Holger Kreymeier

Fernsehen kann so gnadenlos sein.

Fernsehkritiker Holger Kreymeier über den Qualitätsverfall des deutschen Fernsehens, den Bildungsauftrag von ARD und ZDF und perfide Methoden der Privatsender bei Casting-Shows und Doku-Soaps

Holger Kreymeier

© fernsehkritik.tv

Wie viel Ihrer Lebenszeit verbringen Sie mit Fernsehen, Herr Kreymeier?
Kreymeier: Fernsehen ist immer irgendwie in meinem Kopf drin. Sieben Tage die Woche. Ich schneide sehr viel mit dem Festplattenrekorder mit und schaue mir die Sachen dann im Schnelldurchlauf an. Das Schöne ist ja, das es heute verschiedenste Möglichkeiten gibt, sich quasi alle Sendungen auch im Nachhinein aus dem Internet runter zu ziehen. Man muss nicht immer mit der Fernbedienung davor sitzen und aufpassen. Und ich gucke natürlich immer mit dem Bewusstsein, dass es vielleicht eine Geschichte für fernsehkritik.tv sein könnte, deshalb sehe ich auch sehr viel Trash-TV.

Sie kritisieren das deutsche Fernsehen an allen Ecken und Enden. Können Sie Fernsehen auch noch genießen?
Kreymeier: Schon. Aber natürlich werde ich immer wieder bitter enttäuscht, wenn ich einmal gehofft habe, gute Unterhaltung geliefert zu bekommen. Da ist der Fernsehkritiker dann sofort zur Stelle.

Zahlen Sie GEZ-Gebühren?
Kreymeier: Ja, natürlich.

Mit Überzeugung?
Kreymeier: Nein, das sicher nicht. Ich finde, dass die Öffentlich-Rechtlichen, für das Geld, das sie bekommen, keine gute Leistung bringen. Für mich als einzelnen sind es zwar nur 18 Euro im Monat. Insgesamt bekommen sie jedoch jedes Jahr 7,6 Milliarden Euro. Davon geht immer mehr Geld drauf für Online-Aktivitäten und alle möglichen Nebenkanäle, die kein Mensch braucht. Gleichzeitig sinkt das Niveau immer mehr, sowohl im Serien-, im Film- als auch im journalistischen Bereich. Irgendwann wird der Punkt erreicht sein, wo ich nicht mehr bereit bin, dafür Geld zu bezahlen. Dazu kommt, dass die Methoden der GEZ nun auch nicht unbedingt so sind, dass man das unterstützen möchte. Das erinnert ja fast schon ein bisschen an die Stasi aus der DDR-Zeit.

Sie haben eine Kampagne initiiert, mit der Sie gegen den Qualitätsverfall des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms ankämpfen wollen. „Dafür zahl ich nicht“, heißt es da. Das klingt nach einem Aufruf, die GEZ zu umgehen.
Kreymeier: Das ist anders gemeint. Es geht mir darum, zu verdeutlichen, dass ich meine Gebühren nicht bezahlen will, um den gleichen Käse zu bekommen, den mir die Privaten kostenlos liefern. Grundsätzlich bin ich für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es wäre für mich eine Horrorvorstellung, nur noch Privatsender zu haben.

Über wen ärgern Sie sich aktuell mehr – über die öffentlich-rechtlichen oder die privaten Sender?
Kreymeier: Ich ärgere mich natürlich mehr über die Privaten, in dem Sinne, dass es schon noch das schlimmere Fernsehen ist. Was dort in Zusammenhang mit den ganzen Doku-Soaps geschieht, ist erschreckend. Einer Familie, die bei „Frauentausch“ mitgemacht hat, wurde die Wohnung vom Fernsehteam gezielt verdreckt, damit die Familie asozialer wirkt als sie in Wahrheit war. Und das vor den Augen dieser Familie. Wenn die Protagonisten etwas dagegen sagen, wird mit Vertragsstrafe gedroht. Mit dieser Form von Nötigung wird mittlerweile gearbeitet. Oder die ganzen schamlosen Call-In-Abzockereien bei Neun Live oder dem „Masterquiz“ auf SuperRTL, die für mich komplett abgeschafft gehören. Das sind alles Phänomene der Privatsender, wo es fast schon ins Kriminelle abgleitet. So schlimm sind die Öffentlich-Rechtlichen noch nicht, weil sie es noch nicht dürfen. Es gibt ja klare Vorschriften. Da ich für die Öffentlich-Rechtlichen Geld bezahle, habe ich aber auch einen ganz anderen Anspruch an das Programm.

