Cro

Maske auf – Wahnsinn da

Rapper Cro spricht im Interview mit Daniel Schieferdecker über Probleme mit dem Erwachsenwerden, Melodien im HipHop, neue berufliche Standbeine, seinen letzten Schultag und wie seine Eltern mit der Popularität des Sohnes umgehen

Cro

© Delia Baum

Cro, seit du im November 2011 „Easy“ veröffentlicht hast, hat sich in deinem Leben einiges verändert. Kannst du mal versuchen, das in Worte zu fassen?
Cro: Das war einfach krass. Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für alle Leute bei meiner Plattenfirma Chimperator. Alles wurde plötzlich immer größer: Das Label, die Büros, die Anzahl der Leute. Das war wirklich verrückt. Einfach Wahnsinn.

Trotzdem behauptest du immer, dass dich dieser Wahnsinn nicht verändert hätte. Das kann man sich kaum vorstellen.
Cro: Das ist aber so. Ich bin immer noch derselbe Typ wie vorher. Aber das habe ich wohl auch der Maske zu verdanken. Wenn ich daheim in Stuttgart bin, laufe ich ja nach wie vor unerkannt durch die Streets. Es ist eigentlich ganz einfach: Maske auf – Wahnsinn da. Maske ab – Stille.

Dennoch muss dieser Erfolg doch Einfluss auf dein Leben haben – schon allein deshalb, weil dein Stundenplan voller geworden ist und viel mehr Leute etwas von dir wollen.
Cro: Klar, es ist ein bisschen stressiger geworden. Das gehört eben dazu: Flughafen, Taxi, Hotel, Hektik. Aber mir macht das auch Spaß, zumal der Job sehr abwechslungsreich ist. Und wenn ein Teil langsam anfängt zu nerven, steht meist schon wieder was anderes auf dem Programm. Wie sagt Mutti doch immer: „Alles mit Maß und Ziel.“ Und Mutti hat immer Recht.

Das klingt wirklich, als würdest du das alles sehr gelassen nehmen.
Cro: Je stressiger es wird, desto gelassener werde ich sogar. Denn wenn ich mal fünf Minuten zu spät komme und die Leute deswegen fast einen Herzinfarkt bekommen, ist es umso wichtiger, ruhig zu bleiben und den Menschen klarzumachen, dass davon die Welt nicht untergeht. Ein paar graue Haare sind mir durch den Stress trotzdem gewachsen. Aber die sieht man ja nicht – Maske sei Dank. (lacht)

Zitiert

Ich habe nichts gegen das Erwachsenwerden, aber ich habe etwas gegen das Spießigwerden.

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Vor zwei Jahren meintest du noch, dass es durchaus sein könne, dass dir dieser ganze Hype irgendwann über den Kopf wächst.
Cro: Damals konnte ich das alles noch nicht richtig einschätzen. Aber wenn ich die Maske nicht hätte, wer weiß – vielleicht hätte mich das als Person verändert. Aber die Maske hat meinen Charakter schön geformt. Schön gelassen.

Könntest du dir denn vorstellen, deine Maske unter bestimmten Umständen abzusetzen? Wenn dir beispielsweise jemand eine hohe Geldsumme dafür bezahlen würde?
Cro: Nein, das würde ich auf keinen Fall machen. Ganz egal, wer mir dafür auch immer Geld bieten würde und wie viel. Die Freiheit, die mir das Tragen meiner Maske ermöglicht, ist unbezahlbar. Es ist mir wirklich wichtig, manchmal meine Ruhe zu haben und unbeschwert ganz normale Dinge tun zu können: einkaufen gehen zum Beispiel.

Erkennen dich die Leute nicht auch an deiner Stimme?
Cro: Selten. Einmal im Monat vielleicht. Dann erkennt mich mal eine Frau beim Bäcker oder ein Mädchen im Club.

Und wie reagierst du dann?
Cro: Das kommt auf die Situation an. Wenn mich ein kleines süßes Mädchen erkennt, dann sage ich „Erwischt!“ und gebe ihr ein Autogramm. Wenn es jedoch ein großer Muskelmann ist, der mich womöglich boxen will, weil seine Freundin auf mich steht, dann tue ich so, als wüsste ich von nichts.

Die neue Platte trägt den Titel „Melodie“. Warum?
Cro: Das passt einfach zu mir. Melodie ist voll mein Ding.

© Delia Baum

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Viele Leute, die mit Rap-Musik nichts anfangen können, fügen als Grund dafür häufig an, dass es ihnen beim Rap an Melodie fehle. Deinen Songs kann man das in der Tat nicht vorwerfen.
Cro: Ich kann auch gar keine unmelodiösen Songs mehr schreiben. Ich habe sogar versucht, auf der Platte mal ohne Melodie zu rappen, aber das hat nicht geklappt. Das passiert bei mir ganz automatisch.

