nur um Zahlen ging. Wo man sich gegenseitig die Marktanteile vorliest, um dann darüber zu grübeln, was in Minute 5 der Sendung passiert ist, wo die Quotenkurve einen Knick hat. Das ist so lächerlich, dass man sich schämt.“ Laufen Sitzungen bei Ihrem Sender tatsächlich so ab?
Kerner: An so einer Sitzung habe ich jedenfalls noch nie teilgenommen.

Sind Quote und Innovation Ihrer Ansicht nach Gegensätze?
Kerner: Nein. Ich moderiere „Das Spiel beginnt“, das war damals eine Innovation, die wir mittlerweile erfolgreich auf den Markt gebracht haben. Also, es muss nicht alles Neue schlecht sein. Wir sind lebende Versuchskaninchen in der Branche, versuchen uns an Dingen, wo natürlich längst nicht alles klappt. Aber über das, was klappt, freuen wir uns besonders. Manchmal beißt man dann auch in die Tischkante, wenn etwas, was wir toll fanden, nicht funktioniert. Aber wir wissen: Am Ende ist alles nur Fernsehen.

Der Trend geht immer mehr zu ‚TV on demand‘. Ab wann war Ihnen klar, dass das passieren wird?
Kerner: Das war mir schon länger klar. Ich glaube aber, dass das lineare Fernsehen nach wie vor eine große Bedeutung haben wird. Insbesondere für Nachrichten und Sport, weil da das Live-Ereignis einfach alles schlägt. Aber auch in anderen Formaten, wie der Lagerfeuer-Familienunterhaltung wird es nach wie vor Bedeutung haben. Es ist eine Entwicklung und ich finde es gut, dass sich das ZDF für die Zukunft in diese Richtung klug aufstellt. Die neue Mediathek ist wirklich brauchbar und ich bin froh, dass wir da auch mit unseren Angeboten vertreten sind. Dieser Trend ist aber schon länger absehbar und ja auch nicht nur beim Fernsehen. Wenn ich mir mit meinem Netflix-Account „Narcos“ anschaue, tue ich das auch wann und wo ich will. Und wenn ich gerade gemütlich auf dem Sofa liege, können das schon mal vier Folgen am Stück sein.

Sie moderieren mit „Das Spiel beginnt“ auch eine Familienshow. Sind solche Shows vom Aussterben bedroht, wenn man eben nicht mehr linear Fernsehen sieht, sondern nur noch ‚on demand‘?
Kerner: Die Sendung ist nicht ganz leicht, weil sie eine breite Publikumsansprache hat. „Das Spiel beginnt“ soll ja sowohl einen Fünfjährigen, als auch einen Fünfundachtzigjährigen überzeugen. In Zeiten in denen alles sehr zielgruppenspezifisch ausgerichtet ist, ist das schon eine große Spannbreite. Die 11-15-jährigen schauen sich Joko und Klaas an, die 15-19-jährigen Böhmermann. Da ist diese Altersspanne schon ein Ansinnen. Ich weiß allerdings nicht, ob der Trend ‚on demand‘ solchen Shows gefährlich wird. In diesem Fall glaube ich, dass die Sendung davon lebt, dass man sie sich in dem Moment anschaut, in dem sie im TV ausgestrahlt wird.

Ihr Vater war zeitweise im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft tätig. Erfüllen die öffentlich-rechtlichen Sender heute Ihrer Meinung nach den Bildungsauftrag?
Kerner: Ich glaube, dass das ZDF eine sehr klare Struktur und klare Vorgaben hat. Ein inneres Selbstverständnis, mit dem es dem Bildungsauftrag nachkommt. An vielen Stellen in besonderer Form mit großartigen Dokumentationen, breiter kulturell gefächerter Berichterstattung und richtigen und wichtigen Nachrichten. Und auch die Ansprache für das jüngere Publikum funktioniert gut. Mein Vater schaut auch ZDF und längst nicht nur, wenn ich die Sendung moderiere.