Ist für Sie heute noch erkennbar, was öffentlich-rechtlich und was privat ist?
Kreymeier: Nicht immer. Bei Doku-Soaps ist es nicht mehr unbedingt zu erkennen. ZDFneo wird ja vollgekleistert damit, da gibt es diesen und jenen Coach. Das ist genauso wie bei den Privaten. Die ARD hat „Verrückt nach Meer“, wo eine Kreuzfahrt in Form einer Doku-Serie begleitet wird. Wenn ich ein Ratespiel veranstalten müsste, was in Hinblick auf Doku-Soaps öffentlich-rechtlich und was privat ist und ich das Senderlogo nicht sehen könnte, würde ich manches Mal falsch liegen.

Der Trend geht in Richtung gescriptete Doku-Soaps.
Kreymeier: Ja, man versucht gar nicht mehr, die Realität abzubilden. Was mir im Grunde aber schon wieder lieber ist, als wenn man die Leute für dumm verkauft, die bei solchen Sendungen mitmachen. Dann soll man lieber gleich mit Laiendarstellern arbeiten.

Verwenden Sie den Begriff „Unterschichtenfernsehen“?
Kreymeier: Es gibt bestimmte Klischees von einer bestimmten Gesellschaftsschicht, die sich überhaupt keine Gedanken übers Fernsehen macht und dann auch sehr gern zu Protagonisten von irgendwelchen Doku-Soaps wird. Aber man kann Unterschicht nicht automatisch gleichsetzen mit blöd oder weniger intelligent. Wir haben 3,5 Millionen Arbeitslose und Hartz IV-Empfänger, unter denen auch sehr intelligente Leute sind. Insofern ist mir der Begriff zu klischeehaft, ich verwende ihn daher nicht mehr.

Dass Sie bezüglich der Doku-Soaps kaum mehr erkennen können, was privat und was öffentlich-rechtlich ist, ist ein Beispiel dafür, dass sich die die öffentlich-rechtlichen Sender den privaten in den letzten Jahren immer mehr angepasst haben.
Kreymeier: Ja. In den 90ern sind die Privaten eine richtige Konkurrenz zu ARD und ZDF geworden. In der Zeit kam die Frage auf: Wie schaffen wir es jetzt, mit den Privaten mitzuhalten, was die Zuschauerzahlen angeht? Da wurde dann auch dieser Unsinn mit der werberelevanten Zielgruppe im Alter von 14-49 eingeführt.

Die deren Erfinder, Ex-RTL-Chef Helmut Thoma, längst für überholt hält.
Kreymeier: Aber ARD und ZDF sind darauf angesprungen. Man hat wohl gedacht, man rechtfertigt seine Existenz nur, wenn man sich dem hingibt, was der Zuschauer will. Man dachte, man muss als Öffentlich-Rechtliche den Privaten die Zuschauer wieder abjagen und das kann man nur tun, indem man dasselbe Programm macht. Helmut Thoma hat ja mal den schönen Satz gesagt: „Der Köder muss dem Fisch schmecken“. Nach dem Motto: Das Programm muss dem Zuschauer gefallen. Nach diesem Grundsatz scheinen ARD und ZDF mittlerweile prinzipiell vorzugehen. Sie sehen: Hinterm Gebirge wird gejodelt, damit holen sie neun Millionen Zuschauer, also produzieren sie gleich 30 weitere solcher Filme im Jahr mit Hansi Hinterseer.