Allein wenn du sprichst, kommt schon eine sehr starke Sprachmelodie durch.
Cro: Ja, das ist immer schon so gewesen. Das habe ich von Zuhause. Auch da werden die Worte oft ganz lang gezogen, was den Sätzen eine entsprechende Melodie verpasst. Und offensichtlich hat das einen deutlichen Einfluss auf meine Musik und meine Art zu rappen gehabt.

Du hast die Platte fast alleine produziert. Lediglich drei Stücke stammen vom Produzenten Shuko.
Cro: Ja, und wir haben uns noch nicht mal getroffen. Der hat mir seine Beats alle geschickt, wir haben ganz viel telefoniert. Aber ich habe keine Ahnung, wie er aussieht.

Ihr habt euch kein einziges Mal getroffen?
Cro: Nein. Ich habe es einfach nicht geschafft, mal nach Hannover zu cruisen.

Wie kam der Kontakt denn zustande?
Cro: Shuko hatte mir bereits Beats für mein erstes Album „Raop“ geschickt – wie viele andere Leute auch. Aber Shuko war der einzige Typ, dessen Beats ich total gefeiert habe. Und der ist wahnsinnig zuverlässig! Wenn ich irgendwelche Änderungswünsche hatte, habe ich ihn angerufen und hatte 30 Sekunden später bereits den geänderten Beat im Posteingang – noch während unseres Telefonats! Überkrass. Trotzdem möchte ich Shuko natürlich so bald wie möglich treffen. Es wird Zeit!

Im Song „Erinnerung“ gibt es die Zeile: „Scheiß auf Musik, ich muss Kohle verdienen“ – das ist aber nicht tatsächlich dein Ansatz, oder?
Cro: Nein. Aber vor „Raop“ gab es eine Zeit, in der das so war; in der es wichtiger war, erst die Schule fertig zu machen, mir einen Ausbildungsplatz zu suchen und zu arbeiten. Eine Zeit, in der noch nicht abzusehen war, dass ich mit der Musik mal Geld verdienen würde. Musik gemacht habe ich aber trotzdem. Nach Feierabend. Ohne zu ahnen, dass es irgendwann mal so abgehen würde. Man muss ehrlich sein: Ich habe auch wahnsinnig viel Glück gehabt, dass alles so gekommen ist.

Beat Gottwald, der Manager von Casper und K.I.Z., hat gegenüber dem „Kulturspiegel“ mal gesagt, ein erfolgreicher Musiker könne sehr gut von dem leben, was er verdiene – alles andere sei Gier. Stimmst du dem zu?
Cro: Nein, Mann. Erst schön beim Major unterschreiben, aber dann auf Indie und „Against All Odds“ machen finde ich irgendwie schräg. Der soll mal darüber sprechen, was wir alles abgelehnt haben. Natürlich kann ich sehr gut von dem leben, was ich durch die Musik verdiene. Aber ich kann es mir eben auch leisten, einfach mal ein komplettes Album zum free download ins Netz zu stellen, weil ich auch andere Sachen mache. Und wie gesagt: Ich führe immer noch dasselbe Leben wie früher. Ich habe mir keinen Fuhrpark mit Luxuskarossen zugelegt und trinke auch nicht nur Champagner. Aber: Ich habe mir ein paar weitere berufliche Standbeine aufgebaut. Ich habe Büros gekauft, Firmen gegründet, Mitarbeiter eingestellt und in meine Klamottenmarke Viovio investiert.

Was sind das für Unternehmen, die du gegründet hast?
Cro: Darüber kann ich zur Zeit noch nicht sprechen.

Dennoch scheint da der Schwabe in dir durchzukommen.
Cro: Ach, ich weiß nicht. Das hat eher mit gesundem Menschenverstand zu tun, der nicht regional begrenzt ist. Ich habe einfach keine Lust, nach zwei Jahren plötzlich ohne Geld dazustehen.

Ist das auch der Grund, warum du im letzten Jahr Werbung für McDonalds gemacht hast? Dafür hast du durchaus Kritik einstecken müssen.
Cro: Ach was. Ich habe viele junge Fans. Die mögen McDonalds.

Hast du lange überlegt, ob du das machen sollst?
Cro: Nein, gar nicht. Ich bin selbst oft dort. Mir schmeckt das. Und ganz ehrlich: Jeder geht zu McDonalds. Na gut: fast jeder. Ich habe keine Gewissensbisse deswegen.

Schon auf dem letzten Album hast du deine Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden thematisiert. Auch auf der neuen Platte setzt du dich in Songs wie „Never Cro up“ damit auseinander. Was findest du so schlimm daran?
Cro: Es gibt ja verschiedene Facetten des Erwachsenwerdens. Eine Firma zu führen, dort Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen – das kann ich. Mit diesem Teil des Erwachsenwerdens kann ich gut umgehen. Aber ich möchte mich in Restaurants nicht gut benehmen müssen, möchte in der Öffentlichkeit laut lachen und auch weiterhin Schimpfworte benutzen dürfen. „’Arschloch’ sagt man nicht““, muss ich mir immer anhören. Und dann sage ich immer: „Na klar sagt man ‚Arschloch’, du Arschloch!“ (lacht) Insofern habe ich vielleicht weniger etwas gegen das Erwachsenwerden, sondern vielmehr etwas gegen das Spießigwerden.