Braucht es in Zeiten von erfolgreichen Populisten wie Donald Trump nicht viel mehr Bildung im ÖR und weniger Unterhaltung bzw. Zerstreuung?
Kerner: Das ZDF ist im Nachrichtenbereich breit aufgestellt. Ich glaube, dass ein Phänomen wie Donald Trump in Deutschland so auch nicht funktionieren würde. Dafür gibt es aber eine ganze Reihe von Gründen, ein starker-öffentlicher Rundfunk gehört sicherlich dazu.

Wenn ich als Gebührenzahler erfahren möchte, wie teuer eine Folge „Quiz-Champion“ ist, wo kann ich das einsehen? Wissen Sie das?
Kerner: Ich wüsste es jetzt nicht. Die Sendung wird ja auch staffelweise produziert.
Stefan Unglaube (Pressestelle ZDF): Das kann man. Unter unternehmen.zdf.de stehen die durchschnittlichen Kosten. Da steht jetzt nicht jede einzelne Sendung, aber die grobe Kategorisierung.

Herr Kerner, wie ist da Ihre Meinung als Moderator: Sollten die Zuschauer wissen, wie teuer Ihre Sendung ist?
Kerner: Ich glaube, dass das ZDF eine sehr aktive Informationspolitik hat. Eine aktive, transparente, proaktive Informationspolitik. Manchmal bin ich verwundert, was da alles veröffentlicht wird. Fernsehratsinhalte zum Beispiel. Früher war das eher ein Geheimbund, aber mittlerweile ist das alles sehr transparent und das finde ich auch gut und richtig so. Also mein Informationsinteresse wird gestillt.

Nun hilft ja ein Durchschnittswert dem Gebührenzahler nicht weiter, wenn er erfahren möchte, wie teuer konkret eine Folge von „Quiz-Champion“ ist (und Produktionskosten anderer Sendungen wie „Berlin direkt“ werden vom ZDF genau beziffert). Herr Kerner, wären Sie an dieser Stelle für mehr Transparenz gegenüber dem Gebührenzahler?
Kerner: Natürlich bin ich für Transparenz. Und ich bin mir sicher, dass das ZDF alles dafür tut, jede Frage der Gebührenzahler gewissenhaft zu beantworten.

Ihre Musiksendung „Guten Rutsch“ muss dieses Jahr ausfallen. Liegt das am ähnelnden Programm der ARD?
Kerner: Das ist nicht ganz die Wahrheit. Das ZDF hat sich entschieden, ab 20:15 Uhr den kompletten Abend „Willkommen 2017“ zu nennen, den ich gemeinsam mit Andrea Kiewel moderiere. Also für mich fällt nichts aus, es sind sogar noch ein paar Stunden dazugekommen.

Wieso müssen zwei öffentlich-rechtliche Sender miteinander konkurrieren?
Kerner: Ich würde das am Silvestertag nicht als Konkurrenz empfinden. Das ist doch das Lebensgefühl. Sollen die Anderen einen Krimi senden? An dem Abend geht es um Party, den Ausgang des Jahres. Insgesamt gehen wir uns schon aus dem Weg. Die einen machen die Nachrichten um Sieben, die anderen um Acht und der wöchentliche Wechsel vom Morgen- und Mittagsmagazin wird auch berücksichtigt. Ich glaube, dass da schon Absprachen stattfinden, es gibt keinen Erstausstrahlungswettkampf und keine Krimis werden gegeneinander ausgespielt. In Deutschland gibt es nun mal zwei öffentlich-rechtliche Anstalten und die sind beide gut.

Und die sollten auch nach wie vor nebeneinander bestehen?
Kerner: Also, ich halte die Tatsache, dass es sowohl die ARD und das ZDF gibt, für gut. Das ist eine pluralistische Darstellungsform und Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich will nicht nur einen Sender haben, der mir vorkaut, was meine Sicht auf die Dinge zu sein hat. Ich schaue auch gerne das „Heute-Journal“ und die „Tagesthemen“. Und ich möchte mich nicht nur von Menschen bedienen lassen, die ausschließlich wirtschaftliche Interessen verfolgen. Das ist nicht schlimm, ich habe nichts gegen das Privatfernsehen, aber wir sind da schließlich anders aufgestellt, als beispielsweise Amerika. So etwas wie Fox News gäbe es bei uns nicht.

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