Ist es völlig illegitim, auf die Publikumsbedürfnisse, die sich ja in der Quote ein Stück weit widerspiegeln, einzugehen?
Kreymeier: Legitim ist das falsche Wort. Es entspricht nicht dem Auftrag. ARD und ZDF haben einen Bildungsauftrag. ARD und ZDF bringen kaum mehr Kulturprogramme. Das wird alles abgedrängt auf Arte, 3sat oder den ZDF Theaterkanal. Man kann doch aber nicht so eine Art Elitesender einrichten. Nach dem Motto: Die Intellektuellen können dahin gehen und ARD und ZDF können ruhig das triviale Programm bringen. Bildungsauftrag heißt auch, die weniger Gebildeten dazu zu bringen, dass sie sich für Kultur interessieren. Wer nicht einen so hohen IQ hat, wird sich nun einmal nicht freiwillig Kulturprogramme auf 3sat anschauen. Das funktioniert nicht.

Man muss ihn dazu zwingen, indem die Sendung um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird?
Kreymeier: Naja, es gibt schließlich Möglichkeiten, zumindest eine Mischung zu bringen. Indem man auf unterhaltsame Weise versucht, ein Bildungsprogramm zu gestalten.

Zitiert

Ich sehe es nicht ein, Fernsehgebühren zu bezahlen, um den gleichen Käse zu bekommen, den mir die Privaten kostenlos liefern.

Holger Kreymeier

Diesen Versuch sehen ARD-Verantwortliche möglicherweise in den Frage-Sendungen von Jörg Pilawa.
Kreymeier: Ich finde diese Shows eher peinlich. Da gibt es vier Antwortmöglichkeiten und Axel Schulz und Sky Du Mont beantworten die Fragen. Ich selbst bin groß geworden mit einer Sendung, die hieß „Der große Preis“, mit Wim Thoelke. Da sind damals Kandidaten angetreten, die ein Fachgebiet hatten. Etwa van Gogh oder Shakespeare. In dieser Sendung wurden sehr schwierige Fragen gestellt, sie hat 25 Millionen Zuschauer gehabt. Zu der Zeit gab es zwar noch keine Privaten, trotzdem war es ein großer Publikumshit. Man kann es also noch ein Stückweit anspruchsvoller machen. So doof sind die Leute nicht. Ich glaube, sie sind sogar dankbar, wenn sie wieder mal ein bisschen mehr gefordert werden.

Dadurch, dass viele Sendungen im Internet als Podcast abrufbar sind, kann sich der Zuschauer heute quasi jederzeit sein eigenes Programm zusammenstellen. Kommt es nicht also auch auf den Zuschauer an, was der daraus macht?
Kreymeier: Ja, aber Fernsehen hat nun einmal eine große Verantwortung in der Bevölkerung. Das heißt, es muss diese Verantwortung auch wahrnehmen und kann nicht einfach das senden, was die Leute gerne sehen wollen. Im Mittelalter hat man auch öffentliche Hinrichtungen stattfinden lassen, weil die Leute Spaß daran hatten. Wo ist denn da die Grenze? Wenn die Leute sich bestimmte Dinge nicht von selbst anschauen, dann muss man das Programm so gestalten, dass die Leute ein Stück weit genötigt werden, es zu tun. Dieter Wedel hat es vor kurzem sehr schön formuliert, indem er sagte: „Wenn jemand zu faul ist zum Kauen, kann man ihm natürlich Brei geben, dann muss er nicht kauen. Aber die Öffentlich-Rechtlichen müssen auch mal was zu essen geben, mit dem sie den Zuschauer zum Kauen zwingen, weil ihm sonst irgendwann die Zähne ausfallen.“ Das ist ein gutes Bild.