In dem Song sagst du auch, dass du der schlechteste Erwachsene wärst. Inwiefern?
Cro: Ich fühle mich unwohl, wenn ich förmlich bin, Leute siezen und krampfhaft versuchen muss, mich zu benehmen. Das steht mir einfach nicht. Das passt nicht zu mir. Das mag ich so an Berlin. Da wird man selbst von der Polizei geduzt: „Zeig mir mal deinen Führerschein!“ In Stuttgart wird man überall gesiezt. Schon mit 16. Furchtbar.

Hörst du den Satz „Werd’ doch mal erwachsen“ noch von deinen Eltern?
Cro: Ja, ab und an. Eigentlich bringt meine Mom nichts aus der Fassung, die regt sich nie auf. Wobei, doch: morgens hat man gute Chancen. (lacht) Aber alle halbe Jahre platzt immer die Bombe, weil sich so viel angestaut hat. Dann wirft sie mir alles an den Kopf, was ich in dem halbe Jahr verbockt habe. Die merkt sich alles! Und wenn sie fertig gezetert hat, fängt sie an zu lachen und sagt: „So, jetzt geht’s mir wieder gut.“

In den Wahnsinn treibst du deine Mutter also nicht mehr?
Cro: Nein. Ich bin ja nicht anstrengend, kindisch und dumm, sondern lustig und nett. Wenn ich den Raum betrete, geht die Sonne auf. Und Zuhause ganz besonders.

Wohnst du denn immer noch zuhause?
Cro: Ich habe eine eigene Bude in Stuttgart, bin aber kaum dort, weil sich mein Studio im Haus meiner Mutter befindet und ich dort auch das Album produziert habe. Da kann ich aufdrehen, so laut ich will, weil da außer meiner Mom niemand wohnt und es drum herum auch keine gestressten Nachbarn gibt. Das ist perfekt.

Auf der Platte vergleichst du dich mit dem „Kinderschokoladenjungen“. Worin besteht die Verbindung?
Cro: Der wird ja auch nicht älter – genau wie ich. Gut, der Typ wird ab und zu mal von einem Jüngeren ersetzt, aber dadurch altert der Kinderschokoladenjunge eben auch nicht – obwohl der eigentlich schon 50 sein müsste.

Im bereits erwähnten „2006“ sagst du so etwas wie „dann wäre Papa noch am Start und ich würde mehr Zeit mit ihm verbringen“. Wie ist denn der Kontakt zu deinem Vater?
Cro: Meine Eltern sind ja nicht mehr zusammen, aber mit beiden ist alles cool. Auch zu meinem Vater habe ich einen guten Draht. Der stand meiner Künstlerkarriere am Anfang allerdings eher skeptisch gegenüber und war dagegen. Der wollte, dass ich irgendwas mit Zukunft mache – was Digitales am besten. Stattdessen habe ich erst mal die Schule abgebrochen, das fand mein Vater natürlich nicht cool. Meine Ausbildung zum Mediendesigner habe ich dann aber auch für ihn gemacht, damit er zufrieden ist.

War deine Mutter da entspannter?
Cro: Ja. Die hat immer gesagt, ich solle einfach machen. Trotzdem hat sie mich überredet, zu meiner letzten Klausur zu gehen, für die ich schon nicht mehr gelernt hatte. Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe aber bloß den Klausurzettel vollgemalt, weil ich einfach nichts wusste. Den habe ich dann abgegeben und zu meinem Lehrer gesagt: „Ich bin für immer raus. Ciao.“

Heute ist dein Vater aber bestimmt auch stolz, oder?
Cro: Klar. Nachdem er mir anfangs noch einige Zeitungsartikel über pleite gegangene Popstars ausgeschnitten und hingelegt hatte, ist er jetzt cool damit. Mein Vater ist Fan.

Erzählen deine Eltern denn, dass Cro ihr Sohn ist?
Cro: Soweit es ihnen möglich ist, halten sie das unter Verschluss und gehen damit nicht hausieren. Aber es kommt halt raus. Meine Eltern sind beide Lehrer, und wenn es einer in der Schule weiß, dann wissen es alle. Meine Eltern haben deshalb ganz schön Action deswegen.

In Zukunft wird auf deine Eltern wohl noch einiges zukommen.
Cro: Ja, vermutlich. Die müssen auch ständig Autogramme mitbringen. Sowieso: Ständig muss ich Autogramme schreiben. Ich kann nirgendwo einfach mal so rumsitzen. Ständig hält mir irgendjemand einen Stapel Autogramme unter die Nase und sagt: „Hier, unterschreib mal.“ Vielleicht muss ich bald mal jemanden einstellen, der das für mich macht. (lacht)

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