Das hieße im Endeffekt, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen von der Quotenmessung komplett unabhängig machen müssten.
Kreymeier: Es müsste meiner Meinung nach verboten werden, die Quote bei ARD und ZDF zu messen. Es dürfte gar nicht mehr öffentlich gemacht werden. Weil es im Grund genommen egal ist, wie viele gucken. Es ist Quatsch, in einen Quotenwettbewerb mit den Privaten zu treten. Die Quote kann nicht der einzige Maßstab sein. Der „Tatort“ hat fast zehn Millionen Zuschauer und ist eine der erfolgreichsten Sendungen im deutschen Fernsehen. Daran sollte man doch sehen, dass man kein dummes Programm machen muss, um die Zuschauer zu erreichen. Gerade die Sendungen, wo auch noch die Intelligenten dazu kommen, sind ja die eigentlich erfolgreichen Sendungen.

Könnte es nicht aber auch ein Effekt sein, dass man komplett am Publikum vorbei sendet, wenn gar keine Quoten mehr gemessen werden? Gar niemanden mehr zu erreichen, obwohl man das tollste Programm macht, kann ja auch nicht das Ziel sein.
Kreymeier: Nein, das ist ja auch nicht das, was ich will. Ich will nicht nur Arte-mäßig Programm machen. Das ist halt die Kunst. Dafür zahle ich meine Gebühren. Dass ich als Zuschauer gut und seriös und niveauvoll unterhalten werde. Das ist der Spagat, den ich erwarte. Und den kann ich für 7,6 Milliarden Euro im Jahr auch erwarten.

Ist das deutsche Fernsehen im Vergleich zu anderen Ländern insgesamt nicht immer noch relativ niveauvoll und von hoher Qualität?
Kreymeier: Das wird immer gerne so gesagt, aber ich bin nicht so sicher, ob das wirklich so ist. Was die Innovationen angeht, auf keinen Fall. Die letzte große Innovation, die ins Ausland verkauft wurde, war „Schlag den Raab“. Vorher war es „Wetten dass…?“ Dazwischen kam nicht viel. Die meisten Formate werden aus dem Ausland eingekauft. Es ist doch billig, sich immer mit den schlechteren Sendern zu vergleichen, es gibt ja auch noch bessere. Was den Journalismus angeht, würde ich die britische BBC als das große Vorbild ansehen. Die kommen ohne Werbung aus, die Briten zahlen weniger Gebühren als wir Deutschen und trotzdem bringt die BBC absolut geniale, immer wieder preisgekrönte Dokumentationen. Die werden auch gerne von ARD und ZDF eingekauft und groß angekündigt. Aber warum macht das ZDF solche Dokus nicht selbst? Die selbst produzierten Dokumentationen haben längst nicht mehr das hohe Niveau, das sie früher einmal hatten. Was ich beobachte, ist ein Verfall des journalistischen Niveaus, auch in der Tagesberichterstattung.

Ulrich Wickert hat kürzlich das Sprachniveau der Nachrichtensendungen gerügt und fehlenden Inhalt kritisiert.
Kreymeier: Ja, es wird irgendeine dpa-Meldung übernommen mit Formulierungen, die kein richtiges Deutsch sind, anstatt dass die Redakteure selbst ihren Kopf einschalten. Im Moment ist Haiti ist ein großes Thema. Aber Haiti war auch schon vor der Erdbebenkatastrophe ein bettelarmes Land. Und das, was in Port-au-Prince abgeht, vor allem in diesem armen Stadtteil Cité Soleil, angeblich der schlimmste Ort der Welt, hat doch vorher das Fernsehen kaum interessiert, obwohl es dort auch vorher schon Korrespondenten gab. Es musste erst eine Katastrophe passieren. Und dann ist es so, dass Journalisten immer weniger Zeit haben, sich über Wochen eines Themas anzunehmen. Aber wenn du ausführlich recherchieren willst, musst du als Journalist auch die Luft zum Atmen haben. Und die wird ihnen einfach nicht mehr gegeben. Sondern du musst möglichst innerhalb von drei, vier Tagen einen fertigen Fernsehbeitrag abliefern.

Was ist mit dem Kinderfernsehen? Wie anspruchsvoll ist das heute aus Ihrer Sicht?
Kreymeier: Es nimmt leider stark an Niveau ab. Auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Der Kinderkanal wird immer mehr aufgebläht mit niveaulosen Einkäufen aus Amerika. Es ist ein schriller, lauter Kanal geworden, der den Kindern nichts mehr gibt, das zum Denken anregt. Von den privaten Kindersendern müssen wir gar nicht erst reden.

Wobei der Sender Nick kürzlich ankündigte, im Sommer einen Tag lang nicht zu senden, damit die Kinder nach draußen zum Spielen gehen.
Kreymeier: Das ist eine witzige Aktion, aber nichts als ein PR-Gag. Eigentlich müsste das vom KI.KA kommen. Jedoch nicht nur für einen Tag, sondern den ganzen Sommer über.

Wann lohnt sich Fernsehen denn heute aus Ihrer Sicht? Was sind die Highlights?
Kreymeier: Das sind auf jeden Fall die Comedy-Sendungen auf Pro7. „Stromberg“, „Switch“, „Kalkofens Mattscheibe oder „Comedy Street“ sind alles tolle Formate. Vor allem hat Pro7 es geschafft, immer auch eine gewisse intellektuelle Schicht damit anzusprechen. Sie haben sich ein gewisses Prestige verschafft als Sender. Das kommt auch bei den Jugendlichen gut an, für viele von denen Pro7 der Lieblingssender ist.

Auch Ihrer?
Kreymeier: Ich habe keinen Lieblingssender. Es gibt halt bei Pro7 andere Sendungen, die ich wiederum total unterirdisch finde. Vor allem auch die gescripteten Doku-Soaps am Nachmittag. Der neueste Knaller ist dieser komische Salon-Retter, der divenhaft durch Friseursalons spaziert und alles niedermacht. Jeder Sender hat neben den guten Dingen, die er bringt, auch Abgründe.

Für viele gehört auch die Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ zu den Abgründen. Sie wird immer wieder kritisiert, auch von Medienwächtern, erzielt allerdings eine Traumquote nach der anderen.
Kreymeier: Für mich ist es mittlerweile eine absolut lächerliche Sendung geworden, weil sie inzwischen mehr Doku-Soap als Casting-Show ist. Ich hab nichts dagegen, wenn junge Talente über ein Casting gesucht werden. Aber mittlerweile zählt ja als Kriterium weniger das Talent selbst, sondern vielmehr, ob jemand eine kranke Mutter hat oder Flüchtlingskind ist. Die Sendung ist für mich ein totaler Fake, in der die Schicksale von Menschen ausgeschlachtet werden.

35.000 jungen Menschen, die sich laut Sender für die aktuelle Staffel beworben haben, sehen darin die Chance ihres Lebens.
Kreymeier: Erst einmal bezweifele ich diese Zahl, ich glaube, dass sie viel zu hoch gegriffen ist. Ich war mal in Hamburg bei einem DSDS-Casting und habe eine Umfrage unter den Teilnehmern gemacht. Der Andrang war eher übersichtlich. Abgesehen davon gibt es natürlich Leute, die nicht überschauen, was DSDS in Wahrheit ist und davon träumen, Karriere zu machen. Es ist auch hinterhältig, dass immer so getan wird, als würden die Kandidaten zum Casting gehen und direkt bei Dieter Bohlen landen. Stattdessen gehen sie alle durch ein Vorcasting, wo Leute von Grundy und RTL sitzen und erstmal nach bestimmten Kriterien aussortieren. Das Schlimme ist, dass den Leuten, die nicht singen können, aber in irgendeiner Form peinlich sind, gesagt wird, in ihnen stecke Potential. Infolge dessen gehen sie mit dieser Erwartungshaltung zu Dieter Bohlen und holen sich dort eine Tracht Prügel ab. Kein Wunder, dass immer wieder mal jemand in Ohnmacht fällt oder in Tränen ausbricht.

Stichwort Boulevardjournalismus: Im Zuge der Berichterstattung um den Selbstmord von Robert Enke hat Pro7 im November 2009 u.a. Bilder vom Unfallort gezeigt, auf denen zu sehen ist, wie dessen Frau gerade vom Tod des Mannes erfährt und fast zusammenbricht. Wo sind da heute die Grenzen?
Kreymeier: Im Grunde genommen gibt es keine Grenzen mehr. Man ist jederzeit versucht, solche Sachen zu zeigen, weil man weiß, dass sie eine gute Quote bringen. Da kann man nur an das Gewissen der Macher appellieren. Übrigens, bei der Gelegenheit: Ich zeige solche Dinge ja auch auf fernsehkritik.tv. Mir wird oft vorgeworfen: „Du kritisierst es, zeigst es aber selber.“ Fernsehen kann so gnadenlos sein. Mir geht es darum, das deutlich zu machen, wie gnadenlos das Fernsehen sein kann. In dem Moment möchte ich dann auch schocken. Ich zeige es ja nicht, um damit Quote zu machen. In dem Konflikt befinde ich mich aber natürlich.

Die erste Folge von fernsehkritik.tv erschien im April 2007. Welche Wirkung haben Sie bisher erzielt?
Kreymeier: Ich bekomme öfter mal E-Mails von Jugendlichen, die mir schreiben, dass sie durch fernsehkritik.tv ein anderes Bild vom Fernsehen bekommen haben. Sie hinterfragen Fernsehen mehr als früher. Das ist natürlich ein großer Erfolg. Auch ein Lehrer hat sich mal gemeldet, der Beiträge im Unterricht gezeigt hat. Insofern glaube ich schon, dass ich im Kleinen etwas bewegt habe. Auch wenn es kein Massenformat ist.

In der Branche kennt man Sie mittlerweile sicherlich auch.
Kreymeier: Ja. Wenn ich mal mit Leuten aus der Branche zu tun habe, ist es meistens so, dass sie mich kennen.

Wie werden Sie wahrgenommen? Als Nestbeschmutzer?
Kreymeier: Nee, gar nicht mal. Die meisten sind immer sehr nett. Auch viele von meinen ehemaligen NDR-Kollegen, von denen immer viele gesagt haben: „Du hast ja recht, aber wir sind freie Mitarbeiter, wir können halt das Maul nicht aufmachen, sonst fliegen wir.“ Viele trauen sich einfach nicht, Kritik zu üben, weil sie damit ihren Job riskieren. Aber im Grunde genommen wissen sie auch, dass das Niveau immer weiter abnimmt und man für seine Gebühren eigentlich mehr erwarten könnte.

Wovor fürchten Sie sich im Fernsehjahr 2010 am meisten?
Kreymeier: Davor, dass diese Doku-Soaps noch weiter an Raum gewinnen und dass die Verflachung weitergeht. Momentan haben wir eine Phase, wo sich wenig bewegt, wo auch im negativen Sinne wenig Neues kommt. Meine größte Angst ist es, dass das Fernsehen jetzt auf diesem Stand bleibt und sich niemand mehr anstrengt, mal etwas Neues zu entwickeln. Das deutsche Fernsehen muss sich endlich neu erfinden, aber das wird vorerst wohl nicht passieren.

Was müsste passieren, damit das geschieht?
Kreymeier: Die Zuschauer müssten sich noch weiter vom Fernsehen abwenden. Wenn gescriptete Doku-Soaps weiterhin 20 Prozent Marktanteil haben, macht RTL auch damit weiter. Logisch. Für die ARD gilt dasselbe in Bezug auf ihre Heimatschnulzen. Der Zuschauer ist eben auch selbst Schuld. Das ist leider so.

Der Journalist Holger Kreymeier aus Hamburg betreibt seit April 2007 das satirisch-kritische Internet-Magazin Fernsehkritik.tv. Monatlich erscheinen ein bis zwei neue Folgen, in denen er sich kritisch mit dem deutschen Fernsehen auseinandersetzt. mehr

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